Venezuela, Trump und eine neue Ära imperialistischer Agression

Rede von Trump vor venezolanischen Soldat*innen 2019 (Public Domain)

US-Streitkräfte raus aus Lateinamerika

Für die Einheit der Arbeiter:innen und den Sozialismus

Die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau Celia Flores durch einen Angriff des US-Imperialismus hat das Jahr 2026 auf dramatische Weise eingeläutet. Dieser unverhüllte koloniale Angriff des Trump-Regimes wird tiefgreifende Folgen für Venezuela, ganz Lateinamerika und die globalen geopolitischen Beziehungen haben. Die Auswirkungen sind weltweit zu spüren. Diese moderne Version der „Kanonenbootdiplomatie” verdeutlicht auf drastische Weise die Natur der Ära, in der wir uns derzeit befinden.

Von Tony Saunois, Sekretariat des CWI, zuerst veröffentlicht: 08. Januar 2026

Die Intervention der US-Streitkräfte in Venezuela wurde mit klinischer Präzision durchgeführt. 150 Flugzeuge führten „Schock- und Einschüchterungs”-Bombardements durch. Nachdem es ihnen gelungen war, die Stromversorgung zu unterbrechen und Caracas zu verdunkeln, folgten Drohnen- und Hubschrauberangriffe und anschließend die Invasion durch die Eliteeinheit Delta Force. Rachsüchtig bombardierten sie das Mausoleum, in dem die sterblichen Überreste von Hugo Chávez beigesetzt waren.

Dies war jedoch nicht die friedliche Operation, wie sie von Trump und einem Großteil der westlichen Medien behauptet wurde. Die venezolanischen Streitkräfte behaupten, dass die meisten Leibwächter*innen von Maduro getötet wurden, als sie während der Operation zurückschlugen. Ebenso wurden auch 32 kubanische Kämpfer*innen getötet. Das venezolanische Regime berichtet, dass über hundert Menschen bei den Kämpfen ums Leben kamen. Die entscheidende Frage ist, wie es nun in Venezuela weitergeht.

Trumps Vorgehen, Nicolás Maduro und seine Frau zu verhaften und sie in Handschellen zu einem Schauprozess nach New York zu schleppen, ist ein dreister Akt unverhohlenen Kolonialismus. Vorausgegangen waren imperiale Piraterie mit der Beschlagnahmung venezolanischen Öls auf See und die Aufstellung einer US-Flotte mit 15.000 Soldat*innen in der Karibik.

Der Gestank der Heuchelei, der von Trump und dem US-Imperialismus in den Anklagen gegen Maduro ausgeht, ist überwältigend. Der ehemalige rechtsgerichtete Präsident von Honduras, Juan Orlando Hernández, wurde bei den Präsidentschaftswahlen 2017 von Trump unterstützt. Obama bezeichnete ihn gleichzeitig als „ausgezeichneten Partner”. Später wurde er in den USA vor Gericht gestellt, weil er ein Drogenkartell angeführt und an der Lieferung von 400 Tonnen Kokain in die USA beteiligt gewesen war. Er wurde zu über vierzig Jahren Haft verurteilt. Trump begnadigte ihn und ließ ihn am 1. Dezember 2025 frei – einen Monat bevor er Maduro entführte!

Maduro erklärte bei seinem ersten Gerichtstermin, er betrachte sich als „Kriegsgefangenen”, was er in vielerlei Hinsicht auch ist. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe grenzen an Lächerlichkeit. Das Drogenkartell, dessen Anführer er sein soll, Cartel de los Soles, das von den USA als narco-terroristische Organisation gebrandmarkt wird, existiert als Organisation gar nicht. In Venezuela ist es ein Akronym für Beamt*innen, die Bestechungsgelder annehmen! Maduro mag korrupt sein oder mit Drogenkartellen zu tun haben, oder auch nicht. Das ist jedoch eine Angelegenheit, über die die venezolanische Arbeiter*innenklasse zu urteilen und zu entscheiden hat. Nicht der US-Imperialismus, der verzweifelt versucht, venezolanisches Öl in seine Hände zu bekommen.

Trump verkündete triumphierend, dass die USA nun Venezuela „regieren” würden, und prahlte damit, dass US-Ölkonzerne sich Venezuelas Öl aneignen würden, das er als „unser Öl” bezeichnet. Er drohte weiter, dass die USA keine Angst vor einer weiteren Invasion oder einem „Bodeneinsatz” hätten, sollte das venezolanische Regime den Diktaten des US-Imperialismus nicht nachkommen.

Trumps Behauptung, es gehe um „Demokratie”, die von anderen westlichen kapitalistischen Führer*innen wie dem britischen Premierminister Starmer wiederholt wurde, ist lächerlich. Unverfroren haben Trump und US-Außenminister Rubio die Idee von Neuwahlen in Venezuela abgelehnt, bis die USA „die Angelegenheit geklärt” haben. Die zuvor gepriesenen Führer*innen der venezolanischen rechten Opposition, wie María Machado und Edmundo González (die von Washington und anderen als vermeintliche Gewinner*innen der venezolanischen Präsidentschaftswahlen 2024 anerkannt wurden), wurden kurzerhand fallen gelassen, weil ihnen „die Unterstützung fehlt“.

Trump hat offen und schamlos im Namen US-amerikanischer Unternehmen Anspruch auf venezolanisches Öl erhoben. Jetzt behauptet er, dass er fünfzig Millionen Barrel venezolanisches Rohöl beschlagnahmen und auf dem freien Markt verkaufen werde. Die Einnahmen werden unter seiner Kontrolle stehen, und die eingenommenen Mittel dürfen nur für den Kauf von in den USA hergestellten Waren verwendet werden! Er spricht die wahren Absichten des US-Imperialismus offen aus und wischt die scheinheilige Heuchelei der bürgerlichen Diplomatie beiseite, die von Teilen der US-amerikanischen und anderen herrschenden Klassen weltweit verabscheut wird. Die westlichen Kapitalist*innen verurteilen Maduro als Diktator, schweigen aber ohrenbetäubend über ihre „Verbündeten“, die brutale Diktaturen wie in Saudi-Arabien führen.

Eine moderne „Monroe-Doktrin”

Diese Intervention markiert, wie Trump prahlte, eine Rückkehr zur „Monroe-Doktrin” in moderner Form. Diese wurde 1823 vom US-Präsidenten James Monroe verkündet und bekräftigte das Recht des US-Imperialismus, in ganz Lateinamerika mit allen notwendigen Mitteln zu intervenieren, um seine Interessen durchzusetzen und zu schützen. Damals war sie motiviert durch das Bestreben, den Einfluss der USA in ganz Amerika auszuweiten, um der anhaltenden europäischen Intervention in der westlichen Hemisphäre entgegenzuwirken. Heute zielt die „Monroe-Doktrin“, ein Akt des unverhüllten Kolonialismus, darauf ab, sowohl China als auch Russland zu warnen, sich aus dem, was die USA trotz der geschwächten Position des US-Imperialismus auf dem gesamten Kontinent und weltweit immer noch als ihren „Hinterhof“ betrachten, herauszuhalten.

Bezeichnenderweise traf sich Maduro nur wenige Stunden vor seiner Entführung mit einer chinesischen Handelsdelegation. China ist der größte Abnehmer von venezolanischem Rohöl. Die im Dezember 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie des Weißen Hauses bekräftigt das einseitige Recht der USA, rivalisierenden Mächten die Möglichkeit zu verweigern, „strategisch wichtige Vermögenswerte” in Amerika zu besitzen oder zu kontrollieren, und erklärt, dass die USA „alle Anstrengungen unternehmen sollten, um ausländische Unternehmen, die Infrastruktur in der Region aufbauen, zu verdrängen”. Etwas, das China in Lateinamerika rasch umgesetzt hat. Der Handel mit chinesischen Waren mit Lateinamerika ist seit der Jahrtausendwende um das Vierzigfache gestiegen und erreichte 2024 einen Wert von 518 Milliarden US-Dollar. Immer mehr Lateinamerikaner*innen fahren Autos der Marke BYD, nutzen Smartphones von Xiaomi und bestellen Taxis und Essen bei Didi statt bei Uber.

Neue geopolitische Weltordnung

Die Durchsetzung der imperialen Macht der USA hat entscheidende Auswirkungen über Venezuela und Lateinamerika hinaus. Sie hat Auswirkungen auf die neue geopolitische Weltordnung. Dies zeigt sich in der Beschlagnahmung eines unter russischer Flagge fahrenden Öltankers im Atlantik durch US-amerikanische und britische Streitkräfte. In Großbritannien zahlt Starmer mit weiteren Spaltungen in der regierenden Labour-Partei den Preis für seine Zusammenarbeit mit Trump und seine Weigerung, die Entführung von Maduro zu verurteilen.

Die ehemalige sogenannte „regelbasierte“ internationale Ordnung des „Völkerrechts“, die von kapitalistischen Gremien wie den Vereinten Nationen überwacht wurde und angeblich nach dem Zweiten Weltkrieg existierte, ist zerfallen. Jetzt gelten nicht einmal mehr formal irgendwelche Regeln. Doch schon in der Vergangenheit waren die „Regeln“ weitgehend bedeutungslos. Sie wurden häufig von allen imperialistischen Mächten „gebrochen“. Man denke nur an die Interventionen in Vietnam, im Irak, im Iran und anderswo. Der US-Imperialismus hat in fast allen Ländern Latein- und Mittelamerikas Invasionen durchgeführt oder Militärputsche angezettelt. Mitte der 1970er Jahre wurde der größte Teil Lateinamerikas durch eine Reihe von US-inspirierten Militärputschen in ein riesiges Konzentrationslager verwandelt. Bill Clinton genehmigte 1994 die Entsendung von über 20.000 Soldat*innen nach Haiti, um dort ein Militärregime zu stürzen, was zu einer Katastrophe führte. 1989 genehmigte George H. W. Bush die Invasion Panamas mit 27.000 Soldat*innen. 1983 machte sich Reagan nicht einmal die Mühe, seine „Freundin“, die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, darüber zu informieren, dass Grenada trotz seines britischen Staatsoberhauptes angegriffen werden sollte.

In der neuen geopolitischen Situation jedoch, in der der US-amerikanische und der europäische Imperialismus geschwächt sind, was sich im Aufstieg Chinas und einiger anderer Mächte wie Indien widerspiegelt, wird die neue „Monroe-Doktrin“ größere Konsequenzen nach sich ziehen. Denn wenn die USA eingreifen können, um ihre Interessen in ihrem „Hinterhof“ zu verteidigen, warum sollten dann andere Mächte wie China, Russland oder Indien nicht dasselbe tun können? Die Weichen für weitere militärische Konflikte weltweit und eine zunehmende Polarisierung sind nun gestellt.

Einige aus Trumps Umfeld sprechen von dem angestrebten Ziel, dass die konkurrierenden Mächte Einflussbereiche haben – also die Welt zwischen den USA, China, Russland und anderen aufteilen und sich stillschweigend oder offen darauf einigen, sich nicht in die Einflussbereiche der anderen einzumischen. In einer globalisierten Wirtschaft und einer multipolaren, zersplitterten Welt ist dies Wunschdenken. Die Neuaufteilung der Welt zwischen imperialistischen Mächten wird nur zu mehr Spannungen, wechselnden Allianzen, Konflikten und neuen Kriegen führen.

Weitreichende Auswirkungen

Die Trump-Regierung verkündet nun, dass sie nur „freundliche” Regime an ihren Grenzen haben will. Infolgedessen wettert Trump gegen das kubanische Regime und droht den Präsidenten Kolumbiens und Mexikos mit einem Regimewechsel, sollten sie sich nicht an die vom Weißen Haus und Pentagon festgelegte Agenda halten. Doch seine Ambitionen gehen über Lateinamerika hinaus. Weiter entfernt hat er wiederholt Anspruch auf Grönland im Interesse der „nationalen Sicherheit” erhoben. Natürlich spielt die zunehmende Zugänglichkeit seltener Mineralien dort aufgrund der globalen Erwärmung in ihren Berechnungen keine Rolle!

Das Weiße Haus erklärt nun unverhohlen, dass es ernsthaft prüft, wie es Grönland übernehmen kann. Das hat es schon in der Vergangenheit getan. 1946 bot es Dänemark an, Grönland für 100 Millionen US-Dollar zu kaufen. Ein Angebot, das von Dänemark abgelehnt wurde. Eine militärische Besetzung wird offenbar – zum jetzigen Zeitpunkt – nicht in Betracht gezogen. Ein Angriff auf Grönland, das derzeit ein selbstverwaltetes autonomes Gebiet Dänemarks ist, würde bedeuten, dass die USA ein anderes Mitglied der NATO angreifen und dessen Existenz bedrohen würde, was Trump jedoch nicht stören würde. Trump wird wahrscheinlich versuchen, Grönland zu „kaufen“ oder eine Kampagne zu unterstützen, um die Bevölkerung zu bestechen, damit sie den Investitionen der USA und der Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen zustimmt, aber das könnte sich ändern.

Trumps Forderung nach Grönland wird die EU und die USA stärker spalten und den wachsenden Konflikt weiter verschärfen. Dies spiegelt sich in der offiziellen US-Politik wider, die im Dokument zur Nationalen Sicherheitsstrategie dargelegt ist. Diese Entwicklungen führen auch zu zunehmenden Spaltungen und Brüchen innerhalb der EU.

Der Angriff auf Venezuela hat auch Auswirkungen auf das iranische Regime. Es war kein Zufall, dass Trump mit einer Intervention drohte, sollte das Regime die massiven Massenproteste, die dort in den vergangenen Wochen ausgebrochen sind, weiterhin unterdrücken. Ein weiterer militärischer Angriff auf den Iran kann derzeit nicht ausgeschlossen werden.

Ob der US-Imperialismus all diese Ziele erreichen kann, bleibt abzuwarten. Die Macht des US-Imperialismus und des Trump-Regimes ist nicht unbegrenzt und wurde geschwächt. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass zumindest in einigen dieser Fälle eine Art von US-Intervention versucht werden wird. Dies spiegelt den Charakter der Ära wider, in der sich der globale Kapitalismus derzeit befindet.

Krisen in den USA

Im Inland sieht sich Trump mit zunehmenden Problemen, Schwierigkeiten und Krisen konfrontiert. Die Massenproteste am „No Kings Day“ im Jahr 2025 verdeutlichen die wachsende Opposition und Enttäuschung, mit der er im Inland konfrontiert ist. Die umfangreichen Proteste gegen die Intervention in Venezuela in den USA sind ein weiteres Beispiel dafür. Die Hinrichtung von Renee Nicole Good durch paramilitärische Einheiten der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE in Minneapolis und die daraufhin ausgebrochenen Proteste verdeutlichen die Polarisierung und Konflikte in den USA. Trump drohen bei den bevorstehenden Zwischenwahlen im November 2026 schwere Rückschläge.

Ein Faktor, der ihn in dieser Situation dazu veranlasst, sich international der „Monroe-Doktrin” zuzuwenden, ist genau diese innenpolitische Opposition und Krise. Wie eine Militärdiktatur, die Trump nicht ist, können nationalistische rechtspopulistische Regime wie das seine in ihrer Verzweiflung zuschlagen und sind am gefährlichsten, wenn sie mit einer innenpolitischen Krise, Opposition und einer Bedrohung ihrer Position konfrontiert sind.

Maduros Regime

Trotz der tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise, die sich in der Massenauswanderung von acht Millionen Venezolaner*innen aus dem Land widerspiegelt, verfügt das Maduro-Regime nach wie vor über eine Basis. Dies ist das Ergebnis des revolutionären Prozesses in Venezuela, insbesondere unter der Führung von Hugo Chávez nach seiner Wahl im Jahr 1999 und vor allem seit der Niederschlagung des Putschversuchs, der ihn 2002 mit Unterstützung des US-Imperialismus zu stürzen versuchte. Seit Chávez’ Tod im Jahr 2013 hat sich Maduro von den radikalen Reformen zurückgezogen, die die kapitalistischen Interessen beeinträchtigten. Die von Chávez durchgeführten Reformen betrafen vorwiegend die Bereiche Gesundheit, Bildung und andere Errungenschaften für die Armen und die Arbeiter*innenklasse. Die Armut wurde verringert und die Alphabetisierungsrate stieg insbesondere zwischen 2003 und 2007 dramatisch an. Chávez stützte sich dabei auf die gestiegenen Öleinnahmen infolge des Anstiegs des Ölpreises. Trotz verstärkter staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft wurde der Kapitalismus jedoch nicht überwunden.

Gleichzeitig entstand innerhalb der bolivarischen Bewegung eine neue Elite – die sogenannte „Boli-Bourgeoisie“. Diese entwickelte sich unter Chávez, festigte jedoch ihre Position unter Maduro. Sie ist von Korruption durchzogen und bildet einen Teil des venezolanischen Kapitalismus. Dies kam zustande, weil der Kapitalismus nicht abgeschafft und durch eine demokratische sozialistische Planwirtschaft ersetzt wurde. Die von Chávez durchgeführten Reformen griffen in die Interessen des Kapitalismus und Imperialismus ein. Allerdings wurden sie mit bürokratischen Methoden von einem Apparat von oben nach unten umgesetzt. Unter Maduro wurde die sozialistische Rhetorik der Chávez-Ära weitgehend beiseitegeschoben. Er stand an der Spitze eines zunehmend korrupten und repressiven Regimes. Die vom Imperialismus verhängten Sanktionen verschlimmerten die Lage, und die Wirtschaft geriet mit Hyperinflation und einer verzweifelten Situation für Millionen Menschen in den freien Fall.

Trotzdem behielt sie eine Basis. Dies ist auf das Erbe der revolutionären Periode und die eingeführten Reformen zurückzuführen, aber auch auf die Angst vor dem, was die rechte Opposition, sollte sie an die Macht kommen, auslösen würde, einschließlich Repressionen. Dies spiegelt sich in der Unterstützung für Maduro wider, auch wenn diese oft widerwillig und mit Vorbehalten erfolgt. Die westlichen Medien, voller „Fake News“, haben nicht über die großen, weitverbreiteten Proteste in ganz Venezuela gegen die US-Intervention und für die Rückkehr Maduros berichtet.

Wie geht es weiter in Venezuela?

Die vom westlichen Kapitalismus gepriesene rechte politische Opposition unter der Führung von Maria Machado, die vor wenigen Wochen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, wurde von Trump kurzerhand beiseitegeschoben. Obwohl er zuvor behauptet hatte, dass ihr Ersatzkandidat Edmundo González die venezolanischen Präsidentschaftswahlen 2024 gewonnen habe, tut Trump sie nun einfach als „mangelnde Unterstützung“ in Venezuela ab!

Dahinter verbirgt sich offenbar die aktuelle Strategie des Trump-Regimes. Hätte es versucht, einfach sie und die rechte Opposition an die Macht zu bringen und das gesamte bolivarische Regime zu beseitigen, anstatt nur dessen Galionsfigur, hätte dies zu einer tiefen Polarisierung Venezuelas geführt. Die Aussicht auf bewaffnete Auseinandersetzungen und den Ausbruch einer Art Bürgerkrieg war sehr real. Große Teile der Bevölkerung Venezuelas sind bewaffnet. Auch Drogenbanden und kriminelle bewaffnete Gruppen spielen eine Rolle.

Der US-Imperialismus unter Trump zieht Lehren aus den Ereignissen nach dem Sturz von Saddam Hussein im Irak und Muammar Gaddafi in Libyen. In beiden Fällen wurde durch die westliche imperialistische Intervention der alte Staatsapparat zerstört. Es gab jedoch nichts, was ihn ersetzen konnte. Im Irak wurde der ehemalige baathistische Staatsapparat einschließlich der Armee zerstört. Da es keine Alternative gab, entstand ein Machtvakuum, das zu einer Katastrophe aus religiösem Sektierertum und anhaltenden Kämpfen mit den gegnerischen Kräften führte. Eine ähnliche Gefahr hätte in Venezuela bestanden, wenn der US-Imperialismus versucht hätte, den gesamten bolivarischen Staatsapparat zu zerstören, der im Gegensatz zu Hussein und Gaddafi immer noch über eine bedeutende Basis verfügt.

Daher verfolgen sie eine Politik, bei der sie versuchen, über einen Teil des bolivarischen Staatsapparats zu „regieren”. Insbesondere haben sie sich um die Vizepräsidentin Delcy Rodríguez bemüht, die als amtierende Präsidentin vereidigt wurde. Die Trump-Regierung scheint darauf abzuzielen, sie und Teile des bestehenden Regimes dazu zu bewegen, eine gefügige Rolle zu spielen und den Interessen des US-Imperialismus zu dienen. Berichten zufolge unterhält Rodríguez gute Beziehungen zu US-Ölkonzernen, die sie in ihrer Funktion als Ministerin für die Verhandlungen mit diesen Konzernen aufgebaut hat. Sie hat zur „Zusammenarbeit“ mit den USA aufgerufen.

Eine solche Politik ist jedoch mit Gefahren und Widersprüchen behaftet. Innerhalb der bolivarischen/chavistischen Bewegung gibt es verschiedene Flügel. Sollte Rodríguez einen gänzlich versöhnlichen Ansatz verfolgen und den Forderungen Trumps nachgeben, würde dies die Notwendigkeit mit sich bringen, den eher hardlinerischen Chavista-Flügel zu säubern und die Kontrolle über die venezolanischen Ölreserven de facto aufzugeben. Damit würde sie zu einer Marionette des Trump-Regimes werden, einschließlich des Verkaufs der riesigen Ölreserven Venezuelas an US-imperialistische Interessen. Eine solche Kapitulation würde höchstwahrscheinlich zu Spaltungen und Uneinigkeiten innerhalb der Chavista-Bewegung führen. Der Verteidigungsminister Vladimir Padrino und Diosdado Cabello, der die colectivos leitet – bewaffnete paramilitärische Kräfte, die während der Zeit der revolutionären Bewegung ins Leben gerufen wurden, aber nicht von demokratischen Organisationen der Arbeiter*innenklasse und der Massen kontrolliert werden – dürften mit einer solchen Kapitulation von Rodríguez in Konflikt geraten. Beide stehen unter Sanktionen der USA, und auf ihre Köpfe ist ein Kopfgeld von 10 Millionen US-Dollar ausgesetzt. Wird sie so weit gehen? Das bleibt abzuwarten. Elliot Abrams, ehemaliger US-Sonderbeauftragter für Venezuela unter der ersten Trump-Regierung, glaubt das nicht und sagt: „Sie wird nichts reformieren, weil Reformen Padrino und Cabello schaden würden.“ Es bleibt abzuwarten, ob er recht hat. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint es jedoch so, als würde Rodríguez eine Form der Beschwichtigung versuchen, was eine Kapitulation vor Trump bedeuten würde. Das wird kein einfacher oder friedlicher Weg sein.

Trotz der Korruption sind große Teile der bolivarischen Bewegung ideologisch motiviert und betrachten sich als engagierte „Chavistas“, die dem US-Imperialismus bitterlich ablehnend gegenüberstehen. Der entscheidende Faktor ist die Reaktion der armen Massen, von denen große Teile offenbar weitgehend auf der Seite der Chavistas stehen. Die großen Proteste und Kundgebungen gegen die US-Intervention und für die Rückkehr Maduros deuten darauf hin. Sollte das Trump-Regime zu weit gehen oder sollte es zu einem Bruch innerhalb der Führung der bolivarischen Bewegung zwischen den „Hardliner*innen” und den „Beschwichtiger*innen” kommen, könnte die venezolanische Revolution ein neues Kapitel des Konflikts in der Phase des Niedergangs, in die sie eingetreten ist, aufschlagen und die stark polarisierte und angespannte Lage weiter verschärfen. Teile der Gesellschaft, die sich dem Imperialismus entgegenstellen und den Kapitalismus infrage stellen wollen, könnten beginnen, nach einer revolutionären Alternative und einem sozialistischen Programm zu suchen, die dafür notwendig sind. Ein wichtiger Teil davon wäre ein Appell an die US-amerikanische Arbeiter*innenklasse und die Massen um Unterstützung. Ein wichtiger Faktor für die Niederlage des US-Imperialismus in Vietnam war die wachsende Opposition gegen den Krieg in den USA selbst.

Es ist durchaus möglich, dass sich in Venezuela eine Form des bewaffneten Widerstands entwickelt, der US-Ziele angreift. Dies könnte eine weitere militärische Intervention der USA provozieren und die Situation weiter polarisieren und destabilisieren.

In Lateinamerika gibt es ein tiefes Bedürfnis nach Eigentum und Kontrolle über die reichhaltigen natürlichen Ressourcen des Kontinents. In der Vergangenheit haben Teile der herrschenden Klasse aus eigenem Interesse und unter dem Druck der Massen wichtige natürliche Ressourcen verstaatlicht. Die Ölindustrie Mexikos und Brasiliens wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt auf kapitalistischer Basis verstaatlicht. Selbst Trumps Freund*innen, die feudalen Herrscher Saudi-Arabiens, haben 1988 die Verstaatlichung ihrer Ölindustrie abgeschlossen. In Venezuela wurde das Öl 1976 verstaatlicht, lange bevor Chávez auf den Plan trat. Die Übergabe des venezolanischen Öls an die USA könnte eine große Gegenreaktion hervorrufen.

In der lateinamerikanischen Gesellschaft gibt es auch ein tiefes Bewusstsein gegen den US-Imperialismus. Indem Trump die „Monroe-Doktrin“ ins Spiel bringt, droht er ungewollt, diese Stimmung unter weiten Teilen der lateinamerikanischen Massen zu entfachen.

Gleichzeitig kann die Gefahr einer Rückkehr Machados nach Venezuela die Lage weiter polarisieren und destabilisieren. Die rechten Oppositionsführer*innen werden über Trumps Vorhaben bestürzt sein. Sie wollten nicht nur Maduro stürzen, sondern das gesamte bolivarische Regime beenden. Es ist auffällig, dass die rechte Opposition in Venezuela bisher keine Proteste oder Kundgebungen organisiert hat. Sie wird auch nicht glücklich darüber sein, nach Erfüllung ihrer Aufgabe an den Rand gedrängt und entlassen zu werden.

Wie sich der Kampf in Venezuela weiterentwickeln wird, ist ungewiss. Die Entführung Maduros eröffnet jedoch ein neues Kapitel der Unruhen und Turbulenzen. Trumps Behauptung, dass dies zu Frieden, Wohlstand und Demokratie für die venezolanische Bevölkerung führen werde, wird sich in Luft auflösen, da Polarisierung, Konflikte und größere Unruhen vorprogrammiert sind.

Wie geht es weiter in Lateinamerika?

In Lateinamerika gab es in den meisten Ländern große Proteste gegen die US-Intervention. Der Kontinent und jedes einzelne Land sind sozial und politisch extrem polarisiert. Die Regierungen von Kolumbien, Brasilien, Mexiko, Kuba und (die scheidende Regierung von) Chile haben alle die US-Intervention verurteilt und die Rückkehr Maduros gefordert.

Auf der anderen Seite haben Milei in Argentinien, der neue chilenische Präsident Kast und andere Trump enthusiastisch unterstützt. Sie nutzen zusammen mit den international herrschenden Klassen die Situation in Venezuela, um zu versuchen, die Idee des „Sozialismus“ zu diskreditieren. Dies wird insbesondere in den USA versucht werden, nachdem Zohran Mamdani die Bürgermeisterwahlen in New York gewonnen hat. Er präsentierte sich als „demokratischer Sozialist”, obwohl er fälschlicherweise in der bürgerlichen, proimperialistischen Demokratischen Partei verblieb. Trotz der Einschränkungen seines Programms hat seine Wahl die Idee des Sozialismus in den USA wieder auf die Tagesordnung gebracht.

Die explosiven Ereignisse nach der US-Intervention in Venezuela spiegeln die polarisierte geopolitische Arena wider, die der globale Kapitalismus gefördert hat. Die multipolare Welt und die Existenz des höchst unberechenbaren Trump-Regimes zusammen mit rechtsnationalistischen bonapartistischen Regimes wie dem von Putin in Russland und Netanjahu in Israel sind ein explosiver Cocktail. Der Kampf um wirtschaftliche und politische Einflussbereiche auf allen Kontinenten bedeutet, dass wir uns in einer Ära nationaler, ethnischer und regionaler Kriege und Konflikte befinden. Der Nahe Osten, die Ukraine, der Sudan und andere Konflikte veranschaulichen dies. Der Konflikt zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien im Jemen im Dezember 2025 hat vorerst einen großen Krieg zwischen diesen beiden Mächten verhindert, stattdessen wird ein Stellvertreterkrieg geführt. Die Bombardierung islamistischer Stützpunkte in Nigeria durch die USA hat die Spaltung und die Konflikte innerhalb des Landes verschärft. Entscheidend ist, dass die Aussicht auf einen großen Konflikt zwischen China und Taiwan in dieser Situation allgegenwärtig ist. In dieser Ära sind wahrscheinlich noch schwerwiegendere Konflikte als die bereits genannten zu erwarten. Wie wir bereits sehen, sind auch andere Aspekte des Konflikts ein Merkmal davon. Cyberangriffe auf die Infrastruktur finden bereits statt, an denen Russland, China und andere beteiligt sind. Drohnenangriffe auf Polen und andere provokative Schritte veranschaulichen die Spannungen und Konflikte, die in dieser Situation vorhanden sind.

Es ist nicht auszuschließen, dass ein Regime vom Charakter des bonapartistischen Gangsterkapitalismus Putins aus Verzweiflung in einem größeren Konflikt auf den Einsatz taktischer Atomwaffen oder anderer Massenvernichtungswaffen zurückgreifen könnte. Seine Stationierung von Atomraketen in Belarus unterstreicht diese Möglichkeit. Putin hat nach der Beschlagnahmung des unter russischer Flagge fahrenden Tankers mit gemessenem Ton reagiert. Damit hofft er, seine Position in den Verhandlungen mit der Ukraine zu stärken. Dies kann sich jedoch ändern.

Das bedeutet nicht, dass derzeit die Aussicht auf einen totalen nuklearen Weltuntergang besteht. Eine solche Entwicklung würde nicht nur die Arbeiter*innenklasse und die Masse der Bevölkerung auslöschen. Sie würde auch den Kapitalismus zerstören. Eine solche Entwicklung würde die blutige Niederlage der Arbeiter*innenklasse und die Machtübernahme durch eine Reihe von skrupellosen Militärdiktaturen in den wichtigsten imperialistischen Mächten erfordern, was derzeit nicht zu erwarten ist.

Kapitalismus bedeutet in dieser Ära Krieg. Aber nicht nur militärische Kriege und Konflikte. Im Jahr 2025 traten auch wichtige Merkmale des Klassenkampfs zutage. Im Dezember 2025 gingen in Portugal Millionen Menschen auf die Straße, um am größten Generalstreik seit Jahrzehnten teilzunehmen. Generalstreiks erschütterten auch Italien, Belgien, Griechenland und Indien. Die Massenproteste, die den Iran in den letzten Tagen erschüttert haben, sind ebenfalls ein Hinweis auf die bevorstehenden Kämpfe. Die Generalstreiks, die derzeit stattfinden, haben eher den Charakter von Proteststreiks als den eines Kampfes um die Macht. Dennoch haben sie das Thema Generalstreik wieder auf die Tagesordnung des sozialen und Klassenkampfs gesetzt.

Die Aussicht auf eine globale wirtschaftliche Rezession oder einen Crash im Jahr 2026 ist eine ernst zu nehmende Möglichkeit. Dies wird entscheidende soziale und politische Auswirkungen haben. In Verbindung mit der geopolitischen Krise und den Konflikten, der sich verschärfenden Klima- und Umweltkatastrophe sowie der Entwicklung und Einführung von KI kann dies zu einer weiteren Polarisierung der Lage und des Bewusstseins führen. Eine Schicht kann für eine gewisse Zeit zu rechtspopulistischen Kräften hingezogen werden. Doch es wird auch eine radikalisierende Wirkung auf Millionen von Menschen haben, die nach einem alternativen Gesellschaftssystem suchen.

Die entscheidende Herausforderung für die Arbeiter*innenklasse und revolutionäre Sozialist*innen besteht darin, Unterstützung für ein alternatives Gesellschaftssystem, den Sozialismus, und das dafür notwendige Programm und die Organisation aufzubauen. Der Kampf um den Aufbau neuer sozialistischer Massenparteien der Arbeiter*innenklasse und aller vom Kapitalismus Unterdrückten sowie die Notwendigkeit eines revolutionären sozialistischen Programms sind heute dringender denn je. Diese Ära wird zu einem Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution – zwischen einer sozialistischen Zukunft oder Barbarei.