Dresden und die strategische Bombenkriegsführung

Strategische Bombenangriffe waren und sind Kriegsverbrechen

Der Luftangriff auf Dresden war Ergebnis der Überlegungen aller kapitalistischen Staaten die feindliche Arbeiter*innenklasse zum Ziel werden zu lassen. In der Elbmetropole fand diese Strategie einen ihrer traurigen Höhepunkte. Eine Ausnahme stellte der Angriff dennoch nicht dar, eher die Regel.

Von Steve Hollasky, Dresden

Erste Überlegungen zum Luftkrieg

Es war ausgerechnet die Regierung des revolutionären Frankreichs, die Ende des 18. Jahrhunderts erstmals Überlegungen anstellte, Kriege durch den Einsatz einer Luftwaffe für sich zu entscheiden. Die Idee lag darin, Heißluftballons mit Soldaten zu bemannen und mit Gesteinsbrocken zu bestücken. Sie sollten diese dann über den preußischen Truppen zum Abwurf bringen.

Hoch oben in der Luft, so die Überlegung, wäre man bezüglich etwaiger Gegenmaßnahmen immunisiert. Die Verluste würden die konterrevolutionären Preußen zum Rückzug bewegen, die Revolution retten und die Errungenschaften des Sommers 1789 vor dem Zugriff der europäischen Reaktion bewahren.

Mochte der Plan in seinen damals utopisch-fantastischen Vorstellungen bestechen, umgesetzt wurde er nie. Stattdessen eroberte 120 Jahre später der Tod den Himmel. Nicht allerdings diesmal, um eine Revolution zu verteidigen.

Erster Weltkrieg

Als die europäischen kapitalistischen Klassen 1914 Millionen von Menschen in den Untergang trieben, war das Flugzeug nicht Teil ihrer strategischen Überlegungen. Zwar besaßen alle kriegführenden Mächte inzwischen Zeppeline und eine Handvoll klappriger Sperrholzkonstruktionen, die mit viel Glück fliegen konnten. Aber detaillierte Pläne für deren Einsatz gab es nicht. Den Nebel des Krieges mochten sie durch Aufklärung lichten, zu mehr hielten sie viele Militärs als ungeeignet. Diese „wunderbaren, vom Genie des Menschen erschaffenen Mechanismen“ (Leo Trotzki) würden dennoch schon bald den Tod transportieren. Der Kapitalismus auf der Stufe des Imperialismus verwandelt Produktiv- in Destruktivkräfte.

Frankreichs Flugzeuge führten Stahlstifte mit sich, die – aufrecht zu Boden gefallen – einen Mann, samt Pferd, auf dem er saß, durchschlagen konnten. Für die nach Menschenblut gierende Militärmaschinerie war das nicht destruktiv genug. Die fehlende Effizienz dieser Waffe machte sie für das Geschäft des Mordens unbrauchbar. Die Stahlstifte stürzten zu selten aufrecht aus dem Himmel.

Die abenteuerlichen Konstruktionen trugen schon bald Besatzungen aus zwei Personen in den Himmel: Einen Piloten und einen Beobachter, letzterer mit einem Colt bewaffnet. Traf man in den Wolken auf den Feind schoss man die Trommel leer, um einen Treffer zu landen. Russische Flugzeugführer warfen an Tauen befestigte Anker aus, hakten sie in den Tragflächen ein uns ließen die gegnerische Maschine kippen. Das Flugzeug wurde zur Destruktivkraft für sich selbst. Den Generalstäblern war auch das nicht destruktiv genug.

Bomben wurden an den Außenseiten befestigt. Piloten konnten sie per Hand auf den Feind fallen lassen. Der für Deutschland arbeitende Flugzeugbauer Anthony Fokker entwickelte ein Getriebe, das es ermöglichte mit Maschinengewehren synchronisiert durch den Propellerkreis zu schießen. Die „Fokker-Plage“ setzte die anderen kriegführenden Mächte unter Druck, ließ sie schließlich gleichziehen – Konkurrenz belebt das Geschäft!

Dunkel dröhnte schon im ersten Kriegsjahr die vier Motoren der Ilja Muromez über deutschen Truppen. Sikorsky, der autodidaktische Bastler, der schon als Kind Maschinen aufsteigen lassen konnte, hatte sein Flugzeug eigentlich als komfortable Passagiermaschine entworfen. Nun trug sie im Namen des Zaren mindestens eine halbe Tonne Bomben auch über Bahnhöfe und andere Ziele in Städten. Die anderen kriegführenden Länder musste man nicht lange bitten. Nun war das Flugzeug auch in den Augen der Generäle an ihren Schreibtischen auf dem Wege zur Destruktivkraft. So wollte man es haben, so wurde es brauchbar.

Englischen Bombenangriffen auf deutsche Städte fielen im Ersten Weltkrieg nicht ganz 800 Menschen zum Opfer. Zeppeline und Bombenflugzeuge des Kaisers forderten auf den britischen Inseln 1.400 Menschenleben. So schrecklich diese Verheerungen, sie blieben Menetekel und zeigten eher, was denkbar, was drohte.

Durchbruch des strategischen Luftkriegs

„Die bürgerlichen Anläufe zur Eindämmung des Militarismus“, hatte Rosa Luxemburg noch vor dem Ersten Weltkrieg geschrieben, seien „jämmerliche Halbheiten“. Artikel 25 der 1907 zwischen den Großmächten vereinbarten Haager Landkriegsordnung (HLKO) verbot ausdrücklich militärische Angriffe auf „unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnungen oder Gebäude“. Die Liste dieser zivilen Ziele schloss Bombenangriffe implizit aus, verbot sie im Grunde und zwar überraschend eindeutig. Doch schon im Ersten Weltkrieg wurden diese Zeilen stumme Zeuginnen der einfachen Tatsache, dass sich der Kapitalismus nicht an seine Regeln hält, dass denen da oben, die da unten egal sind, dass „bürgerliche Anläufe zur Eindämmung des Militarismus“ nur „jämmerliche Halbheiten“ sind. Als 1923 weitere in Den Haag ausgearbeitete Regeln den Schutz von Zivilist*innen im Luftkrieg konkretisieren sollten, verweigerten die beteiligten Staaten kurzerhand die Ratifizierung.

Der italienische Militär Giulio Douhet hatte damals längst im Sinn die Bombenflugzeuge zum Angriff im Hinterland des Gegners einzusetzen, um dessen „Kraftquellen“ zu vernichten. Dabei ging es ihm weit weniger um Angriffe auf industrielle oder militärische Ziele, sondern um die Terrorisierung der Bevölkerung und deren daraus folgende Demoralisierung, die wiederum den feindlichen Widerstand erlahmen, letztlich zusammenbrechen lassen sollte.

Von Rom bis Paris, von London bis Washington, von Berlin bis Tokio eroberte der Douhetismus die Herzen des technokratisch denkenden Teils der Militärs. In Japan platzte der Kriegsminister unter dem Eindruck der Lehren Douhets heraus: „Durch Luftangriffe kann man viel leichter Millionen von Zivilisten in großen Städten erschlagen als tausend Soldaten, welche in Festungen oder Schützengräben in Deckung sind. Der Sieg lässt sich rasch erreichen, wenn man den Feind demoralisiert und vernichtet, indem man rücksichtslos alle Zivilisten tötet und zerschmettert, alte oder junge, Mann oder Frau, Greis oder Kind.“ Mit der Aussicht massenweises Morden aus dem Himmel zu vollbringen war das Flugzeug in den Augen der Generalstäbe endgültig destruktiv genug.

Im Irak, wo sich die Versprechen der Herrschenden Großbritanniens auf Unabhängigkeit nach Ende des Ersten Weltkriegs an der Realität des kolonialähnlichen Mandatssystems zerschlugen, experimentierte die Royal Airforce (RAF) mit Flächenangriffen auf Aufständische. Gegen Unterdrückung aufstehende Bevölkerungsteile sahen sich schnell dem unbarmherzigen Einsatz der britischen Luftwaffe gegenüber. Der Araber verstehe nur „die Politik der harten Hand“, diagnostizierte ausgerechnet Sir Arthur Harris. Seine rassistische Grundposition machten ihn gegen jeden Skrupel resistent; sein Einfallsreichtum perfektionierte das Massaker aus der Luft, seine unbestrittenen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Luftkriegsführung ließen seine Innovationen zum mörderischen Erfolg werden.

Er rüstete die Transportflugzeuge der unter seinem Befehl stehenden Staffel kurzerhand zu Bombenträgern um und ließ Sprengladungen auf die arabischen Insurgent*innen niederregnen. Präzision war auf diese Weise unmöglich zu erzielen, doch – so Harris‘ feste Überzeug – wozu Genauigkeit, wo es um Terror, um Schrecken gehen sollte. Jene Tage im Irak brannten sich in Arthur Harris‘ Gedächtnis. Er würde auf sie zurückkommen.

Luftkriegsplanungen

In Deutschland nahm mit der Übertragung der Macht an die Nazis 1933 die Rüstung erheblich an Fahrt auf. Schon am 4. Februar versammelte Hitler die führenden Militärs um sich. Und während auf den Straßen Kommunist*innen, Sozialist*innen, Gewerkschafter*innen, Sozialdemokrat*innen und Antifaschist*innen aller Schattierungen um ihr Leben fürchteten, sich versteckten und untertauchten, von der SA zu Tode geprügelt und in die ersten Konzentrationslager verschleppt wurden, versprach Hitler den Kommissköpfen goldene Zeiten. Die herrschende Klasse hoffte auf Revanche für den verlorenen Ersten Weltkrieg. Rohstoffe, billige Arbeitskräfte und damit Profite winkten. Ohne Krieg, kein Sieg; ohne Rüstung, kein Waffengang; ohne Luftstreitkräfte keine moderne militärische Strategie.

Die Planungsstäbe träumten mit offenen Augen. Projekte wie der „Uralbomber“ sprachen eine unmissverständliche Sprache: Der Hauptfeind stand im Osten. Die Sowjetunion war in vielerlei Hinsicht von Interesse: Es gab dort genug Rohstoffe, um aus dem europäischen Festland den „blockadefesten Festlandsblock“ werden zu lassen. Hitler, vom britischen Empire durchaus beeindruckt, beabsichtigte mit seinem Eroberungsfeldzug im Osten ein deutsches Indien aus der Taufe zu heben, welches durch die deutschen Kolonialherren bei Weitem schlimmer ausgebeutet und umgestaltet werden sollte als das ohnehin schon geschundene Original.

Den Krieg galt es zu proben. Francos Putsch gegen die Volksfrontregierung in Spanien schuf die Voraussetzungen. Die Arbeiter*innen setzten sich gegen den Angriff zur Wehr, verteilten Land, übernahmen Betriebe. Als Gegenreaktion zu Francos Putsch drohte so das Ende des Kapitalismus auf der Iberischen Halbinsel. Doch die Stalinist*innen sprangen der Volksfrontregierung bei, warfen brutal die Revolution nieder und begründeten den Schritt nicht zuletzt damit, dass man zunächst die Faschisten militärisch schlagen müsse, bevor man an eine Revolution denken könne.

Nichts dergleichen sollte gelingen. Mit dem Verrat an der Revolution übernahmen die Stalinist*innen die Verantwortung für den Rückzug der Massen, der wiederum das Fundament für die Niederlage in Spanien wurde. Die Rechnung für diesen Verrat bezahlten Spaniens Arbeiter*innen.

Francos Faschisten wurden von Mussolini unterstützt. Hitler entsandte die „Legion Condor“. Die war es, die 1937 das gegen Luftangriffe vollkommen ungeschützte Guernica in Schutt und Asche legte. Gut 1.700 Menschenleben forderte der Einsatz der deutschen Bombenflugzeuge. Guernica war der erste wirklich strategische Luftangriff auf ein urbanes Zentrum.

Die deutschen Fürsten des Luftkriegs schrieben emsig ihre Blöcke voll. Sie waren zutiefst begeistert vom Ausgang der Bombardierung. So würde man es machen…

Deutsche Terrorangriffe

…und so machte man es auch: Schon während des Überfalls auf Polen, der 1939 den Zweiten Weltkrieg einleitete,  wurde die deutsche Luftwaffe zum Terrorinstrument. Zuletzt warfen deutsche Maschinen Bomben auf die Hauptstadt des Landes.

Während des sogenannten Westfeldzugs wurde Rotterdam, die niederländische Hauptstadt, zum Opfer der faschistischen Luftwaffe. Nicht einmal die während des Anflugs eintreffende Kapitulation der Niederlande stoppte die Mordtechnologie. Fast 1.000 Menschen in Rotterdam riss der Angriff aus dem Leben. Gern führte man der Weltpresse in den Tagen nach dem Angriff die Stärke der deutschen Bombenfliegerkräfte vor. Die Botschaft war nicht schwer zu entziffern: Wer zu lange brauchte, um sich zu unterwerfen, der musste mit Terror und Vernichtung rechnen.

In den Wochen darauf folgten St. Etienne, Dijon, Marseille und Paris.

Den vorläufigen Höhepunkt fanden die Heimsuchungen während der sich an den Westfeldzug anschließenden Luftschlacht um England.

Der Versuch die Insel kapitulations- oder zumindest invasionsreif zu bomben schlug gründlich fehl. Deutlich ablesbar war die Adressatin großer Teile der Angriffe. Mit den Bombardierungen von Liverpool, Birmingham, London oder Coventry sollte nicht einfach gegnerische Industrie ausgeschaltet werden. Ziel war die britische Arbeiter*innenklasse. Die, so die große Hoffnung der Luftwaffenführung um Hermann Göring, werde als Konsequenz der Attacken soweit demoralisiert werden, dass sie als Faktor im Kriege ausfallen, die Rüstungsproduktion drastisch sinken und die Auseinandersetzungen zum Nachteil Großbritanniens ausgehen werde.

Gerade die Bombardierungen Londons waren immer mit dem Bild der in den U-Bahnhöfen Schutz suchenden Zivilbevölkerung verbunden. Die Wahrheit ähnelte den Bildern keineswegs: Die Arbeiterfamilien im East End, die Göring terrorisierte, warteten die Luftangriffe in ihren Wohnungen ab, ohne die Möglichkeit sich in Luftschutzräume, Bunker oder – mangels baulicher Voraussetzungen – wenigstens in Keller zu begeben.

Und während für die Londoner High Society gesorgt war, starben Arbeiter*innen oder übernachteten in den an London angrenzenden Wäldern. Die der von Leo Trotzki 1938 gegründeten IV. Internationale nahestehende Workers International League (WIL) forderte die Öffnung der U-Bahnhöfe für Schutzsuchende. Das Gegenteil war der Fall: Die Behörden sperrten die unterirdischen Stationen ab.

Ted Grant und Jock Haston, die entscheidenden Persönlichkeiten der WIL, forderten Arbeiter*innen auf, die Verbote nicht zu beachten und Absperrungen zu überwinden, um ihr eigenes und das Leben ihrer Familien zu sichern. Erst große Demonstrationen von Arbeiter*innen, die Schutzmaßnahmen verlangten, führten dazu, dass die U-Bahnhöfe als Unterschlupf geöffnet wurden.

Der Angriff auf Coventry war in seinen Verheerungen symptomatisch für den Luftkriegsführung der deutschen Führungsstäbe. Da das Ziel der Demoralisierung der Arbeiter*innen gerade im schwer getroffenen London nicht zu erreichen war, sollten die Bombenangriffe auf andere Städte ausgeweitet werden. Zu der im November 1940 kursierenden Liste zählte auch Coventry, in dessen Innenstadtbereich Flugzeugmotoren gefertigt wurden. Dieser Fakt legitimierte in den Jahrzehnten später immer wieder den Angriff. Der Historiker Sönke Neitzel vertritt bis heute die Auffassung, dass die Zerstörung der umliegenden Wohnviertel zwar billigend in Kauf genommen wurde, nicht aber intendiert gewesen sei. Dem muss deutlich widersprochen werden. Der gezielte Einsatz von Brandbomben, die Mischung mit Sprengbomben, die zum Ziel hatte Häuser zu öffnen und im Anschluss Brandbomben in diese Skelette hineinregnen zu lassen, waren von Anfang an dazu geeignet Coventry in das zu verwandeln, was es Stunden nach dem Angriff, mit den Augen unzähliger Opfer gesehen, war: Ein „Flammenmeer“. Nicht ganz 600 Menschen verloren durch diesen Angriff ihr Leben.

Flächenbombardement?

Angeblich war es Arthur Harris, der einst Aufständische im Irak aus der Luft angegriffen hatte, höchstselbst, der das Bombardement der britischen Hauptstadt aus gebührendem Abstand von einem Gebäude außerhalb Londons betrachtete und dem hinter ihm stehenden Vorgesetzten erklärte, die Deutschen hätten Wind gesät und würden nun den Sturm ernten. Unabhängig davon, ob diese Darstellung zutreffend ist oder ausgeschmückt, Harris würde diesen Satz fortwährend wiederholen.

Zum Chef des Bomber Command aufgestiegen verfasste er emsig Briefe und Denkschriften, deren Aussage immer wieder dieselbe war: Deutsche Städte sollten im Flächenbombardement dem Erdboden gleich gemacht werden, um den Krieg zu gewinnen. Entsprechend würde man vom Angriff auf Punktziele abgehen. Harris wusste mächtige Militärs gegen und zugleich viele hinter sich. Portal, der Chef der RAF, war Harris‘ Verbündeter.

Geeint waren die Protagonist*innen in der Hoffnung auf eine demoralisierende Wirkung des Area Bombings auf die Bevölkerung durch das „Dehousing“ von Städten. Gerade die Arbeiter*innen sollten durch ständige nächtliche Attacken ihre Arbeit vernachlässigen oder bei derselben übermüdet erscheinen und letzten Endes zum Aufstand gegen die NS-Regierung antreten. Im Zusammenspiel mit der weitgehenden Zerstörung der Rüstungsindustrie sollte die Produktion kriegswichtiger Güter mehr und mehr zum Erliegen kommen.

Dass sich die herrschenden Klassen der westlichen kapitalistischen Staaten wirklich eine Neuauflage des Novembers 1918 gewünscht haben, mit ihren Bombenangriffen also allen Ernstes eine proletarische Revolution entfesseln wollten, muss man in Zweifel ziehen. Selbstverständlich las sich dieser Punkt in den einschlägigen Denkschriften höchst angenehm, die bürgerlichen Militärs und Politiker*innen, die eine Arbeiter*innenrevolte herbeisehnen, dürften hingegen kaum mehr gebacken werden.

Als 1943 die Absetzung Mussolinis durch den faschistischen Großrat veranlasst wurde, nutzten Arbeiter*innen in Norditalien die Gelegenheit, um wirklich mit der italienischen Diktatur abzurechnen. In zahlreichen Städten revoltierte das kampferprobte italienische Proletariat, insbesondere in Mailand. Die US-Luftwaffe quittierte den antifaschistischen Aufstand mit einem mehrtägigen Bombardement. Danach war von Rebellion nichts mehr zu spüren und in Norditalien wurde Mussolini mithilfe der Nazis installiert. Seine blutige Marionettendiktatur hielt von da an bis zum April 1945.

Zudem hoffte man durch das strategische Bombardement auch der deutschen Luftwaffe empfindliche Verluste zufügen zu können. Der Abnutzungskrieg in den Wolken müsste, so die Rechnung, an irgendeinem Punkt den deutschen Widerstand brechen. Als flankierend kam die bis heute auch vom britischen Historiker Richard Overy geteilte Auffassung, dass die britischen Zielgeräte zu leistungsschwach zur genauen Zerstörung gewesen seien, hinzu. Folgt man diesem Argument wären die Flächenbombardements letztlich Ergebnis technischer Unzulänglichkeiten gewesen.

Zumindest in dieser Konsequenz muss man jene Annahme anzweifeln. Das Bomber Command verzeichnete zwischen 1940 und 1941 wirklich eine Verringerung ihrer Treffergenauigkeit. Die Ursache hierfür muss vorrangig im mangelhaften Ausbildungsstand der Besatzungen gesucht werden, die Verluste zu kompensieren hatten. Ebenso vergrößerten die zunehmenden Flughöhen die sinkenden Trefferraten. Die wiederum waren in den deutschen Abwehrmaßnahmen begründet. Ein Naturgesetz waren die Zielprobleme des Bomber Command somit nicht. Mit dem sinnvollen Einsatz neuer Verfahren wie „Gee“ und „Oboe“ wäre dem Problem Abhilfe zu schaffen gewesen.

Die von den Befürwortern des Flächenbombardements ins Feld geführten Ziele wurden allesamt nicht erreicht und das war schon lange vor 1945 absehbar.

Die Produktionsziffern der deutschen Rüstungsindustrie sanken infolge der Angriffe nicht. Verwirrenderweise stiegen die Zahlen der Panzer und Kampfflugzeuge, die die Fließbänder ausspuckten. Albert Speers „Rüstungswunder“ hielt die Militärmaschinerie der Nazis am Rattern, sicherte die Fortsetzung des Eroberungs- und Vernichtungskrieges und wurde dabei allenthalben behindert. Richard Overy veranschlagt die Auswirkungen speziell des britischen Bombenkrieges auf die deutsche Rüstungsindustrie mit lediglich ein paar Prozentpunkten.

Was für die deutsche Arbeiter*innenklasse zur schwer erträglichen Belastungsprobe wurde, waren für die faschistische Kriegsproduktion allenfalls Nadelstiche.

Verliesen 1940 noch 2.200 Panzer und Selbstfahrlafetten die Werkshallen, waren es 1942 fast dreimal so viele und 1943 10.700. Selbst 1944 ratterten 18.300 neue Panzer Richtung Front.

Ähnlich, nur noch eindrücklicher, entwickelte sich die Produktion von Kampfflugzeugen. Fertigte die Rüstungsindustrie in Deutschland 1940 noch 6.600 Maschinen aller Typen, kletterte die Anzahl 1942 auf 11.600, 1943 auf 19.300 und 1944 schließlich auf 34.100.

Nicht vergessen werden sollte an dieser Stelle, dass das „deutsche Wirtschaftswunder“ der 1950er und 1960er Jahre nicht allein, aber auch auf dem überraschend geringen Zerstörungsgrad der deutschen Industrie beruhte. Sollte das Ziel der Flächenbombardements wirklich die spürbare Absenkung der Kriegsproduktion in Deutschland gewesen sein, wäre die Strategie selbst in den Jahren 1943 und 1944 – in der Hochphase des Area Bombings – verfehlt gewesen.

Zu ähnlich lautenden Befunden kommt man, wenn man das Ziel der Abnutzung der deutschen Luftstreitkräfte als Folge der Bombenangriffe mit den erreichten Ergebnissen abgleicht.

Über Deutschland wurden bei dem Versuch alliierte Bomberströme abzuwehren schwere Kämpfe ausgetragen, in deren Folge die deutsche Luftwaffe tausende Flugzeuge und Piloten einbüßte. Dennoch wurde der Hauptteil der 75.000 zerstörten Maschinen der Luftwaffe Görings – insgesamt etwa 40.000 – an der deutsch-sowjetischen Front vernichtet. Der Rest verteilte sich auf Nordafrika, Skandinavien, den Balkan, den Westfeldzug, die Luftschlacht um England, Ausbildung und die Verteidigung des deutschen Luftraums gegen einfliegende Bomberströme.

Hält man fest, dass der deutschen Wehrmacht am Boden das Rückgrat an der deutsch-sowjetischen Front durch die Rote Armee gebrochen wurde, so müsste man festhalten, dass dieser Befund auch für die deutsche Luftwaffe zählt, die ihre größten Verluste im Kampf gegen die sowjetische Luftwaffe zu verzeichnen hatte. Zu deren Vorgehen zählte der strategische Luftangriff gegen Städte jedoch nur im Ausnahmefall. Attacken wie jene vom August, September und November 1941 auf Berlin erfüllten lediglich den Zweck dem fortgesetzten Terror der deutschen Invasion ein letzten Endes ohnmächtiges Achtungszeichen entgegenzusetzen. Der Brutalität der Nazis kam das weder gleich, noch konnte es diese stoppen.

„Demoralization“?

Als Hauptziel des Area Bombing präsentierten Arthur Harris und Portal wiederkehrend die Demoralisierung der deutschen Zivilbevölkerung und vornehmlich der Arbeiter*innenklasse. Somit geriet eine Bevölkerungsgruppe ins Visier, die nicht allein vor 1933 in ihrer Mehrheit für die NS-Propaganda kaum empfänglich war, sondern auch nach 1933 den Hauptteil der Widerstandshandlungen trug. Zudem suchte Harris einen Effekt zu erzielen, den auch die deutsche Luftwaffenführung mit ihren Terrorangriffen auf London, Coventry und all die anderen britischen Städte ins Auge gefasst, hingegen nie erreicht hatte.

Innerhalb der britischen Arbeiter*innenklasse war dieser Kurs höchst umstritten. Grundsätzlich tendierten jene Teile der britischen Arbeiter*innen, die Bombardierungen selbst hatten erdulden müssen dahin das Area Bombing auf deutsche Städte abzulehnen. Jene, die den Terror der deutschen Luftwaffe vorrangig aus der Zeitung kannten, konnten dieser Art der Kriegsführung hingegen deutlich mehr abgewinnen.

Nach einer Umfrage des „British Institute of Public Opinion“ erklärten gerade in Coventry, Bristol, Birmingham und all den anderen von deutschen Bombenflugzeugen heimgesuchten Städten lediglich zwischen 10 und 15 Prozent ihr Einverständnis zu Flächenbombardierungen. In Zentrallondon war dieser Anteil mit 45 Prozent noch eher ungewöhnlich hoch. In den Teilen Großbritanniens, die nicht vom Bombenkrieg betroffen waren kletterte der Anteil der Befürworter*innen auf bis zu 76 Prozent.

In Deutschland selbst trauten die Nazis der Moral der Arbeiter*innen nicht über den Weg. Man sollte sich gerade die fortgesetzte Ablehnung der NSDAP innerhalb weiter Schichten der Arbeiter*innenklasse auch nach 1933 vor Augen halten, um die Haltung der NS-Führung zu verstehen. Während der verheerenden Angriffe auf Hamburg – Operation Gomorrha – stellte die Führung der NSDAP, aus Gestapo und weiteren Repressionsinstrumenten des NS-Staates eine Polizeieinheit zusammen, die nicht aus der Hafenstadt selbst kommend, Aufstände im Keim ersticken sollte.

Sie würde nicht zum Einsatz kommen. Für die Hamburger Arbeiter*innen galt nach den Angriffen auf ihre Stadt dasselbe, was für die deutsche Bevölkerung generell galt: Die Beschäftigung mit dem Kampf ums tägliche Überleben überschattete nach den Bombenangriffen alle weiteren denkbaren Reflexe. Wer „ausgebombt“ und ohne Wohnung war, der hatte weder das Bedürfnis zu Treueschwüren auf „Volksgemeinschaft“ und „Führer“ noch zu Aufständen oder Rebellion. Der Geheimdienst der SS kleidete diese Erkenntnis im Sommer 1944 in die Worte, dass „Luftangriffe als Terror nicht mehr so stimmungsbeeinflussend“ seien, „wie noch vor nicht allzu langer Zeit.“ Sie würden, so die Einschätzung der NS-Spitzel, „den Volksgenossen fast ausschließlich nur das niederdrückende Bewusstsein der feindlichen Überlegenheit“ vermitteln. Apathie, das war das Grundgefühl der vom Bombenkrieg Betroffenen. Man nahm passiv hin, ertrug, aber hatte nicht mehr die Kraft sich zu wehren. Hier und da keimte die schmale Hoffnung, die Führung würde dem Terror vielleicht durch „Wunderwaffen“ wie dem ersten in Serie gebauten Düsenjäger der Welt, der Messerschmitt Me 262, doch noch ein Ende setzen. Aber diese Träumereien waren trotz ständiger Propaganda wenig verbreitet.

Ausgerechnet Organisationen wie die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) profitierten durch ein gestiegenes Ansehen auch unter Arbeiter*innen. Die NSV leistete – bei Weitem unzureichende – Hilfe für „Ausgebombte“ und genoss dadurch ein gesteigertes Prestige, was hier und da von Opfern der alliierten Angriffe auf das gesamte NS-System übertragen wurde. Gerade der letzte Schluss blieb jedoch eher Ausnahme denn Regel.

Dem von den sogenannten Vergeltungswaffen V1 und V2 nach London getragenen Terror standen nach Geheimdienstberichten von 1944 große Teile der deutschen Arbeiter*innen eher ablehnend gegenüber. Was für die britischen Arbeiter*innen zählte, zählte auch für sie: Wer den Terror aus der Luft am eigenen Leibe erlebt hatte, wünschte dies niemand anderem.

Hitler hingegen wies persönlich an, den Marschflugkörper V1 nicht etwa gegen die in den Häfen auf die Invasion Frankreichs wartenden Kriegsschiffe und Soldaten, sondern gegen die britische Zivilbevölkerung einzusetzen. Der ballistische Flugkörper V2 ist bis heute die einzige Waffe, deren Produktion mehr Todesopfer zu verantworten hatte, als ihr Einsatz. Der Schrecken dieser Waffe begann auf deutschem Boden, weil sie vorrangig im Konzentrationslager Mittelbau-Dora unter Tage, durch Häftlinge zusammengesetzt werden musste. Die Folge war eine Höchstzahl von Arbeitsunfällen und Morden durch die SS, um vermeintliche und echte Sabotage zu unterdrücken.

Spätestens im Herbst 1944 war auch den britischen und US-amerikanischen Stäben hingegen klar, dass eine Auswirkung auf die Moral der deutschen Arbeiter*innen durch die Angriffe nicht mehr zu erwarten war. Dennoch wurden die Luftangriffe sogar nochmals ausgeweitet.

Wien, wo 1945 die Nazi-Größen die Arbeiter*innenviertel aus Angst vor Aufständen mieden, blieb eine Ausnahme. Die Nazis selbst diagnostizierten diese Situation sei eine Folge der Luftangriffe. Konterkarierend fand der Münchener Studentenaufstand gegen den Gauleiter und seine Schergen im Frühjahr 1943 vor dem Hintergrund der unerwartet vernichtenden Niederlage in Stalingrad und der aufopfernden Untergrundarbeit der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ um Hans und Sophie Scholl statt. Und damit zu einer Zeit als München noch nicht in der Reichweite alliierter Bomberströme lag.

Wieso dann „Area Bombing“?

Laut dem britischen Historiker Max Hasting teilte der Kriegspremier Großbritanniens, Winston Churchill, „niemals den Glauben“, dass „die Bomberoffensive die Notwendigkeit einer Landoffensive zur Vernichtung des Gegners überflüssig machen könnte.“ Damit opponierte er gegen die Darstellung von Arthur Harris und Portal, die genau das immer wieder versprachen. Harris erklärte, der Sieg in einem Krieg mittels Bombardierungen, wäre als Möglichkeit nur deshalb nicht ins Auge gefasst worden, weil es eben noch nie versucht worden sei.

Hastings erblickte den Grund Churchills für die Entscheidung in einem ganz anderen Umstand: „Die Bomber“, so Hastings, „könnten die Alliierten befähigen, aggressiv zu verzögern, während Russland die gewaltigen Schlachten ausfocht, in denen die Wehrmacht zerbrach.“

Während die britische Armee auf Großbritannien wartete, allenfalls in Nordafrika kämpfte, siegte die Rote Armee unter schlimmsten Opfern erst 1941/42 vor Moskau, dann 1942/43 in Stalingrad und schließlich in Kursk-Orel. Die britischen Siege setzten zu Land erst 1943 mit El Alamein ein.

Das strategische Bombardement aus der Luft hielt Großbritannien als Gegner Deutschlands sozusagen im Spiel, während sich die Rote Armee in einem nie dagewesenen Abnutzungskrieg, allzu oft behindert durch Stalins Unfähigkeiten und den von ihm eingefädelten Mord an der sowjetischen Generalität vor Beginn des Überfalls, die als unbesiegbar geltende Wehrmacht Schlag um Schlag überwand.

Die Todesopfer auf britischer Seite waren im Luftkrieg gewiss gewaltig – etwa 55.000 Mann an Besatzungen starben über Europa. Verglichen mit den ungeheuren Menschenopfern der sowjetischen Armee waren sie durchaus vertretbar.

Dresden wird Ziel

Mit Beginn des Jahres 1945 gerieten sächsische Großstädte in die Reichweite britischer und US-amerikanischer Bombenflugzeuge. Damit gelangte Dresden auf die Zielliste der Westalliierten. In Jalta, so die häufig bemühte Darstellung, habe man Stalin erklärt, dass man Dresden zu bombardieren gedenke. Der, so heißt es dann oft weiter, habe dem Angriff seinen Segen gegeben.

Bei genauerem Hinsehen muss die Beschreibung, nach der de facto die UdSSR die Verantwortung für die Luftangriffe auf Dresden zu tragen habe, bezweifelt werden.

Die Angriffe auf die Elbmetropole wurden dem sowjetischen Militär stets als Schläge gegen die Bahnhöfe dargestellt. Selbst damit mochte sich die Führung der Roten Armee nicht recht anfreunden. Im Februar 1945 schlug die Spitze der sowjetischen Armee den Westalliierten die Einrichtung einer Bomberbegrenzungslinie vor, wie Olaf Groehler 1990 in seinem Buch „Bombenkrieg gegen Deutschland“ ausführt. Diese sollte von Berlin aus südlich bis nach Dresden und Zagreb führen und Angriffe ab dieser Linie bis nach Osten verhindern. In internen Diskussionen lehnten die Westalliierten dieses Ansinnen ab, hätten sie doch 20 Ziele von ihrer Liste streichen müssen, wenn sie diesem Vorschlag ihre Zustimmung erteilt hätten. Auch die Forderung der Führung der Roten Armee, Luftangriffe im unmittelbaren Hinterland der deutsch-sowjetischen Front nur dann durchzuführen, wenn die Rote Armee dem ihre Zustimmung erteilt hätten, lehnten die Luftwaffenführungen der USA und Großbritanniens ab. Diese Zustimmung wäre für einen Angriff auf Dresden, in der Art wie er umgesetzt wurde, kaum zu erwarten gewesen. Man begnügte sich auf westlicher Seite mit einer eher lapidaren Information.

Tage im Februar

Die Luftangriffe des britischen Bomber Command und der United States Army Airforce (USAAF) im Februar 1945 waren, trotz der hohen zu veranschlagenden Opferzahl auf deutscher Seite, weder besonders brutal, noch anders geplant als die bis dahin umgesetzten Bombardierungen. Allerdings hatten sie einen Grad enormer, mörderischer Effizienz und Professionalität beim Entflammen von Städten erreicht – Übung macht auch da den Meister. Sie trafen zudem auf eine auf Luftangriffe kaum vorbereitete Stadt, mit einer in dieser Frage so gut wie nicht erfahrenen Bevölkerung.

Jagdflugzeuge und Flugabwehrkanonen waren an die deutsch-sowjetische Front verlegt worden. Luftschutzbunker hatte man aufgrund der viel zu geringen Zementzuteilungen nicht errichtet. Da und dort waren provisorische Luftschutzräume in Kellern eingerichtet worden. Einen effektiven Schutz der Bevölkerung hatte die Nazi-Clique um Gauleiter Martin Mutschmann versäumt zu organisieren. Wie die Nazis im Generellen die Verantwortung für die 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs tragen, trägt Mutschmann jene für die Toten von Dresden im Besonderen.

Der Einsatzbefehl der in den Nachmittagsstunden des 13. Februar an die Besatzungen der 1., 3., 5. und 6. Bomber Group auf britischen Flugplätzen ausgegeben wurden, definierten die Absichten des Angriffs als das Treffen eines „Industriezentrums von hervorragender Bedeutung“ und die Zerstörung der „Telefon- und Eisenbahnverbindungen“. Zudem wolle man „gleichzeitig auch den Russen“ zeigen, „wenn sie die Stadt erreichen, was das Bomber Command anrichten kann“, wie der Tagesbefehl festhielt.

Gerade die Bombardierungen der urbanen Zentren in der späteren Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) folgten anscheinend vielfach dieser Motivation. Immerhin entfallen 81 Prozent der durch den Luftkrieg zerstörten Wohnungen in Sachsen auf die letzten vier Monate des Zweiten Weltkriegs. In Thüringen waren es im gleichen Zeitraum 69 und in Sachsen-Anhalt 64 Prozent. Diese Werte lassen sich nur zu Teilen aus der veränderten Kriegslage ableiten. Dass die zukünftige SBZ mit dem Großteil ihres Gebiets erst vergleichsweise spät in die Reichweite britischer und US-amerikanischer Bombenfliegerkräfte geriet, erklärt längst nicht hinreichend den Entschluss die erkennbare Endphase des Krieges zur Vernichtung von Wohnraumbeständen und zur weiteren Tötung von Zivilist*innen zu nutzen.

Die Diagnose, die Westalliierten hätten diese Angriffe geflogen, weil sie es eben konnten, greift zu kurz. Die Einteilung der Besatzungszonen war seit der Konferenz von Jalta im Januar 1945 bekannt, die Vorbehalte der militärischen Führung der UdSSR wurden spätestens in den darauffolgenden Wochen deutlich. Das Bombardement von Städten, die nach Ende des Krieges im Zugriffsbereich der Sowjetunion liegen würden, war mehr als nur in zweiter Linie eine Ansage an die UdSSR und deren Führung. Mit dem Einzug der Rotarmist*innen in weithin zerstörte deutsche Städte sollte diesen demonstriert werden, was die einstigen Verbündeten fähig und bereit waren zu tun. Die Kunde würde sich verbreiten. Dass die Luftangriffe auf deutsche Städte in den letzten Kriegswochen auch ein Vorspiel zum Kalten Krieg waren kann nur schwer bestritten werden.

Auch der erste Test einer Atombombe in der Wüste von New Mexico war eine Präsentation der Stärke der US-amerikanischen Waffen. Der Termin, einen Tag vor Beginn vor der Potsdamer Konferenz, auf der die USA, Großbritannien und die Sowjetunion, die Regelungen der Nachkriegsordnung verhandelten, lag äußerst günstig. Deutlicher konnte Washington Moskau kaum sagen, was den Zentren der UdSSR blühen konnte.

In seiner Dramaturgie folgte der Angriff auf Dresden dem Drehbuch, das die deutsche Luftwaffe geschrieben hatte: Ein teuflischer Mix aus Brand- und Sprengbomben sollte zunächst Dächer abdecken, um Häuser zu öffnen und das Hineinregnen von Brandbomben ermöglichen. Es würde nicht lange dauern, bis die Gebäude Feuer fangen und sich die Brände dann zu einem Feuersturm verdichten würden. Unterstützt wurde dieser Effekt durch die Zerstörung von Löschwasserleitungen und Warnanlagen im Stadtzentrum.

Als die ersten Bombenflugzeuge in der Nacht vom 13. zum 14. Februar abdrehten und Entwarnung gegeben wurde, war die zweite Welle bereits auf dem Anflug. Ihr Angriff traf viele Dresdner*innen in dem Moment als sie die unzureichenden Schutzeinrichtungen verlassen hatten, was die Opferzahlen in die Höhe trieb. Die Unzulänglichkeiten der deutschen Luftraumüberwachung sorgten so für weitere vermeidbare Todesopfer.

Nach Ende der zweiten Welle verließen viele Menschen dann die Keller aus Furcht vor weiteren Attacken nicht. Damit beging die wenig erfahrende Dresdner Bevölkerung einen Fehler, der weitere Tote forderte. Das Verharren im Keller bei Bränden auf den Straßen und steigenden Temperaturen verurteilte viele zum Erstickungstod.

Erst der Tagangriff der US-Bomber richtete sich dann wirklich gegen Rüstungsindustrie. Ob es dabei zu Szenen gekommen ist, die vielfach geschildert wurden, wonach US-Geleitjäger aus dem Verband ausscherten und mit ihren Bordwaffen Jagd auf Zivilist*innen machten, muss bezweifelt werden. Dresden war für Tiefflugangriffe viel zu verraucht. Munition aus Bordwaffen wurde an den Elbwiesen, wo sich diese Szenen vornehmlich zugetragen haben sollen, trotz intensiver Suche, nie gefunden.

Die Bahnhöfe, deren Zerstörung man der Roten Armee als Absicht des Angriffs präsentiert hatte, wurden nur teilweise in Mitleidenschaft gezogen. Der Hauptbahnhof wurde getroffen, der Bahnhof Neustadt blieb verschont. Schon zwei Tage nach dem Angriff liefen die Munitionstransporte an die Front mit der Sowjetunion wieder über diesen Bahnhof.

Zudem widerlegt die einfache Tatsache, dass keine einzige Bombe auf den sehr reichen Stadtteil „Weißer Hirsch“ fiel, die Behauptung, der Angriff auf Dresden habe sich gegen die Dresdner Nazi-Clique gerichtet. Deren Führung wohnte vornehmlich genau dort und musste auch nach dem 13. Februar auf die Annehmlichkeit eines intakten Heims nicht verzichten. Anders als viele Dresdner*innen, denen der Luftangriff die eigene Wohnung genommen hatte.

In makabrer Weise wurden in den Tagen nach dem Angriff mehr als 6.000 Leichen auf dem Altmarkt verbrannt. Verantwortlich für diese Maßnahme war ausgerechnet ein SS-Kommando aus dem Vernichtungslager Treblinka, welches dort ermordete Jüdinnen und Juden eingeäschert hatte. Derweil gelang es im Chaos der Tage nach dem Bombenangriff den mehr als 200 jüdischen Dresdner*innen, die noch deportiert und ermordet werden sollten, unterzutauchen.

Propagandaminister Joseph Goebbels frisierte seinerseits Berichte aus Dresden. Die Behörden der Elbestadt zählten in den Tagen nach dem Angriff etwa 25.000 Todesopfer. Goebbels fügte kurzerhand handschriftlich eine Null an, um die Abscheu über den Luftangriff zu erhöhen und den Durchhaltewillen zu stärken.

Bis heute beziehen sich Nazis gern auf diese Zahlen, reden sogar von 300.000 Toten und dem „Bombenholocaust“, um auf diese Weise den industriellen Massenmord an Jüdinnen und Juden zu relativieren. Die 2004 von Dresden eingesetzte Historiker*innenkommission fanden Belege für etwa 22.000 Tote. Entgegen dem häufig ins Feld geführten Argument in der Dresdner Innenstadt hätten Temperaturen von mehr als 1.000 Grad Celsius geherrscht und dies hätte dazu geführt, dass Menschen rückstandslos verbrannt seien, konnte den Untersuchungen der Historiker*innenkommission nicht standhalten. Auch wenn Dresden mit vor dem Krieg flüchtenden Menschen überschwemmt war, kann man Opferzahlen von weit über 30.000 Getöteten ausschließen.

Die belegten Zahlen malen dennoch das Bild eines grauenerregenden Angriffs, der nach Artikel 25 der HLKO klar als Kriegsverbrechen bezeichnet werden muss. Es war ganz bestimmt nicht das erste Verbrechen dieses Krieges und nicht das schlimmste. Allein in der ukrainischen Schlucht Babijar ermordeten Wehrmacht und SS im Zusammenspiel kurz nach dem Überfall auf die UdSSR 35.000 Jüdinnen und Juden.

Nach unterschiedlichen Schätzungen sollen den Angriffen auf deutsche Städte zwischen 400.000 und 600.000 Menschen zum Opfer gefallen sein. Allein die Belagerung Leningrads, durch deutsche Truppen von 1941 und 1944 brutal umgesetzt, kostete etwa 1,5 Millionen Sowjetbürger*innen ihr Leben. Im Holocaust ermordeten die Nazis sechs Millionen Jüdinnen und Juden.

Verteidigenswert wird der Angriff auf Dresden dennoch nicht und das hat dieser Angriff mit denen auf Hamburg, London, Paris, Leningrad, Moskau, Rotterdam oder Guernica gemein. Sie bleiben Verbrechen der Herrschenden an der Arbeiter*innenklasse; eine Form der kollektiven Bestrafung, die im Fall deutscher Städte unterschiedslos Anhänger*innen des NS-Regimes, Mitläufer*innen und Widerstand Leistende trafen. Die Luftangriffe kosteten in Deutschland einen widerlichen Henker wie Roland Freisler ebenso das Leben – als dieser sich anschickte eine Statue seines großen Idols Hitler vor den Bomben der Westalliierten zu retten – wie den zeitweilig sogar im KZ inhaftierten Sozialdemokraten Carlo Mieredndorff, der sich aktiv im Widerstand engagierte.

Nazis marschieren

Spätestens seit 1998 ist Dresden im Fokus der extremen Rechten. Seit damals finden in der sächsischen Landeshauptstadt Aufmärsche von Neonazis statt. Auch die drei Hauptmitglieder der Nazi-Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe – kamen 1998 nach Dresden. Sie trugen das Transparent „Nationalismus – eine Idee sucht Handelnde“ und würden diesen Satz in den folgenden Jahren mit Anschlägen und der Tötung von 10 Menschen auf mörderische Art umsetzen. Mit Björn Höcke war 2010 auch einer der einflussreichsten Politiker der AfD beim Nazi-Aufmarsch dabei.

Nicht dem Staat, der den Gegenprotest immer wieder behinderte, sondern antifaschistischen Massenmobilisierungen ist es zu verdanken, dass die Demonstration 2010 und 2011 gestoppt und unterbunden wurden. In den Jahren danach gelang es den Nazis nie zu demonstrieren. Der Widerstand war zu groß und wurde, nach Umfrageergebnissen, von einer Mehrheit der Dresdner*innen unterstützt.

In den letzten Jahren jedoch wurde der Aufmarsch wieder zu dem, was er einst war, dem größten regelmäßig stattfindenden Neonazi-Aufmarsch Europas. Auch in diesem Jahr protestierten wieder Tausende gegen den Aufmarsch. Erschwerend kommen seit einigen Jahren die Aktivitäten der AfD hinzu, die als Teil der extremen Rechten die Opfer des Angriffs missbraucht, um ihre Propaganda zu streuen.

Die ist ebenso arbeiter*innenfeindlch wie es die Angriffe der Westalliierten waren. Die Hetze der AfD gegen Migrant*innen gesellt sich zu ihrer Hetze gegen Menschen, die Sozialleistungen erhalten. Der sächsische AfD-Chef Jörg Urbahn stimmte dem neoliberalen Vordenker Markus Krall sogar zu, als dieser bei einem Vortrag für die AfD den Wahlrechtsverlust für Transferleistungsempfänger*innen forderte, was selbst Eltern heimsuchen würde, die Kindergeld erhalten.

Gern bezieht sich die extreme Rechte bei ihrem Aufmarsch auf Opferzahlen, die der Goebbels-Propaganda entstammen. Während die Bombardements deutscher Städte in diesem „Gedenken“ immer wieder betont werden, unterschlagen die Rechtsextremen aller Couleur die massenweisen Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Ebenso wie sie dazu schweigen, dass die Nazis diesen Krieg gezielt entfesselten und deutsche Unternehmer daran sehr gut verdienten.

Dass die Opferzahlen auf britischer und französischer Seite durch deutsche Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg geringer ausfielen als die auf deutscher Seite ist das Ergebnis einer technischen Innovation. Die Westalliierten bauten schlicht leistungsstärkere Bombenflugzeuge als die Deutschen: Mehr Bombenlast, mehr Reichweite, höhere Geschwindigkeit, besserer Eigenschutz. Hätten die Nazis über diese Mittel verfügt, die sie industriell trotz aller Versuche nicht in der Lage waren zu schaffen, sie hätten sie unbarmherzig eingesetzt. Das beweisen Guernica, Warschau, Rotterdam, Coventry, Moskau und Leningrad zur Genüge.

Krieg, mit allem, was dazu gehört, trägt der Kapitalismus in sich wie die Wolke den Regen. Wollen wir ein wirkliches Ende dieses Wahnsinns, bleibt uns nur die Alternative den Kapitalismus mitsamt seinen Schrecken auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern und Bombenflugzeuge dorthin zu bringen, wo sie hingehören: ins Museum einer sozialistischen Gesellschaft.