Lenin: Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky

Vorwort von Albert Kropf (Sozialistische Offensive, CWI in Österreich)

1918 veröffentlichte der ehemalige führende Theoretiker der Zweiten Internationale, Karl Kautsky, die Broschüre „Die Diktatur des Proletariats“. Damit eröffnete er seinen Kampf gegen die Machtübernahme der Bolschewiki im November 1917[1] in Russland. Es sollte seine letzte größere Auseinandersetzung vor einer breiten Öffentlichkeit werden. Danach versank er zunehmend in Bedeutungslosigkeit. Faschismus, Weltwirtschaftskrise, der herannahende Zweite Weltkrieg, alles Themen für die Kautsky keine Antworten und noch weniger Gehör mehr gefunden hat.

Er begann seinen theoretischen Kampf gegen Sowjetrussland im selben Jahr, indem die Arbeiter*innenklasse den Ersten Weltkrieg beendet und Europa mit einer revolutionären Welle überzieht, die neben anderen die überkommenen Monarchien in Deutschland und Österreich-Ungarn stürzen. Es ist auch jener Weltkrieg, den zu führen Karl Kautsky und die SPD mit ihrer Akzeptanz der Kriegskredite und Burgfriedenspolitik mit der SPD dem deutschen Imperialismus erst ermöglicht hat. Vorbild für die Streikenden, Meuternden und Revoltierenden vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer ist die rote Fahne der Oktoberrevolution, das Beispiel der Bolschewiki gegen das sich Kautsky nun wendete. 1918 saßen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht noch im Zuchthaus, wurden erst kurz vor und nach der Novemberrevolution befreit. Danach ordneten sie sich sofort in die Revolution ein, versuchten sie voranzutreiben, gründeten die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Sie bezahlten dafür wie viele tausend andere mit ihrem Leben. Karl Kautsky aber, stand nicht an ihrer Seite. Er war kein Revolutionär (mehr), wollte den kapitalistischen Staat und mit ihm den bürgerlichen Parlamentarismus nicht mehr stürzen, sondern retten. Der Staat wird bei ihm, wie später auch beim Austormarxismus der Zwischenkriegszeit, zu einem neutralen Gefäß, welches sowohl von links als rechts befüllt werden kann. Das stellte aber alles auf den Kopf, was Marx und Engels über den Staat als Instrument der Klassenherrschaft geschrieben hatten.

Von den Scheidemännern und Eberts ohnehin schon in die hinteren Reihen versetzt, war Kautskys Einfluss in Deutschland 1918 selbst schon überschaubar. Er war auch gar nicht mehr Mitglied der SPD (MSPD), hatte er sich doch gemeinsam mit seinem ehemaligen Widersacher im Revisionismus-Streit[2], Eduard Bernstein, aus mehr oder weniger pazifistischen Gründen in die 1917 abgespaltene Unabhängige Sozialdemokratie (USPD) abgesetzt. Kautsky entzog sich somit auch der Verantwortung für seine Rolle beim und zum Kriegsausbruch 1914. Die Bolschewiki haben mit der Oktoberrevolution Verantwortung – mit allen Vor- und Nachteilen – übernommen.

Mit „Die Diktatur des Proletariats“ griff er die Machtübernahme der Bolschewiki an und verurteilte sie als zu übereilt und ohne Perspektive aufgrund der Rückständigkeit Russlands. Im Lauf der Debatte argumentierte er immer stärker in Richtung einer Etappentheorie,  die besagt, dass die Arbeiter*innenklasse erst die politische Macht übernehmen und an die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft gehen könne, wenn sich der Kapitalismus vollends entwickelt hat. Ansonsten verfalle das „Experiment“, wie Kautsky an Sowjetrussland zu belegen versuchte, letztlich in einen diktatorischen, zunehmend barbarischen, chaotischen Zustand. Ein Rückblick mit unserem heutigen Wissen scheint Kautsky recht zu geben. Sowjetrussland versank in der stalinistischen Diktatur und dem Großen Terror der 1930er Jahre. Aber das zu erkennen war nicht Kautskys Leistung, und auch nicht der Kern seiner Politik. Die Bolschewiki waren sich schon vor Kautsky darüber im Klaren, dass die Rückständigkeit Russlands eine große Herausforderung für die Oktoberrevolution sein wird. Sie gingen noch weiter, sie sahen die Revolution in Russland immer in einem Zusammenhang mit den europäischen Revolutionen und leiteten daraus ab, dass letztlich dort und besonders in Deutschland über den Ausgang der Russischen Revolution entschieden werde. Die Bolschewiki hatten hier keine Illusionen, die brachte erst der Stalinismus mit seiner Theorie vom „Sozialismus in einem Land“. Während die Bolschewiki in Sowjetrussland auf die „Hilfe“ der deutschen Revolution setzen und sie unterstützten, rührte Kautsky für die deutsche Revolution 1918-23 keinen Finger. Ganz im Gegenteil, indem er sich gegen Luxemburg und Liebknecht stellte, trug er dazu bei, den demokratischen „Abschluss“ der Russischen Revolution zu verhindern und  ihren Verfall in Richtung Stalinismus und Diktatur zu ebnen. Für Kautsky aber musste die Oktoberrevolution scheitern, weil sie durch die Rückständigkeit Russlands in sich das Element des Scheiterns trug. Aber das tut jede Revolution, ob in einer rückständigen Umgebung oder nicht. Es gibt keine Garantie für einen erfolgreichen Abschluss einer Revolution. Die beste Garantie ist das Vorhandensein einer in der Arbeiter*innenklasse verankerten revolutionären Partei mit einem marxistischen Programm. Das Scheitern kann endgültig nur vermieden werden, indem die Revolution vermieden wird. Das ist der politische Kern und Essenz des späten Kautsky: Evolution statt Revolution. Dabei zeigt die Bilanz von über hundert Jahren sozialdemokratischer Evolution wenig Licht, aber dafür viel Schatten: ein weiterer Weltkrieg, Faschismus, Holocaust, Entkolonialisierungskriege, Armut und Hungerkatastrophen, Absenken des Lebensstandards in den letzten dreißig Jahren, die neue Hochrüstung und Blockbildung etc. Ein großes Opfer, das die Menschheit zu erbringen hatte, um den Preis „bolschewistische“ Revolutionen zu verhindern…

Trotz seines Bedeutungsverlusts war Kautsky innerhalb der Arbeiter*innenbewegung und vor allem den ehemaligen Parteien der Zweiten Internationale nicht irgendwer. Sein Name stand noch immer für die große Zeit der politischen Entwicklung der SPD und der Internationale vor ihrem Zusammenbruch am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Das erklärt auch die Bedeutung der Antwort der Bolschewiki auf Kautskys Vorwürfe. So hat nicht nur Lenin, mit dem hier neu aufgelegten Buch, in die Debatte eingegriffen, sondern mit Trotzki und Bucharin auch zwei weitere namhafte Bolschewiki.  Wie schon geschrieben versank Kautsky nach dieser Debatte zunehmend in der Versenkung. Er selbst und Lenin sind schon lange tot, die UdSSR 1991 untergegangen, Kautskys Einfluss auf die organisierte Arbeiter*innenbewegung gering. Sein Name und Werk waren in den bald neunzig Jahren seit seinem Tod nur einem kleinen, zunehmend akademischen Publikum bekannt. Warum also die Neuauflage dieser Schrift Lenins statt das Ganze in der Geschichte zu belassen? Einerseits, weil die Fragen, wie der kapitalistische Staat gestürzt und andererseits durch was er ersetzt werden muss, auch heute noch brennende Fragen sind. Schließlich offenbart uns die multiple Krise des Kapitalismus bei jedem Schritt und Tritt dessen Unfähigkeit auch nur die einfachsten Probleme zu lösen. Klimawandel, wachsende Armut, Hunger, Fluchtkatastrophen, Krieg, sinkender Lebensstandard, Rechte im Aufwind usw. – alles das gibt es auch heute noch, teilweiser wieder bzw. noch stärker als zur Zeit der Auseinandersetzung zwischen Kautsky und den Bolschewiki. Die Kernfrage, Reform oder Revolution aus Rosa Luxemburgs Zeiten steht heute noch ungebrochen auf unserer Tagesordnung.

Der späte Kautsky steht klar, für einen nichtrevolutionären, antibolschewistischen Weg. Ganz im Sinn einer dialektisch, materialistischen Geschichtsauffassung muss eine Idee auf konkretes, materielles Interesse stoßen, um sich als Theorie ausbreiten zu können. Fanden die Ideen Kautskys in den letzten achtzig Jahren wenig konkretes, materielles Interesse, ist das vor allem unter Schichten der sich radikalisierenden US-amerikanischen Gesellschaft in Veränderung begriffen. Auf der Suche nach Antworten ist dabei als vermeintlich einfachere und weniger radikale Lösung auch Karl Kautsky wieder „ausgegraben“ worden. Größere Verbreitung fanden seine Theorien dabei in den letzten knapp zehn Jahren in und um die „Democratic Socialists of America“ (DSA), die Präsidentschafts-Kandidaturen von Bernie Sanders und vor allem über die linke US-amerikanische Theorie-Zeitschrift „Jacobin“. Mit Donald Trump, der beeindruckenden Bewegung um „Black Lives Matters“ und der neuen Protestwelle in den USA, schwappte nicht nur das „Jacobin“-Magazin mit seiner deutschen Ausgabe, sondern auch Karl Kautsky zurück nach Europa. Ausgegraben wurde aber nicht der Kautsky der Zweiten Internationale, sondern der resignierende, der „Renegat“ Kautsky aus der Debatte um die Oktoberrevolution. Das ist einer der politischen Stränge, an dem die heutigen Kautskyaner*innen anknüpfen. Für einen weiteren gehen sie weiter zurück zu den Kernfragen der Spaltung der russischen Sozialdemokratie zwischen 1903 und 1912. Wesentlich ist hier ihre mit den Menschewiki gemeinsame Ablehnung des Organisationsprinzips des „Demokratischen Zentralismus“. Darin sehen sie die vorgezeichnete Entwicklung der Oktoberrevolution in die Diktatur Stalins. Stark vereinfacht geht es beim demokratischen Zentralismus darum, demokratisch gefällte, interne Entscheidungen gemeinsam mit einer Stimme nach außen umzusetzen. In ihrer Kritik gehen die Neokautskyaner*innen von Jacobin dabei von ihrem eigenen persönlichen Status Quo heute aus. Für sie könnte es eine Einschränkung bedeuten, sich in ihrer journalistischen Tätigkeit einem Mehrheitsbeschluss unterordnen zu müssen. Ihre völlige Meinungsfreiheit über ihre journalistischen Kanäle nach außen soll unangetastet bleiben. Demokratischer ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil, es hilft den tendenziell Stärkeren mit mehr Möglichkeiten wie z. B. Zeitungen, Magazinen, Radiosendungen, Podcasts etc. ihre eigenen Ideen zu verbreiten und nicht die demokratisch Diskutierten und Beschlossenen.

Sich in Fragen der Meinungsfreiheit innerhalb einer „sozialistischen“ Organisation auf Kautsky zu berufen, bringt aber auch handfeste historische Probleme mit sich. Kautsky führte den Kampf innerhalb der SPD und Zweiten Internationale gegen den Revisionismus. Diese Tendenz wurde von Eduard Bernstein geführt und von zunehmend in den bürgerlichen Parlamentarismus integrierten Schichten der Partei- und Gewerkschaftsbürokratie getragen. Statt diese Debatte mit allen Konsequenzen politisch weiterzuführen, hat die Führung unter Kautsky in Form des „Fraktionszwanges“ versucht die Situation organisatorisch zu befrieden. Fraktionszwang hieß nichts anderes als, dass die Parteivertreter*innen bei Abstimmungen, z. B. im deutschen Reichstag, nicht nach eigener Überzeugung, sondern gemäß der Entscheidung in der SPD-Fraktion abstimmen mussten. Die Parteibürokratie wurde nicht politisch überzeugt, sondern im besten Fall gebremst sich noch weiter mit dem Staat zu arrangieren und sich in ihn zu integrieren. Ein letztes Mal wurde mit dem Fraktionszwang im August 1914 alles in eine Waagschale geworfen, indem kritische SPD-Abgeordnete, wie Karl Liebknecht, gezwungen wurden, für die Bewilligung der Kriegskredite zu stimmen. Damit war der Weg in den 1. Weltkrieg für das Kaiserreich frei. Nein, Karl Kautsky ist keine gute Referenz für innerparteiliche Demokratie als Alternative zum „Demokratischen Zentralismus“ der Bolschewiki!

Ein weiteres Argument, das von den Neokautskyaner*innen ins Rennen geschickt wird, betrifft die Revolutionstheorie. Dabei geht es jetzt wieder um die konkrete historische Auseinandersetzung zwischen Kautsky und den Bolschewiki nach der Oktoberrevolution. Als Beweis für die Richtigkeit von Kautskys Ideen führen Sie an, dass es eben keine zentralistische, bolschewistische Partei gebraucht habe, um die Macht zu übernehmen. Am konkreten Beispiel Lettlands und Abstrichen Finnlands versuchen sie zu zeigen, wie auch mit der sozialdemokratischen Revolutionstheorie Kautskys alte Regime gestürzt werden konnten. Und das zu einem vermeintlich wesentlich geringeren Preis an Blut und Gewalt, wie im russischen Bürger*innen-Krieg. Für diese Erkenntnis braucht es aber keine schlauen Köpfe von Jacobin, dazu genügt ein oberflächlicher Blick in die Geschichte. In Deutschland, Österreich, Ungarn, Italien und in Russland selbst, wurden gemäßigte sozialdemokratische Parteien an die Spitze von Revolutionen gespült. Allein, sie sind allesamt gescheitert und sehr schnell von Konterrevolutionen eingeholt worden. Die Lehre der Oktoberrevolution ist nicht die Möglichkeit der Machtübernahme nur durch eine leninistische Partei, sondern die Etablierung und Durchsetzung einer neuen gesellschaftlichen Macht. Genau an diesem Problem sind alle sozialdemokratischen „Revolutionen“ nach dem Ersten Weltkrieg gescheitert; egal ob in Deutschland, Österreich, Ungarn oder Italien. Die Tragweite ist sogar noch viel weiter, betrifft auch die Befreiungsbewegungen im antikolonialen Kampf, Chile unter Allende, die Bürger*innenrechtsbewegung der USA, die Revolutionen gegen den Stalinismus bis hin zum so genannten Arabischen Frühling im 21. Jahrhundert. Die kautskyanische Revolutionstheorie versagt permanent vor unseren Augen seit über hundert Jahren.

Und trotzdem drückt sich im heutigen, wieder erwachten Interesse an Karl Kautsky ein sich radikalisierendes Bewusstsein größer werdender Schichten aus. Ist das nicht ein Widerspruch zum gerade Geschriebenem? Nein. Es ist auf der anderen Seite auch Ausdruck der Furcht, vor dem letzten Schritt, der Erkenntnis den Kapitalismus nicht reformieren, sondern nur stürzen zu können. Diesen Schritt zu gehen, hilft Lenins Buch und das rechtfertigt nicht nur die neue Auflage, sondern macht es auch zur weiterhin zur unverzichtbaren Lektüre im 21. Jahrhundert.

Wien, September 2023

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[1]Die Revolution fand am nach altem Kalender im Oktober, nach dem neuen modernen im November statt. Da im russischen Zarenreich noch der alte Kalender galt, fand offiziell die Revolution im Oktober statt und trägt auch diesen Namen.

[2]Nach dem Tod Friedrich Engels entbrannte der sogenannte Revisionsmusstreit. Eduard Bernstein forderte eine „Revision“, also Anpassung des Marxismus an eine stetige, revolutionslose Entwicklung hin zum Sozialismus. Dafür sah er zum Beispiel die Entstehung immer größerer Kapitalgesellschaften, in denen auch breitere Schichten der Bevölkerung investierten und Miteigentümer wurden. Daraus leitete er eine schleichende Vergesellschaftung der Produktionsmittel ab.