Vorwort von Wolfram Klein
Hiermit veröffentlichen wir das Vorwort zu Lenins “Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung” von Wolfram Klein, das 2022 im Manifest Verlag erschien. Das gesamte Werk von 1902, das als theoretische Grundlage der Trennung der reformistischen Strömung der Menschewiki und der revolutionären Organisation der Bolschewiki gilt, kann hier bestellt werden. Das Vorwort von Wolfram Klein hilft bei der Einordnung der Schrift, von der Lenin selbst später feststellte, dass sie einiger Korrekturen bzw. Kürzungen bedarf und erläutert Lenins spätere Haltung zu dem Werk.
Lenin und Tschernyschewski
Lenins Schrift ist tief in der russischen revolutionären Tradition verankert. Das fängt schon mit dem Titel an. Heute assoziieren wir den Titel „Was tun?“ vor allem mit Lenins Buch. Selbst Menschen, die Lenin und seine Ideen nur vom Hörensagen kennen, haben gehört, dass er ein Buch mit diesem Titel geschrieben hat. Vor 120 Jahren, als das Buch entstand, war „Was tun?“ aber vor allem der Titel eines Romans von Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski. Tschernyschewski lebte von 1828-1889 und war ein russischer Schriftsteller und Revolutionär. Er war durch den französischen Frühsozialisten Fourier und den deutschen Philosophen und Religionskritiker Feuerbach beeinflusst. 1862 wurde er verhaftet und schrieb im Gefängnis den Roman „Was tun?“.
Georgi Plechanow, der Begründer des russischen Marxismus, antwortete dreißig Jahre später auf Kritik an der künstlerischen Qualität des Romans: „Man zeige uns doch wenigstens eines der hervorragendsten wahrhaft künstlerischen Werke in der russischen Literatur, dessen Einfluss auf die sittliche und intellektuelle Entwicklung Russlands so groß gewesen wäre, wie der Einfluss des Romans „Was tun?“. Niemand kann ein solches Werk zeigen, weil ein solches nicht existierte, nicht existiert und sicherlich nicht existieren wird. Seit der Einführung der Druckerpresse in Russland bis auf den heutigen Tag hatte in Russland kein einziges gedrucktes Werk einen solchen Erfolg, wie jener Roman.“
Im Roman geht es um eine fortschrittliche Gestaltung persönliche Beziehungen, aber auch um gesellschaftliches Engagement. Eine Hauptfigur gründet Genossenschaften und träumt von einer sozialistischen Gesellschaft. Eine Nebenfigur, Rachmetow, ist ein Asket, der seine Persönlichkeit ganz seinen Zielen unterordnet. Über diese Ziele wird nichts Konkretes gesagt. Aber die Leser*innen verstanden Rachmetow als einen Revolutionär und unterstellten, dass das nur aus Zensurgründen nicht offen gesagt werde.
Die Narodniki
Natürlich war der Roman nicht der Grund dafür, dass in den folgenden Jahren unzählige junge Menschen aus der „besseren Gesellschaft“ mit ihrer Klasse brachen und sich für die revolutionäre Bewegung aufopferten. Das lag an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Selbstherrschaft (Autokratie) der Zaren (die russische Spielart des der Absolutismus) wurde angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse in Westeuropa als unerträglich empfunden. Die Begrenztheit der Reformen von 1863/64 zeigten, dass auf Besserung von oben nicht zu rechnen war.
Später haben Marxist*innen erklärt: Das alte feudale oder halbfeudale wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische System in Russland war überholt und eine Fessel für die weitere Entwicklung. Sein Sturz war überfällig. Aber im Westen, in Ländern wie Frankreich, war dieser Sturz schon Jahrzehnte vorher erfolgt. Dort hatten sich die bürgerlichen Revolutionär*innen noch einbilden können, dass sie ein Reich der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ errichten würden. Inzwischen war es offensichtlich, dass sie die alten Widersprüche und Gegensätze, die alte Ausbeutung und Unterdrückung nur durch neue ersetzt hatten. Für idealistische junge Menschen, die bereit waren, für die Überwindung des alten Systems Gesundheit und Leben zu riskieren, war die Übertragung der westeuropäischen Klassengesellschaft nach Russland kein sonderlich attraktives Ziel. Also setzten sie sich nicht dies zum Ziel, sondern das, was den fortschrittlichen oppositionellen Kräften im Westen inzwischen als Ziel erschien: Sozialismus, was auch immer man darunter in den 1860er oder 1870er Jahren im Einzelnen verstand.
Die erste sich als sozialistisch verstehende größere Bewegung waren die Narodniki, die Volkstümler*innen. In ihr brachen Kinder der „besseren Gesellschaft“ mit ihrem Elternhaus und „gingen ins Volk“. Sie gingen in die wenigen Fabriken und vor allem in die Dörfer, um das Leben des einfachen Volkes zu teilen. Wie Rachmetow im Roman verzichteten sie dabei nicht nur auf Luxus, sondern oft auch auf die kleinsten Annehmlichkeiten des Lebens. Teils versuchten sie als Lehrer*innen, Ärzt*innen, Hebammen praktisch der Bevölkerung zu nutzen, vor allem aber versuchten sie, ihre sozialistischen Ideen zu verbreiten. Die Regierung reagierte auf diese friedliche Propaganda mit brutaler Unterdrückung. Es gab Tausende Verhaftungen, viele verbrachten Jahre in Einzelhaft, bis sie vor Gericht gestellt wurden. Im „Prozess der 50“ in Moskau 1877 wurden meist junge Aktivist*innen zu schweren Strafen verurteilt. Aber ihre Verteidigungsreden und die unmenschlichen Strafen erhöhten nur die Sympathie für die Verurteilten. Der nächste Prozess, der „Prozess der 193“ in Petersburg fand dann weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Semlja i Wolja und Narodnaja Wolja
Die Erfahrungen mit der staatlichen Unterdrückung zeigte ebenso wie die begrenzte Wirkung der Agitation unter den Bäuerinnen und Bauern die Grenzen der spontanen Bewegung. „Semlja i Wolja“ (Land und Freiheit“) entstand als zentralisierte revolutionäre Organisation. Aber bereits 1879 spaltete sie sich wieder. Terroristische Anschläge hatte es anfangs vereinzelt gegeben, besonders auf Vertreter des Zarenregimes, die bei der Unterdrückung besonders brutal vorgingen. So verübte Wera Sassuljitsch, die spätere Mitbegründerin des russischen Marxismus 1878 ein Attentat auf den Petersburger Stadthauptmann Trepow, weil der den Studenten Bogoljubow im Gefängnis hatte auspeitschen lassen, nachdem dieser nicht ehrfurchtsvoll die Mütze vor ihm abgenommen hatte. Die Geschworenen waren vor ihrer Persönlichkeit und ihrem Motiv so beeindruckt, dass sie sie freisprachen.
Jetzt entstand eine Strömung, die angesichts der Schwierigkeit, die bäuerliche Bevölkerungsmehrheit für den Sozialismus zu gewinnen, die Ermordung der Vertreter des Regimes – und insbesondere des Zaren selber – zur politischen Strategie erklärte. Der neu entstandenen Organisation „Narodnaja Wolja“ (Volksfreiheit oder Volkswille) gelang auch 1881 die Tötung des Zaren. Aber auf Alexander II. folgte Alexander III. Und die Parole „einen Sascha nach dem anderen“ zu töten (Sascha ist der russische Kosename für Alexander), ließ sich nicht verwirklichen. Die Narodnaja Wolja wurde durch die Polizei zerschlagen. Ein paar Jahre später versuchte Lenins älterer Bruder Alexander Uljanow mit ein paar Gleichgesinnten, den Faden noch einmal aufzunehmen, aber sie wurden Opfer der Polizei, bevor sich auch nur ihr unmittelbares Ziel erreicht hatten. Die folgenden Jahrzehnte zeigten, dass sich Massenbewegungen zwar nicht wie ein Wasserhahn nach Belieben aufdrehen lassen, sondern dass sie bestimmte objektive und subjektive Voraussetzungen erfordern, dass sie dann aber erfolgreich sein können, während der individuelle Terror nie die Massenbewegung ersetzen kann.
Die „Schwarze Umteilung“
Die zweite Organisation, die bei der Spaltung der „Semlja i Wolja“ 1879 entstand, hieß „Tschorny Peredjel“ oder „Schwarze Umteilung“.
„Umteilung“ war die regelmäßig alle paar Jahrzehnte stattfindende Neuaufteilung des bäuerlichen Landes unter den Bauernfamilien. Ob es sich bei dieser Institution um ein urkommunistisches Relikt handelt oder um eine Einrichtung des zaristischen Staates, um die Steuerzahlungen zu sichern, ist für uns hier zweitrangig. In Westeuropa wurden die Zahl der Arbeitskräfte und Esser*innen an die landwirtschaftliche Fläche angepasst, indem Kinder armer Bauernfamilien als Knechte und Mägde anderswo arbeiteten, in Russland wurde durch die Umteilung die landwirtschaftliche Fläche an die Zahl der Arbeitskräfte und Esser*innen angepasst.
Im Unterschied zu dieser staatlichen Umteilung war die schwarze Umteilung die revolutionäre Umteilung, bei der nicht nur das Land der Bauernfamilien neu aufgeteilt, sondern auch das Land der Großgrundbesitzer unter die Bauernfamilien verteilt werden sollte.
Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ gegen das Narodnikitum
Die Organisation „Tschorny Peredjel“ setzte die alte Politik der „Semlja i Wolja“ weiter fort, nur dass sie sich stärker für das entstehende industrielle Proletariat interessierte. Bedeutend war sie vor allem als eine Art „Durchlauferhitzer“. Führende Vertreter*innen der Organisation emigrierten nach Westeuropa, lernten dort den Marxismus kennen und begannen, ihn auf die russischen Verhältnisse anzuwenden. So gründeten ehemalige Mitglieder der Organisation 1883 in Genf die Gruppe „Befreiung der Arbeit“, die erste russische marxistische Organisation. Die Gruppe beschäftigte sich vor allem mit der Übersetzung klassischer Texte des Marxismus ins Russische, mit der marxistischen Untersuchung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Russland und mit der Widerlegung der bisher in der russischen revolutionären Bewegung dominierenden Ideologie der Narodniki.
Eines der Merkmale der Narodniki-Ideologie war eine Art Messianismus, der Glaube, dass das rückständige Russland anders als andere Länder dazu berufen sei, direkt, ohne Umweg über den Kapitalismus, zum Sozialismus zu gelangen. Zweitens versuchten sie zu beweisen, dass eine kapitalistische Entwicklung in Russland gar nicht möglich sei. Diese Behauptung wurde durch die Wirtschaftsdaten Tag für Tag eindeutiger widerlegt, wodurch die Narodniki zunehmend in die Defensive gerieten und der Marxismus immer mehr die Oberhand gewann. (Ein drittes Merkmal der Narodniki-Ideologie war die subjektive Soziologie, die völlige Überschätzung der Rolle „großer Menschen“ in der Geschichte.)
„legaler“ oder revolutionärer Marxismus?
Für den russischen Marxismus war sein Erfolg aber nicht unproblematisch. Er bestand eben vor allem in dem Nachweis, dass sich in Russland der Kapitalismus immer mehr ausbreitete und dass das gegenüber den bisherigen Verhältnissen in Russland ein Fortschritt war. Es entstand die Strömung des „legalen Marxismus“, die vor allem diese Seite des Marxismus betonte. Da sie die Ideologie der Narodniki bekämpfte, die der Zarismus noch als seinen Hauptfeind ansah, wurden ihre Schriften oft von der Zensur erlaubt, daher „legaler Marxismus“. Das oben beschriebene Phänomen, dass sich bürgerliche Kritik an den russischen Verhältnissen in einen sozialistischen Mantel hüllte, traf auf diesen „Marxismus“ ausgesprochen zu. Ein typischer Vertreter dieses „Marxismus“ war Peter Struve, aber die meisten dieser Marxist*innen gingen bald ins Lager des Bürgertums.
Der wirkliche russische Marxismus musste einen doppelten Kampf führen, sowohl gegen die Narodniki als auch gegen diesen „Marxismus“. Tatsächlich bedeutete die Entwicklung des Kapitalismus in Russland auch die Entwicklung einer Arbeiter*innenklasse, eines Proletariats in Russland und die Entwicklung des Klassenkampfs. Es reichte nicht zu sagen, dass der Kapitalismus für Russland fortschrittlich war, man musste auch die Frage beantworten, welche der einander bekämpfenden kapitalistischen Klassen die fortschrittliche war, und die Behauptung zurückweisen, dass die Arbeiter*innen ihren Kampf für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bitte nicht übertreiben sollten, weil er sonst die wirtschaftliche Entwicklung des fortschrittlichen Kapitalismus beschränke.
Propaganda und Agitation
Während in den „hohen“ Sphären der Theorie der Kampf des Marxismus gegen die Narodniki und die „legalen Marxisten“ tobte, fand auf dem Boden der alltäglichen Arbeit ein alltäglicher Kampf statt, der sich um die Begriffe Propaganda und Agitation drehte. Die russische Arbeiter*innenbewegung begann damit, dass sie in kleinen illegalen Zirkeln einzelnen Arbeiter*innen, die sie als offen für sozialistische Ideen entdeckt hatten, die marxistische Theorie beibrachten. Lenins Frau, N. K. Krupskaja schilderte in ihren Erinnerungen sehr anschaulich, wie sie als Lehrerin an einer Fortbildungsschule für Arbeiter*innen darauf achtete, ob ein Schüler im Unterricht etwas sagte, was auf Vorkenntnisse oder eine Offenheit für sozialistische Ideen schließen ließ. Solche Schüler*innen wurden nach dem Unterricht angesprochen und, wenn sie auf Herz und Nieren geprüft waren, in einen geheimen Zirkel aufgenommen. Dort lernten sie nicht nur die marxistische Theorie. Bei dem damaligen jämmerlichen Bildungsstand musste man ihnen auch viel Allgemeinbildung vermitteln, z.B. Menschen, die nur die biblische Schöpfungsgeschichte kannten, die darwinsche Evolutionstheorie beibringen. Das wurde von „Lehrer*innen“ geleistet, die zwar viel Enthusiasmus, aber selbst auch nur beschränkte Kenntnisse und höchstens aus Zufall pädagogische Fähigkeiten hatten. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis für den Bildungshunger dieser Arbeiter*innen, dass sie nach überlangen Arbeitstagen in der Nacht oder am Wochenende diese Zirkeltreffen über sich ergehen ließen und dabei sogar noch einiges lernten. Diese marxistische Schulung einer kleinen Minderheit von Arbeiter*innen wurde „Propaganda“ genannt.
Ab etwa 1893 breitete sich ausgehend von der jüdischen Arbeiter*innenbewegung in Wilna eine neue Methode aus, die „Agitation“ genannt wurde. Man versuchte, statt einer kleinen Schicht von Arbeiter*innen die ganze marxistische Theorie beizubringen, die Massen die Arbeiter*innen zum Kampf für ihre unmittelbaren Interessen zu gewinnen: höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen etc. Oft dienten dazu Enthüllungen über die Verhältnisse in bestimmten Betrieben. Eine der Organisation, die diese neue Methode anwandten, war der „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ in Petersburg, in dem Lenin eine führende Rolle spielte (nach seiner Verhaftung im Dezember 1895 vom Gefängnis aus).
Im Mai 1896 kam es zu einem für damalige Verhältnisse aufsehenerregend großen Streik von 35.000 Spinner*innen und Weber*innen in Petersburg zu der Frage, ob die Arbeiter*innen die Feiertage anlässlich der Krönung des neuen Zaren Nikolaus II. bezahlt kriegen sollten. Der Streik löste eine ganze Welle von Streiks aus, bei deren Organisierung der „Kampfbund“ eine wichtige Rolle spielte. Es wurden ein paar Verbesserungen durchgesetzt, sogar eine gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit … auf 11½ Stunden täglich.
Gewissermaßen der krönende Abschluss dieser Phase der Geschichte der russischen Arbeiter*innenbewegung war der Gründungsparteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) im März 1898 in Minsk.
Die dritte Phase: der Ökonomismus
Aber jetzt ergab sich ein neues Problem: Die Gründer*innengeneration des Kampfbundes war verhaftet und nach Sibirien verbannt worden. An die Spitze der Organisation trat eine neue Generation, die angesichts der Teilerfolge Illusionen in die Möglichkeiten von materiellen Verbesserungen und gesetzlichen Reformen im Rahmen des bestehenden politischen Systems entwickelten. Das war die Grundlage der Richtung des „Ökonomismus“. Sprachrohr dieser Strömung wurde die Zeitung „Rabotschaja Mysl“ (Arbeitergedanke), die von den Petersburger Ökonomist*innen herausgegeben wurde. Teils wurde sie dort gedruckt, teils wurde sie aus dem Ausland eingeschmuggelt. Nachdem sich der Ökonomismus im Kampfbund durchgesetzt hatte, wurde Rabotschaja Mysl offizielles Sprachrohr des Kampfbundes.
Lenin und andere Verbannte in Sibirien hatten schon im Herbst 1897 einen gemeinsamen Protest gegen den Ökonomismus formuliert und der Kampf gegen den Ökonomismus bildete einen Schwerpunkt von Lenins Tätigkeit in den kommenden Jahren, bis er mit der Schrift „Was tun“ einen gewissen Abschluss erreichte.
Der Ökonomismus war nicht auf Russland beschränkt, auch in der Emigration gewann er Anhänger*innen. Dort hatte 1894 die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ den „Auslandsbund russischer Sozialdemokraten“ gegründet. Jetzt gewannen dort die Ökonomist*innen die Vorherrschaft. Ihr Sprachrohr wurde die Zeitung des Auslandsbundes „Rabotscheje Djelo“ (Arbeitersache). Deshalb traten auf dem zweiten Kongress des Auslandsbundes im April 1900 die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ und ihnen Nahestehende aus dem Auslandsbund aus und gründeten die „Revolutionäre Organisation ,Sozialdemokrat’“ (die sich 1901 mit der inzwischen neu emigrierten Gruppe um Lenin zur „Auslandsliga der revolutionären russischen Sozialdemokratie“ zusammenschloss).
Die Zeitung „Iskra“
Die SDAPR war zwar 1898 gegründet worden, aber das dort gewählte Zentralkomitee und die meisten Teilnehmer des Gründungsparteitags wurden kurz danach verhaftet, die illegale Druckerei der Parteizeitung wurde ausgehoben, die Organisation war faktisch wieder auf lokale illegale Zirkel zurückgeworfen. In den Diskussionen, die Lenin in der Verbannung in Sibirien führte, kam er zu dem Schluss, dass der nächste Schritt zum Aufbau der Arbeiter*innenbewegung die Gründung einer aus dem Ausland nach Russland geschmuggelten gesamtrussischen Zeitung sein müsse. Zu diesem Zweck ging er nach dem Ende seiner Verbannungsstrafe ins Exil und nahm Kontakt mit der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ auf. Das Ergebnis der Verhandlungen war die Zeitung „Iskra“ (Funke)
Die Redaktion bestand aus sechs Personen, Plechanow, Sassulitsch und Pawel Axelrod von der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ und Lenin, Martow und Potressow, die gerade frisch aus der Verbannung in Sibirien kamen. Lenin und Martow hatten im Petersburger Kampfbund eng zusammengearbeitet, Potressow war zumindest in dessen Umfeld gewesen. Zwischen den beiden Gruppen, die sich für die „Iskra“ zusammengetan hatten, gab es durchaus Spannungen. Das fing schon mit der Frage des Redaktionssitzes an. Plechanow & Co wollten ihn in der Schweiz haben, wo sie lebten. Gerade aus diesem Grund setzte Lenin Deutschland und 1902 (als die Verfolgung durch die deutsche Polizei einen Umzug nötig machte) England durch. Es hat nie eine Sitzung aller Redakteur*innen stattgefunden. Die Artikel wurden per Post zwischen ihnen verschickt und kritisiert und kommentiert.
Noch viel schwieriger als die Erstellung der Zeitung war aber der Schmuggel nach Russland. Teils schmuggelten russische und internationale Genoss*innen sie über die Grenze, brachten sie als Matrosen in Häfen an Land, teils bediente man sich professioneller Schmuggler. Die Zeitung wurde von Bulgarien über das Schwarze Meer nach Odessa gebracht oder von Alexandria in Ägypten über das Mittel- und Schwarze Meer nach Cherson in der Ukraine und Batum am Kaukasus. Von Deutschland aus wurde sie nach Warschau oder Wilna geschmuggelt, von Österreich aus nach Kiew, von Schweden über Finnland nach Petersburg, von Norwegen über das Nordkap auf dem Seeweg usw. Es entstand ein Netz von „Iskra“-Anhänger*innen, Iskrist*innen, in Russland, die als Korrespondent*innen Artikel schrieben, Geld sammelten, die Transport ins Land und die Verbreitung im Land organisierten. Lenins Frau Krupskaja organisierte als Redaktionssekretärin die Korrespondenz, machte das mit Geheimtinte Geschriebene sichtbar, entschlüsselte chiffrierte Eigennamen und sonstige verfängliche Passagen in Briefen bzw. chiffrierte solche Passagen in der ausgehenden Post.
Wie Lenin vorausgesehen hatte, entstand so um die Zeitung herum eine Organisation. Im Januar 1902 fand in Samara eine Konferenz der russischen Iskrist*innen statt und bildete ein Büro für die Koordination der Arbeit. Auf diese Weise leistete die „Iskra“ den entscheidenden Beitrag dafür, dass im Sommer der zweite Parteitag der SDAPR stattfinden konnte, auf dem die eigentliche Gründung der Partei stattfand.
Der Revisionismus in Deutschland und international
Lenins Schrift „Was tun?“ ist aber nicht nur ein Teil der Entwicklung der russischen revolutionären Bewegung, sondern hat auch einen internationalen Kontext.
Eduard Bernstein war viele Jahre lang ein führender Vertreter der deutschen Sozialdemokratie gewesen, die sich damals noch als eine revolutionäre sozialistische Partei verstand. Als die Partei unter Bismarcks Sozialistengesetz verboten war, gab er in Zürich und dann in London die Parteizeitung „Sozialdemokrat“ heraus, die illegal nach Deutschland geschmuggelt wurde. Deshalb musste er auch nach dem Fall des Sozialistengesetzes weiter in London bleiben, weil er in Deutschland noch per Haftbefehl gesucht wurde. In London stand er in enger Verbindung zu Friedrich Engels, der ihn zu einem seiner Testamentsvollstrecker ernannte.
Deshalb erregte es großes Aufsehen, als Bernstein im Winter 1897-98 in einer Artikelserie begann, Grundannahmen des Marxismus in Frage zu stellen. Tatsächlich konnte nur seine Person und nicht der Inhalt seiner Ausführungen Aufsehen erregen, denn er wiederholte nur, was Gegner*innen des Marxismus tausend Mal geschrieben und Marxist*innen (einschließlich Bernstein selbst) tausend Mal widerlegt hatten. Da Bernstein meinte, die Marxschen Lehren revidieren zu müssen, ging das ganze als „Revisionismus“ in die Geschichte ein. Die theoretischen Bemühungen Bernsteins verbanden sich mit praktischen Vorstößen des Opportunismus in der deutschen Sozialdemokratie.
Die theoretische und praktische Auseinandersetzung blieb nicht auf Deutschland beschränkt. In Russland traten bisherige Vertreter*innen des „legalen Marxismus“ für den Revisionismus ein, bis sie vollständig auf die Seite des bürgerlichen Liberalismus überliefen. In Frankreich machte eine Spielart des praktischen Opportunismus Furore. Der Sozialist Millerand trat in eine bürgerliche Regierung ein.
„Freiheit der Kritik“?
Zu Beginn seiner Schrift befasst sich Lenin mit der Forderung nach „Freiheit der Kritik“. Dies war damals eine Hauptparole des Revisionismus und Opportunismus … zumindest da, wo sie in der Minderheit waren.
Grundlage dieser Parole war das Durcheinanderwerfen eines Staates, in den man hineingeboren wird, und einer politischen Organisation, der man freiwillig beitritt. Lenin verwies genauso wie z.B. Rosa Luxemburg in Deutschland darauf, dass in einer solchen freiwilligen Organisation die Freiheit der Kritik bestimmte Grenzen haben muss. Eine Organisation hat eine bestimmte Grundlage und wenn jemand diese Grundlagen verlassen hat, dann hat er kein Recht mehr auf Kritik innerhalb der Organisation, nur noch das Recht auf Kritik von außen.
Das sollte eigentlich offensichtlich sein. Wer das nicht akzeptiert, der erweckt den Verdacht, dass es ihm oder ihr nicht um Kritik geht, sondern um Bekämpfung der Organisation von innen in der Annahme, dass eine solche Bekämpfung wirksamer ist als von außen.
Ökonomismus oder Marxismus?
Der Großteil der Leninschen Schrift ist aber nicht internationalen Dimension der Auseinandersetzung mit dem Revisionismus gewidmet, sondern der russischen Auseinandersetzung mit dem Ökonomismus. Dabei prallten zwei grundlegend verschiedene Auffassungen aufeinander.
Für den Ökonomismus ging es darum, durch erfolgreiche Streiks und andere Proteste vor Ort konkrete Verbesserungen zu erkämpfen, einschließlich gesetzlicher Reformen. Ein weitergehender politischer Kampf ist damit an die (damals fast nicht existente) bürgerliche Opposition gegen den Zarismus oder in die unbestimmte Zukunft delegiert. Für diesen Zweck konnte man die spontane Massenbewegung durchaus als ausreichend ansehen. Es bestand auch keine dringende Notwendigkeit, die örtlichen Zirkel zu einer landesweiten Organisation zusammenzufassen. Den Kapitalisten vor Ort konnte man mit einem Streik vor Ort unter Druck setzen und Petersburg 1896/97 hatte gezeigt, dass man so sogar bescheidene gesetzliche Verbesserungen erreichen konnte. In dieser Sicht bestand auch keine Notwendigkeit, über die unmittelbaren Arbeiter*inneninteressen hinaus Fragen von politischer Unterdrückung anzusprechen.
Lenin bezeichnete diese Haltung als „Chwostismus“. „Chwost“ heißt auf Deutsch „Schwanz“. Das englische Wort „tailism“ entspricht dem. Im Deutschen gibt es kein übereinstimmendes Wort, „Nachtrabpolitik“ trifft es so ungefähr. Für Lenin war es klar, das es nicht Aufgabe einer revolutionären Organisation ist, dem Bewusstsein der Massen hinterherzuhecheln oder auch nur auf gleicher Höhe zu sein. Aufgabe ist es vielmehr, ihr voraus zu sein, nicht so weit, dass sie außer Sichtweise ist, aber so weit, dass sie die nächsten Schritte vorschlagen kann.
Und daraus ergab sich in der damaligen konkreten Situation, dass sie den Kampf gegen den Zarismus, die Selbstherrschaft, weder fast nicht vorhandenen Liberalen noch der Zukunft überlassen durfte. Tatsächlich entwickelte sich in den Jahren zwischen dem Verfassen von „Was tun?“ und der Revolution 1905 „Nieder mit der Selbstherrschaft!“ zu einer der populärsten Demo-Parolen. (Für Lenin hieß das natürlich, dass es jetzt zum Chwostismus wurde, als revolutionäre Organisation bei der Parole stehenzubleiben. Ein paar Jahre später wies er darauf hin, dass diese Parole ja auch durch die Ersetzung der Selbstherrschaft durch eine konstitutionelle Monarchie erfüllt werde. Deshalb müsse man die Republik fordern. 1917 reichte dann die „Republik“ nicht mehr und Parolen wie „Alle Macht den Räten“ wurden richtig.)
Wenn auf der Tagesordnung nicht nur die Vertretung von Arbeiter*inneninteressen im Rahmen des Zarismus stand, sondern auch der Sturz des Zarismus, dann hieß das natürlich in einem Land, in dem die Arbeiter*innen eine kleine Minderheit bildeten, dass sie Verbündete brauchten. Deshalb veröffentlichte die „Iskra“ Artikel, in denen die Unterdrückung von (damals fast immer dem Bürgertum oder noch „höheren“ Schichten entstammenden) Studierenden, von ethnischen und religiösen Minderheiten, Polizeiwillkür gegenüber Bäuerinnen und Bauern usw. angeprangert wurden. Die Ökonomist*innen sahen darin eine Ablenkung von den eigentlichen Aufgaben einer Arbeiter*innenzeitung.
Da sich der Zarismus natürlich nicht in einer Fabrik oder in einer Stadt stürzen ließ, war es für Lenin klar, dass eine landesweite Organisation aufgebaut werden musste. Unter den Bedingungen der zaristischen Unterdrückung musste diese Organisation illegal sein und um die Zerschlagung von Teilen der Organisation möglichst zu erschweren, musste sie hoch professionell sein. Dazu kam natürlich, dass die Illegalität eine Professionalisierung in verschiedenen Bereichen erzwang. Wenn man kein Flugblatt in einer kommerziellen Druckerei drucken lassen kann, braucht man Fachleute für den Schmuggel und/oder für den Betrieb einer geheimen Druckerei.
Als Lenin „Was tun?“ schrieb, war der Kampf gegen den Ökonomismus weitgehend gewonnen. Das Bewusstsein der Arbeiter*innen war, drei Jahre vor der ersten russischen Revolution, schon so weit, dass die politische Beschränkung des Ökonomismus zunehmend lächerlich war.
Der Zarismus versuchte sich teilweise als neutraler Schlichter zwischen Arbeit und Kapital aufzuspielen. 1901-1903 experimentierte der Chef der Moskauer Geheimpolizei, Subatow, mit legalen Arbeiterorganisationen, die sich auf rein wirtschaftliche Fragen beschränken sollten, um sie vom politischen und revolutionären Kampf abzuhalten. Wenn Ökonomist*innen ähnliches wie dieser „Polizei-Sozialismus“ vertraten, diskreditierte sie das natürlich bei klassenbewussten Arbeiter*innen.
Kein Wunder, dass der zweite Parteitag 1903 die politische Linie der „Iskra“ und damit auch von „Was tun?“ mit großer Mehrheit billigte.
Bolschewiki und Menschewiki
Aber das Ende des Ökonomismus war nicht das Ende des Opportunismus. Der zweite Parteitag 1903 bedeutete, dass die Frage, ob man eine zentralisierte politische Partei braucht, zugunsten Lenins entschieden war. Aber damit kam die Frage auf, wie diese Partei konkret aussehen soll. Auf dem Parteitag hatten die Iskrist*innen eine kompakte Mehrheit gegenüber den Ökonomist*innen. Aber während des Parteitags spaltete sich die Iskrist*innen und ein Teil machte mit den bisherigen Ökonomist*innen gemeinsame Sache. Für die Beteiligten kam das sehr überraschend. Im Rückblick kann man sagen, dass das genau daran lag, dass mit der erfolgten Schaffung der Partei neue Fragen auf die Tagesordnung kamen und das zu neuen Konfliktlinien führte.
Es kann hier nicht darum gehen, die weitere Auseinandersetzung nachzuzeichnen. Aber die neuen Konfliktlinien führten auch dazu, dass die Vergangenheit in neuem Licht erschien und sich begeisterte Fans von „Was tun?“ im Rückblick in Kritiker*innen verwandelten. Insbesondere wurde es bei den Menschewiki beliebt, Lenin als Möchte-gern-Parteidiktator darzustellen.
Es stimmt, dass Lenin wirkliche innerorganisatorische Demokratie unter Bedingungen der Illegalität für unmöglich hielt. Demokratie schließt ein, Leute in Führungsgremien zu wählen und zu wissen, wen man wählt. Sie soll das möglich sein, wenn die zu Wählenden im Untergrund arbeiten und wechselnde Decknamen verwenden? Als die Revolution 1905 vorübergehend die Möglichkeit zu legaler Betätigung schuf, war Lenin entschieden für den Übergang zu umfassender innerparteilicher Demokratie. Und auch bei den Auseinandersetzung mit den Menschewiki war Lenin tatsächlich demokratischer. Auf dem Zweiten Parteitag 1903 setzte er sich für das Recht des Parteitags ein, die Zusammensetzung der Redaktion der Parteizeitung demokratisch zu wählen, statt die 1900 zwischen ihm und Plechanow verabredete „Iskra“-Redaktion einfach zu übernehmen. Als die Zusammensetzung der Führungsgremien durch Rücktritte und Verhaftungen nicht mehr den Beschlüssen des Zweiten Parteitags entsprach, setzte sich Lenin für einen neuen Parteitag ein, während die Menschewiki das hintertrieben.
Außerdem wurde Lenin vorgeworfen, ein Anhänger einer Bevormundung der Arbeiter*innen durch Intellektuelle zu sein. Zunächst stimmt es, wie wir gesehen haben, dass ein sehr großer Teil der Revolutionär*innen anfangs aus bürgerlichen Kreisen kam. Das war aber keine Besonderheit der Bolschewiki, sondern betraf alle revolutionären Organisation. Das änderte sich erst, als Arbeiter*innen massenhaft in die revolutionäre Bewegung eintraten, insbesondere in der Revolution 1905-1907. Als es nach der Niederlage dieser ersten Revolution einen Massenabfluss aus den revolutionären Organisationen gab, desertierten die Intellektuellen fast vollständig und warfen sich Esoterik, Pornographie etc. in die Arme. Vor allem ein Kern von durch die Revolution gestählten Arbeiter*innen hielt der Organisation die Treue und organisierte ab etwa 1911/12, als die Flaute nach der Niederlage der Revolution zu Ende war, den Wiederaufbau der revolutionären Arbeiter*innenbewegung. Die Organisation, in der die meisten dieser revolutionären Arbeiter*innen aktiv waren, war aber gerade die Partei der Bolschewiki.
Lenins Gegenüberstellung von Organisationen der Arbeiter*innen und Organisationen der Revolutionär*innen in „Was tun?“ war keineswegs eine Gegenüberstellung von Arbeiter*innen und Intellektuellen. Er betonte mehrfach, dass viele dieser Revolutionär*innen selber aus der Arbeiter*innenklasse kommen. 1905, auf dem dritten Parteitag, führte Lenin einen heftigen Kampf gegen die Komiteetschiks, die Komiteeleute, die die Arbeiter*innen für zu rückständig hielten, um sie in die örtlichen Parteikomitees aufzunehmen.
Es stimmt, dass Lenin in „Was tun?“ in der Polemik gegen die Anbetung der Spontaneität durch die Ökonomist*innen ein paar überspitzte Formulierungen zum Verhältnis von „sozialdemokratischem“ und „trade-unionistischem Bewusstsein“ verwendet hat. An einer Stelle schreibt er, dass „die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag“ bzw. etwas später zitiert er den österreichisch-deutschen sozialistischen Theoretiker Kautsky: „Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes.“ (Kapitel II, Unterkapitel a) und b)) Aber diese Formulierungen waren nicht sein letztes Wort in der Frage. Z.B. im November 1905, in seinem Artikel „Über die Reorganisation der Partei“, einem seiner wichtigsten Artikel nach der Rückkehr aus dem Exil ins revolutionäre Russland, heißt es: „Die Arbeiterklasse ist instinktiv und spontan sozialdemokratisch, und die mehr als zehnjährige Arbeit der Sozialdemokratie hat schon sehr, sehr viel dazu beigetragen, diese spontane in eine bewusste Einstellung zu verwandeln.“ Als 1907 Lenin „Was tun?“ im Rahmen des Sammelbandes „Zwölf Jahre“ wieder veröffentlichte, schrieb er im Vorwort selbst, dass er zum Verhältnis von Spontaneität und Bewusstsein „einzelne Ausdrücke […] nicht ganz geschickt oder nicht ganz genau formuliert hatte“ und erklärte das mit dem polemischen Charakter seiner Schrift. Leo Trotzki wies 1940 in seiner Biographie über Stalin (Kapitel 3) auf die Weiterentwicklung von Lenins Ansichten hin: „Nach Lenins Darstellung gerät die Arbeiterbewegung, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, unausweichlich auf die Bahn des Opportunismus; das revolutionäre Klassenbewusstsein wird von außen, durch die marxistischen Intellektuellen, in das Proletariat hineingetragen. Hier ist nicht der Ort, diese Auffassung zu kritisieren, die der Biographie Lenins und nicht der Stalins angehört. Der Verfasser von „Was tun?” hat übrigens später selbst ihre Einseitigkeit und damit den Irrtum in seiner Theorie anerkannt“. Leider haben viele andere, die sich für Leninisten halten, diese Korrektur von Lenins Position nicht zur Kenntnis genommen und halten die alten einseitigen Formulierungen für der Weisheit letzten Schluss. Übrigens hat auch Marx eine ähnliche Entwicklung durchlaufen. Ende 1843 schrieb er, dass die Theorie die Massen ergreifen müsse („Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“), billigte den Massen also keine Mitwirkung an der Ausarbeitung der Theorie zu. Bereits ein paar Monate später schrieb er, dass „die englischen und französischen Arbeiter Assoziationen gebildet [haben], in welchen nicht nur ihre unmittelbaren Bedürfnisse als Arbeiter, sondern ihre Bedürfnisse als Menschen den Gegenstand ihrer wechselseitigen Belehrung bilden“ („Die heilige Familie“, IV. Kapitel, Kritische Randglosse Nr. 5).
Und heute?
Eine der größten Stärken Lenins war, sich in der jeweils konkreten Situation über den nächsten konkreten Schritt Gedanken zu machen, um die Revolution voranzubringen. Deshalb sind seine Schriften nie ewige Wahrheiten. Welchen Sinn macht es also heute, eine 120 Jahre alte Schrift von ihm zu lesen? Die konkrete Situation ist heute doch völlig anders!
Natürlich. Vieles von Lenins Schrift passt nicht auf unsere Zeit. Wir müssen zum Beispiel zumindest in Deutschland nicht unter einer Diktatur illegale Arbeit machen. Zwischen den Mühen, damals illegale Literatur zu transportieren und dem heutigen Internet gibt es wenig Ähnlichkeit.
Aber andere Aspekte von Lenins Schrift sind heute noch oder wieder aktuell, manche sind aktueller als vor 120 Jahren, ja vielleicht so aktuell wie noch nie in der Weltgeschichte.
Der Grund, warum Lenin in „Was tun?“ so gegen die Anbetung der Spontaneität polemisierte, war die riesige Kluft zwischen der großen Menge an spontaner Aktivität und der Schwäche der revolutionären Organisation damals. Aber war diese Kluft jemals so groß wie heute? Wie viele Massenbewegungen gab es in den letzten Jahren in den verschiedensten Ländern, ob in Chile oder in Kolumbien, in Nigeria oder im Sudan, im Libanon, in Kasachstan oder in Myanmar? Aber was ist bei ihnen herausgekommen? Selbst wenn sie zu einem Regierungswechsel wie in Chile führen ist eine der ersten Maßnahmen des „linken Hoffnungsträgers“ Boric, einen ehemaligen Zentralbankchef zum Finanzminister zu ernennen. Lenins Kritik des Chwostismus, der Beschränkung auf Ideen, die große Teile der Bewegung ohnehin vertreten, ist so wichtig wie nie. Wenn in Fridays-for-Future-Protesten große Teile „System change, not climate change“ fordern, dann ist es Chwostismus, das auch zu tun. Dann müssen Revolutionär*innen weitergehende Parolen verwenden, wie z.B. „Socialist change, not climate change“.
Lenin kämpfte in der „Iskra“ und in „Was tun?“ dafür, dass die Arbeiter*innenbewegung den Kampf gegen jede Form von Unterdrückung auf ihre Fahnen schreibt. Das wäre heute leichter als damals. Denn damals ging es um die Forderung, dass Arbeiter*innen trotz ihrer beschränkten Kräfte neben dem Kampf gegen die Kapitalist*innen den Kampf gegen die Unterdrückung anderer gesellschaftlicher Gruppen zu ihrem eigenen machen sollen und im Kampf gegen sie die zaristische Unterdrückungsmaschinerie herausfordern sollen. Wenn wir heute gegen Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie usw. kämpfen, dann gehören die meisten davon Betroffenen nicht anderen gesellschaftlichen Gruppen an, sondern unserer eigenen Klasse, dann ist dieser Kampf gerade eine Notwendigkeit, um den gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen kapitalistischen Feind wirkungsvoller führen zu können. Aber statt diesen Zusammenhang herauszustreichen, wird der Kampf gegen Unterdrückung fast überall nur moralisch begründet.
Während Lenin dazu aufrief, den Kampf gegen Unterdrückung zu führen, weil er erkannte, dass der Kampf gegen den Zarismus nur gewonnen werden kann, wenn die kleine russische Arbeiter*innenklasse in diesem Kampf die Hegemonie (anders als diverse linke Politikwissenschaftler*innen glauben, hat Antonio Gramsci dieses Konzept nicht erfunden, sondern von den Bolschewiki übernommen und nur etwas verallgemeinert) erlangt, wird uns heute, wo die Arbeiter*innen, die Lohnabhängigen die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, von Identitätspolitiker*innen eingeredet, die Ausbeutung der Arbeiter*innen sei nur eine Unterdrückungsform unter vielen.
Lenin argumentierte für eine landesweite revolutionäre Organisation, weil der Sturz des Zarismus vorbereitet werden musste, der nur im ganzen Land erfolgreich sein konnte, nicht in einer Fabrik oder in einer Stadt. Heute müssen wir den Sturz des Kapitalismus vorbereiten, weil die Welt immer mehr aus den Fugen gerät mit Wirtschaftskrise, Klimakrise, Coronakrise, internationalen politischen Konflikten usw. und der Kapitalismus droht, den Planeten zu verwüsten. Dieser Sturz kann offensichtlich nur weltweit gelingen, also brauchen wir heute eine weltweite revolutionäre Organisation. Wir arbeiten als Komitee für eine Arbeiter*inneninternationale (CWI) am Aufbau einer solchen Organisation. Dafür sind Lenins Ideen so aktuell wie nie. Die Kluft zwischen der Aktualität dieser Ideen und ihrer geringen Verbreitung ist einer der größten Widersprüche der Gegenwart. Die Neuauflage von „Was tun?“ soll ein kleiner Beitrag zur Schließung dieser Kluft sein.
Jetzt bestellen unter: https://manifest-buecher.de/produkt/was-tun/
