Was bedeutet die „Zeitenwende“ für unsere Schulen?
Angesichts zunehmender Kriege und Krisen weltweit, der Forderung von Boris Pistorius, Deutschland „kriegstüchtiger“ zu machen, sowie der Einführung des neuen Wehrdienstes ist auch die Präsenz des Militärs an Schulen weiter gewachsen.
von Mido, Aachen
Die Schulauftritte von sogenannten „Jugendoffizieren“ haben sich seit 2021 mehr als verdoppelt. Durch eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag wurde bekannt, dass es 2025 5.527 Auftritte gab, verglichen mit 2.558 im Jahr 2021. Der offizielle Zweck dieser Besuche ist die Vermittlung von Informationen über sogenannte „Sicherheitspolitik“, Auslandseinsätze und NATO-Strategien – und das natürlich im Sinne der Bundeswehr. Neu ist dabei nicht nur die Zahl der Auftritte. Während 2021 die meisten Besuche in Gymnasien und Berufsschulen stattfanden, haben die Besuche in niedrigeren Klassenstufen inzwischen ein ähnliches Niveau erreicht. Das Ziel ist nicht nur die unmittelbare Rekrutierung, sondern auch die allgemeine Normalisierung militärischer Strukturen und die Stärkung der öffentlichen Akzeptanz der Wiederaufrüstung. Schulen dienen als direkter Zugang zu jungen Menschen und können frühzeitig deren Wahrnehmung des Militärs beeinflussen. In diesem Zusammenhang wirken Bildungseinrichtungen als Orte, an denen eine „kriegstüchtige“ Gesellschaft politisch und ideologisch vorbereitet wird.
Soziale Unsicherheit als Einfallstor
Doch damit ist es nicht genug. Die Bundesregierung will die Rolle der Jugendoffiziere stärken, und Florian Hahn (CSU), Staatsminister im Auswärtigen Amt, fordert sogar, dass Vertreter*innen der Bundeswehr nicht nur über die Bundeswehr informieren, sondern auch aktiv Freiwillige rekrutieren sollen. Jetzt schon nehmen Bundeswehrsoldat*innen neben Schulauftritten an berufsorientierten Schulveranstaltungen teil, um für die Bundeswehr zu werben. Hierfür wird die unsichere materielle Situation der Jugendlichen ausgenutzt, indem die Bundeswehr 2.300 Euro netto, kostenlose Unterkunft, Verpflegung, kostenlose Nutzung des Nah- und Fernverkehrs sowie Unterstützung während des Studiums und der Ausbildung und einen Zuschuss von 3.500 Euro für den Führerschein anbietet. Diese materiellen Anreize sollen den Wehrdienst attraktiv machen. Für auszubildende Pflegekräfte, Erzieher*innen oder Lokführer*innen gibt es solche Vergütungen vom Staat nicht.
Disziplinierung statt Debatte
Schulen werden zunehmend zu strategischen Orten staatlichen Einflusses, um Krieg und staatliche Gewalt weiter zu legitimieren. Proteste gegen ihre Präsenz haben ebenfalls Konsequenzen. In Leipzig wurden Schüler*innen mit dem Schulverweis bedroht, weil sie gegen einen Auftritt der Bundeswehr an ihrer Schule protestiert hatten. In Gotha protestierten zwei Schüler gegen den Stand der Bundeswehr auf einer Messe an ihrer Berufsschule mit einem Transparent mit der Aufschrift „Bildung statt Bomben“ und wurden für sechs Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Diese Vorfälle zeigen, dass Widerstand gegen die Militarisierung an Schulen zunehmend eingeschränkt statt gefördert wird.
Kein Frieden im Kapitalismus
Die Sol ist für ein Verbot von Bundeswehr-Werbung an Schulen und kämpft gegen Wehrdienst, Militarisierung und Aufrüstung, die wiederum zu Sozialkürzungen führen und die Rechte von Jugendlichen und Lohnabhängigen einschränken. In einer Welt, die von wirtschaftlicher Rivalität und geopolitischem Wettbewerb geprägt ist, ist militärische Stärke ein Instrument, um Einfluss, Märkte und strategische Vorteile zu sichern. Kriege entstehen aus widerstreitenden kapitalistischen Interessen. Die Wiederaufrüstung und das Streben nach einer größeren, besser einsetzbaren Armee spiegeln diese Logik wider. Der Kapitalismus wird daher immer zu Aufrüstung und Krieg führen. Das bedeutet, dass der einzige Weg, den Militarismus vollständig zu beseitigen, darin besteht, das System zu beseitigen, das ihn nährt.