„Wir sollten wieder lernen, gemeinsam zu kämpfen“

Interview mit Thorsten Donnermeier, IG Metall-Vertrauensmann bei VW Kassel*

Solidarität: Ende letzten Jahres hat die IG Metall einem Tarifvertrag bei VW zugestimmt und damit auch den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen akzeptiert. Dies wurde als Erfolg dargestellt, allerdings gibt es inzwischen wachsende Kritik. Wie wurde über den Abschluss bei VW im Werk Kassel und anderswo diskutiert? Wie ist die Stimmung?

Thorsten Donnermeier: Es gab eine Enttäuschung bei einem Teil der Belegschaft, dass ein Ergebnis präsentiert wurde und es keine Abstimmung darüber gab. Der Wunsch wäre bei vielen dagewesen, kein Ergebnis, sondern einen Verhandlungsstand zu bekommen und dann zu diskutieren, wie es weitergeht. Zum anderen beinhaltet dieser Abschluss einige Einschnitte. Es gibt Lohnverluste, weil Urlaubsgeld und Bonuszahlungen reduziert werden oder ganz wegfallen. Große Kritik gibt es daran, dass für die älteren Kolleg*innen im so genannten Haustarifvertrag 1 die Arbeitszeiten um zwei Stunden verlängert werden. Das bedeutet, dass der Konzern mit noch weniger Beschäftigten auskommen will.  Nach und nach werden weitere Schwachstellen deutlich. So fallen nun auch die Schichtzulagen geringer aus. Das alles sind enorme Opfer, und trotzdem ist der Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen geplant. Gleichzeitig sollen jetzt noch mehr Wochenendschichten gefahren werden, um die Maschinen noch besser auszulasten. 

Sind die VW-Standorte jetzt überhaupt gesichert bis 2030? Was sind die Perspektiven?

Mittlerweile ist der Vorabentwurf des Tarifvertrages auch im Labournet abrufbar. Wenn man sich die Öffnungsklauseln durchliest, wird deutlich, dass auch in Bezug auf die Beschäftigungssicherung weiterhin große Unsicherheiten bestehen. Das heißt, wenn die VW-Bosse sagen, dass der Konzern in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, dann steckt in der Öffnungsklausel die Möglichkeit, weitere „arbeitsmarkt- und sozialpolitische Maßnahmen“ zu treffen. Meiner Meinung nach gibt es sehr viele große Risikofaktoren, die bedeuten würden, dass die Öffnungsklauseln zum Tragen kommen und weitere Arbeitsplätze und ganze Standorte bedroht sind. 

Was wäre aus deiner Sicht möglich und nötig gewesen, um ein anderes Ergebnis zu erreichen? 

Wenn die Gewerkschaftsführung oder Betriebsratsspitze dieses Narrativ im Kopf hat, dass man den Standort Deutschland, Kassel oder Wolfsburg oder wie auch immer „wettbewerbsfähiger“ machen will, dann steht das im Widerspruch zu kürzeren Arbeitszeiten und guten Arbeitsbedingungen. Denn dann muss man dafür sorgen, dass billiger produziert werden kann und das geht zulasten der Arbeitsbedingungen und Löhne. Wir dürfen uns nicht in Konkurrenz gegeneinander setzen lassen, sondern es muss heißen, wir Beschäftigte teilen die gleichen Interessen – nicht aber die der Großaktionär*innen. Wir sollten wieder lernen, gemeinsam zu kämpfen. Über das eigene Firmenlogo, die eigene Branche und über Ländergrenzen hinweg. 

Was für eine Alternative braucht es für die Kolleginnen und Kollegen? Siehst du Möglichkeiten für den Aufbau einer kämpferischen Vernetzung in der IG Metall?

Es gibt schon Vernetzungen von einzelnen Kollegen, so zum Beispiel lose Kontakte zwischen Mercedes- und VW-Arbeiter*innen. Ich würde mich freuen, wenn sich Basisgruppen organisieren können, um andere Möglichkeiten von Gewerkschaftspolitik und Widerstand zu diskutieren. Es fällt vielen Kolleg*innen schwer, sich außerhalb des Arbeitslebens zu treffen und dann wieder über die Arbeit zu sprechen. Der Aufbau so einer Gruppe bedeutet das Bohren dicker Bretter. Aber die Dinge sollten breit diskutiert werden, auch über Parteigrenzen hinweg und auch mit Unorganisierten zusammenzukommen. Ich halte das für sehr wichtig.  

Mit welchem Programm mobilisiert die IG Metall für den Aktionstag am 15. März? Was denkst du dazu?

Es ist erstmal gut, wenn angefangen wird, sich als größte Einzelgewerkschaft in Deutschland politisch einzumischen. Ich finde es aber schade, wenn ich so Forderungen nach Absenkung des Industriestrompreises lese. Das würde ja letztendlich bedeuten, dass die Beschäftigten in der Autoindustrie bis hin zur Kassiererin im Aldi mit ihren Steuerabgaben einen niedrigeren Strompreis für die Unternehmen mitfinanzieren. Was mir auch fehlt, ist eine klar antikapitalistische Haltung. 

Dass es den Aktionstag am 15. März gibt, ist aber trotzdem gut. Eine Idee wäre, dass Kolleg*innen vor Ort ihre eigenen Schilder und Transparente mit ihren Forderungen wie zum Beispiel „Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn“ malen. Es ist auch eine Möglichkeit, in Kontakt zu kommen, Telefonnummern auszutauschen und so könnte man auch zur oben genannten Frage von Vernetzung ein Stück weiter kommen. 

*Funktionsangabe dient nur zur Kenntlichmachung der Person