Wie eine iranische Busgewerkschaft sich gegen Repression, ausländische Intervention und monarchistische Rückbesinnung stellt
Das Syndikat (Gewerkschaft) der Arbeiter der Busgesellschaft Vahed in Teheran und Umgebung 1 verurteilt den anhaltenden Druck der Sicherheitskräfte, die Vorladungen, Ermittlungen und Repressionsmaßnahmen gegen Gewerkschaftsmitglieder, Lehrkräfte sowie zivilgesellschaftliche Aktivistinnen und Aktivisten aufs Schärfste. Es betont stets das unveräußerliche Recht auf Vereinigungsfreiheit, Meinungsfreiheit sowie das Recht auf gewerkschaftliche und zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Ziel ist die Einheit und Organisation der Beschäftigten.
Ein Gastbeitrag von Sara Ehsan
In diesem Artikel wird veranschaulicht, wie das Syndikat die Proteste unterstützte und wie es nach mehr als zwei Wochen Internetblockade und der Tötung Tausender Protestierender seinen Ton gegen die Regierung immer weiter verschärfte. Schließlich forderte es nach diesem unwiederbringlichen Legitimitätsverlust den Rücktritt der Regierung.
In der Dezember-Stellungnahme des Syndikats kritisierte es die iranische Regierung für ihren neoliberalen Kurs:
Am 31. Dezember 2025 veröffentlichte es seine erste Stellungnahme zu den aktuellen Protesten im Iran. Diese richtete sich zunächst gegen hohe Preise, Inflation sowie drastische Wechselkurs- und Münzpreiserhöhungen.
„Nach dem starken Wertverfall des Rial und dem dramatischen Anstieg des Dollar- und Münzpreises begannen Händler in Teheran am Sonntag in verschiedenen Teilen der Hauptstadt zu protestieren. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich ebenfalls an den Kundgebungen und Märschen und brachten ihre Unzufriedenheit über die hohen Preise, die Armut und den zunehmenden Druck zum Ausdruck.
Die Proteste, die ihren Ursprung im Mobilfunk- und Elektronikmarkt hatten, breiteten sich schnell auf verschiedene Gebiete Teherans und anschließend auf mehrere Städte aus … Durch die aktive und breite Beteiligung von Studierenden erreichte die Protestbewegung eine breitere, landesweite Phase.
In Fortsetzung dieser Protestwelle fanden am Dienstag, den 30. Dezember 2025 Kundgebungen von Studierenden an Universitäten statt …“
Das Syndikat erinnerte daran, dass es in seiner jüngsten Stellungnahme zur Erhöhung der Benzinpreise davor gewarnt hatte, dass die Umsetzung solcher Maßnahmen, in einer Situation, in der Arbeiter und Arbeiterinnen und benachteiligte Bevölkerungsgruppen unter dem größten wirtschaftlichen Druck stehen, nicht unbeantwortet bleiben würde.
Preisproteste und Klassenkampf
Das Syndikat unterstützte zu dem Zeitpunkt die legitimen Proteste und betonte gleichzeitig: „Die Menschen haben jedes Recht, gegen die repressive Politik der Regierung, deren massiven Angriff auf die Lebensgrundlagen der Bevölkerung, die strukturelle Korruption und die tiefen Klassengegensätze auf die Straße zu gehen. Sie protestieren damit gegen die ungezügelte Inflation, die hohen Preise, das gesamte herrschende kapitalistische System – und wahren dabei ihre Unabhängigkeit von allen monopolistischen, totalitären und arbeiterfeindlichen Strömungen.“
Unabhängigkeit statt staatlicher Kontrolle: Kampf gegen Islamische Arbeiterräte
Am 1.1.2026 veröffentlichte es noch während der Proteste auf seinem Instagram-Account und Telegram-Kanal die folgende Stellungnahme, in der es auf die weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem Vorgehen der Geschäftsleitung und des Islamischen Arbeiterrats hinweist, der nicht die rechtmäßige und unabhängige Vertretung der Arbeiterinnen und Arbeiter sei. Zur Klärung der Islam-Räte: Sie sind in der Verfassung der Islamischen Republik Iran im Artikel 7 verankert, welches aus Gremien wie das Majlis (Parlament), Provinzräten, Stadt-, Gemeinde-, Bezirks- und Dorfräten und ähnlichen besteht und die die Entscheidungs- und Verwaltungsorgane des Staates sind. Laut Verfassung sollten die Islam-Räte für die Anliegen der Bevölkerung zuständig sein, für Arbeiter und Arbeiterinnen durch „Islamische Arbeiterräte“. Dies wird von Vahed und anderen Gewerkschaftsgruppierungen abgelehnt. Sie arbeiten somit ohne staatliche Anerkennung und sind von ständiger Verfolgung und Inhaftierung durch Regierungsschergen bedroht. Von diesen Gefahren sind Vahed-Genossen und Genossinnen, und auch weitere Gewerkschafter*innen wie die Lehrergewerkschaft, Gewerkschaft Haft-Tapeh, Rentnergewerkschaft und andere betroffen. Das ganze Jahr 2025 gab es Proteste und Stellungnahmen der unterschiedlichen Gewerkschaften gegen die Krise der Lebenshaltungskosten, die meist mit repressiven Maßnahmen unterdrückt wurden.
Zu ihren renten- und arbeitsrechtlichen Forderungen gehörte auch: „Sofortige Lohnerhöhung angesichts der galoppierenden Inflation und der beispiellosen Preissteigerungen bei den täglichen Bedarfsartikeln“. Sie betonten ihre Unabhängigkeit, von unternehmensnahen Organisationen einschließlich des Islamischen Arbeitsrats. „In den zwei Jahrzehnten seit ihrer Wiedereröffnung war das Syndikat der Arbeiter der Vahed-Gesellschaft trotz Drohungen, Entlassungen, Verhaftungen und Inhaftierungen stets eine verlässliche und unabhängige Stimme der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Sie wird auch weiterhin als unabhängige und fordernde Organisation die Forderungen der Arbeitnehmer mit Nachdruck verfolgen.“ Damit sprechen sie ihre lange Historie von Verhaftungen der Gewerkschafter*innen und Aktivist*innen aus der Zivilgesellschaft an.
Gegen Intervention und monarchistische Rückkehr: Kein Zurück in die Vergangenheit
Als plötzlich die Proteste von Nachrichten über eine ausländische Intervention und das erhöhte mediale Auftreten von Reza Pahlavi, dem Sohn des früheren Diktators Mohammed Reza Pahlavi, überschattet wurden und von einer angeblichen Hilfe der USA die Rede war, brachte das Syndikat am 7. Januar 2026 folgende Stellungnahme heraus:
„Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung. Für wahre Freiheit und Gleichheit, nicht für die Rückkehr in die Vergangenheit
Die Proteste und Streiks in verschiedenen Städten des Landes dauern inzwischen seit elf Tagen an. Trotz der verschärften Sicherheitslage, der starken Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften sowie gewaltsamer Auseinandersetzungen sind die Proteste weiterhin breit gefächert. In diesem Zeitraum fanden Berichten zu Folge an mindestens 174 Orten in sechzig Städten in 25 Provinzen Proteste statt, bei denen Hunderte von Demonstranten festgenommen wurden. Leider kamen in diesem Zeitraum mindestens 35 protestierende Bürger, darunter auch Kinder, ums Leben.
Bereits von Januar 2017 bis November 2019 sowie im September 2019 hat das unterdrückte Volk des Iran wiederholt auf den Straßen gezeigt, dass es die vorherrschenden wirtschaftlich-politischen Verhältnisse und Strukturen, die auf Ausbeutung und Ungleichheit basieren, nicht länger hinnehmen kann. Diese Bewegungen wollen nicht in die Vergangenheit zurückkehren, sondern eine Zukunft frei von kapitalistischer Herrschaft gestalten, die auf Freiheit, Gleichheit, sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde beruht.
Wir solidarisieren uns mit den Kämpfen der Bevölkerung gegen Armut, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und Unterdrückung. Gleichzeitig lehnen wir eine Rückkehr zu einer Vergangenheit, die von Ungleichheit, Korruption und Ungerechtigkeit geprägt war, entschieden ab. Wir sind überzeugt, dass wahre Befreiung nur durch die bewusste und organisierte Führung sowie Beteiligung der Arbeiterklasse und der Unterdrückten möglich ist und nicht durch die Reproduktion alter, autoritärer Machtstrukturen. Trotz weit verbreiteter Repression, Verhaftungen, Entlassungen und existenzieller Bedrohungen stehen Arbeiter, Lehrer, Rentner, Pflegekräfte, Studierende, Frauen und insbesondere junge Menschen weiterhin an vorderster Front dieser Kämpfe. Das Syndikat der Busgesellschaft Teheran und Umgebung betont daher die Notwendigkeit, unabhängige, bewusste und organisierte Proteste fortzusetzen.
Wir haben es schon oft gesagt und wiederholen es erneut: Der Weg zur Befreiung der Arbeiter und Werktätigen führt nicht über einen von oben eingesetztem Führer, nicht über die Unterstützung ausländischer Mächte und auch nicht über Fraktionen innerhalb der Regierung. Der Weg führt über Einheit, Solidarität und die Bildung unabhängiger Organisationen am Arbeitsplatz und auf nationaler Ebene. Wir dürfen uns nicht erneut den Machtspielen und Interessen der herrschenden Klassen ausliefern.
Das Syndikat verurteilt zudem jegliche Propaganda, Rechtfertigung oder Unterstützung militärischer Interventionen durch ausländische Regierungen – einschließlich der Vereinigten Staaten und Israels – aufs Schärfste. Solche Interventionen führen nicht nur zur Zerstörung der Zivilgesellschaft und zum Tod von Menschen, sondern bieten der Regierung auch einen weiteren Vorwand, Gewalt und Repression fortzusetzen. Die Geschichte hat gezeigt, dass westliche Machthaber die Freiheit, den Lebensunterhalt und die Rechte des iranischen Volkes nicht im Geringsten achten.
Wir fordern die sofortige und bedingungslose Freilassung aller Inhaftierten und betonen die Notwendigkeit, die Verantwortlichen für die Tötungen zu ermitteln und strafrechtlich zu verfolgen.
Es lebe die Freiheit, die Gleichheit und die Solidarität der Arbeiterklasse! Die Lösung für die arbeitende Bevölkerung ist Einheit und Organisation.“
Nach zwanzigtägiger Internet-Blockade: Stellungnahme vom 27. Januar 20226
Das Syndikat der Arbeiter der Busgesellschaft Vahed Teheran und Umgebung verurteilte das Massaker an Demonstrierenden, die sich gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Islamischen Republik richteten. Es wurde als weitreichender und entsetzlicher als frühere Gewaltakte beschrieben. Die Gewerkschaft betonte, dass das Regime das Leben der Menschen nicht wertschätze, und forderte die sofortige und bedingungslose Freilassung aller Inhaftierten. Sie stellte klar, dass die wahre Befreiung des iranischen Volkes nur durch kollektive Führung und die organisierte Beteiligung der Arbeiterklasse möglich sei und nicht durch ausländische Intervention. Sie prognostizierte, dass die gegenwärtigen Massaker und Hinrichtungen die sozialen Proteste nicht eindämmen, sondern die öffentliche Wut verstärken würden. Zudem forderte sie die Machthaber auf, unverzüglich zurückzutreten.
Das Vahed-Syndikat berichtete im letzten Jahr auf seiner Instagram-Seite über die Verfolgung vieler Gewerkschaftsaktivistinnen: Zhaleh Rouhzad, Gewerkschaftsaktivistin und pensionierte Lehrerin wurde von der 26. Abteilung des Islamischen Revolutionsgerichts in Teheran vorgeladen. Anisha Asadollahi, Lehrerin, Übersetzerin und Unterstützerin der Arbeiterbewegung, wurde wegen „Organisation und Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“ und „Propaganda gegen das System“ zu einer grausamen Haftstrafe von fünf Jahren und acht Monaten verurteilt. Sie befindet sich noch immer im Gefängnis. Davud Razavi, Mitglied des Vorstands des Syndikats der Arbeiter des Busunternehmens Vahed Teheran und Umgebung, wurde nach drei Jahren unberechtigter Haft auf Bewährung am 4. November 2025 freigelassen. Ebenso wurde Sharifeh Mohammadi vor zwei Jahren verhaftet und vom Revolutionsgericht in Rascht ohne fairen Prozess und unter vom Geheimdienst inszenierten Sicherheitsvorkehrungen zum Tode verurteilt. Das Syndikat stellt sich gegen die Todesstrafe und setzt sich für die Freiheit der Genoss*innen ein, die sich für die Belange der Arbeiter und Arbeiterinnen einsetzen. Derzeit befindet sich kein Gewerkschaftsmitglied des Syndikats in Haft. Die Gewerkschaft hat wiederholt gefordert, dass die ständigen Vorladungen, Verfolgungen, Bedrohungen und Verhaftungen von Gewerkschaftsmitgliedern und anderen Aktivisten aus den Bereichen Arbeit, Lehrerschaft und Gewerkschaften aufhören müssen. Diese erfolgen weiterhin in verschiedenen Formen.
Bericht des Koordinierungsrat der iranischen Lehrerverbände
Am 29.01.2026 berichtet der Koordinierungsrat der iranischen Lehrerverbände über eine neue Welle von Verhaftungen und Sicherheitsmaßnahmen gegen Lehrer und Gewerkschaftsaktivisten im Zuge des Januaraufstands. Damit wurde die systematische Unterdrückung von Vereinigungsrecht und Meinungsfreiheit fortgesetzt. Es wurden mehrere Lehrer und Gewerkschafter festgenommen oder vorgeladen, während bereits im Dezember Lehrer bei den Protesten ums Leben kamen. Die Gewerkschaft forderte die sofortige und bedingungslose Freilassung aller inhaftierten Lehrer und Gewerkschaftsaktivisten sowie ein sofortiges Ende der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Die Verantwortung für das Leben und die Gesundheit aller Inhaftierten, insbesondere von Kindern, liege direkt bei der Regierung.
Liste der Verhafteten:
„Laut diesen Berichten wurden Reza Moslemmi, ein Gewerkschaftsaktivist der Lehrer in Hamedan, am 9. Januar, Abdullah Rezaei, ein Gewerkschaftsaktivist und Mitglied des Koordinierungsrats in Harsin, am 8. Januar, Arman Shapouri, ein Lehrer in Izeh, am 9. Januar, Shervin Hamideh, ein Lehrer in Karaj (Gohardasht), am 1. Januar, Jalil Shirdel, ein pensionierter Lehrer in Babol, am 4. Januar, Esmail Khodayari, ein Lehrer in Qazvin, am 4. Januar, Kiomars Vaezi, ein pensionierter Lehrer in Sonqor, am 5. Januar, Mohsen Shabani, 32, ein Physiklehrer und Fotograf in Qazvin, am 9. Januar, Hossein Ramezanpour, ein Gewerkschaftsaktivist der Lehrer in der Provinz Nord-Khorasan in Bojnourd, am 9. Januar, Mehdi Nazari, ein Physiksekretär in Noorabad Delfan, und Arash Nikkho, ein Lehrer, Umweltaktivist und Gründer der „Siavash-Einheit“, in Dehdasht wurde verhaftet oder vorgeladen. In den letzten Tagen erreichten uns außerdem Berichte über die Verhaftung mehrerer weiterer Lehrer und die Vorladung von Kokab Badaghi zu den Sicherheitsbehörden.
Zusätzlich zu diesen Verhaftungen muss die Bildungsgemeinschaft die Ermordung engagierter und ehrenwerter Lehrer miterleben. Zu den Lehrern, die während des Aufstands im Dezember ihr Leben verloren, gehören Kamran Akbari, ein Lehrer aus Islamabad West; Karamali Alaei, ein pensionierter Lehrer aus Khomeini Shahr; Reza Karimifar, ein pensionierter Lehrer aus Chalus; Mostafaei, ein pensionierter Lehrer aus Sonqor; und Alireza (Yasin) Ansarifar, ein Lehrer aus Marlik. Diese Opfer starben infolge von Gewalt und illegaler Repression, und die Regierung trägt die direkte Verantwortung für diese Morde.
Auch Masoud Farhikhte, ein im Zentralgefängnis von Karaj inhaftierter Lehrer, verbüßt seit dem 20. September 2025 eine Haftstrafe von drei Jahren, sechs Monaten und einem Tag und wurde bereits mehrfach in Einzelhaft verlegt.
Gleichzeitig hat der Koordinierungsrat der iranischen Lehrerverbände die Namen Dutzender Kinder und Jugendlicher, die während des Aufstands im Januar ums Leben kamen, zusammen mit Bildern veröffentlicht und ein sofortiges Ende der Gewalt, die Gewährleistung der Sicherheit von Kindern sowie die Freilassung aller Inhaftierten gefordert.“
Instagram Kanal der Vahed Busfahrer-Gewerkschaft: hier
1 Syndicate of Workers of Tehran and Suburbs Bus Company (SWTSBC) سندیکای کارگران شرکت واحد اتوبوسرانی تهران و حومه
