Ökosozialismus = Ökologie + Sozialismus? 

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Ideen des Ökosozialismus auf der Grundlage des Buches „Ökosozialismus – Positionen des klassischen Marxismus; Debatten heute“

Die Zeiten, in denen der Klimawandel eine abstrakte Bedrohung weit in der Zukunft war, sind vorbei. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass die Natur brutal deutlich macht, dass der Klimawandel jetzt und hier Auswirkungen hat:  Auf Waldbrände folgen Überschwemmungen, auf Hochwasser Dürrewellen und Rekordhitze. Die bürgerliche Politik und die Institutionen des Kapitalismus weltweit sind nicht fähig oder nicht willens, entschiedene Maßnahmen einzuleiten. Ihre regelmäßigen Konferenzen, die nichts als lausige Willensbekundungen produzieren, sind eine Lachparade, die über den Fakt hinwegzutäuschen versuchen: Der Kapitalismus wird den Klimawandel niemalsstoppen können, weil er selbst der verantwortliche Klimakiller ist. 

Umso wichtiger ist es für die politische Linke und für Sozialist*innen, diese Erkenntnis zu verbreiten. Der Ökosozialismus ist ein Versuch, dies zu tun, und als solcher gewann er an Popularität in linken Kreisen. Das Buch „Ökosozialismus – Positionen des klassischen Marxismus; Debatten heute“, das Beiträge von  John Bellamy Foster, Michael Löwy, Jess Spear, Daniel Tanuro und Christian Zeller enthält, soll ein Beitrag zur Debatte sein – und bietet für uns eine Gelegenheit, sich mit den Ideen des Ökosozialismus auseinanderzusetzen. 

Von Aleksandra Setsumei, Aachen

Wie viele politische Strömungen hat der Ökosozialismus keine eindeutige Definition, umfasst verschiedene Strömungen und eine Bandbreite von Positionen. So zum Beispiel war Ökosozialismus einer der Hauptströmungen in der Grünen Partei in den 1980ern; auch ein Handvoll SPD-Mitglieder verstanden sich als solche. Heute wird Ökosozialismus wesentlich von linken, kapitalismuskritischen Menschen vertreten. Da das Buch „Ökosozialismus“, auf dessen Grundlage dieser Artikel geschrieben wird, von linken Autor*innen, darunter mehreren (Ex-)Trotzkist*innen, geschrieben ist, so entsprechen ihre Ideen den  linkeren Ideen des Ökosozialismus. 

Grundlegend vertreten die Ökosozialist*innen die richtige Position, dass die Rettung des Klimas nur durch die Überwindung des Kapitalismus möglich ist. Somit gleicht ihr Ziel dem des klassischen Marxismus, nämlich der sozialistischen Umgestaltung der Welt.  Allerdings werfen sie dem klassischen Marxismus vor, die Umweltthematik und die „planetaren Grenzen“ nicht genug beachtet zu haben. Aus dem Grund brechen sie mit klassischen sozialistischen Positionen in drei grundlegenden Punkten: Erstens, indem sie Kritik an „Produktivismus“ üben, d.h. der Position, dass die Weiterentwicklung der Produktivkräfte immer fortschrittlich sei. Manche von ihnen, beispielsweise Foster, unternehmen den Versuch, Marx in dieser Hinsicht neu zu interpretieren, bzw. umzudeuten. Ihre Vorstellung des Sozialismus geht daher mit der Idee einher, das ein Rückgang der Güterproduktion zwingend nötig sei. Zweitens, sie erklären das Umweltthema zu dem unumstritten wichtigsten Anliegen unserer Zeit. Dabei werfen sie marxistischen Strömungen vor, daran zu scheitern, ökologische Fragen aufzugreifen. Drittens, sie stellen die Zentralität der Arbeiter*innenklasse als das revolutionäre Subjekt infrage. Im folgenden werden alle diese Positionen genauer untersucht. 

Der Ökosozialismus leistet einerseits einen wichtigen Beitrag zur Debatte in der Klimabewegung – stellt aber gleichzeitig einen Rückschritt für den Marxismus dar. Für viele Linke – darunter auch einige der Autor*innen – ist die Übernahme ökosozialistischer Positionen daher gerade wegen ihres marxistischen Hintergrunds keine positive Entwicklung.

Ökosozialismus und die Klimabewegung

Die heutige Klimabewegung hat ihren Zenit der großen Mobilisierungen von Fridays For Future vor einigen Jahren überschritten. Dies ist einerseits mit Misserfolgen der vergangenen Bewegungen und der Tatenlosigkeit der bürgerlichen Politik verbunden, andererseits damit, dass es an Verständnis fehlt, wie Erfolge erkämpft werden können. Die Ursache dafür ist einerseits das fehlende Klassenbewusstsein und die scheinbare Alternativlosigkeit des Kapitalismus. So drehen sich viele Ideen des Umweltaktivismus um systemimmanente Lösungen wie Veränderung des Konsumverhaltens (weniger oder anders konsumieren), individuelle Veränderungen und schließlich grüne Umstellung des Kapitalismus oder den sogenannten Green New Deal. Diese Ausweglosigkeit ist der Grund, weshalb in den letzten Jahren einige Aktionen der Umweltbewegung teils verzweifelte, utraradikale Gestalt annahmen wie die  Klebe-Anschläge von Extinction Rebellion oder der Letzten Generation. Doch während die Form ihres Protestes mit Straßenblockaden oder Hungerstreiks militanter wurden, so blieben die programmatischen Forderungen weitaus zurückhaltend. 

Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Klimazerstörung ihre tiefere Ursache im bestehenden Wirtschaftssystem hat und die Idee „System Changes not Climate Change“ gewinnt an Popularität. Doch weiterhin bleibt unklar, was genau mit diesem „System Change“ gemeint ist. Parallel dazu ziehen Teile der Bewegung die richtige Schlussfolgerung, den Schulterschluss mit der Arbeiter*innenbewegung zu suchen – etwa durch gemeinsame Kampagnen wie „Wir fahren zusammen“ oder durch die Unterstützung streikender Beschäftigter.

Um vorwärts zu kommen, muss die Klimabewegung Diskussionen über Programm, Strategie und Taktik führen. Der Ökosozialismus vertritt eine Reihe wichtiger Positionen, die in der Klimabewegung diskutiert werden sollten. Ökosozialismus wechselt die Perspektive und betrachtet nicht mehr primär die Konsumptionsspähre, sondern die Produktion. Und so findet er die Schuld für die Klimaprobleme nicht bei „uns allen“, sondern in dem zerstörerischen System, das immer mehr produzieren will, um immer mehr Profite zu generieren. Deshalb sieht der Ökosozialismus das Ende des Kapitalismus als Voraussetzung für die Klima-Rettung und lehnt prokapitalistische Versuche ab, beides zusammenzuführen. Vor allem der Beitrag von Zeller beschreibt eindrucksvoll, weshalb sowohl die Modernisierung des Kapitalismus als auch der Green New Deal Sackgassen für die Klimabewegung sind. 

Weitere Stärken des Ökosozialismus sind die Orientierung auf Bedürfnisse im gesellschaftlichen Kontext, statt der simplen Dämonisierung des Konsums sowie eine Orientierung auf soziale Kämpfe und das Aufstellen von sozialen Programmen, die mit Umweltthemen verbunden werden wie die Forderung nach kostenlosem Zugang zu Trinkwasser, etc. Schließlich treten Ökosozialist*innen für die Verbindung zu anderen Kämpfen ein wie zu der feministischen, antirassistischen, antifaschistischen, etc. Bewegungen. Das sind Positionen, die innerhalb der Klimabewegung diskutiert werden müssen. Gleichzeitig weicht der Ökosozialismus in einigen wichtigen Punkten von klassischen sozialistischen Positionen ab. 

Streitpunkt 1: Schrumpfung

Im klassischen Marxismus gilt die Annahme, dass die Produktivkräfte – also die Gesamtheit der Arbeitsmittel und der Arbeitskräfte zur Herstellung von Gütern und Dienstleistungen – grundsätzlich dazu neigen, sich weiterzuentwickeln. Gesellschaftsformen, in denen sich diese Produktivkräfte stärker oder leichter entfalten können, setzen sich daher langfristig gegenüber weniger produktiven Gesellschaftsformen durch. Deshalb konnte der Kapitalismus zu einer gewissen Zeit den Feudalismus ersetzen – und dabei maßgeblich die Produktivität und die Produktivkräfte weiterentwickeln. Inzwischen hemmt der Kapitalismus jedoch die weitere Entwicklung der Produktivkräfte. Erst der Sozialismus wird die Schranken der Privatwirtschaft und der Konkurrenz sprengen und die Produktivkräfte auf der Grundlage einer kollektiven Planwirtschaft freisetzen. Deshalb sehen Marxist*innen den Sozialismus nicht nur als eine gerechtere, freiere und bessere sondern auch als eine produktivere und effektivere Gesellschaft, die den Lebensstandard der Massen steigert. 

Der Ökosozialismus bricht mit dieser Vorstellung und nennt sie „produktivistisch“. Tanuro definiert Produktivismus als „produzieren um der Produktion willen“ und „konsumieren um des Konsums willen.“ (S. 151) Alleine diese Definition und ihre Anwendung auf den Kapitalismus und noch mehr auf den Sozialismus, zeugt von einer Abweichung von einem materialistischen Standpunkt – denn statt zu überlegen, aus welchen Produktionsverhältnissen sich die Ideologie des ständigen Wachstums ergibt, steht für die Ökosozialist*innen die Ideologie des Produktivismus am Anfang und bestimmt die Produktionsverhältnisse. Das ist falsch: Der Kapitalismus produziert nicht jedes Jahr mehr und mehr unnötige Sachen und versucht uns durch Werbung zu ihrem Konsum zu bringen, „um der Produktion“ und „um des Konsums“ willen, sondern um der Profite willen. Die kapitalistische Überproduktion und Verschwendung resultieren nicht aus einem „produktivistischen“ Bewusstsein, sondern aus den Produktionsverhältnissen, die auf eine immer weiter wachsende Produktion für maximale Profite abzielen. In dem Sinne ist die Produktion von ihrer Sinnhaftigkeit getrennt, was sich in dem marxistischen Begriff der Doppeltwertigkeit der Ware widerspiegelt. Kein Autohersteller fragt sich, ob die Welt mehr Autos braucht – es geht darum, sie zu verticken, wie Eberhard von Kuenheim, der ehemalige Chef von BMW, eloquent zusammengefasst hat: „Es gibt zu viele Autos auf der Welt, aber zu wenig BMW.“

„Um- und Rückbau“

Angesichts der Verschwendung und der Überproduktion, die im Kapitalismus herrschen, ist es nachvollziehbar, sich eine ressourcenschonendere Wirtschaftsweise zu wünschen. Man könnte nun denken, dass das Gegenteil der „Produktion um Produktionswillen“ die „Produktion um Bedürfnisswillen“ wäre, aber das ist für die Ökosozialist*innen nicht der Fall. Stattdessen wollen sie festlegen, dass die sozialistische Wirtschaft einen “Um- und Rückbau” der Industrie umsetzen müsse. 

Wie der von Ökosozialist*innen vorgeschlagene ‘Rück- und Umbau’ konkret aussehen soll, bleibt überraschend vage und lässt sich nur aus einzelnen Andeutungen erschließen. Es ist grundsätzlich richtig, dass eine sozialistische Gesellschaft das Wirtschaften des Kapitalismus  nicht einfach übernehmen, sondern es entsprechend der Bedürfnisse von Mensch und Umwelt anpassen wird. Dies wird zu einem Umbau der Industrie führen. Wie weit dieser Umbau gehen wird und welchen Charakter er haben wird, ist die zu diskutierende Frage.  Zeller beschreibt den Umbau als „historisch“. Löwy zieht den Vergleich zum Umgang mit dem Staatsapparat, der gemäß marxistischer Lehre nicht einfach übernommen, sondern zerschlagen werden muss. Genau das gleiche gelte dem Produktionsapparat, der aufgrund seiner Funktionsweise zwangsläufig umweltzerstörerisch sei und deshalb von einer sozialistischen Gesellschaft radikal transformiert werden müsse (S. 36). 

Dabei geht es einerseits darum, umweltfreundlicher zu produzieren, aber auch explizit darum, weniger zu produzieren. Tanuro schreibt: „Es ist notwendig, weniger zu produzieren, weniger zu arbeiten, weniger zu transportieren, Reichtum zu teilen, sorgfältig und demokratisch auf Lebewesen und Dinge zu achten.” (S. 55) An einer anderen Stelle schreibt Tanuro: „In diesem Zusammenhang schenken Ökosozialisten den Vorstellungen indigener Völker zur Entstehung und Entwicklung der Welt und dem Können bäuerlicher Produktionsgemeinschaften große Beachtung. Darin sehen sie Quellen der Inspiration für einen Fortschritt, der diesen Namen verdient, der den kapitalistischen Produktivismus in Frage stellt und auf dem Verständnis beruht, dass wirklicher Reichtum aus freier Zeit erwächst, aus zwischenmenschlichen Beziehungen und aus einem harmonischen Verhältnis zur Umwelt – und nicht aus einer fieberhaften Anhäufung von Konsumgütern, die oft nur dazu dienen, die Ärmlichkeit der eigenen Existenz zu kompensieren.“ („Was ist Ökosozialismus“ von Daniel Tanuro, https://www.sozonline.de/2015/07/was-ist-oekosozialismus/) Dies wirft die Frage auf, wie weit der Rückbau der Produktion eigentlich gehen soll und ob die Ökosozialist*innen nicht grundsätzlich die Kleinproduktion der modernen Produktivität vorziehen, die ihrer Ansicht nach „fantastischer Anstieg tatsächlich das Resultat eines destruktiven Fortschritts“ sei (Taruno, S. 167).  

Produktivität und Produktion

Hinter diesen “fortschrittskritischen” Ideen steht die Skepsis der Ökosozialist*innen gegenüber dem Produktivitätswachstum – also der Fähigkeit, mehr produzieren zu können. Sie argumentieren: Wenn Menschen mehr produzieren können, werden sie es auch tun – und das wird die Umwelt zunehmend belasten. Dieser Gedankengang enthält jedoch zwei Trugschlüsse. Der erste ist die Gleichsetzung der Produktivität – der Fähigkeit, schneller und effizienter zu produzieren – mit der tatsächlichen Steigerung der Produktion. Im Kapitalismus trifft das meistens zu, weil jedes Unternehmen immer wachsen und expandieren will. Anders in einer Wirtschaft, die auf Bedürfniserfüllung basiert. Dort kann eine höhere Produktivität auch einfach mehr Freizeit bedeuten, was uns allen zugute kommt und gleichzeitig den Ressourcenverbrauch senkt.

Der zweite Trugschluss ist die Annahme, dass Produktion selbst ein Problem darstellt und grundsätzlich umweltschädlich ist – und müsse daher reduziert werde. Diese Schlussfolgerung ist nachvollziehbar, wenn man die Destruktivität der kapitalistischen Produktion betrachtet, weil es den Kapitalist*innen egal ist, wie viele Menschen, Tiere oder Pflanzen sie unter ihren Stiefeln zertrampeln, solange es für sie profitabel ist. Auch hier werden die kapitalistischen Tendenzen einfach als allgemeingültig erklärt. Dabei ist auch Produktion nicht neutral, sondern widerspiegelt die Gegebenheiten des Produktionssystems  – wie Tanuro selbst ausführt. Daraus folgt, dass im Sozialismus die Steigerung der Produktivität und der Produktion gänzlich anderen Charakter haben wird. Unter Kapitalismus bedeutet Produktion Ausbeutung, Umweltzerstörung und Mangel. Unter dem Sozialismus bedeutet Produktion Erfüllung der Bedürfnisse von Mensch und Umwelt, Sicherstellung des Lebensstandards, Bereitstellung eines besseren Wohnraums oder sogar Wiederherstellung von Schäden, die der Natur zugefügt wurden.

Produktion im Sozialismus

Eine sozialistische Gesellschaft wird nicht einfach die kapitalistische Industrie übernehmen und fortsetzen, sondern von Grund auf umgestalten. Statt eines diktatorischen Top-Down-Systems durch Unternehmer*innen, deren Ziel es immer ist, so viel wie möglich so billig wie möglich zu produzieren, werden die Entscheidungen über die Produktion durch demokratische Arbeiter*innenräte getroffen, deren Ziel es ist, Bedürfnisse effizient zu erfüllen – allein dies wird den Charakter der Produktion grundlegend ändern. 

Die Industrie und die Produktion müssen umgestellt werden – und sie werden umgestellt, um den Bedürfnissen von Mensch und Umwelt gerecht zu werden. Nur um einige wahrscheinliche Umgestaltung der Produktion im Sozialismus zu nennen: (Fußzeile: für Interessierte: In dem von uns veröffentlichten Buch „Planwirtschaft für den Planeten“ von Pete Dickenson wird ein detaillierter Plan beschrieben, wie die Planwirtschaft umweltfreundlich gestaltet werden kann; das Buch kann beim Manifestverlag bestellt werden.)

  • Sofortiger Produktionsstopp von unnötigen Produkten und sofortige Stilllegung von  zerstörerischen Industrien wie der Rüstungs-, Werbe- oder Finanzbranche: Dadurch werden Tausende Millionen Tonnen CO2 sofort eingespart. Militär beispielsweise ist für 5,5 Prozent der Emissionen weltweit verantwortlich (Zahl aus 2023, heute wahrscheinlich deutlich höher aufgrund der gesteigerten Militärausgaben, https://www.scientists4future.at/2023/05/15/co2-stiefelabdruck-des-militars/). Durch den Stopp werden innerhalb von kürzester Zeit Produktivkräfte für sinnvolle Tätigkeiten freigesetzt, während unnötige Produktion eingestellt wird. Fabriken, die somit „arbeitslos“ werden, werden auf sinnvolle Produktion umgestellt; durch die Umverteilung der Arbeit kann so eine generelle Arbeitszeitverkürzung erreicht werden. 
  • Ende der Überproduktion: Die Unternehmen im Kapitalismus produzieren nicht für Bedürfnisse für Verkauf. Dadurch entsteht eine verschwenderische Überproduktion in fast allen Bereichen. Beispiel: 2023 hat die Automobilbranche vier Millionen mehr Autos produziert als zugelassen wurden (https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/globale-ueberproduktion-an-autos-und-die-folgen/). Eine sozialistische Wirtschaft würde die unnötige Überproduktion sofort beenden und damit massiv CO2 sparen. 
  • Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Quellen: Dadurch wird Verbrauch von Energie und damit die Produktion deutlich klimafreundlicher. Zurzeit betragen die energie-bedingten CO2-Emissionen circa 37 Milliarden Tonnen und machen ca. Dreiviertel aller Treibhausemissionen aus (https://www.iea.org/reports/global-energy-review-2025/co2-emissions). Man kann sie nicht sofort umgestalten, aber eine sozialistische Gesellschaft würde eine internationale Anstrengung unternehmen, um dies so schnell wie möglich zu schaffen, um die Grundlage für eine klimaneutrale Produktion zu legen. 
  • Anwendung von höheren Umweltstandards in der Produktion: Es existieren bereits viele Verfahren, mit Hilfe deren umweltschonende Produktion möglich ist. Sie stehen aber entweder unter Patentschutz oder sind für die Kapitalist*innen zu teuer. Im Sozialismus werden sofort alle Patenten freigegeben und das Know-How wird aktiv unter den (im Sozialismus sich im Gemeineigentum befindenden) Unternehmen geteilt. Dies wird dazu führen, dass jede Fabrik die besten, effizientesten und umweltschonendsten Verfahren einsetzen kann. 
  • Ende der Produktion von Waren mangelhafter Qualität: Da die Wirtschaft im Sozialismus nicht mehr das Ziel hat, so viel wie möglich so oft wie möglich zu verkaufen, können endlich Produkte hergestellt werden, die gute Qualität und lange Lebensdauer haben. Dabei werden viele Ressourcen und Emissionen gespart. Nur um ein Beispiel zu nennen: Es wird geschätzt, dass eine lang funktionierende Waschmaschine in zwanzig Jahren 1,1 Tonne weniger CO2 produzieren wird als eine kurzlebige.   (https://www.bbc.com/news/science-environment-46797396)
  • Ende des obszönen Luxuskonsums: Nach Berechnungen ist der Konsum von dem reichsten Prozent der Welt verantwortlich für 15 Prozent der weltweiten Emissionen (https://www.oxfam.de/aktuelles/klimawandel-ungleichheit-reichste-1-prozent-schaedigt-klima-doppelt-so-stark-aermere). Noch eindeutiger wird es, wenn man die Spitze der Vermögendsten betrachtet: Oxfam hat herausgefunden, dass die fünfzig reichsten Milliardär*innen durchschnittlich 184 Flüge pro Jahr unternehmen und dabei so viel CO2 ausgestoßen haben, wie durchschnittlich eine Person in 300 Jahren; in einem Jahr haben ihre Yachten weitere 860 Jahre an CO2-Emissionen produziert (https://www.oxfam.org/en/press-releases/billionaires-emit-more-carbon-pollution-90-minutes-average-person-does-lifetime). Diese Verschwendung zu beenden, kann ebenfalls zur Senkung von CO2-Emissionen beitragen. 
  • Kollektive und effiziente Lösungen: Individuelle Lösungen sind häufig ineffizient und verschwenderisch. Ein privates Auto wird durchschnittlich nur eine Stunde am Tag bewegt, die restlichen 23 steht es nur rum (https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr/nachhaltige-mobilitaet/car-sharing#umweltvorteile-von-car-sharing). Alleine schon ein kollektives Carsharing-System würde dazu führen, dass deutlich weniger Autos produziert würden. Noch effizientere Lösung ist natürlich ein guter ÖPNV. Ähnliche Lösungen können für viele andere Bereiche eingerichtet werden. Öffentliche Kantinen können effizienter mit Lebensmitteln und Energie umgehen. Öffentliche und kostenlose  Fitnessstudios und Sport-Infrastruktur werden die Notwendigkeit von eigenen Geräten ersetzen. Solche Systeme schonen nicht nur die Umwelt, sondern steigern auch unsere Lebensqualität. 

Schon diese wenigen Änderungen werden dazu führen, dass die Produktion umweltfreundlicher, effizienter und nachhaltiger wird. In einer sozialistischen Gesellschaft ist Produktivitätssteigerung kein Vorwand, noch mehr schlechte Produkte, die keiner braucht, herzustellen, sondern ein Grund zur Freude, weil wir weniger arbeiten müssen oder unsere Bedürfnisse besser erfüllen können. 

Umstellung auf umweltfreundliche Produktion

Damit alle Fabriken und Produktionsprozesse auf umweltfreundliche Verfahren und Technologien umgestellt werden, ist ein weitgehender Umbau der Industrie erforderlich. Aber gleichzeitig kann ein sinnvoller Umbau der Erfahrung nach schnell und effektiv durchgeführt werden, wenn der Wille dazu vorhanden ist. Dafür gibt es einige historische Negativbeispiele, wie die beispiellose Umstellung auf Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkrieges. Auch heute werden Fabriken auf Rüstungsproduktion umgestellt. Das zeigt, dass eine rasche und effiziente Umstellung möglich ist. Und wenn es in die eine Richtung geht, geht es auch in die andere – wie man leider an deutlich weniger Beispielen sehen kann, wie an Maschinenbau Kiel, die in den 1990ern von Panzerfertigung auf Bau von Lokomotiven umstieg oder an den Plänen der Beschäftigten des Rüstungskonzerns LucasAerospace, die 1978 in ihrem Lucas-Plan eine Umstellung der Produktion vorschlugen. 

Von der Möglichkeit einer ökofreundlichen Umgestaltung zeugt außerdem eine Reihe von selbstverwalteten Fabriken. Nur um wenige zu nennen: Als der Fliesenproduzent Philkeram-Johnson 2011 pleite ging, besetzten seine Arbeiter*innen die Fabrik in Thessaloniki und stellten die Produktion auf ökologische Reinigungsmittel um. Ähnlich lief es bei dem Fralib-Unternehmen in Südfrankreich, das 2010 die Produktion verlagern wollte. Die Arbeiter*innen besetzten die Fabrik und gründeten Scop TI. Diese Kooperative stellte die Produktion auf biologischen und nachhaltigen Tee um und setzt sich für umweltfreundliche Produktionsmethoden ein. Zudem arbeiten die Beschäftigten bei Scop TI in einer 35-Stunden- und damit 4-Tage-Woche. Tanuro selbst beschreibt ein inspirierendes Beispiel: „Ende der 70er Jahre hat [der Autor dieser Zeilen] einige hundert überzählige Beschäftigte der Glasindustrie unterstützt, Opfer einer Betriebsschließung, denen es am Ende eines sehr langen radikalen Kampfes gegen einen multinationalen Konzern gelang, ihre Fertigkeiten und kollektive Umschulung in eine öffentliche Gesellschaft für Wärmeisolation und Wohnungssanierung einzubringen.“ (S. 159)

Solche Projekte haben den Nachteil, dass sie innerhalb des Kapitalismus dem gleichen Druck ausgesetzt sind, wie andere Unternehmen, die Löhne zu senken und die Produktion so billig wie möglich zu gestalten, auch auf Kosten der Umwelt. Deshalb verbleiben sie – wenn auch inspirierend – unter dem Kapitalismus begrenzt. Aber sie zeigen, dass es geht: Es ist möglich, die Produktion effizient und umweltfreundlich zu gestalten, wenn Anstrengungen in diese Richtung unternommen werden. Und es lässt nur erahnen, was möglich ist, wenn diese Anstrengung nicht von einigen Hundert Arbeiter*innen in einer feindlichen Umgebung, sondern von acht Milliarden auf der Grundlage einer sozialistischen, bedürfnisorientierten Rätedemokratie geübt wird. 

Wachstum im Sozialismus

Der Sozialismus ist eine Überflussgesellschaft. Das bedeutet, dass die Wirtschaft so ausgerichtet ist, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Unter Sozialismus wird es keinen Mangel, keine Armut,   Obdachlosigkeit, etc. geben. Alle Menschen werden das bekommen können, was sie brauchen, um ein gutes Leben zu haben. Braucht man dafür aber Wachstum der Produktion? Die kurze Antwort darauf ist: Ja, aber nicht überall.

Erstens, der Kapitalismus ist ein verschwenderisches System, in dem eine chronische Überproduktion neben einem chronischen Mangel einprogrammiert ist. In vielen Fällen ist der Mangel im Kapitalismus eben kein objektiver Mangel, sondern entsteht durch falsche Verteilung. So sind in Deutschland skandalöserweise drei Millionen Menschen von Ernährungsarmut betroffen (https://www.zdfheute.de/ratgeber/gesundheit/ernaehrung-armut-kinder-essen-100.html), obwohl gleichzeitig eine riesige Überproduktion und Verschwendung von Lebensmitteln existiert. Parallel dazu produziert der Kapitalismus Massen an Waren und Dienstleistungen, die keine Bedürfnisse erfüllen: Werbung, Rüstung, Finanzdienstleistungen, etc. und natürlich den obszönen Luxuskonsum, die alle unter Sozialismus sofort minimiert oder ganz abgeschafft werden würden. Unter diesen Bedingungen ist es fragwürdig, ob in den industrialisierten Ländern die Produktion tatsächlich erhöht werden müsste – wahrscheinlich wird sie sogar gesenkt werden können.

Anders ist es in vielen Teilen der Welt, insbesondere im globalen Süden. Dort liegt der Lebensstandard um Vielfaches niedriger und der Mangel ist deutlich größer. Zudem ist die Industrialisierung oft wenig fortgeschritten – nicht zuletzt aufgrund der imperialistischen Politik des reichen Nordens. Das heißt, die Diskrepanz zwischen dem, was nötig ist, um ein gutes Leben für Menschen in zurzeit verarmten Teilen der Welt zu sichern, und dem, was die Produktion in diesen Ländern liefern kann, ist groß und muss geschlossen werden. Energieversorgung, Wasserversorgung, öffentliche Infrastruktur, gute Wohnungen, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Altersheime, Pflegeeinrichtungen, öffentliche Verkehrsmittel, öffentliche Räume, Abfall-Infrastruktur, Bibliotheken, Universitäten, Museen, Theater, Kinos, Jugendzentren, Sportanlagen und so weiter und so fort, müssen erst Mal gebaut werden. Dafür ist ein erhebliches Wirtschaftswachstum nötig. 

Des Weiteren wächst die Weltbevölkerung nach wie vor. Auch das macht ein Wachstum nötig, alleine schon, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen und damit den bestehenden Lebensstandard zu halten. 

Und dieses Wirtschaftswachstum muss passieren, bevor die Umstellung auf klimaneutrale Produktion abgeschlossen ist. Es wird dauern, bis man das Bahnnetz in allen Ländern soweit ausgebaut hat, dass auf Transport mit den LKWs weitgehend verzichten werden kann; es wird dauern, bis die Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energie umgestellt wird, etc. Das kann auch bedeuten, dass für eine kurze Zeit die weltweiten Emissionen steigen müssen, um sie anschließend zu senken. Es ist aber ein unverzichtbarer Schritt. Denn es ist unvorstellbar, dass eine internationale Zusammenarbeit, die für die Bewältigung der Klimakrise nötig ist, funktioniert, während die Mehrheit der Weltbevölkerung in Armut und Mangel lebt. Die nötige Zusammenarbeit ist nur auf der Grundlage von Wohlstand möglich. 

Das Wachstum, was nötig ist, um diesen Wohlstand aufzubauen und sichern, ist aber ein grundlegend Anderes als das Wachstum im Kapitalismus. Im Kapitalismus ist das Wachstum für immer einprogrammiert: Jedes Jahr muss jedes Unternehmen und die Wirtschaft jeden Landes wachsen. Das gilt für eine sozialistische Wirtschaft nicht. Das sozialistische Wachstum ist kein unendliches, sondern wird beendet, sobald die Bedürfnisse der Menschen befriedigt sind – und diese Bedürfnisse werden sich mit der Entwicklung des Bewusstseins in einer sozialistischen Gesellschaft verändern, weg von materiellem Konsum. Wenn der Lebensstandard für alle aufgebaut ist, beschränkt sich das Wachstum auf seine Aufrechterhaltung für alle Menschen. 

Braucht der Sozialismus eine zusätzliche “Öko-Komponente”? 

Die Vorstellung der Ökosozialist*innen von einer Schrumpfung birgt ein weiteres Problem. Da der Ökosozialismus – zumindest so weit wie er von den Autor*innen skizziert wird – wie in der klassischen Vorstellung eine Demokratisierung der Gesellschaft unter dem Gemeineigentum der Produktionsmitteln ist, wird es die künftige Arbeiter*innenklasse sein, die darüber entscheidet, wie mit den Produktionsmitteln umgegangen wird, ob ein Aufbau, ein Umbau oder ein Rückbau stattfindet. Auf Grundlage von demokratischen Diskussionen und endlich freier wissenschaftlicher Forschung wird die arbeitende Bevölkerung die Notwendigkeiten gegenüber dem Klimawandel und die Bedürfnisse der Weltbevölkerung abwägen und notwendige Schritte einleiten. In dem Sinne versuchen die Ökosozialist*innen, dieser notwendigen gesellschaftlichen Diskussion vorwegzugreifen und schon jetzt festzulegen, wie sich eine künftige Arbeiter*innendemokratie zu entscheiden hat.

Das kann nur bedeuten, dass die Ökosozialist*innen kein Vertrauen darin haben, dass in einer  demokratischen Planwirtschaft die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Daraufhin deutet auch die namentliche Abgrenzung vom Sozialismus, die den Eindruck verschafft, dass das Konzept des Sozialismus um eine ökologische Komponente explizit erweitert werden müsste. In dem Zusammenhang deuten Ökosozialist*innen häufig auf die ökologischen  Desaster hin, die in der Sowjetunion oder der DDR verursacht und hingenommen wurden. Die Sowjetunion und die DDR unter Stalin und nach ihm hatten zwar eine geplante Wirtschaft, auf deren Grundlage zahlreiche Fortschritte möglich waren wie die rasche Hebung des Lebensstandards, ein gut ausgebautes Sozialwesen, ein funktionierendes Gesundheitssystem, guter und günstiger Wohnraum, etc. Diese Planwirtschaften waren aber weder demokratisch noch bedürfnisorientiert – und somit kein Sozialismus. Die herrschende Bürokratie hat die Zerstörung der Umwelt in Kauf genommen, um die Schwerindustrie möglichst rasch aufzubauen und die kapitalistischen Mächte wirtschaftlich und militärisch einzuholen. 

Deshalb sind die ökologischen Verbrechen des Stalinismus kein Widerspruch dazu, dass der Sozialismus, also eine demokratisch geführte, bedürfnisorientierte Wirtschaft an sich ökologisch sein muss. Es ist unvorstellbar, der Menschheit ein gutes, lebenswertes und sicheres Leben zu ermöglichen, ohne sofort entschiedene Maßnahmen gegen den Klimawandel zu unternehmen. Der Sozialismus ist an sich ökologisch, weil er die Bedürfnisse der Menschen erfüllt und Menschen ein Interesse an einer stabilen und guten Umwelt haben, denn sie sind Teil der Natur. Davon zeugt auch, dass die bolschewistische Regierung nach der Oktoberrevolution als eine der ersten weltweit   Umweltschutzmaßnahmen durchführte – damals war Russland noch ein junger und schwacher, aber immer noch ein demokratischer Arbeiter*innenstaat. Deshalb vertrauen Sozialist*innen darauf, dass eine demokratische Planwirtschaft die besten Entscheidungen bezüglich der Produktion hervorbringen wird – auch im Bezug auf die Umweltfrage. 

Ökosozialismus und Konsumkritik

In der Umweltbewegung ist Konsumkritik weit verbreitet. Sie zielt darauf ab, durch individuelles Konsumverhalten die Produktion zu beeinflussen. Damit das funktionieren kann, wird vorausgesetzt, dass sich die Produktion nach der Nachfrage richtet – also dass Unternehmen genau das herstellen, was nachgefragt wird. Konsumkritik wird daher häufig genutzt, um Konsument*innen für die negativen Folgen der Produktion der gekauften Produkte verantwortlich zu machen. Stattdessen wird meistens weniger oder ein „bewussterer“ Konsum gefordert. 

Für Marxist*innen bietet Konsumkritik keinen Lösungsansatz, da sie der Ansicht sind, dass die Wirtschaft vorrangig nicht auf Bedürfnisse oder Nachfrage, sondern auf Profit ausgerichtet ist. Außerdem wird der Aufruf, den Konsum zu reduzieren, bei Teilen der Arbeiter*innenklasse zu Recht Unmut auslösen, da ihre  Probleme meistens nicht zu viel Konsum, sondern eben zu geringe finanzielle Möglichkeiten zur Befrieidgung von Bedürfnissen sind. 

Die Autor*innen des „Ökosozialismus“ gehen mit Konsum widersprüchlich um. Sie streben grundlegend eine Veränderung der aktuellen Konsummuster an. Dies soll allerdings nicht durch individuellen Verzicht innerhalb des kapitalistischen Systems erreicht werden, sondern durch einen gesellschaftlichen Wandel. Es ist richtig, dass sie den Konsum damit in gesellschaftlichen Kontext stellen. Außerdem sprechen sie nicht nur von Konsum, sondern auch von Bedürfnissen, was ebenfalls richtig ist. Dadurch kann Konsum positiv betrachtet werden, nämlich als Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen, anstatt ihn pauschal zu dämonisieren.

Doch gleichzeitig distanzieren sich die Autor*innen nicht klar von dem konsumkritischen Ansatz. Dies manifestiert sich beispielsweise darin, dass sie häufig von der „Überkonsumption“ (im Folgenden „Überkonsum“) sprechen, die abgebaut werden müsse. Auch diesen Überkonsum stellen sie in den gesellschaftlichen Kontext; Tanuro schreibt beispielsweise:  “Da die Überkonsumption in letzter Instanz auf der Überproduktion beruht, ist es die Produktionsweise, die man angreifen muss.” (S. 157) Außerdem erkennt Tanuro: „[Die globale Produktionsweise] generiert nicht nur auf der einen Seite ‘den Konsum um des Konsums willen’, sondern auf der anderen Seite auch gleichzeitig die chronische Unterkonsumption.“ (S.154) Das ist eine zentrale Erkenntnis, denn aus ihr folgt, dass im Kapitalismus viele Menschen ihre Bedürfnisse eben nicht erfüllen können und der Sozialismus für sie eine Verbesserung bringen würde. In vielen Teilen der Welt wird nach einer sozialistischen Veränderung der Konsum deutlich erhöht werden, weil die Massen dort heute in Armut und Elend leben.

Trotzdem legen die Autor*innen nahe, dass in der heutigen Gesellschaft grundsätzlich ein Überkonsum herrscht und dieser im Sozialismus abgebaut werden müsse. Löwy unterscheidet in dem Zusammenhang zwischen „echten“ und „unechten“ Bedürfnissen, wobei die ersten erfüllt werden und die zweiten verschwinden sollen. Er schreibt: „Das Kriterium, um ein echtes Bedürfnis von einem anderen künstlichen Bedürfnis zu unterscheiden, ist sein Fortbestehen nach der Abschaffung der Werbung.“ (S. 37) Dies ist eine sinnvolle Einteilung. Doch gleichzeitig schreibt er: “Es geht darum, die Produktion auf die Befriedigung authentischer Bedürfnisse auszurichten, angefangen bei jenen, die Mandel als ‘biblisch’ bezeichnete: Wasser, Nahrung, Kleidung, Wohnung.” (S. 37) Alle diese Bedürfnisse sind richtig und grundlegend, aber sie vermitteln das Bild eines Sozialismus, der nicht zu einem höheren Lebensstandard führt, sondern im Gegenteil, zu einer Gesellschaft von Mangel und weniger Wohlstand. Eine sozialistische Gesellschaft sollte das Ziel haben, auch Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung, Bildung, Unterhaltung, Geselligkeit, Schönheit, usw., die genau so real sind, zu erfüllen.

Frage der Message

Die Idee von einem allgemeinen Überkonsum, der abgebaut werden müsste, ist falsch, denn sie legt nahe, dass große Teile der arbeitenden Bevölkerung heute „zu viel“ konsumieren würden. Im Kapitalismus gibt es sicher massiven Überkonsum von Wohlhabenden: Privatjets, riesige Villen,  Yachten, Dutzende Autos, exzessive Partys und Reisen, Hochzeiten für Dutzende Millionen Euro – der Kreativität sind da kaum Grenzen gesetzt. Aber das ist die Realität nur für eine winzige Minderheit. Für den Großteil der Menschen besteht der Großteil des Alltags daraus, genug Mitteln zu sammeln, um ein lebenswertes Leben zu führen – und für Viele ist nicht mal das möglich. Deshalb ist es falsch, zu hohen Konsum als ein generelles Problem darzustellen.

Zweifellos hat der globalisierte Kapitalismus aber Blüten getrieben, die Teilen der Arbeiter*innenklasse Konsumgüter zu günstigen Preisen und hohen ökologischen Kosten ermöglichen, wie zum Beispiel die Billigangebote von Temu oder AliExpress, die dann quer über den Globus transportiert werden. Doch auch hier ginge es darum, vor allem die Produktion umzustellen und nicht das allgemeine Konsumniveau zu senken.

Wenn abstrakt von “weniger” gesprochen wird  (z.B. weniger Konsum, Produktion, etc.), wird überhaupt nicht deutlich, wer auf was wird verzichten müssen. Das verwischt den Klassenwiderspruch und legt nahe, dass „wir alle“ irgendwie den Gürtel enger schnallen müssen. Zusätzlich suggeriert sie, dass es unser Konsum ist, der den Planeten zerstört und deshalb verändert werden muss. Der (Öko-)Sozialismus wird so nicht mehr zu einem Ziel für alle Ausgebeuteten, um unser Leben zu verbessern, sondern zu einem ökologischen Ziel, um die Umwelt zu retten. Sozialismus bedeutet dann nicht mehr eine Gesellschaft ohne Ausbeuter*innen, in der wir die Früchte unserer Arbeit selbst genießen können, sondern eine rigide Ordnung, in der wir für das größere Wohl der Umwelt unseren Konsum und unseren Wohlstand opfern müssen. 

Und das ist kein besonders attraktives Angebot. So sollten sich die Ökosozialist*innen fragen, wie ihre Aussagen bei der Bevölkerung ankommen, wenn sie sowas schreiben: “Es wäre keineswegs notwendig […] den Lebensstandard der europäischen und nordamerikanischen Bevölkerung absolut zu senken. Diese Bevölkerungen müssten sich einfach von nutzlosen Produkten trennen, von solchen, die kein wirkliches Bedürfnis befriedigen und deren zwanghafter Konsum vom kapitalistischen System unterstützt wird. Sie würden zwar ihren Konsum reduzieren, aber den Begriff des Lebensstandards neu definieren, so dass Raum für eine Lebensweise entsteht, die in Wirklichkeit reicher ist als die alte.” (S. 69),  Sind das Sätze, die die Lohnabhängigen für den Kampf für Sozialismus mobilisieren und begeistern? Wie wird sich eine von Armut betroffene alleinerziehende Mutter, die ihren Kindern einen Kinobesuch höchstens zum Geburtstag bezahlen kann, einen Ökosozialismus vorstellen, wenn sie hört, dass ihr Lebensstandard im Sozialismus gar nicht gesenkt wird, sie ihn doch einfach neu definieren kann? Was wird ein Industriearbeiter denken, der gerade für den Erhalt seines Arbeitsplatzes kämpft, wenn er hört, dass als erstes ein „historischer Um- und Rückbau“ des Produktionsapparates stattfinden soll? Was wird sich eine Arbeitslose denken, die hört, dass im Ökosozialismus zuerst die „biblischen“ Bedürfnisse erfüllt werden?

Es ist möglich, dass die Ökosozialist*innen keinen Verzicht predigen wollen, doch es ist ihnen vorzuwerfen, dass sie unreflektiert die Sprache der Konsumkritiker*innen verwenden, deren Vertreter*innen massenhaft Verzicht predigen. So werden sie keine Massenbewegung für den Sozialismus aufbauen. 

Die Annahme, dass ein größerer Teil der Arbeiter*innenklasse in den führenden imperialistischen Ländern seinen Konsum bedeutend einschränken müsste, um das Klima zu retten, ist falsch. Wie zuvor begründet, können wir die Produktion massiv zurückfahren, ohne dass eine einzige Person weniger hat – nur indem wir die massive kapitalistische Verschwendung beenden. Und wir können die Produktion dann hochfahren, um den Mangel, den der Kapitalismus kreiert, zu beseitigen, ohne dabei die Umwelt noch mehr zu belasten. Das muss die Message des Sozialismus sein. Sozialismus ist wünschenswert – nicht abstrakt für die Umwelt, nicht weil wir bessere Menschen sind, sondern einfach weil es uns im Sozialismus besser gehen wird.

Veränderungen des Konsums im Sozialismus

Ein höherer Lebensstandard für alle ist kein Widerspruch dazu, dass sich im Sozialismus die Konsummuster aufgrund der grundlegend anderen Gesellschaftsstrukturen ändern werden. Denn die Kapitalist*innen haben die Bedürfnisse der Menschen gekapert, um uns teilweise unnötigen Schrott anzudrehen. 2024 wurde mehr als eine Billion US-Dollar (1.000.000.000.000$!) für Werbung ausgegeben, ungefähr ein Prozent des weltweiten BIPs (https://datareportal.com/reports/digital-2025-sub-section-global-advertising-trends). Und sie wirkt – sie kreiert Wünsche, die man durchaus als „künstliche Bedürfnisse“ bezeichnen kann. Außerdem feiert der Kapitalismus Menschen, die in der Lage sind, viel Geld zu machen, und so sind teuere und viele Produkte ein Statussymbol, das von vielen Menschen begehrt wird. 

Dabei sichert die Anzahl von Produkten, die man besitzt oder konsumiert, keinen guten Lebensstandard. Lebensstandard kann auch Freizeit, Gemeinschaft, Schönheit oder Selbstentfaltung sein. Durch die Abschaffung der Werbung und Schaffung einer neuen Gesellschaft, werden sich die Bedürfnisse der Menschen ändern. Viele Phänomene, die heute nichts anderes sind als destruktiver Ausdruck der kapitalistischen Profitgier, wie Fast Fashion oder geplante Obsoleszenz (bewusste Beschleunigung des Verschleißes eines Produkts) werden verschwinden. Konsum als Statussymbol wird wahrscheinlich auch schnell ein Ende finden. Und in manchen Fällen wird es sicherlich so sein, dass bestimmter Konsum nicht mehr geduldet wird: So zum Beispiel hat die Gesellschaft das Recht, zu entscheiden, dass nicht mehr jedes tropische Obst zu jeder Jahreszeit in beliebiger Menge vorhanden sein muss, wenn dies mit sehr hohen Kosten der Arbeitszeit oder Umweltzerstörung verbunden ist. 

Gleichzeitig wird die Veränderung des Konsums in den meisten Fällen nicht dadurch herbeigeführt, dass die „unechten Bedürfnisse“ von Oben beseitigt werden, sondern weil sich das Bewusstsein der Menschen verändert oder die Gesellschaft einen sinnvolleren Weg findet, die Bedürfnisse zu befriedigen. So kann ein guter ÖPNV und kollektive carsharing-Angebote die Notwendigkeit eines eigenen Autos beseitigen. Genau so könnte durch ein cleveres Leihsystem verhindert werden, dass jede Person einen eigenen Schlagbohrer braucht, den sie höchstens alle 2 Jahre verwendet. Das zeigt, dass unser Lebensstandard auch wachsen kann, während insgesamt die Produktion und der Ressourcenverbrauch abnimmt. 

Streitpunkt 2: „Das“ Thema oder ein Thema?

Eine Kernthese des Ökosozialismus ist die zentrale Bedeutung der Umweltfrage in ihrer Strategie zur Überwindung des Kapitalismus. Die Ökosozialist*innen haben Recht, wenn sie sagen dass der Klimawandel eine historische Bedrohung ist, die potenziell das Leben von Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen gefährdet. Die Folgen der Klimakatastrophe – Zerstörung von Lebensräumen, Wasserknappheit, Lebensmittelunsicherheit, Massenflucht aus purer Not aufgrund der Hitze, des steigenden Meeresspiegels, Wüstenbildung, Wetterextreme, etc. – könnten die Zerstörungen von Weltkriegen weit in den Schatten stellen. Die objektive Situation schreit nach sofortigen entschiedenen Maßnahmen. 

Gleichzeitig aber – wie die Autor*innen selbst hervorragend erklären – sind solche entschiedenen Maßnahmen unter dem Kapitalismus nicht möglich. Das Klima kann nicht unter dem Kapitalismus gerettet werden; dafür ist der Sozialismus die einzige Lösung. Also muss die absolute Priorität darin liegen, das kapitalistische System zu überwinden, um genau diese entschiedenen Maßnahmen zu implementieren. Das müsste der Start einer Diskussion sein, wie man den Sozialismus erreichen kann – einer Diskussion über Strategie. 

Aber diese Strategiediskussion führen Ökosozialist*innen gar nicht. Sie gehen davon aus, dass die Fokussierung auf die Umweltbewegung der beste Weg ist, um Sozialismus zu erreichen. Dabei müssten sie  das erst mal überzeugend darlegen. Aber anscheinend halten sie diesen Zusammenhang für so selbstverständlich, dass sie ihn nicht mal erwähnen. Dies führt zu einer Überschätzung der Wichtigkeit des Klima-Themas im Kampf für den Sozialismus. 

Foster insbesondere spricht über Sozialismus als über eine Gesellschaft, in der die Versöhnung mit der Natur im Vordergrund steht, nicht die Auflösung der Klassen. Tanuro schreibt: “Umso mehr erfordert die Ökologisierung des Marxismus viel mehr als nur die ‘Integration’ ökologischer Fragen in den antikapitalistischen Kampf. […] Angesichts des Verhältnisses zwischen diesen beiden Aspekten besteht die wahre Herausforderung nicht darin, die Ökologie in den Sozialismus, sondern den Sozialismus in die Ökologie zu integrieren.” (S. 166) Solche Behauptungen vermitteln eine falsche Vorstellung darüber, wie sich Massenbewegungen und Revolutionen entwickeln. Und sie wecken völlig falsche Erwartungen gegenüber der Klimabewegung, nämlich dass sie die Massenbewegungen der kommenden Zeit anführen wird.

Eine Analyse der Bewegungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigt das. Hatten die Massenbewegungen in Nordafrika 2011, Griechenland 2015, in Chile 2021 oder den Dutzenden anderen Massenbewegungen der letzten Jahre keine Chance darauf, eine Revolution zu erreichen? Oder wäre die einzige Aufgabe von Sozialist*innen, in diese Bewegungen reinzugehen und den Massen zu erklären, dass sie erst mal ein ökologisches Bewusstsein erlangen müssen, bevor sie die Macht an sich reißen dürfen?

Das Problem einer solchen Haltung ist, dass wenn alle fortschrittlichen Bewegungen – antirassistische, antifaschistische, feministische, etc. – zu dem richtigen Schluss kommen, dass Sozialismus nötig ist, und dann aber trotzdem bei der Position bleiben, dass ihr Thema das wichtigste im Kampf bleibt, werden sie sich nicht flexibel auf die kommenden Kämpfe einstellen  und überlegen, was nötig ist, um die gesamte sozialistische Bewegung voranzubringen. Sozialist*innen müssen flexibel sein und jede Gelegenheit nutzen, antikapitalistische Kämpfe zu unterstützen und voranzubringen. 

Der innere Widerspruch

Revolutionen, Aufstände und Massenbewegungen entstehen rund um viele Fragen. In Zukunft werden sicherlich mehr und mehr Bewegungen als Reaktion auf die Auswirkungen der Klimakrise entstehen – je weiter der Klimawandel voranschreitet und der Menschheit die Lebensgrundlage entzieht. Doch gleichzeitig bestätigen die letzten Jahre und Dutzende von Aufständen die Position des CWI, dass Massenbewegungen vor allem ein Ausdruck von Klassenwidersprüchen sind und sich daher an Klassenfragen entwickeln. Und dort, wo eine Klimakrise eine Bewegung auslöst, sprechen sich die Proteste oftmals nicht explizit für mehr Klimaschutz aus, sondern für die Beseitigung der sozialen Missstände, die sich aus dem Klimawandel ergeben. Dies ist ein genereller Trend: Wo Aufstände aus anderen Problemen entstehen, ist oft soziale Unzufriedenheit Grundlage für ihre Eskalation und Radikalisierung.

Die Revolten und Massenaufstände der letzten Jahre zeigen eindrücklich, dass diese in den meisten Fällen aufgrund sozialer bzw. ökonomischer Fragen ausbrechen. Das bedeutet nicht, dass andere Themen wie demokratische Rechte, Diskriminierung, nationale Frage, das Klima, etc., keine Rolle spielen können oder nicht auch Auslöser für Aufstände und Revolutionen sein können. Im Gegenteil, alle diese Themen sind wichtig. Deshalb ist es notwendig, dass alle fortschrittlichen Bewegungen sich zusammenschließen und ein gemeinsames Programm entwickeln. Die Vorstellung, dass zukünftige Bewegungen einseitig vom Klimathema dominiert sein werden, ist jedoch falsch. 

Und die Autor*innen scheinen das zwar einerseits zu verstehen, aber kaum zu verarbeiten. Gerade weil die heutigen Massenbewegungen sich deutlich seltener um die Umweltfragen drehen als es den Ökosozialist*innen lieb wäre, beklagen sie sich, dass das ökologische Bewusstsein nicht hoch genug sei. Zeller schreibt explizit, dass einer der großen Herausforderungen an politische Perspektiven des Ökosozialismus ist „die enorme Kluft zwischen den erforderlichen Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung und dem Bewusstseinsstand breiter Teile der arbeitenden Klasse [zu] schließen“. (S. 125)

Es ist ein innerer Widerspruch des Ökosozialismus, einerseits das Klimathema zum zentralen Anliegen im Kampf für den Sozialismus zu erklären, andererseits sich darüber zu beschweren, dass die Massen der Arbeiter*innenklasse diesem Anliegen offenbar nicht dieselbe Bedeutung beimessen, wie es die Ökosozialist*innen gerne hätten.   Das ist ein Anzeichen für ein idealistisches Denken. Statt die Welt, die Klassengesellschaft und den Klassenkampf so zu sehen, wie sie sind, und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, wünschen sich die Ökosozialist*innen eine andere Welt – eine, in der alle endlich  verstanden haben, dass die Klimafrage wirklich wichtig ist. 

Das „ökologische Bewusstsein“

Eine spannende Frage in dem Zusammenhang ist, wie genau das  Klima-Bewusstsein aussieht und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind. Leider machen die Autor*innen das zumindest in dem Buch sehr wenig, bzw. ziehen die falschen Schlussfolgerungen draus. Die korrekte Einschätzung des Bewusstseinstandes ist keine abstrakte Frage, denn eine falsche Analyse führt zu einer falschen Strategie und damit zu falschen Taten. 

In aller Kürze: Es ist allgemein bekannt, dass die Klimakrise dringend einer Lösung bedarf. Und vielen Menschen liegt etwas daran, dass eine solche Lösung gefunden wird. Dieses Problembewusstsein ist die Grundlage für die großen Klimaproteste wie von Fridays For Future. Es ist die Grundlage für die zeitweiligen Wahlerfolge der grünen Parteien in Europa. Es ist der Grund, weshalb sich heute auf gefühlt jedem zweiten Produkt ein Sticker befindet, der zu überzeugen versucht, wie ökologisch nachhaltig dieses Produkt hergestellt sei. Deshalb können so viele Unternehmen erfolgreich mit ihrem Bio- und Fairtrade-Gimmicks fette Profite machen. Das alles, weil viele, viele Menschen ihren Beitrag zur Überwindung der Klimakrise  leisten wollen.

Aber diese richtigen Impulse werden von dem kapitalistischen System in die Irre geführt. Umweltfreundlich zu sein, heißt der kapitalistischen Ideologie nach, sich teuerere Kleidung zu kaufen, teureren Öko-Strom zu beziehen, völlig überteuerere Bio-Fairtrade-Lebensmittel zu kaufen und weniger, am besten gar nicht zu heizen. Während dies für eine Schicht von Menschen möglich ist, ist es für viele andere nicht ohne Abstecher. Angesichts der Ausbeutung und der Armut, die sich durch die fortlaufenden Preissteigerungen verschärft, ist es verständlich, dass die Klimarettung für Viele eine Abwägung ist. Während Einige bereit sind, ihre begrenzten Ressourcen klimafreundlich zu verwenden, sind Viele damit beschäftigt, überhaupt täglich über die Runden zu kommen. Um den polnischen Journalisten Marcin Giełzak zu paraphrasieren: Viele Menschen sorgen sich mehr um das Ende des Monats als um das Ende der Welt. Deshalb ist es zentral, die ökologische Frage in den Kampf für Sozialismus einzubinden, aber deutlich zu machen, dass Klimarettung nicht zu Lasten der Arbeiter*innenklasse gehen darf. 

Ökosozialistische Strategie

Es wurde deutlich beschrieben, weshalb wir der Meinung sind, dass kommende Bewegungen sich nicht ausschließlich bzw. vorrangig an Klimafragen orientieren werden. Gleichzeitig wird eine falsche bzw. nicht vorhandene Analyse des Bewusstseins zu Fehlern auch bei der Intervention in der Klimabewegung führen. Die Klimafrage wird in Zukunft wichtiger werden, weil die Folgen sich auf den Lebensstandard auswirken und zu sozialen Fragen werden wie die Frage des Zugangs zu Wasser, des Zugangs zu landwirtschaftlich bebaubarem Land und selbst die ausreichende Nahrungsmittelversorgung der Weltbevölkerung.

Damit schafft die Klimakrise gewissermaßen selbst die Verbindung zwischen der Klimafrage und den Klassenfragen. Notwendig ist ein Übergangsprogramm, das einerseits konkrete Schritte zur Besserung darstellt, andererseits aufzeigt, dass die Überwindung der Klimakrise und der Probleme, die sie bringt, nur unter einer sozialistischen Planwirtschaft möglich ist. Und es ist den Autor*innen zu gute zu halten, dass sie einen Versuch machen, solche Übergangsprogramme zu entwickeln. Tanuro schlägt ein Katalog von Übergangsforderungen, die unter anderem Punkte wie kostenlosen Wasserverbrauch für Haushalte, Vergesellschaftung des Wassers, der Energie und der Finanzen, Sanierung der Wohnungen, etc. aufgreift (S. 52f). Zeller stellt ebenfalls ein ausführliches und gut durchdachtes ökosozialistisches Übergangsprogramm zur Diskussion, in dem er die Bedeutung der Arbeiter*innenkontrolle und der Eigentumsfragen anspricht und besonders die Notwendigkeit einer demokratischen Selbstorganisation der Bevölkerung als Alternative zum Staat betont. Diese Übergangsprogramme haben den Vorteil, dass sie die breitere Bevölkerung in ihren unmittelbaren Interessen ansprechen und zu weiterführenden Forderungen mobilisieren. 

Allerdings wird die ökosozialistische Strategie immer wieder auf Probleme stoßen, die sich aus ihrer Überfokussierung auf das Klimathema ergeben. Da die Klimakrise ihrer Einschätzung nach die wichtigste und gleichzeitig eine sehr drängende Frage ist, stehen die Ökosozialist*innen unter Druck, Fortschritte auf dieser Front so schnell wie möglich zu machen. Dies führt zum Beispiel dazu, dass sich Löwy für ein Bündnis mit den Degrowth-Teilen der Klimabewegung ausspricht: „Sollten wir uns auf die Beziehungen zwischen den sozialen Klassen und den Kampf gegen die Ungleichheit konzentrieren, oder sollten wir das unbegrenzte Wachstum der Produktivkräfte anprangern? Was ist wichtiger, individuelle Initiativen, lokale Erfahrungen, freiwillige Einfachheit oder die Veränderung des Produktionsapparates und der kapitalistischen Megamaschine? […] Die Herausforderung bestehe darin, den Kampf für das ökologische Klasseninteresse der Mehrheit, also derjenigen ohne Kapital, mit der Politik der aktiven Minderheiten, die für eine radikale kulturelle Transformation sind, zu verbinden. […] Als Ökosozialist und Mitglied der Vierten Internationale teile ich diese Ansicht.“ (S. 89f)

Dabei ist dieses Vorgehen ein Schuss ins eigene Bein. Die Degrowth-Bewegung ist von Verzicht und Konsumfeindlichkeit geprägt. Löwy schreibt in demselben Text über sie: „Zahlreiche Theoretiker*innen des Degrowth scheinen zu glauben, die einzige Alternative zum Produktivismus bestehe darin, jegliches Wachstum zu stoppen oder durch negatives Wachstum zu ersetzen, d.h. das übermäßige Konsumniveau der Bevölkerung durch Halbierung der Ausgaben für Energie, durch Verzicht auf Einparteienhäuser, Zentralheizung, Waschmaschinen, etc. drastisch zu reduzieren. Da diese und andere derartige drastische Sparmaßnahmen recht unpopulär sein können, spielen einige von ihnen […] mit der Idee einer Art ‚ökologischer Diktatur‘.“ (S. 86) Teile der Degrowth-Bewegung lehnen sogar Aufbau-Vorschläge für die Länder des globalen Südens ab.

Dieser Schritt mag zunächst strategisch sinnvoll erscheinen, langfristig wird er aber dazu führen, dass sich die Spaltungen zwischen der Arbeiter*innenbewegung und der Klimabewegung inklusive des Ökosozialismus vertiefen. Ein Bündnis mit solchen Kräften wird die Teile der Arbeiter*innenklasse, die zurecht nicht wollen, dass ihr Lebensstandard für die Klimarettung geopfert wird, abschrecken. Diese falsche Strategie ist eine Folge der Überschätzung der Wichtigkeit des Klimathemas und der Ansicht, dass man den „Sozialismus in Ökologie“ integrieren sollte, statt umgekehrt, also dass der Kampf um das Klima der primäre Kampf sei (Tanuro, S. 166).

Streitpunkt 3: Welche Klasse ist das revolutionäre Subjekt?

Für Marxist*innen ist die Ansicht, dass die Arbeiter*innenklasse die revolutionäre Kraft ist, zentral. Nicht, weil die Arbeiter*innen von sich aus bessere Menschen sind oder weil die am meisten Unterdrückten automatisch die Fortschrittlichsten seien. Die Arbeiter*innenklasse ist aus zwei Hauptgründen die revolutionäre Kraft: Erstens, weil sie durch ihre Stellung in der Produktion, nämlich als Hauptproduzentin des Reichtums, die Gesellschaft am Laufen hält und somit die wirtschaftliche Macht besitzt, das Kapital herauszufordern und zu schlagen. Und zweitens, weil ihre Klasseninteressen sich automatisch mit Forderungen von Absetzung der Ausbeuter*innen und kollektiver Verwaltung der Produktion decken, welche konkrete  Schritte Richtung Sozialismus sind. Der Sozialismus wird allen Unterdrückten und Verarmten ein besseres Leben erlauben, aber direkt ist er zunächst die Umsetzung der Interessen des Proletariats. 

Zum Vergleich, kleine Kiosk-, Copyshop- oder Imbiss-Besitzer*innen werden ebenfalls im Kapitalismus von der großen Industrie über den Tisch gezogen und hätten von einer sozialistischen Gesellschaft vor allem Vorteile. Aber sie stehen gleichzeitig in Konkurrenz zueinander, was ihre kollektive Aktion schwerer macht. Und selbst wenn sie versuchen, beispielsweise zu streiken, so treffen sie nicht direkt die Profite der Herrschenden, sondern zunächst ihre eigenen Einnahmen. Und wenn sie in Kampf treten, so werden ihre Forderungen nicht Verstaatlichungen oder kollektive Planung der Produktion sein, weil solche Forderungen sich direkt gegen ihre eigenen Interessen als (kleine) Eigentümer*innen von Produktionsmitteln richten. Und deshalb können solche Kleinbürger*innen zwar individuell sozialistisches Bewusstsein entwickeln und zu Revolutionär*innen werden, aber als Klasse werden sie nicht die sozialistische Revolution anführen. 

Auf welche Klasse Sozialist*innen orientieren, ist entscheidend, denn daraus folgen konkrete Programme, Analysen, Strategien und Taktiken. Nicht ohne Grund basiert der Marxismus – im Gegensatz zu dem vor ihm existierenden utopischen Sozialismus – auf der Aussage, dass der Kapitalismus seine eigenen Totengräber*innen schafft: die Arbeiter*innen. Deshalb ist die Position, dass die Arbeiter*innenklasse das revolutionäre Subjekt ist, eine zentrale Aussage des Marxismus und die Grundlage eines erfolgreichen sozialistischen Aufbaus.  Wer die Arbeiter*innenklasse als das revolutionäre Subjekt ersetzen will, braucht überzeugende Argumente. 

Die Ökosozialist*innen im Allgemeinen und die Autor*innen von „Ökosozialismus“ haben keine einheitliche Meinung darüber, welche Klasse den (Öko-)Sozialismus erkämpfen kann oder erkämpfen wird. Dies äußert sich zunächst darin, dass sie generell wenig von Klassen sprechen. Dort, wo sie die Möglichkeit hätten, die Arbeiter*innenklasse als zentral zu nennen, tun sie es nicht. Sie sprechen lieber von dem „sozialistischen“ und „ökologischen“ Bewusstsein als von dem „Klassenbewusstsein“. Dies sind subtile Verwischungen der klassischen marxistischen Positionen. 

Gleichzeitig erkennen die Autor*innen die Stärke der arbeitenden Bevölkerung im Kampf für den Sozialismus. Gerade Zeller und Spear nennen explizit Streiks als ein zentrales Kampfmittel. Aber sie verkennen – oder erwähnen nicht – den politischen Grund, weshalb die Arbeiter*innen die Klasse sind, die den Sozialismus erkämpfen kann.

Dies führt zum Beispiel dazu, dass Löwy einerseits zustimmt, dass eine aktive Beteiligung der arbeitenden Bevölkerung nötig ist, aber gleichzeitig schreiben kann: “Der arbeitertümelnde/industrialistische Dogmatismus des letzten Jahrhunderts ist heute nicht mehr aktuell. Die Kräfte, die heute an der Frontlinie der Konfrontation stehen, sind junge Menschen, Frauen, Eingeborene und Bauern und Bäuerinnen. Frauen sind in der gewaltigen Jugendrebellion, die durch den Aufruf von Greta Thunberg ausgelöst worden ist, sehr stark präsent […].“ (S. 60).  Diese Wendung weg von der Arbeiter*innenklasse und hin zu den aktiven Schichten wird nicht mehr begründet. Es scheint sinnvoll, anzunehmen, dass die Grundlage dafür die Enttäuschung der Erwartungen sind, die sich aus der eigenen falschen Analyse ergeben. Schichten wie Eingeborene, Bäuerinnen und Bauern, junge Menschen (klassenunspezifisch), Frauen (klassenunspezifisch) können vielleicht in der Bewegung aktiver sein, aber sind es die Kräfte, die den (Öko-)Sozialismus erkämpfen werden? Dafür liefert weder Löwy noch jemand Anderes ein Argument. Eine ernstzunehmende Gegenposition, die Marxist*innen nun kritisch diskutieren müssten, um festzustellen, ob ihre Positionierung der Arbeiter*innenklasse als das revolutionäre Subjekt, weiterhin aufrechterhalten werden kann, ist nicht zu finden. 

Abgrenzung der Ökosozialist*innen von der Arbeiter*innenbewegung

Es ist eine Entscheidung der Ökosozialist*innen, von dem Ökosozialismus, nicht einfach nur dem Sozialismus, zu sprechen. Damit heben sie sich freiwillig von dem letzteren ab. Doch dadurch geht den Ökosozialist*innen etwas verloren, nämlich die mehr als 200 Jahre Kampferfahrung und ein reichhaltiger Schatz von Lehren aus gewonnenen und verlorenen Klassenkämpfen. Wenn die Ökosozialist*innen den Kapitalismus abschaffen wollen, sollten sie die Fehler, Niederlagen und Siege der vergangenen Revolutionen und Klassenkämpfe analysieren, um daraus Strategien für heute zu entwickeln. In dem Buch, das Diskussionsbeiträge auch zur Strategie liefern sollte, finden Beispiele von tatsächlichen Massenkämpfen abseits von gezielten Klimabewegungen kaum eine Erwähnung. Häufig bleiben die Autor*innen an dem abstrakten Begriff der Revolution stehen; eine richtige Auseinandersetzung aber damit, was für eine Revolution es sein sollte und vor allem, wie sie gewonnen werden kann – dies anhand der Lehren aus vergangenen Versuchen – findet nicht statt.

Eine Ausnahme dazu ist der lange Beitrag von Zeller, in dem er eine ökosozialistische Strategie vorschlägt, in der der Aufbau alternativer Machtstrukturen eine Rolle spielt. Er diskutiert Räte und Doppelmachtsituationen. Er ist so nah dran; es wäre so natürlich, darauf mit der Verarbeitung der Erfahrungen von genau solchen Doppelmachtsituationen wie Russland 1917, Deutschland 1919, Frankreich 1968, Iran 1979, usw. zu schlussfolgern. Doch stattdessen kommt Zeller zu dem Schluss: „Es bleibt herauszufinden, wie die gewählten Räte- und Selbstverwaltungsstrukturen durch bewusste und zentralisierte Aktion die Macht übernehmen können und inwiefern damit die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, die Macht des Kapitals zu brechen sowie den bürgerlichen Staat zurückzudrängen und durch neue Formen der Staatlichkeit und der in Räten organisierten gesellschaftlichen Selbstverwaltung zu ersetzen. Ökosozialistische Organisationen, die in der Lage sind, historische Erfahrungen zu verarbeiten, von den unterschiedlichen Bewegungen der Welt zu lernen und demokratisch funktionieren, können bei diesem Klärungsprozessen eine entscheidende Rolle einnehmen.“ (S. 135) 

Sozialismus vs. Ökosozialismus

Der Ökosozialismus hat viele Facetten und befindet sich noch in einem Entwicklungsprozess – in diesem Artikel haben wir uns mit den aus unserer Sicht stärksten und linkesten Ideen dieser Strömung auseinandergesetzt. Gleichzeitig sollten die beschriebenen Streitpunkte deutlich machen, dass während ökosozialistische Ideen zwar als Diskussionsbeitrag in der Klimabewegung wertvoll sind, sie dennoch ein Schritt rückwärts gegenüber dem Marxismus darstellen. 

Nur die Arbeiter*innenklasse kann den Sozialismus erkämpfen und wir sind davon überzeugt, dass sie diese historische Herausforderung meistern wird. Um das Klima zu retten und die Erde für die jetzige und die nächsten Generationen bewohnbar zu halten. Aber genau so um die Ausbeutung, die Kriege, den Terror, die Armut, und die Unterdrückung zu beenden. Denn alles das ist nicht im Klasseninteresse der arbeitenden Bevölkerung.

Deshalb besteht die zentrale Herausforderung heute nicht darin, die Weltbevölkerung von der Notwendigkeit des Umweltschutzes zu überzeugen und damit das ökologische Bewusstsein zu erhöhen, sondern darin, der Arbeiter*innenklasse die Klassenwidersprüche in Kämpfen und Auseinandersetzungen aufzuzeigen, damit das Klassenbewusstsein zu steigern und sie schließlich für den Kampf für eine Wirtschaft und Gesellschaft in ihrem Interesse zu gewinnen – für den Sozialismus.