Der Mann Trotzki

Diego Rivera, Leo Trotzki, André Breton in Mexiko (https://www.flickr.com/photos/vpagnier/13483913454)

Wir freuen uns, diesen außergewöhnlichen Text der ehemaligen Sekretärin Trotzkis, Rae Spiegel, später bekannt als Raya Dunayevska, veröffentlichen zu können. Dank des CWI-Genossen Wayne Scott wurde dieser Artikel erstmals ins Englische übersetzt und veröffentlicht. Wir veröffentlichen nun die deutsche Übersetzung. Geschrieben, während Rae Spiegel mit Trotzki und seiner Familie in Mexiko lebte und arbeitete, bietet er ein seltenes und lebhaftes Porträt von Trotzki in den letzten Jahren seines Lebens. Statt ihn nur als revolutionären Anführer und marxistischen Theoretiker zu zeigen, zeigt der Artikel ihn so, wie er den Menschen erschien, die ihren Alltag mit ihm teilten: Ein Genosse, Ehemann und Vater, der unter enormer politischer Repression arbeitete.

Dies war die Zeit der stalinistischen Hexenjagd, die während der Moskauer Prozesse von 1936 bis 1938 ihren Höhepunkt erreichte. Die stalinistische Bürokratie versuchte die gesamte Generation auszuschalten, die die Oktoberrevolution angeführt hatte. Trotzkis Unterstützer*innen in ganz Europa wurden exekutiert, es wurden im großen Stil Fälschungen hergestellt und Trotzki selbst wurde zum Feind erklärt, der angeblich konterrevolutionäre Verschwörungen organisierte, die nur in den Köpfen der Geheimpolizei existierten. Seine Familie erlebte furchtbare Verluste, und er selber lebte unter der ständigen Bedrohung ermordet zu werden.

Rayas Text zeigt auch, unter welch einfachen und disziplinierten Umständen Trotzki im Exil lebte. Selbst kleinste Annehmlichkeiten wurden als überflüssig angesehen und der Haushalt musste oft mit sehr begrenzten Ressourcen wirtschaften. Raya schreibt, dass sie und Trotzkis Frau – Natalia Sedova – Witze darüber gemacht hätten, dass die Stalinist*innen unterstellten, dass Trotzki Millionen von Hitler bekommen hätte, während der Haushalt die Grundnahrungsmittel rationierte.

Ja, dieser Artikel zeigt, dass Trotzki diesen Umständen nicht mit Bitterkeit oder Verzweiflung begegnete, sondern mit bemerkenswerter Stärke, Disziplin und Menschlichkeit. Rayas Text steht somit auch in scharfen Kontrast zu den bürgerlichen Kommentator*innen, die die Karikatur Trotzkis als kalte und gefühllose Person zeichneten. Stattdessen sehen wir einen revolutionären Kämpfer, der politische Klarheit, Wärme, Humor und Rücksicht auf sein Umfeld kombinierte.

Raya sollte später eine andere Richtung einschlagen. Sie tat sich 1940 mit C.L.R. James zusammen und sie entwickelten die Theorie, dass die UdSSR eine Form des Staatskapitalismus angenommen hätte. In den 1950er-Jahren entwickelte sie die Theorie weiter, die später als marxistischer Humanismus bekannt werden sollte. Obwohl Trotzkist*innen einigen ihrer späteren Ansichten widersprechen, insbesondere da, wo die zentrale Rolle der Arbeiter*innenklasse als Kraft für sozialistische Veränderung verblasst, bieten ihre historischen Werke, gerade die über den Kampf gegen Rassismus in den USA und über den Bürgerkrieg, wertvolle Einsichten.

Doch dieser Artikel gehört in eine frühere Periode. Als 22-Jährige war sie engagierte Revolutionärin der Vierten Internationale, die Trotzki in einer der dramatischsten Phasen unserer Bewegung beistand. Nach Trotzkis Ermordung 1940 hat sie den Artikel an Max Schachtmann weiter gereicht, dass dieser ihn in der Presse der neu gegründeten „Workers Party“ („Arbeiterpartei“) veröffentliche. Jedoch wurde er nie gedruckt.

Wir freuen uns, ihn jetzt veröffentlichen zu können. Darin zielen wir darauf die desaströsen Verleumdungen gegen Trotzki zu kontern und eine neue Generation junger Menschen an den echten Trotzki heranzuführen. Ein revolutionärer Anführer der Arbeiter*innenklasse und ein Genosse von außerordentlicher Humanität und Integrität.

Redaktion von www.socialistworld.net

Zum Schluss seines zweiten Jahres auf dem nordamerikanischen Kontinent war der 59-jährige Leon Trotzki so optimistisch und energisch wie als 22-jähriger Revolutionär, der 1902 das erste Mal aus Sibirien floh.

Seine Arbeit an zwei großen Biografien, die Lenins und die Stalins, diktiert mit 1000 Wörtern am Tag, die sorgfältige Lektüre der Weltpresse und die Durchsicht und nochmalige Durchsicht der Übersetzungen seiner eigenen Werke in fünf Sprachen, machen nur einen Teil des Tages des ehemaligen Kommissars für äußere Angelegenheiten aus.

Im blauen Haus eingegraben, welches die Riveras ihn in Coyoacan eingerichtet haben, ist der frühere Kriegskommissar nun schwerer beschützt als zu der Zeit, als er an der Macht war.

Die ausgeklügelten Flutlichter geben seinem Haus eher den Anschein eines Kinos in Hollywood während einer Weltpremiere. Doch das Wachhäuschen auf dem Dach, die hohen Mauern, die vergitterten Fenster und Türen und das komplizierte Alarmsystem verändern diesen Eindruck drastisch.

Der Bau erinnert nun eher an eine praktisch uneinnehmbare Festung. Die Wachhäuschen auf beiden Seiten des Anwesens, bestückt mit Polizist*innen mit Bajonetten, Automatikwaffen und Pfeifen, waren Mexikos Beitrag zum Schutz des bekannten Exilanten.

Die zweite Verteidigungslinie waren die Wachen im Inneren. Trotzkis hingebungsvolle und unerschrockene revolutionäre Gefolgschaft, die das Grundstück patrouillieren. Die gut ausgerüstete Belegschaft des Sekretariats unterstützen sie dabei.

Der Lauf einer Automatikwaffe, der durch einen kleinen Riss in der Tür schaute, war die erste Antwort auf unser Klingeln. Augenscheinlich zufrieden mit dem Anblick von Diego Rivera, der mich von seinem Haus in San Angel hierher fuhr, hat die Wache im Inneren schnell die Tür geöffnet und hinter uns ebenso schnell wieder verschlossen.

Ich wurde mit Joe Hansen bekannt gemacht. Ein Mann mit literarischem Talent, der aus dem Westen kam, um Trotzki als englischsprachiger Sekretär zu dienen. Dieser wiederum machte mich mit dem groß gewachsenen, rotblonden französischsprachigen Sekretär Jean van Heijenoort bekannt, der mich in Trotzkis Arbeitszimmer führte.

Der Anblick eines Haushalts von bewaffneten Männern war nicht dafür gedacht, die Nerven eines amerikanischen Mädchens zu beruhigen. Die Nervosität wurde nur durch den Gedanken daran verstärkt, was noch kommen sollte. Nachdem ich kaum mehr als ein Jahr Russisch gelernt hatte, wagte ich mich, mich einem Meister der Sprache als persönliche Sekretärin vorzustellen. Ich war nervös: Sollte mein Russisch gut genug sein?

Ich bereute ein wenig, dass ich so gelangweilt von meiner Arbeit in den Vereinigten Staaten war und sie daher für ein Abenteuer in Mexiko verließ. In meinem Kopf sprangen Beschreibungen Trotzkis als „diktatorisch und anspruchsvoll“ auf, einem „Genie, aber großen Egoisten“, „arrogant“. Ich merkte, dass ich tatsächlich Angst davor hatte, den „Mann des Oktobers“ zu treffen, so genannt, weil sein Geburtstag, der 25. Oktober, auch der Jahrestag der erfolgreichen bolschewistischen Revolution 1917 war.

Mit militärisch anmutendem Schritt kam Trotzki auf mich zu. Er schüttelte mir fest die Hand. Ich war sofort überrascht von seiner enormen Hand, eine vergleichbare habe ich noch nie gesehen. Seine hohe Stirn, der löwenartige Schädel, der mit silber-grauen Haar gekrönt war, welches nach hinten wallte, als würde eine Brise durchwehen. Das feste Gebiss und das Kinn mit dem grauen Schnurr- und Ziegenbart. Alles lastete auf gewaltigen, starken Schultern.

Ein Titan erhob sich vor mir und ich spürte die Kraft des großen Intellektuellen. „Formidabel“ habe ich auf Französisch zu Van Heijenoort geflüstert.

Mit Trotzki sprach ich Russisch. Er lächelte mit dem genialen Lächeln eines zufriedenen Kindes und sagte, dass mein Russisch einen perfekten Manhattan-Akzent hätte. „Aber“, sprach er nun auf Englisch, „Sie werden der Aufgabe gerecht.“. Dann fügte er hinzu, dass ich ihn vielleicht in seinem neu erlernten Englisch testen wolle.

Trotzki verließ kurz den Raum und kam mit einer Jacke für mich zurück. Mexikanische Abende sind kühl, doch ich war so abgelenkt vom Treffen mit dem berühmten Exilanten, dass ich die Kühle nicht bemerkte. Wie bemerkte er es? Es gab eine unerwartete Bescheidenheit an diesem ehemaligen russischen Kriegskomissar, die mich beruhigte. Ich begann mit Freude an meine Zukunft als seine Sekretärin zu denken.

An dem Abend litt meine soziale Gelassenheit jedoch vehement, als mein Mund zum ersten Mal in Kontakt mit dem Chile Poblano kam. Ich bin heute noch nicht sicher, wie ich die „Flammenwerfer“, wie ich das Gericht später nannte, schlucken konnte. Trotzki sagte, dass dies ein internationaler Haushalt sei und, während er auf meinen Teller blickte, keine nationalen Vorurteile geduldet würden. Das Gelächter am Tisch machte meine Aufgabe nicht leichter und meine Zunge fühlte sich an als würde sie brennen, als ich aufgegessen hatte.

Trotz der fröhlichen Stimmung am Tisch fühlte ich mich dennoch unwohl, da ich als neues „Familienmitglied“ unter der ständigen Beobachtung Trotzkis stand. Bevor wir mit dem Abendessen fertig waren, spürte ich seinen prüfenden Blick. Dieses Mal stand er meiner schlanken Figur entgegen.

Feierlich, mit einem Funkeln in den Augen, fasste er die Situation zusammen: „Rae Spiegel- Sie existiert nicht. Sie ist nur eine mathematische Abstraktion.“

Die goldhaarige Natalia Ivanovna, Trotzkis Ehefrau, nahm diesen Kommentar so ernst, dass ich eine doppelte Portionen Chile Poblano bekam. Diese doppelten Portionen hatten einen Effekt. Als ich diese geniale Familie verließ, hatte ich 15 Pfund zugelegt.

Am folgenden Tag wurde ich mit der täglichen Routine vertraut gemacht. L.D., den ich bald als Leon Davidovich ansprechen würde, stand 07:30 Uhr auf, goss die Pflanzen im Garten und spazierte im Hof. Er durfte dabei nicht gestört werden, denn er plante das Tagesdiktat, welches um 09:00 Uhr begann. Wichtige Artikel und natürlich große literarische Werke wurden in Russisch verfasst, Briefe in der Sprache des Adressaten: Russisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch.

Da Trotzki so umfangreich schrieb, dachte ich, dass er das Geschriebene schnell komponieren würde. Doch er diktierte nicht nur langsam, er las auch mehrfach die getippte Kopie Korrektur. Nachdem er das Transkript ausgehändigt bekam, brachte er so viele Änderungen ein, dass es oft schwer war, das Original zu erkennen. Was mal eine Seite war, kam zum Abtippen vielleicht als vier Seiten ins Sekretariat zurück.

Während der „Kollaborateur“, so nannte er den Sekretär, ordentliche Kopien anfertigte und die „Seite“ durchnummerierte, lief Trotzki aus dem Raum, kam wieder hinein und fügte neue Unterpunkte hinzu. Der Längenzuwachs der Texte erklärte sich nicht aus Anpassungen, sondern aus dem Hinzufügen von Inhalten.

Trotzki arbeitete nicht von einem geschriebenen Umriss aus. Er diktierte zuerst seine Gedanken. Ich bemerkte, dass das erste Diktat oft blumiger war als der fertige Text, in dem er schonungslos Adjektive strich, die er für nicht notwendig hielt. Es ist Präzision des Ausdrucks, die er anstrebte und der finale Text beschreibt seine Gedanken kurz und knapp.

L.D. ging beim Diktieren das Arbeitszimmer auf und ab. Jedes Wort wie abgewogen. In seiner langsamen Art des Diktierens war nichts Phlegmatisches. Stattdessen betonte sein tiefer, ruhiger Ausdruck nur, welche Grenzen das Exil solch einem dynamischen und energischen Mann setzte. Die Schönheit der russischen Sprache wurde verstärkt durch die Eloquenz eines solchen Meisterredners. Es ist eine siegreiche Komposition, die mit viel Elan die Gründe für die Weltrevolution erläutert.

Manchmal stoppte Trotzki das Diktat, um seine Bibliothek zu begutachten: lange, einfache Regale, gefüllt mit den Schriften von Marx, Engels, Lenin, seinen eigenen Werken, Berichten der Versammlungen der kommunistischen Internationale, Schriften über Ökonomie, Wissenschaft, Philosophie, Psychoanalyse und, ganz unten, Romane, meistens auf Französisch.

Trotzki war nicht nur der genaue Inhalt eines jeden Buches bekannt, sondern auch der Platz, den es im Regal einnahm. Er bemerkte schnell, wenn sich das Arrangement änderte, neue Einbände auftauchten oder – am schlimmsten – ein Band fehlte. Manchmal schaute er auf den Vorgarten, wo eigenartige, primitive Steinidole im starken Geruch von Jasmin, Rosen und Orangen standen und sich Drillingsblumen über die hohen Mauern zum Horizont streckten.

Meine erste Erfahrung mit der Presse machte ich am Ende meines ersten Arbeitstages: Einem Interviewer wurde eine Audienz gewährt. Er war Korrespondent einer führenden New Yorker Tageszeitung.

In der Regel fanden Interviews mit Trotzki in seinem Arbeitszimmer statt. Aber an diesem Tag waren Diego und Frida Rivera dort, um den Abend mit L.D. und Natalia Ivanovna zu verbringen. Somit traf sich Trotzki nur in meinem Arbeitszimmer mit dem Reporter.

Als der Reporter kam, gab ich ihm aufgeschriebene Antworten auf seine schriftlichen Fragen. Er las sie in meiner Gegenwart und unterschrieb dafür, dass die Antworten vollständig und in voller Länge veröffentlicht würden. Trotzki kam herein und ich machte beide miteinander bekannt.

Ich fand das Interview interessant anzusehen. Jetzt, wo mir die Dinge bekannt sind, die danach passierten, kann ich nicht anders als zu lächeln, wenn ich daran zurückdenke. Sowohl vom Aussehen als auch in seinem Benehmen war der Mann klein. Er schien zu schmelzen, als er den eintretenden ehemaligen Kriegskommissar sah.

Überwältigt traute er sich kaum mehr als Trotzki um seine Zustimmung zu fragen: „Mochte Herr Trotzki meine Fragen?“

Trotzki lächelte: „Ich habe sie so gut es geht beantwortet.“

Der Herr von der Presse sah lächerlich aus. Am Schluss der zehnminütigen Unterhaltung lobte er die „brillante Klarheit“ von Trotzkis Antworten und bat um Vergebung für seine Sentimentalität: „Es würde mir eine Menge bedeuten, wenn ich ein Autogramm von Herrn Trotzki bekommen könnte.“

Trotzki unterschrieb den Text und ging zu den Riveras zurück. Der Reporter wurde durch die andere Seite nach draußen eskortiert. Er präsentierte seinen Artikel später ­- nicht wie angekündigt in der New-York-Daily, sondern in einer reißerischen Monatszeitung in Chicago – als Beleg, dass Leo Trotzki und Diego Rivera nicht miteinander sprachen.

Der gleiche Korrespondent hörte mit seinen Erfindungen dort nicht auf, sondern zitierte Trotzki so, dass es seinem Statement eine seltsame und unwirkliche Wendung gab. Er erreichte dies, indem er die Zitate mit seinen eigenen Einschüben unterbrach. Das erweckte auch den Anschein, als seien die Antworten mündlich in einem ausgedehnten Gespräch gegeben worden, statt in knappen zehn Minuten.

Man kann nicht einschätzen, ob der Reporter aus New York (oder Chicago) dies tat, weil er ein Heuchler war, oder ob er es tat, weil er sich damit besser verkaufen konnte. Vielleicht gehe ich zu detailliert auf diese Situation ein, jedoch war dies der typische Ablauf eines Interviews mit Trotzki und der Aufbereitung dieser für die Veröffentlichung. Das Wissen darüber zerstörte den ohnehin wackligen Glauben an die Beschreibungen von Trotzki, die ich zuvor las.

Im Dezember des letzten Jahres berichtete die Presse, dass Trotzki und seine Angestellten Urlaub machten. Während wir auf das Land fuhren, fragte mich Trotzki, ob ich im Wald ein Diktat aufnehmen würde – auf meinem Schoß schreibend. Ich wollte fast „ja“ sagen, als ich einen Tritt von Natalia bekam. Sie erinnerte mich damit daran, dass wir immerhin im Urlaub waren und die richtige Antwort daher nur „nein“ sein könne.

Auch die Ablehnung seines Wunsches, die Trotzki zwar akzeptierte, hielt ihn nicht davon ab, jeden Tag zumindest etwas zu schreiben. Nach unserem zweiwöchigen Urlaub hatte Trotzki immerhin drei Artikel diktiert, jeder um die 20 Seiten lang und zu unterschiedlichsten Themen: „Spanien – die letzte Warnung“, „Hinter den Festungsmauern des Kremls“ und eine Einführung zu Harold R. Isaacs‘ „Die Tragödie der chinesischen Revolution“.

Da wir nicht alle Büroartikel dabeihatten, fehlte uns auch ein Schwamm. Eines Morgens leckte ich deshalb an den Briefumschlägen, um sie zu schließen. Gerade in dem Moment kam Trotzki in den Raum, schaute erstaunt auf meine Zunge und rief: „Was für eine Barbarei“

Ich betrachtete seinen – mir nun bekannten – kräftigen Schritt, als er hinauslief. Seinen hohen hygienischen Ansprüchen zu Folge war das Anlecken eines Briefumschlages nämlich nicht weniger als genau das: Barbarei. Er merkte jedoch schnell, dass er sehr schroff reagiert hatte. Wann immer Trotzki Anlass hatte, jemanden schroff zu begegnen, begann er sofort wieder, es zu bereuen und die Versöhnung zu suchen.

Binnen von fünfzehn Minuten kam er zurück und hielt einen Blumenstrauß, den er selbst gepflückt hatte. Zu seinem Dank akzeptierte ich die Versöhnung.

Die Riveras sind auf dem Lande angekommen und wanderten mit uns durch die Wälder. L.D. zeigte sich skeptisch, dass sich Diego den gesamten Morgen mit ihnen aufhielt. Diego protestierte und sagte, dass er wandern und nicht malen wolle. L.D. sagte darauf: „Ja, ja, Diego. Du kommst mit uns mit, solange du keinen Baum triffst.“

Diego traf dann doch einen Baum und setzte sich mit seiner Staffelei darunter. Wir sahen beide nicht vor der Dämmerung.

Wir mussten eher nach Coyoacan zurückkehren als wir geplant hatten, nachdem wir die Information erhielten, dass ein Attentat auf Trotzki geplant war. (Walter Krivitsky, der sich weigerte, im Zuge des Rückrufs der Diplomaten nach Russland zurückzukehren, hatte Trotzkis Sohn Leon Sedov informiert.)

Die Geheimpolizei hatte seine Aktivitäten in Mexiko ausgeweitet und zwei professionelle Halsabschneider eingeschleust: einen französischen Agenten, der mit dem Mord an Lausanne und Ignace Reiss beauftragt war, nachdem Ignace, ein ehemaliger Agent der Geheimpolizei, mit Moskau gebrochen hatte, um sich der trotzkistischen Vierten Internationale anzuschließen. Zudem noch ein kleiner Ganove aus Philadelphia, der als zuständiger Kopf der sowjetischen Geheimpolizei in Spanien zum „Verschwinden“ von Trotzkis tschechoslowakischen Sekretär Erwin Wolf beitrug.

Die mörderische Hand der stalinistischen Geheimpolizei streckte sich dann auch nach Frankreich aus, wo sie einen grausamen Mord an einem anderen ehemaligen Sekretär Trotzkis verübte. Die Leiche des jungen deutschen Flüchtlings Rudolf Klement wurde ohne Kopf und Beine in der Seine gefunden.

Uns wurden Fotos der zwei Mitglieder dieser internationalen Mafia zugesandt. Eine der Wachen schlug vor, dass wir sie in unseren Übungen am Schießstand nutzen sollten. Nicht nur konnten wir uns keine Fehler erlauben und unsere Aufmerksamkeit schweifen lassen, wir mussten auch weitere Sicherheitsmaßnahmen einführen. Ich verstand nun die Wichtigkeit der schweren Abwehr und fühlte mich nicht länger nervös in der Sicherheit unserer Festung.

Nach dem Urlaub ging der Arbeitsalltag weiter. Am Tag hatten wir eine einstündige Pause. L.D. nutze diese, um Zeitung zu lesen. Sowohl ausländische wie Le Temps, The New York Times, die Prawda oder den Manchester Guardian, als auch die lokale Presse.

Trotzki hatte ein ausgeklügeltes System zum Markieren in Artikeln: Saubere Bleistiftstriche, Unterstreichungen in rot und blau und hin und wieder Kommentare, meist auf Russisch, am Rand des Absatzes. Wenn wir die Zeitungen in einem separaten Raum sortierten, so begutachteten wir genau die markierten Artikel. Neben einem Sortiersystem nach Geografie und zeitlicher Reihenfolge hatten wir so auch einen Ordner für wichtige Artikel.

Nach der Siesta ging die Arbeit bis 19:00 Uhr weiter, anschließend aßen wir gemeinsam. Trotzki las danach weiter in seinem Zimmer. Nun Magazine und Bücher. Die meisten von uns folgten diesem Beispiel.

Ich war wie besessen die russischsprachigen Werke Trotzkis zu lesen, die nicht ins Englische übersetzt wurden. Die Ausgabe „Wissenschaft und Revolution“ hatte meine besondere Aufmerksamkeit. Darin enthalten war eine Rede vor der Chemical Society mit dem Titel „Mendeleyev und Marxismus“. Ich übersetzte sie, da die Rede eine Seite von Trotzki offenbarte, die der Öffentlichkeit lange verborgen blieb, nachdem diese ihn nur als Politiker ansah.

Die Umstände, unter denen er die Rede hielt, offenbarten den Mann, der er war. 1925 hatte die stalinistische Bürokratie bereits begonnen, den Kampf gegen Trotzki zu führen. Er trat als Volkskriegskommissar zurück. Um ihn zu demütigen, hatte die Bürokratie ihn Posten zugeteilt, denen er völlig fremd war und die nichts miteinander zu tun hatten: Vorsitz des technisch-wissenschaftlichen Industrierats. Er fand sich also in Zuständigkeit für wissenschaftliche Institutionen wieder.

Somit sprach er vor dem Mendeleyev-Kongress zum Anlass des 200. Jahrestages der Gründung der Akademie der Wissenschaften. Obwohl er sich als Amateur auf diesem Gebiet sah, war seine Vorlesung bemerkenswert, da sie die Beziehung zwischen Wissenschaften und historischen Abläufen herausstellte.

Die Vorlesung ist durchsetzt mit seinem aufblitzenden Humor: „Chemie ist nicht wegen der Sprengstoffe eine revolutionäre Wissenschaft, auch, weil Sprengstoffe meist überhaupt nicht revolutionär sind, sondern, weil Chemie eine Wissenschaft der Übergänge der Stoffe ist. Somit ist sie eine Gefahr für jede Art von konservativem oder absolutem Denken, gegossen in statischen Kategorien.“ Zu Darwins naivem Versuch, die Ergebnisse der Biologie in die Gesellschaft zu übersetzen, sagte er: „Die Konkurrenz als eine Art des biologischen Kampfes um Überleben zu sehen, ist, als würde man nur die physiologische Mechanik in der Fortpflanzung betrachten.“

Nachdem ich auf eigene Initiative die Rede übersetzte, war ich nervös und wollte dringend einen guten Eindruck machen. Ich verglich die russische und die englische Version genau, bevor ich Trotzki um seine Meinung bat, wobei ich ihm das Original vorenthielt.

Er gab mir das Manuskript zurück und sagte, dass ein Satz fehlen würde. Ich war erstaunt. War es denn möglich, dass er sich so genau an eine Rede erinnerte, die er vor dreizehn Jahren zu einem Thema hielt, zu dem er sich als Amateur fühlte. Ich hörte von Trotzkis phänomenalen Gedächtnis, doch war dennoch skeptisch.

Er sagte zu seiner Verteidigung, dass er sich nicht exakt an das Gesagte erinnern würde, doch glaube, dass es so gewesen wäre. Er diktierte dann einen Satz. Als ich es prüfte, fand ich den Satz genau so vor.

Das ganze Leben dieser freundlichen und hart arbeitenden Familie wurde plötzlich zerrüttet. Aus Paris kam die Nachricht vom frühzeitigen und mysteriösen Tod von Trotzkis ältesten Sohn Leon und seiner Frau Natalia Sedova. Leon Sedov war ihr einziges Kind, das bisher den Griff der Geheimpolizei entkommen war.

Als Trotzki und Natalia 1927 ins Exil mussten, blieb ihr jüngerer Sohn Sergei, ein brillanter Ingenieur, in Russland. Er war überzeugt davon, dass sein mangelndes Interesse an Politik dazu führe, dass er der Sowjetunion dienen könne, ohne Repression zu fürchten. Er wurde verhaftet und ist nun „verschwunden“.

Zina war Trotzkis älteste Tochter mit seiner ersten Frau Alexandra Lvovna Sokolovskaya, die selbst aufgrund von Trotzkismus im Exil in Sibirien war. Zina beging Suizid, als sie von Stalin zwar eine Genehmigung zur Ausreise nach Berlin zu einer medizinischen Behandlung bekam, jedoch nicht zurück in das Land durfte, wo ihr Mann und ihre Kinder lebten.

Yogoda, der Vorgänger von Yezhov als Vorsitzender der Geheimpolizei, hat Trotzkis jüngere Tochter Nina zum frühzeitigen Ableben gebracht.

Der Tod von Leon Sedov, der jetzt bekannt wurde, hat somit tiefe Wunden an den sensibelsten Stellen hinterlassen. Es erschien wie eine Heimtücke eines meisterhaften Intriganten. Natalia Ivanovna und Leon Davidovich schlossen sich in ihrem Zimmer ein und ließen niemanden zu sich.

Sie tauchten eine Woche lang nicht wieder auf. Die einzige Person, die zu ihnen durfte, war ihr Dienstmädchen, das ihnen Post und Essen brachte, wovon sie allerdings wenig zu sich nahmen.

Es waren düstere Tage für das gesamte Haus. Man sah weder L.D. noch Natalia. Wir wussten nicht, wie sie die Tragödie verarbeiteten. Wir haben Telefone, Schreibmaschinen und sogar die Türklingeln in die Wachhäuschen gebracht, um ihr Zimmer vor störenden Geräuschen abzuschirmen. In diesem Bereich des Hauses herrschte fortan Totenstille. Eine niederschlagende Stimmung machte sich breit, es war, als würde das Gewicht der mexikanischen Gebirge auf dem Haus lasten.

Dieser Schlag wurde nicht nur dadurch noch härter, weil Leon Sedov der einzige verbliebende Nachkomme von Trotzki war, er war auch der, der Trotzki literarisch und politisch am nächsten stand und sein engster Kollaborateur war. Als Trotzki in Norwegen verhaftet wurde und sich im Zuge des ersten Moskauer Prozesses im August 1936 geknebelt nicht gegen die monströsen Anschuldigungen wehren konnte, schrieb Sedov das „Rote Buch“, welches die Fälscher von Moskau auf brillante Weise demaskierte und somit irreparablen Schaden am Prestige der Geheimpolizei hinterließ.

In den dunklen Tagen nach Erreichen der Nachricht, schrieb Trotzki das kurze Leben seines Sohnes nieder. Es war das erste Mal seit der Revolution, dass er per Hand schrieb.

Am achten Tage tauchte Trotzki wieder auf. Ich war wie versteinert von seinem Anblick. Der sonst so reinliche und disziplinierte Trotzki hatte sich eine Woche nicht rasiert. Sein Gesicht war von Furchen durchzogen und seine Augen vom Weinen geschwollen. Ohne ein Wort zu sprechen, händigte er mir das Manuskript aus: Leon Sedov: Sohn, Freund, Kämpfer. Es war seine bewegendste Schrift.

So wie ich Trotzki kannte, wusste ich, dass jedes Wort und jedes Komma eine Bedeutung hatte. Jedes Wort wurde von ihm so gewählt, dass es sein tiefes Leid auszudrücken vermöge:

„Zusammen mit unserem Jungen verstirbt auch alles Junge, was noch in uns war.“

Aber auch in seinem schweren Verlust ließ Trotzki nicht von der Revolution ab. Das Pamphlet war der proletarischen Jugend gewidmet.

„Revolutionäre Jugend aller Länder! Nehmt von uns die Erinnerung an Leon an. Nehmt ihn auch euch als Sohn, denn er ist es wert. Und lasst ihn von nun an eurer Seite kämpfen, da das Schicksal ihm das Glück raubte, den finalen Sieg mitzuerleben.“

Obwohl Trotzki von kräftiger Statur war, litt er an einer Krankheit, die ihm oft die Kraft raubte und ihn ins Bett zwang. Die Situation brachte ein Wiederaufflammen der Krankheit und ihm wurde vollständige Bettruhe attestiert.

Am nächsten Morgen kündigten die Zeitungen die dritten Moskauer Prozesse von März 1938 an. Terminiert innerhalb der zwei kurzen Wochen nach dem Tod Sedovs. War dies ein Zufall? Wir, die wussten, dass die Geheimpolizei jahrelang jeden Schritt Sedovs verfolgte, wussten es besser.

War es nicht so, dass das „Rote Buch“, welches nun im Umlauf war, die Geheimpolizei so gestört hatte, dass sie nun den mutigen Kämpfer loswerden wollten, ehe sie die neuen Schauprozesse stattfinden ließen? Haben sie nicht gehofft, dass die Tragödie Trotzki in eine Art Schockstarre versetzen würde, wodurch es ihm unmöglich wäre, auf die neuen Anschuldigungen einzugehen?

Wäre es so, hätten sie ihren Gegner unterschätzt. Keine persönliche Tragödie hätte Trotzki von seiner Aufgabe abgebracht, als die Aufgabe, die größte Verschwörung der Geschichte aufzudecken, nach Erfüllung verlangte.

Es war eine Freude Trotzki dabei zuzusehen, wie er schnell, präzise und unermüdlich arbeitete, als wäre er ein neuer Prometheus.

Trotzki arbeitete bis spät in die Nacht. An einem Tag stand er um 7 Uhr auf und arbeitete bis Mitternacht. Tags drauf stand er um 8 Uhr auf und arbeitete durchweg bis zum nächsten Tag um 3 Uhr. Am letzten Tag dieser Woche schlief er nicht vor 5 Uhr. Er trieb sich härter an als irgendein anderer in seiner Belegschaft.

Trotzki schrieb durchschnittlich 2000 Wörter am Tag. Er gab seine Statements gegenüber NANA, UP, AP, Havas, dem London Daily Express und der mexikanischen Zeitung ab. Seine Erklärung wurde auch auf Deutsch und Russisch veröffentlicht. Das Material wurde auf Russisch diktiert. Während ich es aufschrieb, überprüften die anderen Sekretäre jedes Datum, jeden Namen und Ort, die in den Prozessen genannt wurden.

Trotzki verlangte gründliche und objektive Recherche. Der Kläger musste zum Angeklagten werden.

Trotzki ließ zu keiner Zeit subjektive Einflüsse in seiner Analyse der „Geständnisse“ zu. Er war überaus empört als die Zeitungen schrieben, dass Stalin nie Revolutionär, sondern stattdessen Agent des Zaren gewesen wäre, der nun Rache suche.

Als ich ihm die Zeitung mit diesem Erklärungsansatz für die Säuberungen brachte, sagte er: „Aber Stalin war Revolutionär!“. Er sagte, ich solle einen Moment warten, als ich den Raum gerade verlassen wollte. „Wir veröffentlichen ein Postskript zum heutigen Artikel.“

Er diktierte:

„In der Presse wurde die Neuigkeit verbreitet, dass Stalin ein Provokateur zur Zeit des Zaren gewesen wäre, der sich nun an seinen alten Feinden räche. Ich lege kein Vertrauen in dieses Geläster. Seit seiner Jugend war Stalin ein Revolutionär. ALLES in seinem Leben beweist dies. Nun die Biographie dieses Mannes faktenwidrig umzuschreiben, bedeutet, dass man vor ihm niederkniet, der sich vom Revolutionär zum Anführer der reaktionären Bürokratie entwickelt hat.“

Für uns fehlte es bei den Prozessen aber auch nicht an humorvollen Seiten. Die Chimäre, dass Trotzki als Agent Hitlers Millionen verdient hätte, wirkte in einem von dauerhafter Pleite heimgesuchten Haushalt wie ein monströser Witz. Trotzkis Einnahmen durch seine Bücher, und diese waren nicht sonderlich groß, waren unser einziges finanzielles Standbein.

L.D. war währenddessen völlig losgelöst von seiner materiellen Umgebung. Ich glaubte, dass Komfort ihn abgelenkt hätte. Einmal überhörte er mich und Natalia, als wir über den möglichen Kauf eines weichen Stuhls für ihn sprachen (die Stühle in seinem Arbeitszimmer waren alle aus Holz). Er war über die Idee eines solchen Luxus schockiert. Zudem sagte er, dass er keine weichen Stühle möge, die, die er hatte, würden ihm reichen.

Nicht nur das Mobiliar war spärlich, oft hatten wir kaum Geld für die einfachsten und dennoch essentiellsten Dinge. Während der Prozesse mussten wir beim Frühstück auf Eier und Butter, beim Abendessen auf Fleisch verzichten.

Das Gerücht der „Millionen“ amüsierte uns.

Den militärischen Gang Trotzkis imitierend, stürmte ich in die Küche. Dort stand die winzige und charmante Natalia Ivanovna. In ihrer stillen und effizienten Arbeitsweise – sei es beim Schreiben des Tagebuchs, aus dem sich Trotzki beim Schreiben seiner Autobiografie bediente, bei der Unterstützung der Recherche, bei der Überprüfung unseres Haushaltsbudgets oder der Küchenarbeit – war sie unauffällig wie unverzichtbar.

Mit größtem Ernst fragte ich nach zwei Eiern und Butterbroten zum Frühstück. Natalia schaute mich perplex an. Sie wußte, dass es verhältnismäßig wäre, wenn ich nach einem richtigen Frühstück fragen würde, statt nur nach Cerealien, einem Brötchen und Kaffee. Aber bis nicht das Geld für den Artikel von gestern ankomme, könne sie nichts versprechen. Die Londoner Zeitung hatte zugesagt, dass sie das Geld an diesem Tag überweisen würden.

„Aber“, sagte ich, „warum auf das Geld warten, wenn Trotzki doch Millionen verdient hat?“.

„Oh“, erwiderte sie mit Erleichterung, „Diese verfluchten Schurken.“.

Nach all den politischen Texten, die ich abtippen musste, war es eine willkommene Abwechslung, eine so einfache Bezeichnung für die wohlgenährten Thermiodorianer im Kreml zu hören.

Trotzkis phänomenales Gedächtnis war uns von großer Hilfe, als es darum ging, alte Unterlagen zu finden. Einige Anschuldigungen bezogen sich bis auf 1919 zurück, als Trotzki an der Macht und Stalin ein Niemand war.

Dank gilt natürlich auch den Verleumdern im Kreml, die uns damit unterstützten, dass sie Daten und Orte wiederholten, die in den ersten beiden Prozessen im August 1938 und Januar 1937 schon widerlegt wurden.

Moskau brauchte ein Jahr, um die neuen Anschuldigungen zu konstruieren und neue Geständnisse zu extrahieren. Trotzki hingegen musste die Verleumdungen so schnell dekonstruieren, wie die Presse sie ausspuckte.

Sogar als sein Prozess stattfand, hat uns Trotzkis ansteckender Optimismus noch inspiriert. Als er gefragt wurde, ob negative Schlussfolgerungen auf den Sozialismus aus seinem Prozess und dem Urteil der Kommission erwuchsen, sagte er:

„Nein, ich sehe keinen Grund für Pessimismus. Es ist notwendig, dass man die Geschichte so nimmt, wie sie kommt. Die Menschheit bewegt sich wie einige Pilger es taten: Zwei Schritte vor, einen zurück. Während des Rückschritts sieht es so aus, als würde man alles an die Pessimisten und Skeptiker verlieren. Das wäre ein Fehler in der historischen Vision. Nichts ist verloren. Die Menschheit hat sich vom Affen zum Komintern entwickelt und sie wird sich vom Komintern zum tatsächlichen Sozialisten entwickeln. Das Urteil der Kommission zeigt einmal mehr, dass die richtige Idee stärker ist, als die größte Polizeitruppe. In dieser Verurteilung liegt die unerschütterliche Basis für revolutionären Optimismus.“

In der Woche, in der die Prozesse zu Ende gingen, war das Sekretariat bereit zur Rast.

L.D. kündigte hingegen an, dass er nun die Arbeit an der Biographie Lenins wieder aufnehmen würde. Das Werk musste er in Norwegen ruhen lassen. Zudem würde er eine Biographie über Stalin verfassen. Ein soziologisches und psychologisches Werk über den Mann, der sich vom Revolutionär zum Kopf der reaktionären Bürokratie entwickelte.

L.D. betonte, dass er froh sei, dass er sich nun nicht mehr der Enthüllung von Verleumdungen widmen müsse. Er könne sich stattdessen nun tatsächlicher Arbeit widmen. Wir bewunderten seine Energie. Er war 59, im Exil und bewältigte gerade den Tod seines Sohnes.

„Ich habe Natalia im Februar vom Tod unseres Sohnes erzählt. Der gleiche Monat, in dem sie mir 32 Jahre zuvor die Nachricht seiner Geburt ins Gefängnis brachte. So endete für uns der 16. Februar, der schwärzeste Tag unseres Lebens.“

Wir Jüngeren waren erschöpft von der Arbeit dieser Woche, der Geschwindigkeit und des Stresses. Wir glaubten, wir hätten Lorbeeren für unsere Arbeit und Verdienste kriegen müssen. Aber für den unermüdlichen Trotzki war es einfach nur eine Tätigkeit, die ihn von seiner literarischen Arbeit abhielt.

Wir fragten ihn, ob er seine Situation als mitleiderregend empfand und er antwortete Nein. Er sah die Welt nicht aus seiner persönlichen Sicht, sondern sah die Geschichte als Abfolge von Gezeiten. Man müsse lernen, mit und gegen den Strom zu schwimmen.

Sein ganzes Leben illustrierte diesen Gedanken. Er wurde mit 18 Mitglied der revolutionären Bewegung. Für die Teilnahme an einem Streik wurde er verhaftet und kam ins Exil. Lev Davidovich Bronstein nahm den Namen seines Gefängniswärters an: Trotzki. Anschließend floh er kühn aus Sibirien.

Mit 26 Jahren, 1905, zerriss er das Manifest des Zaren und wurde Vorsitzender des St. Petersburger Arbeiter*innen- und Bäuer*innenrates. Die Reaktion, die auf den Fehlschlag der Revolution folgte, demoralisierte viele ältere Genoss*innen, nicht jedoch den jungen Trotzki. Exil und Gefangennahme waren für ihn kurze Auszeiten, in denen er die Theorie der permanenten Revolution ausarbeiten konnte, sodass die nächste Revolution glücken würde.

1905 war somit nur die Generalprobe für die Revolution 1917, die er mit Lenin zum Erfolg führte.

Als die Niederlagen der Revolutionen im Ausland zur Bürokratisierung Russlands beitrugen, führte Trotzki seinen sparsamen Lebensstil weiter und kämpfte dagegen an. Als Stalin, der von Trotzki „Organisator der Niederlage“ genannt wurde, auf einer Welle der Misserfolge an die Macht gelangte, fand sich Trotzki zum dritten Mal im Exil wieder (Der Zar hatte ihn zweimal ins Exil geschickt). Er nahm seine letzte Waffe zur Hand: Den Stift. Ja, Trotzki wusste, wie man gegen die Strömung ankämpfte.

Wir kannten diese Ereignisse in Trotzkis Leben. Ihre Rekapitulation half uns, den Trotzki unserer Zeit zu verstehen. Wir wunderten uns dennoch: Vermisst er sein Leben an der Macht?

Aber Trotzki machte keinen Unterschied zwischen seinen Leben an der Macht und jenem im Exil. Er war sicher, dass die Theorie das Bedürfnis der Massen nach Freiheit befriedigen würde. Das inspirierte sie zum Wunsch nach Macht und mit dem Wunsch zur Macht kamen die Waffen. Es ist die Wahrheit des Klassengegensatzes, die die Strömung wieder umkehren wird.

Ich konnte nicht an der aufwändigen Recherche über das Leben Stalins teilnehmen, da mich die Nachricht über den Tod meines Vaters erreichte. Ich entschied mich, in die Staaten zurückzukehren.

Als ich in New York ankam, wurde ich mit einer weiteren Hiobsbotschaft konfrontiert: Mein Bruder starb in einem Autounfall. Ich ging sofort nach Chicago, wo meine Mutter zu diesem Zeitpunkt war. Dort erwartete mich ein Brief von Trotzki.

„Liebe Rae,“ stand dort in russischer Handschrift, „Natalia und ich wurden von der Nachricht bezüglich deines Bruders erschüttert. Was soll man sagen? … Zwei Schläge treffen so schnell hintereinander auf deine Familie ein. Mitleid gilt vor allem deiner Mutter, für die es am schwersten ist.

Liebe Rae, wir wünschen dir angesichts des Ganzen Stärke und Mut. Natalia und ich drücken unser wärmstes und aufrichtigstes Mitleid mit deiner Familie aus. Dich, liebe Rae, umarmen wir.

Dein L.D.“

Sogar meine Mutter, eine religiöse Frau, für den Trotzki nur ein Ungläubiger war, war von dem Brief gerührt. „Wie,“ fragte sie „kann ein so großer Mann so bescheiden sein?“

„Es ist die Bescheidenheit, die ihn groß macht,“ antwortete ich. Und dennoch ist es eine Eigenschaft, die die Welt an Trotzki übersah. Auch ich war einst vorsichtig bezüglich seines Egoismus und seiner Kälte. Aber seine Größe inspirierte mich, für ihn zu arbeiten. Ich fürchtete seine diktatorischen Methoden. Aber seine Bescheidenheit hat diese Eindrücke schnell verschwinden lassen.

Wir als sein Sekretariat fühlten uns unwohl, als er von uns als Kollaborateure sprach. Wir schätzten seine Großzügigkeit, doch hielten das für völlig übertrieben. Er meinte das jedoch ernst. Er sah uns nie als Leute, die für ihn arbeiten würden, stattdessen sah er uns als seine Familienmitglieder, die ihn in seiner literarischen Arbeit unterstützen würden.

Ich kenne die persönlichen Eigenschaften Trotzkis. Sie nehmen nichts von seiner Größe weg, sondern machen ihn zum Menschen.

Es ist die Bescheidenheit, das Engagement für einen Zweck in seinem Leben: Der inbrünstige Glaube daran, dass das, was als Revolution in Russland begann, nur der Schlüssel zur permanenten Revolution, der weltweiten, sozialistischen Revolution sei. Das machte ihn zum Exilanten – aber auch zur Kraft.