Mit Marx die Welt verstehen – und verändern!

((c) Roger Viollet Collection)

Laut der aktuellsten Oxfam-Studie haben seit 2020 die fünf reichsten Männer der Welt ihr Vermögen mehr als verdoppelt, während fünf Milliarden Menschen ärmer geworden sind. Die globale soziale Ungleichheit ist so groß, wie noch nie zuvor. Gleichzeitig wird die Welt von Krisen und Kriegen heimgesucht. Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach einem Ausweg. In dem Werk von Karl Marx (und Friedrich Engels) finden wir nicht nur Antworten auf die Ursachen. Marx’ Werk ist ein Handbuch für den Kampf für eine bessere Welt.

von Jens Jaschik, Dortmund

Es muss doch etwas faul sein im Innersten eines Gesellschaftssystems, das seinen Reichtum vermehrt, ohne sein Elend zu verringern…“, schreibt Marx – und trifft damit auch heute den Nagel auf den Kopf. Trotz des technologischen Fortschritts, den die Welt seit den Zeiten von Marx gemacht hat, scheint das Elend global betrachtet zugenommen zu haben. 

Während es eine steigende Prognose des jährlichen Wachstums  für den weltweiten Markt von Luxus-Yachten gibt, hungern 800 Millionen Menschen. 24.000 von ihMarx’ Werk ist ein Handbuch für den Kampf für eine bessere Welt.nen sterben täglich den Hungertod. Weltweit sind über 83 Millionen Menschen auf Grund von Kriegen, Vertreibungen oder Armut auf der Flucht. Um hier nur einige der krassesten Zahlen zu nennen. Auch in Deutschland können wir das wachsende Elend verfolgen. Zum Beispiel ist die Zahl der Wohnungslosen von 2022 auf 2023 um 58 Prozent gestiegen – während Immobilienkonzerne Rekordgewinne einfahren. Marx hatte sich zum Ziel gesetzt diese Faulheit im Innersten des Gesellschaftssystem in seinen Werken herauszuarbeiten.

Wissenschaftliche Methode

Der russische Revolutionär Lenin schrieb in ‚Drei Quellen und Drei Bestandteile des Marxismus, dass „Die Lehre von Marx … in sich geschlossen und harmonisch [ist], sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren lässt.“ Marx’ Analyse basiert auf einer wissenschaftlichen Methode, die die realen Gegebenheiten analysiert.

Doch Marx analysierte nicht nur die Gesellschaft. Er war mehr als nur ein Ökonom und Philosoph. Er war ein Revolutionär. Aus seinen Analysen leitete er ab, dass eine sozialistische Alternative zum Kapitalismus nicht nur wünschenswert, sondern notwendig ist. Gleichzeitig griff er in die Kämpfe seiner Zeit ein und erklärte, dass wir uns organisieren müssen, um unsere Interessen durchzusetzen. Denn „Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, aber es kommt darauf an Sie zu verändern.“

Die Welt verstehen, um sie zu verändern

Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden”, erklärt Marx. Unser Leben wird von den sozialen Verhältnissen bestimmt, in denen wir leben. Marx fasst dies in seinem “Vorwort zur Einführung der Kritik der politischen Ökonomie” wie folgt zusammen: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis worauf sich ein politischer und juristischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, dass ihr Sein, sondern umgekehrt, ihr gesellschaftliches Sein, dass ihr Bewusstsein bestimmt.

Im Kapitalismus wird das ökonomische System von dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit bestimmt. Die Kapialist*innenklasse, welche die Produktionsmittel (Fabriken, Maschinen, Büros etc.) besitzt, eignet sich den Gewinn an, der von der Arbeiter*innenklasse produziert wird. Dabei stehen, die Kapitalist*innen selber in Konkurrenz zueinander und müssen immer neue und größere Gewinne einfahren. In “Das Kapital” untersucht Marx die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus bis ins kleinste Detail, doch es genügt hier zu erklären, dass diese ökonomische Basis die Gesamtheit der Gesellschaft bestimmt. Der Staat ist darauf ausgerichtet das Privateigentum und die Profite der Kapitalist*innen zu schützen. Die verschiedenen Parteien an der Macht vertreten nur auf die eine oder die andere Weise die Interessen der herrschenden Klasse. Und wird uns Konkurrenzdenken nicht schon in der Schule beigebracht? Der Kapitalismus zieht sich durch alle Ebenen unserer Gesellschaft.

Krisen

Die Widersprüche des Kapitalismus führen immer wieder zu neuen Krisen, Kriegen und Katastrophen. Sie sind dem System immanent. In “Das Kapital” erklärt Marx wie die ökonomische Grundstruktur des Kapitalismus, zu wiederkehrenden Krisen führt, aber er führt auch aus, dass „Das Kapital hat … einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere [hat]. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alles menschlichen Gesetze unter seinem Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf  Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es beide encouragieren.“ Das Kapital hat Angst vor Verlusten. Um Verluste zu vermeiden, ist es bereit, massenhaft Arbeiter*innen zu entlassen. Aber um neue Profite zu gewinnen, ist das Kapital bereit zu spekulieren und im globalen Konkurrenzkampf seine Position zu stärken.

Leidtragende ist immer die Arbeiter*innenklasse, die die Kosten der Krise tragen soll. Marx’ Analyse lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Man kann den Kapitalismus nicht menschlicher machen, wenn man nur an einzelnen Hebeln zieht, sondern wir müssen den Kapitalismus überwinden, um ein menschliches System zu errichten. Die Alternative ist eine sozialistische Demokratie, in der die Mehrheit der Menschen über Politik und Wirtschaft bestimmt. Eine grundsätzliche Veränderung der Umstände in denen wir leben.

Klassenkampf

Die Widersprüche des Kapitalismus führen zum unvermeidlichen Kampf zwischen der Arbeiter*innenklasse und der herrschende Klasse, den Kapitalist*innen. Proteste, Demonstrationen, Streiks, Aufstände, Revolten und Revolutionen sind die Folge. Solange es Unterdrückung gibt, werden Menschen immer entscheiden, Widerstand zu leisten und sich gegen soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufzulehnen. Klimazerstörung, Rassismus, Unterdrückung und Krieg haben auch in Deutschland in den vergangenen Jahren zu zahlreichen Protestbewegungen geführt. Marx und der Marxismus helfen uns zu verstehen, was die Bedingungen unserer Kämpfe sind und wie wir diese zum Erfolg führen.

In einem Brief schrieb Marx über den Klassenkampf: „Was mich betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, das die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. dass diese Diktatur nur selbst den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.“ 

Kämpfe verbinden

Für Marx bedeutet Diktatur des Proletariats die Herrschaft der Lohnabhängigen, also Mehrheit der Menschen – eine demokratisch organisierte Gesellschaft, in der die Produktionsmittel, das heißt die Banken und Konzerne, verstaatlicht sind. Der Klassenkampf wirft zwangsläufig die Frage einer anderen Gesellschaft auf, weil die Kämpfenden immer wieder an die Grenzen des Systems stoßen. Marxist*innen verallgemeinern diese Erfahrungen und tragen diese zusammen mit den Erfahrungen der Vergangenheit in die Bewegungen, um Vorschläge für ein Programm und eine Taktik zu machen.

Marxist*innen kämpfen für jede Verbesserung im Hier und Jetzt. Sie sind die konsequentesten Kämpfer*innen gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen Kriege und die Zerstörung der Umwelt. Aber aus der durch Marx’ Werk gewonnen Erkenntnis, dass die gesellschaftlichen Missstände nicht im Rahmen der kapitalistischen Verhältnisse gelöst werden können, ziehen sie die notwendige Schlussfolgerung, alle Kämpfe für unmittelbare Verbesserungen (bzw. gegen Verschlechterungen) mit dem Kampf für eine sozialistische Veränderung der Gesellschaft zu verbinden. 

Denn hinter Umweltzerstörung, Kriegen und Aufrüstung, Erwerbslosigkeit, unzumutbaren Arbeitsbedingungen, Armut, Flucht und Diskriminierung steht die Herrschaft der Klasse der Kapitalist*innen über die übergroße Mehrheit der Menschen, die Lohnabhängige, Bäuerinnen und Bauern oder kleine Selbständige sind. Angetrieben von der dem Kapitalismus innewohnenden Profitmaximierung geht diese herrschende Klasse über Leichen und zerstört den Planeten. 

Deswegen brauchen wir Marx: Um die sozialen Verhältnisse zu verstehen, in denen Unterdrückung, Ausbeutung, Krisen und Kriege entstehen. Um zu verstehen, was der Kern der Sache ist, das kapitalistische System selbst. „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen“, so Marx. Sein Werk hilft uns, den Kapitalismus fassbar zu machen. Mit Marx wissen wir, wo wir in den Klassenkämpfen ansetzen müssen.

Wer war Karl Marx?

Karl Marx lebte von 1818 bis 1883. Zusammen mit seinem engsten Weggefährten Friedrich Engels analysierte er die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer historischen Entwicklung und begründete den wissenschaftlichen Sozialismus, nach ihm Marxismus genannt. Er entdeckte Gesetzmäßigkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft, aus denen er die Schlussfolgerung zog, dass die kapitalistische Gesellschaftsordnung durch eine klassenlose Gesellschaft abgelöst werden muss. Doch er war nicht nur Theoretiker, sondern spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau der Arbeiter*innenbewegung, zum Beispiel in der Internationalen Arbeiterassoziation, der ersten internationalen Organisation von Arbeiter*innen und Sozialist*innen. In dieser Tradition baut die Sol mit ihren Schwesterorganisationen auf der ganzen Welt das Komitee für eine Arbeiter*inneninternationale (CWI) auf. 

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