Massenaufstand im Iran: Wie weit kann die Bewegung gehen?

Proteste im Iran 2022

Massenaufstände breiten sich im Iran aus. Es zeigt sich die weitreichende Wut gegen das Regime um Religionsführer Ali Chamenei und Präsident Peseschkian, wobei beide keine Antworten auf die wachsenden protestierenden Massen geben können. Was als Streik der Kleinhändler*innen in der Hauptstadt Teheran begann, hat sich nun in beinahe alle Provinzen ausgebreitet. Mit anderen Worten: Was am 29. Dezember als Aktion der Kleinhändler*innen in Teheran begann, ist nun zum Funken geworden, der ein Feuer der Revolte in 25 der 31 iranischen Provinzen entzündet hat.

Von Adaramoye Michael Lenin, Democratic Socialist Movement (CWI Nigeria), zuerst veröffentlicht am 11. Januar 2026

Die Revolte bewegt sich indes so schnell, dass sie bald die „Grüne Bewegung“ im Nachgang der Wahlfälschung 2009, als auch die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung 2022, überholen dürfte. Es ist außerdem nicht die erste Bewegung gegen Preissteigerungen. So gab es im Iran mehrere Proteste gegen die steigenden Kraftstoffkosten gegen Ende 2017, eine Bewegung, die weitere Klassenkämpfe auslöste.

Derzeit sind die Proteste dezentralisiert und haben keine offizielle Führung: Händler*innen, Arbeiter*innen und Studierende sind in die Proteste involviert, die nicht abzuflauen scheinen. Das Entstehen von Protesten in Qom muss dabei der größte Schock für das Regime sein, da Qom für dieses immer die Basis der religiösen Führung darstellte und als deren Festung galt. Nun rufen Arbeiter*innen, Händler*innen und Studierende in Qom „Tod dem Diktator“. Die gleichen Rufe werden in verschiedenen Distrikten Teherans laut, unter anderem in Naziabad, Tehranpars, Sadeghieh, Narmak etc., aber auch in Orten wie Isfahan, Maschhad, Shiraz, Karaj, Sari, Rasht und weiteren. 

Das Regime hat sich erwartungsgemäß verhalten und versucht, die Proteste zu unterdrücken. Bisher wurde von 40 Todesfällen berichtet, es gab zahlreiche Festnahmen und Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei. Gewaltvollere Repression ist währenddessen möglich, nachdem der Religionsführer Chamenei ankündigte, sich keinem Druck zu beugen. Dennoch bleiben die Proteste stabil und haben die Aussicht, an Stärke zu gewinnen. 

Was feuert die Revolte an?

Der unmittelbare Auslöser der Proteste ist der Crash der iranischen Währung, des Rials, auf ein historisches Tief. Rund 1,45 Millionen Rial sind gegen Ende 2025/Anfang 2026 auf dem offenen Markt einen US-Dollar wert. Aber das ist nur ein Teil der Tragödie. Die große Mehrheit der Arbeiter*innen hat negative Wendungen ihres Lebens hinnehmen müssen. Äußerste Armut ist nun die Realität von vielen Lohnabhängigen, deren Kaufkraft von der Inflation komplett getilgt wurde. Der iranischen Zentralbank zufolge sind der Landwirtschaftssektor um 2,9 Prozent, der Bergwerkssektor um 3,4 Prozent und der Bausektor sogar um 12,9 Prozent geschrumpft. Diese Sektoren sind die wichtigsten Arbeitgeber, insbesondere für junge Menschen. Zeitgleich berichtete das iranische Statistikamt, dass die Inflation im Dezember auf 52,6 Prozent kletterte und die jährliche Inflationsrate auf 42,2 Prozent anstieg. 

Lebensmittelinflation hatte einen dramatischen Anstieg, so steigen die Preise für Nahrungsmittel, Getränke und Tabak um 72 Prozent im Vorjahresvergleich. Non-Food-Waren und Dienstleistungen stiegen dabei in Relation um 43 Prozent. Die monatliche Inflationsrate stieg um 4,2 Prozent, getrieben durch Grundnahrungsmittel wie Brot und Milchprodukte. Hinter diesen Zahlen verbergen sich dabei brutale Geschichten des Hungers, der Obdachlosigkeit, der Arbeitslosigkeit und massenhaften Elends in einem Land mit enormen Ressourcen, die ein gutes Leben für alle sicherstellen könnten. Dies sind die tatsächlichen Probleme, die die Iraner*innen nun auf die Straße treiben. 

Wichtig ist auch, dass das neue Austeritätsprogramm, das gerade auf Zustimmung des Parlaments wartet, die Situation des iranischen Regimes verschlechtert hat. Der Haushalt soll zum 21. März verabschiedet werden, steht aber unter massivem Beschuss. Der neue Haushalt soll sich überwiegend aus Steuern finanzieren: Geplant ist unter anderem eine Anhebung der Mehrwertsteuer. Das Regime wendet sich also an die Arbeiter*innen und Armen, um seine Fehlherrschaft zu finanzieren. Der neue Haushalt sieht außerdem Kürzungen in einigen Subventionen im Bereich des Weizen- oder Kraftstoffimports vor. Während der Haushalt auch mit mageren Lohnerhöhungen im öffentlichen Sektor daherkommt, wirken diese wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn man sich die himmelhohen Inflationsraten ansieht. Präsident Peseschkian hat offen erklärt, dass der Staat nicht die Mittel habe, um Löhne in einem Maß zu erhöhen, dass dieser der Inflationsrate gerecht würde. Das ist eine andere Art zu sagen, dass das Regime unfähig ist, die Lage der Arbeitenden zu verbessern. 

Sanktionen und Aktionen

Es wurde, unter anderem von den Apologeten des iranischen Regimes, erklärt, dass die ökonomische Misere eine Konsequenz der jahrelangen Sanktionen durch den US-, bzw. den westlichen Imperialismus wäre. Es ist richtig, dass die USA unzählige Sanktionen gegen den Iran in Stellung gebracht haben, diese richteten sich hauptsächlich gegen den Ölexport. Zudem richteten sich die Sanktionen gegen die ökonomischen Partner*innen des Irans, wodurch der Staat vom globalen Handel isoliert wurde. Die Sanktionen wurden unter dem Vorwand erhoben, dass der Iran sein Geld nutze, um sein Nuklearprogramm und Terrororganisationen zu finanzieren. 

Seit der iranischen Revolution 1979, bei der der von den USA gestützte Monarch Shah Mohammad Pahlavi gestürzt wurde und Chamenei an die Macht gelangte, bestehen US-Sanktionen gegen den Iran. Trump 2.0 gießt nun Öl ins Feuer, indem die Trump-Administration Sanktionen wieder aufleben lässt, die Biden nicht ernsthaft durchsetzte. Zudem droht Trump indessen mit neuen Sanktionen, inklusive solcher gegen Unternehmen, die Geschäfte mit dem Iran unterhalten. Zweifelsohne hatten jahrelange Sanktionen einen drastischen Einfluss auf die Wirtschaft und spielten auch eine Schlüsselrolle in der Hemmung des Wirtschaftswachstums. Ironischerweise stimmt Trump den Protesten zu, die von der Krise ausgelöst wurden, die seine herrschende Klasse mitverursacht hat. Er drohte auch damit, die Proteste zu unterstützen. Diese Unterstützung kommt nur Wochen nachdem er großzügig die de facto Führung der saudischen Feudal-Diktatur willkommen hieß, die im letzten Jahr 356 Menschen hinrichten ließ. 

Dennoch darf sich die iranische Arbeiter*innenklasse nicht von solchen Thesen über die Sanktionen ablenken lassen: Das iranische Regime spielt eine große Rolle bei den ökonomischen Schwierigkeiten. Seit ihrem Griff zur Macht haben sie jegliche Gelder genutzt, um sich selbst ein Paradies zu bauen, während die Arbeiter*innen in der Hölle leben mussten. Auch wenn unter dem Einfluss der nachhallenden Revolution einige progressive Veränderungen stattfanden, hat das Regime vom ersten Moment an Macht in seinen Händen konzentriert und Frauenrechte beschnitten. Zusätzlich wurden zwar Schlüsselindustrien wie der Öl- oder Bankensektor nationalisiert, jedoch nur in die Hände der theokratischen herrschenden Klasse. Nicht nur war Arbeiter*innendemokratie gänzlich abwesend, das Regime hat sich auch dementgegen in eine Diktatur Chameneis und seiner theokratischen Klasse entwickelt. Arbeiter*innenorganisationen wurden zerschlagen und damit auch die demokratischen Rechte.

Wenn die Iraner*innen nun also auf den Straßen „Tod dem Diktator“ rufen, ist das Ausdruck davon, wie ihre Gesellschaft in ein großes Gefängnis verwandelt wurde. Der Menschenrechtsindex des Iran ist immer schon niedrig. Laut der iranischen Menschenrechtsbehörde „HRANA“ wurden 2025 22.709 Menschen verhaftet. Davon gingen 22.028 Verhaftungen auf Meinungsäußerungen, gewerkschaftliche Organisierung von Studierenden und Arbeiter*innen oder Zugehörigkeit zu religiösen Minderheiten zurück. Laut Daten der UN gab es 975 Hinrichtungen, von denen berichtet wurde. Das Regime hält seine Macht mit eiserner Faust und schlägt dabei offensiv gegen die Arbeiter*innenklasse. 

Wie geht es mit der Bewegung weiter?

Es reicht nicht aus, über die Sanktionen zu sprechen. Es müssen auch die Grausamkeiten des Chamenei-Regimes zur Sprache kommen, die an den Arbeitern und Arbeiterinnen des Irans verübt werden. Zu sagen, dass der andauernde Protest und der Kollaps der theokratischen Diktatur ein automatischer Sieg für Trump und den von ihm vertretenen US-Imperialismus wären, wäre ungenau. Ja, es ist richtig, dass Trump und die USA die Massenproteste zu ihren Gunsten und zu einem liebsamen Regimewechsel nutzen können, das ist jedoch keineswegs vorbestimmt. Der Sturz von Chamenei und seiner Clique wird eine Phase der Klassenkämpfe hervorrufen, in der sich die Richtung entscheidet, in der sich der Iran bewegt. Sozialist*innen argumentieren, dass eine Massenbewegung der Arbeiter*innen nicht nur Chamenei und die herrschende Klasse des Irans besiegen, sondern auch das iranische Kapital, Trump und den US-Imperialismus herausfordern kann. Klarer ausgedrückt bedeutet das, dass ohne revolutionären Sieg der Arbeiter*innen im Kampf um die Macht auch der Imperialismus nicht besiegt werden kann. Demzufolge muss jede Bewegung der Arbeiter*innen hin zur Macht unterstützt werden. In diesen Bewegungen liegt der Dreh- und Angelpunkt zum Aufbau einer Republik der Arbeiter*innendemokratie. Die Rufe einiger Protestierender nach einer Rückkehr der Monarchie zeugen dabei jedoch nicht nur vom völligen Fehlschlagen der Theokratie, sondern auch von der Führungslosigkeit der Bewegung sowie dem Mangel an linker Opposition, die für weitere Schritte hin zu einer Alternative für die Werktätigen argumentiert. 

Die Aufgabe der revolutionären Bewegung im Iran ist es nun, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Ein Ende Chameneis ohne das Ende des iranischen Kapitalismus und ohne Etablierung einer echten sozialistischen Gesellschaft mit Arbeiter*innenkontrolle über die Wirtschaft und Gemeineigentum, wäre keine signifikante Veränderung für die Massen der Arbeiter*innen. Die Massenbewegungen müssen beginnen, sich von einem kopflosen Protest zu einer demokratisch organisierten Macht zu entwickeln. Diese könnte Zuspruch von weiteren Schichten der unterdrückten Bevölkerung erhalten und Schritte zum Aufbau einer konkreten Bewegung mit Führungsanspruch entwickeln.