Türkei: Nein zu den unsicheren Ausbildungsprogrammen der Bosse

Quelle: instagram @tipalmanya (https://www.instagram.com/p/DSSjIRhDY2d/)

Junge Menschen brauchen eine ertragbare Zukunft!

Das MESEM-System (Berufsbildungszentren) in der Türkei hat kürzlich nach der unrechtmäßigen Verhaftung von 16 jugendlichen Mitgliedern der TİP (Türkische Arbeiter*innenpartei) aus verschiedenen Universitäten sowohl im Inland als auch im Ausland Aufmerksamkeit erregt. Es ist unmöglich, den Schmerz und das Leid, das dieses unmenschliche Scheinprojekt verursacht hat, in Worte zu fassen. Dennoch werden wir hier versuchen, über die Details zu informieren und dazu beizutragen, dass die Stimme der Kinderarbeiter*innen in der Türkei weltweit Gehör findet.

Von Soner Ergüven

„Ich bin vor Sonnenaufgang aufgewacht. Der Raum ist still, aber in meinem Kopf bin ich es nicht. Der Wecker klingelt, dann nochmal, dann nochmal, dann nochmal. Ich öffne meine Augen und starre an die Decke. Es fühlt sich fast an, als ob der kleine Riss dort zu mir sprechen würde: ‚Auch heute wird vergehen, doch du wirst es nicht.‘“

Das alte System

Im Rahmen des alten Bildungssystems in der Türkei besuchten Kinder im Alter von 14 bis 18 Jahren berufsbildende/technische Gymnasien, wo sie sowohl den normalen Lehrplan als auch praktischen Unterricht erhielten. Nur Schüler*innen im Abschlussjahr verbrachten einen Teil ihrer Zeit in Praktika statt in der Schule, und selbst dann durften sie höchstens einen Tag im Praktikum verbringen. Die Arbeitsplätze, an denen die Praktika stattfanden, wurden von der Regierung genehmigt, und unabhängige Aufsichtspersonen hatten die Aufgabe, die Kinder während ihrer Zeit dort zu schützen. Die Schüler*innen im letzten Jahr erhielten für ihre Zeit im Praktikum einen Teil des Mindestlohns von der Regierung und einen weiteren Teil von ihrem/ihrer Arbeitgeber*in.

Die Türkei hatte unter dem alten System immer noch ein Problem mit Kinderarbeitern. Die meisten Schüler*innen, die an berufsbildenden Gymnasien eingeschrieben waren, arbeiteten schwarz, um ihren Familien zu helfen, entweder während der Schulzeit oder in ihrer Freizeit. Das neue System hat Kinderarbeit jedoch zu einer staatlichen Politik gemacht. Und es ebnet den Weg für noch schlechtere Bedingungen sowohl in staatlich beaufsichtigten als auch in nicht registrierten Arbeitsstätten.

„Auf dem Weg zur Schule schießen eine Million Gedanken durch meinen Kopf: Werde ich heute bezahlt? Werde ich wieder angeschrien? Was, wenn ich einen Fehler mache? Ich habe eine konstante Stimme der Furcht in meinem Kopf, aber ich habe gelernt, mit ihr zu leben.“

Das neue System

Im Rahmen des neuen Systems können Schüler*innen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die an einer berufsbildenden Schule eingeschrieben sind, an vier Tagen der fünftägigen Schulwoche an praktischen Kursen teilnehmen. Die Schüler*innen müssen sich selbst einen Arbeitsplatz suchen und eigenständig einen Vertrag mit ihrem Arbeitgeber abschließen, staatliche Unterstützung gibt es nicht. Schüler*innen, die zwei Wochen lang arbeitslos sind, fallen durch ihre Klasse durch und müssen das Schuljahr wiederholen.

Im Gegensatz zum alten System sind nun die Lehrer*innen für die Überwachung des Arbeitsplatzes der Schüler*innen zuständig. Auf dem Papier muss der/die Lehrer*in bestätigen, dass alles sicher ist. Da die Arbeitgeber*innen jedoch keine negativen Auswirkungen zu befürchten haben, wenn sie sich nicht an die Bewertung des Lehrers halten, entlassen sie einfach die Schüler*innen, deren Lehrer*innen Probleme verursachen.

Schüler*innen der Klassen neun bis elf erhalten 30 Prozent des Mindestlohns, während Schüler*innen der Klasse zwölf 50 Prozent erhalten. Außerdem sind sie durch den Staat gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten versichert. All dies wird ausschließlich vom Staat übernommen, der/die Arbeitgeber*in muss keinen Cent aus eigener Tasche bezahlen, damit ein Kind vier Tage pro Woche arbeiten kann.

„Um Neun Uhr beginnt meine Schicht. Ich studiere Cybersecurity und Softwareprogrammieren, aber meine Arbeit ist hauptsächlich das Verlegen von Kabeln und das Aufbauen von Computern. Zweihundert Volt Elektrizität. Ein kleiner Fehler, ein kurzer Moment der Zerstreutheit und ein Funke. Mein Leben könnte sich in einem Herzschlag verändern, aber niemanden interessiert das.“

Obwohl Schüler*innen offiziell höchstens vier Tage pro Woche an ihrem Arbeitsplatz verbringen dürfen, arbeiten sie inoffiziell manchmal sechs oder sogar sieben Tage pro Woche. Diese zusätzliche Arbeitszeit wird nicht von der Regierung abgedeckt, und da sie keine negativen Auswirkungen hat, liegt es im Ermessen des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin, Überstunden zu bezahlen. Die meisten tun dies jedoch nicht.

Schüler*innen, die nicht an einer Berufsschule eingeschrieben sind, aber ein Schuljahr wiederholen müssen, haben die Wahl, entweder das Schuljahr zu wiederholen oder sich an einer Schule im Rahmen des MESEM-Systems anzumelden. Dies hat viele Schüler*innen, die ein schlechtes Schuljahr hatten, in die Arbeitswelt getrieben.

Nach den vom Ministerium für soziale Sicherheit erhobenen Daten wurden nur 4 von 1000 Arbeitsplätzen, an denen Kinder beschäftigt sind, regelmäßig auf Arbeitssicherheit überprüft. (Zwischen 2020 und 2023.)

„22:30. Es ist jetzt Abend, aber die Arbeit endet nicht. Der Chef sagt: „regelt das auch noch.“, und das machen wir; dann „das hier brauch auch noch ein bisschen Arbeit“, und es endet nie. Ich sehe mein Spiegelbild und erkenne es nicht mehr.“

Statistiken zur Kinderarbeit

Die aktuelle Zahl der im MESEM-Projekt eingeschriebenen Schüler*innen beträgt laut unabhängigen Quellen 392.887 und laut den Berichten des Bildungsministeriums 543.109. Dies entspricht jedoch nicht der Gesamtzahl der Kinderarbeiter in der Türkei. Schätzungen zufolge arbeiten zwischen 400.000 und 500.000 Kinder schwarz, teilweise sogar für noch weniger Geld. Die meisten dieser Kinder sind in sogenannten offenen Gymnasien (Açık Lise) eingeschrieben, wo sie nicht zum Unterricht verpflichtet sind, aber dennoch ihr Diplom erwerben können, wenn sie ihre Prüfungen bestehen. Diese Kinder arbeiten vermutlich 5 bis 7 Tage pro Woche und lernen zusätzlich noch selbstständig für ihre Prüfungen.

Seit Beginn der Testphase des MESEM-Projekts Ende der 2010er Jahre ist die Gesamtzahl der Kinderarbeiter drastisch gestiegen. Nach den von der TÜİK (Türkische Statistikbehörde) erhobenen Daten ist die Gesamtzahl der Kinderarbeiter von 720 000 im Jahr 2019 auf 970 000 im Jahr 2025 gestiegen. Ein weiterer Bericht zu diesem Thema, der sich auf Daten der TÜİK und des Bildungsministeriums stützt, schätzt, dass im Jahr 2025 mindestens 1.372.000 Kinder in der Arbeitswelt beschäftigt sein werden.

„Es ist Mitternacht, wenn ich nach Hause komme. Meine Mutter hat schon alle Lichter ausgemacht, vielleicht in der Hoffnung, dass ich bereits zurückgekommen bin, ohne dass sie es gemerkt hat. Ich steige ins Bett und nur eine Sache schwirrt in meinem Kopf rum: Morgen wieder das Gleiche.“

Die AKP-Regierung greift seit Jahren die Schulpflicht an. MESEM und ihre anderen bildungspolitischen Maßnahmen (wie die Wiedereinführung von Wiederholungsjahren) haben dazu geführt, dass im Jahr 2025 etwa 1,5 Millionen Kinder keine öffentliche Schule mehr besuchen werden.

Leider werden im Jahr 2025 87 Kinder bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen. In allen namhaften Medien werden diese Fälle als das bezeichnet, was sie sind: „Morde an Kinderarbeitern”. Von diesen Kindern waren 15 im MESEM eingeschrieben, sodass die Regierung direkt für ihren Tod verantwortlich ist. Zwischen 2013 und 2024 belief sich die Gesamtzahl der Morde an Kinderarbeitern auf 743.

“Manchmal sagt mir mein Vorgesetzter: “in deinem Alter habe ich auch schon gearbeitet”. Aber manchmal will ich einfach nur leben. Lernen, Musik hören, ein bisschen ausruhen. Leider hat man hier nicht mal Zeit, Mensch zu sein.”

Antwort der Regierung auf Kritik

Die AKP-Regierung zeigt keine Anzeichen dafür, dass sie sich aus dem MESEM-Projekt zurückziehen wird. Ein wichtiger Teil ihrer Wählerschaft besteht aus Kleinunternehmer*innen und Werkstattbesitzer*innen, die die Hauptnutznießer des MESEM-Systems sind. Die Politik der AKP, die Schulpflicht abzuschaffen und Kinder frühzeitig in die Arbeitswelt einzuführen, geht Hand in Hand. Sie betrachten die Kinder, die im Rahmen von MESEM und ohne Anmeldung arbeiten, als billige Arbeitskräfte. All dies wird mit einem Vergleich zu den alten Formen der technischen Ausbildung zu osmanischen Zeiten verschleiert, in der Schüler*innen der Klassen neun bis elf als Lehrlinge und Schüler*innen der zwölften Klasse als Gesellen arbeiteten. Allerdings galten selbst im Osmanischen Reich strengere Gesetze zur Arbeitssicherheit und zu den Rechten von Kinderarbeitern.

Yusuf Tekin, der derzeitige Bildungsminister, hat wiederholt öffentlich erklärt, dass MESEM ein für das Land sehr wichtiges Projekt sei. Ohne dieses Projekt sei es unmöglich, das Kapital mit den notwendigen Arbeitskräften zum richtigen Preis zu versorgen. Das Projekt zu stoppen würde bedeuten, „die Adern der Produktion zu durchtrennen”.

„Mehr als alles andere will ich gesehen werden. Nicht als Statistik, sondern als Mensch. Nicht als Auszubildende*r, sondern als Person. Es gibt tausende junge Menschen wie mich in diesem Land, aber wir alle bleiben still. Denn wenn wir uns äußern sind wir ‚respektlos‘ und wenn wir uns nicht äußern werden wir vergessen. Vielleicht ist dies das wahre Problem: Wir wurden vergessen.“

Als Reaktion auf das MESEM-Projekt gab es viele Proteste, von denen der bisher bekannteste der von der TİP-Jugend organisierte war. Eine Gruppe von TİP-Studierenden verschiedener Universitäten versammelte sich in Istanbul, um den vom Bildungsministerium organisierten MESEM-Gipfel zu stören.

17 Studierende und vier Lehrerkräfte von Privatschulen, die ebenfalls dort protestierten, wurden nach einem Zusammenstoß zwischen dem Sicherheitsdienst der Veranstaltung und den Demonstrierenden in Gewahrsam genommen. Die Lehrer*innen und ein Student wurden anschließend freigelassen, 16 Mitglieder der TİP-Jugend wurden jedoch verhaftet. Sie befinden sich seit zwei Wochen in Haft und werden wegen der roten Farbe, die sie bei der Demonstration verwendet haben, wegen „Körperverletzung mit einer Waffe” angeklagt.

“Wenn Sie diesen Brief lesen, werde ich einen Tag meines Lebens für vier Euro verkauft haben.” – 17 Jahre alte*r Schüler*in, eingeschrieben im MESEM-Programm.

Was ist zu tun?

Vor allem dank der von der TİP organisierten Proteste hat MESEM landesweit und international Aufmerksamkeit erregt. Obwohl bekannt war, dass die staatlichen Vorschriften lax und das System korrupt waren, hat die jüngste Berichterstattung in den Medien vielen Menschen die Augen dafür geöffnet, dass die Lage viel schlimmer war, als es den Anschein hatte.

Die Bewegung in der Türkei muss dies nutzen, bevor sich das öffentliche Interesse anderen Themen zuwendet, und eine Kampagne starten, um MESEM vollständig zu stoppen. Auch wenn das Projekt nicht vollständig gestoppt wird, könnte die Kampagne das Leben der eingeschriebenen Schüler*innen in Bezug auf Arbeitssicherheit und Höhe der erhaltenen Entschädigungen verbessern. Die Kampagne muss Gewerkschaften, politische Parteien, unabhängige Organisationen und Universitäten unter einem Banner vereinen, um gegen Kinderarbeit zu kämpfen.

Proteste und Kundgebungen sind natürlich der beste Weg, um diese Dynamik aufrechtzuerhalten. Allerdings müssen die jüngsten Verhaftungen nicht nur der 16 TİP-Jugendmitglieder, sondern auch anderer Studierender und regierungskritischer Bürger berücksichtigt werden. Die unterdrückende Macht der Angst wurde während der massiven Proteste im März teilweise gebrochen, aber sie ist noch nicht vollständig besiegt. Schwache Kundgebungen und Proteste könnten sich gegen die Bewegung richten, daher müssen Entscheidungen darüber, wann und wo protestiert wird, strategisch getroffen werden.

Wenn physische Proteste nicht möglich sind, muss Zeit darauf verwendet werden, eine öffentliche Meinung zu diesem Thema zu bilden und aufrechtzuerhalten. Es müssen alle Maßnahmen ergriffen werden, die normalerweise keine Auswirkungen hätten, aber zu einer Berichterstattung in den Medien über MESEM führen würden. Dazu könnten das Pflanzen von Setzlingen und die Umbenennung von Straßen nach Kinderarbeitern, die ihr Leben verloren haben, oder öffentliche Gedenkfeiern gehören.

Selbst wenn die Kampagne zur Beendigung von MESEM erfolgreich ist, kann es Monate bis Jahre dauern, bis sie vollständig umgesetzt ist. Und selbst dann wird es immer noch Hunderttausende von Kindern geben, die inoffiziell arbeiten. So traurig es auch ist, wenn das Ziel darin besteht, Kinderarbeit vollständig zu beenden, handelt es sich um ein jahrelanges Projekt. Daher könnte die wirtschaftliche und soziale Unterstützung der Kinder und ihrer Familien unabhängig von der Regierungspolitik der wichtigste Aspekt der Kampagne sein. Kostenlose Mahlzeiten und Nachhilfeunterricht wären zumindest auf lokaler Ebene mit geringen Kosten im Verhältnis zum Nutzen möglich. Unabhängig von den konkreten Methoden müssen starke Solidaritätsbande geknüpft werden, um die Kampagne voranzubringen und den Kindern zu helfen, ihr Leben zumindest ein wenig besser zu gestalten als zuvor.

Abschließend müssen wir darauf hinweisen, dass die Aufhebung des MESEM-Projekts ohne eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der betroffenen Kinder die meisten von ihnen in informelle Arbeitsverhältnisse treiben würde. In einem solchen Szenario wäre der „Sieg“ nur ein Scheinerfolg. Daher muss die Kampagne Forderungen enthalten, die sicherstellen, dass Schüler*innen eine hochwertige Ausbildung erhalten, einschließlich Ausbildungsprogrammen, die am Ende gut bezahlte, menschenwürdige Arbeitsplätze garantieren, sowie kostenlose Schulmahlzeiten und Unterhaltszuschüsse, um den Schüler*innen beim Lernen zu helfen.

Quellen

https://www.isigmeclisi.org/cocuk-isciler

https://www.isigmeclisi.org/21479-siz-bu-yaziyi-cocuk-haklari-gunu-nde-okurken-ben-bir-gunumu-200-tl

https://bianet.org/haber/yusuf-tekin-den-mesem-aciklamasi-uretim-damarini-kesmeye-calisiyorlar-314531

https://bianet.org/haber/2024-2025-ogretim-yilinda-en-az-72-cocuk-isci-hayatini-kaybetti-311689