Zum Internationalen Frauenkampftag 2026 veröffentlichen wir eine Rede von CHRISTINE THOMAS, die sie kürzlich bei einem Treffen mit sympathisierenden Gleichgesinnten des CWI über den Stand der globalen Bewegungen gegen die Unterdrückung von Frauen gehalten hat.
Nächstes Jahr ist der 10. Jahrestag der #MeToo-Bewegung, die zum Symbol der globalen Bewegungen wurde, die sich damals gegen die Unterdrückung von Frauen richteten. Natürlich war sexuelle Belästigung nur ein Aspekt dieser Unterdrückung, gegen die Frauen kämpften. Es gab auch Massenproteste gegen Sexismus im Allgemeinen, ausgelöst durch empörende Kommentare von Richtern über Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe. Gewalt gegen Frauen in all ihren Formen stand im Mittelpunkt vieler Proteste und Bewegungen, ebenso wie reproduktive Rechte, insbesondere die Frage von Abtreibungen.
Im Allgemeinen können wir diese Proteste und Bewegungen als eine globale feministische Welle charakterisieren; eine dritte feministische Welle, wenn wir annehmen, dass die erste Welle der Kampf für gleiche Rechte am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war – besonders um das Wahlrecht – und die zweite Welle die Bewegung der späten 1960er und 1970er Jahre war, ebenfalls ein internationales Phänomen, wenn auch hauptsächlich in den wirtschaftlich stärker entwickelten kapitalistischen Ländern.
Doch die dritte Welle begann nicht mit #MeToo. Im Jahr 2011 fanden in 40 Städten weltweit 200 „Slut Walks“ („Schlampen Märsche“) statt, bei denen es um Victim Blaming ging – die Vorstellung, dass Frauen Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe wegen ihrer Kleidung provozieren würden. Diese Proteste waren ein Vorgeschmack, ein kleines Zeichen dessen, was später in viel größerem Umfang kommen sollte.
Allerdings ist es wichtig zu betonen, dass wir von Frauenbewegungen im Plural sprechen. Es handelte sich nicht um eine einzige, einheitliche globale Frauenbewegung, auch wenn es einige Versuche internationaler Koordinierung gab. Die Bewegungen nahmen in verschiedenen Ländern unterschiedliche Formen an, und in manchen Ländern gab es damals und auch seither überhaupt keine entsprechenden Bewegungen.
Kontext der 3. feministischen Welle
Warum fanden diese Bewegungen zu genau diesem Zeitpunkt statt? Immerhin ist Gewalt gegen Frauen ein schwerwiegendes gesellschaftliches Problem, das jede vierte Frau irgendwann in ihrem Leben betrifft. Schreckliche Angriffe auf Frauen gab es auch in den 1990er und frühen 2000er Jahren, doch sie führten nicht zu Zehntausenden, die auf die Straße gingen.
Die Wut, die zur Zeit von #MeToo explodierte, hatte ihre Wurzeln in materiellen Bedingungen, in globalen ökonomischen und sozialen Prozessen, und der entscheidende Wendepunkt war die globale Rezession 2007 bis 2008 und ihre Folgen. Die wirtschaftliche Rezession, die Sparmaßnahmen, zu denen die meisten Regierungen anschließend griffen, um die Arbeiter*innenklasse für die Krise bezahlen zu lassen, und die extreme Ungleichheit, die dadurch entstand, untergruben das Vertrauen in alle kapitalistischen Institutionen, einschließlich ihres ideologischen Apparats. Das befeuerte die Wut gegen alle Formen von Ungleichheit und Unterdrückung sowie gegen jede Form von Ungerechtigkeit.
Die Bewegungen, die gegen die besondere Unterdrückung von Frauen ausbrachen, aber auch Bewegungen gegen andere Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit – LGBTQ+, Rassismus, ökologische Zerstörung usw. – müssen vor diesem allgemeinen Hintergrund gesehen werden.
Natürlich hatte die Große Rezession und die zunehmende Austerität und Ungleichheit auch eine andere Konsequenz: das Wachstum des rechtspopulistischen Lagers. Und die Bedrohung oder tatsächlichen Angriffe auf die Rechte von Frauen, auf Errungenschaften, für die sie zuvor gekämpft und die sie gewonnen hatten, lösten Massenproteste aus – besonders in den USA, Brasilien und Polen. Doch es ist wichtig zu betonen, dass der Aufstieg des Rechtspopulismus kein linearer Prozess war. Wir haben diese Periode als eine mit Elementen von Revolution und Konterrevolution, von Polarisierung und widersprüchlichen Prozessen charakterisiert.
Zunächst äußerten sich die Auswirkungen der Rezession im Bewusstsein durch eine Hinwendung nach links in vielen Ländern, was zum Aufstieg links-populistischer Parteien wie Syriza und Podemos in Europa sowie der Sanders- und Corbyn-Phänomene in den USA und Großbritannien führte. Und wir sehen dies auch heute noch, etwa mit der Wahl von Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York. Doch der Verrat oder die Ineffektivität dieser neuen linken Kräfte, kombiniert mit der Bankrotterklärung der ehemaligen kapitalistischen Arbeiter*innenparteien, öffnete Raum für rechtspopulistische Kräfte, die in mehreren Ländern an die Macht kamen – ein Prozess, der mit der Wiederwahl von Trump in den USA, Giorgia Meloni in Italien und den Wahlsiegen der Rechten in mehreren lateinamerikanischen Ländern weitergeht.
Rechtspopulismus
Sündenbockpolitik gegen Migrant*innen ist ein Merkmal fast aller rechtspopulistischen Kräfte. Einige nutzten auch anti-LGBTQ+- und anti-feministische Rhetorik und Politik, um eine Wählerbasis zu gewinnen und zu halten. Aber wir müssen klarstellen: Nicht alle Rechtspopulisten tun dies, und dort, wo sie es tun, spiegeln sie nicht unbedingt die Mehrheitsmeinung in ihren Ländern wider.
Die Situation der Transrechte unterscheidet sich leicht von der der Frauenrechte. Nicht im ideologischen Kern der anti-trans und anti-feministischen Propaganda – beide basieren auf der traditionellen Geschlechterbinarität und ihrem ökonomischen und ideologischen Nutzen für die kapitalistische Herrschaft. Aber es ist ein Fakt, dass trans Menschen nur einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft und der Arbeiter*innenschaft ausmachen, weniger sichtbar sind und daher in diesem Sinne leichter als Sündenböcke herhalten.
Das jüngste anti-trans Urteil des Obersten Gerichtshofs in Großbritannien, dem eine Welle an anti-trans Propaganda insbesondere in rechten Medien vorausging, fußte zudem auf echten Ängsten vieler Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Diese Ängste wurden von einigen vermeintlich feministischen Organisationen geschürt, die argumentierten, dass trans Frauen aus Frauenräumen ausgeschlossen werden müssten, da sie eine Bedrohung für Frauen darstellen würden.
Natürlich lehnen wir dieses falsche Argument ab, ebenso den Versuch, Spaltungen zwischen unterdrückten Gruppen zu säen. Das Urteil löste eine massive Demonstration zur Unterstützung der Transrechte aus, an der weit breitere Schichten beteiligt waren als nur die LGBTQ+-Community. Gleichzeitig jedoch haben wir einen leichten Rückgang der gesellschaftlichen Unterstützung für Transrechte gesehen – etwas, das im Fall der Frauenrechte sowie der Rechte von Schwulen, Lesben und nicht-binären Menschen nicht im gleichen Ausmaß der Fall war.
Interessant ist außerdem, dass die Labour-Regierung neun Monate nach dem Urteil immer noch keine Leitlinien zur Umsetzung verabschiedet hat – nicht zuletzt wegen der Kosten und der Probleme, die es Arbeitgeber*innen im Hinblick auf Toiletten- und Pausenraumregelungen bereiten würde. Durch viele „Grauzonen“ könnte dies den Gewerkschaften in organisierten Betrieben sogar beträchtlichen Einfluss verschaffen.
Die extreme Rechte hat in den anti-Immigrations- und Anti-Asylunterkunfts-Protesten in Großbritannien ebenfalls echte Ängste lokaler Arbeiterinnen vor geschlechtsspezifischer Gewalt ausgenutzt, nachdem die Medien über eine kleine Anzahl sexueller Übergriffe durch Asylbewerber berichtet hatten. Wir haben darauf hingewiesen, dass Frauen am stärksten im häuslichen Bereich gefährdet sind – durch aktuelle oder ehemalige Partner – und gleichzeitig zu einem gemeinsamen Kampf für Arbeitsplätze, Wohnungen und öffentliche Dienste für alle aufgerufen, einschließlich der Finanzierung von Frauenhäusern, Wohnraum und spezialisierten Diensten für Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erleben, sowie weiterer Sicherheitsmaßnahmen wie Straßenbeleuchtung und öffentlicher Nahverkehr.
Wandel in den Haltungen
Was die Frauenrechte betrifft, so gab es in vielen entwickelten kapitalistischen Ländern und einigen ehemaligen Kolonialländern einen tiefgreifenden Wandel in den gesellschaftlichen Einstellungen. Dieser basiert auf einem jahrzehntelangen Prozess, in dem Frauen in immer größerer Zahl in höhere Bildung und in die Arbeitswelt eingezogen wurden, was wiederum ihr Selbstbewusstsein stärkte und sich in breiteren Veränderungen von Haltungen zu Geschlechterrollen und -normen widerspiegelte.
Ein Beispiel zeigt den tiefen und historisch schnellen Wandel: Die jüngste Umfrage des „British Attitudes Survey“ ergab, dass im Jahr 1987 noch 48 % der Menschen zustimmten, dass „die Aufgabe des Mannes ist, Geld zu verdienen, und die Aufgabe der Frau, sich um Haushalt und Familie zu kümmern“. 2022 sagten dies nur noch 9 % – ein unglaublicher Rückgang um 39%. Es gab auch wesentliche Veränderungen in der Haltung zur geschlechtsspezifischen Gewalt.
Trotz dieser wichtigen Änderungen gibt es aber weiterhin Vorstellungen über traditionelle Geschlechternormen und -erwartungen, die seit Jahrtausenden bestehen, seit den ersten Klassengesellschaften, und weiterhin Einstellungen beeinflussen. Es findet ein paralleler Prozess statt.
Die materielle Grundlage dieser Vorstellungen existiert jedoch nicht mehr in derselben Weise, denn es gibt keine gesellschaftliche Notwendigkeit mehr für die männliche Kontrolle über die Sexualität, Reproduktion und das Verhalten von Frauen, um Reichtum und Privateigentum an legitime männliche Erben weiterzugeben. Dennoch sind Vorstellungen von männlicher Kontrolle und Autorität sowie Vorstellungen über angemessene Geschlechterrollen und -verhalten nicht bloß ein Überbleibsel früherer Klassengesellschaften.
Die Strukturen, Institutionen und der ideologische Apparat des Kapitalismus beruhen auf und nutzen die Ungleichheiten und Unterdrückungsverhältnisse früherer Klassengesellschaften und reproduzieren und verstärken sie gleichzeitig. Von der ungleichen Ausbeutung von Frauen in der Arbeitswelt über die Ausbeutung von Frauen durch unbezahlte Haushaltsarbeit bis hin zu privatkapitalistischen Unternehmen, die Frauen zum Profit objektifizieren und kommerzialisieren.
Grenzen des Rechtspopulismus
In manchen Fällen konnten rechtspopulistische Kräfte diese verbliebenen rückständigen Ideen über Geschlechterrollen ausnutzen, um eine Wählerbasis zu sichern. Besonders trifft dies auf einen Teil der Männer zu, die sich durch die Veränderungen, die der Kapitalismus in ihr Leben und ihre Identität gebracht hat, entfremdet fühlen und sich nach den vermeintlichen Sicherheiten der Vergangenheit sehnen, in einer extrem instabilen Welt. Sie fühlen sich von der Vorstellung angezogen, Feminismus und Frauenrechte seien „zu weit gegangen“ und es müsse ein Kulturkampf gegen „Wokeness“ und „Genderideologie“ geführt werden, weil diese traditionelle Männer- und Frauenrollen sowie die Familie unterminieren und die Gesellschaft destabilisieren würden.
Doch in den meisten Ländern ist das eine sehr schmale gesellschaftliche Basis. Nicht nur werden die Abtreibungspositionen der MAGA-Bewegung von der Mehrheit der Amerikaner*innen nicht unterstützt, nicht einmal von vielen Trump-Wähler*innen. Dies zeigte sich in den Abtreibungs-Volksentscheiden, die gleichzeitig mit seiner Wahl stattfanden. Alle Exit-Polls zeigten, dass die Wirtschaft das Hauptmotiv der Trump-Wähler*innenschaft war und sie wählten ihn meist trotz seiner Positionen zu sozialen Fragen, einschließlich vieler Frauen.
Die Zahl der Abtreibungen in den USA ist tatsächlich seit der Aufhebung von Roe v. Wade gestiegen, hauptsächlich wegen der breiten Verfügbarkeit der Abtreibungspille per Post. Das bedeutet nicht, dass es keine Frauen gibt, die unter fehlendem Zugang zu Abtreibungsmöglichkeiten leiden, die gibt es eindeutig. Doch Trump musste bisher den extremeren Forderungen der MAGA-Bewegung, etwa nach einem bundesweiten Verbot von Abtreibung, Abtreibungspillen oder sogar Verhütung, widerstehen, aus Angst vor einem elektoralen Backlash (obwohl es weiterhin erbitterte Kämpfe innerhalb und zwischen Bundesstaaten geben könnte).
Wir müssen nur nach Minnesota schauen, wo Massenproteste gegen ICE und ein Rückgang der Trump-Unterstützung in den Umfragen die Konsequenzen politischen Übergriffs gezeigt haben. Andere Rechtspopulist*innen, wie Meloni in Italien, mussten bei Frauenthemen ebenfalls äußerst vorsichtig vorgehen. Es stimmt, dass sie, wie andere Rechtspopulist*innen, sinkende Geburtenraten nutzt, um eine nationalistische, pronatalistische Agenda zu fördern, meist kombiniert mit anti-immigrantischer und „christliche Werte verteidigender“ Rhetorik. Aber trotz ihrer Ideologie: Nirgendwo – außer bei den Taliban in Afghanistan – gab es einen konzertierten Versuch, Frauen massenhaft aus der Arbeitswelt in den Haushalt zurückzudrängen, damit sie mehr Kinder bekommen.
Stattdessen konzentrierten sich Regierungen vor allem auf wirtschaftliche Anreize, um Frauen zur Geburt weiterer Kinder zu bewegen. Doch außer einem kaum messbaren Anstieg in Ungarn sind sie spektakulär gescheitert. Und wenn Mussolini im faschistischen Italien die Geburtenrate nicht erhöhen konnte, haben heutige Regierungen erst recht keine Chance!
Wieder sehen wir die widersprüchlichen Prozesse: Einerseits will die Kapitalist*innenklasse im Allgemeinen weiterhin von der Ausbeutung von Frauen in der Arbeitswelt profitieren, andererseits profitiert sie sowohl materiell als auch ideologisch von der unbezahlten Arbeit von Frauen im Haushalt – der Geburt und Erziehung der nächsten Generation von Arbeiter*innen. Angesichts der Tiefe der kapitalistischen Krise ist dieser Widerspruch nur durch eine sozialistische Umwälzung der Gesellschaft zu lösen.
Für Frauen bedeutet dies vor allem eine Verstärkung ihrer „Doppelbelastung“. Dies führt oft zu Stress und anderen Problemen – ist aber auch ein Faktor der Radikalisierung, weil Erwartungen und Realität so stark auseinanderklaffen.
Für die meisten Frauen, insbesondere Arbeiterinnen in den entwickelten kapitalistischen Ländern, besteht die größte Bedrohung für ihre Rechte und zuvor erkämpften Fortschritte in der fortgesetzten Austeritätspolitik, auf die alle Regierungen zurückgreifen. In Großbritannien wurden zwar progressive Gesetze zu häuslicher Gewalt und Zwangskontrolle („coercive control“) verabschiedet und es herrscht eine allgemein kompromisslose („Zero Tolerance“-) Haltung gegenüber häuslicher Gewalt, doch die Finanzierung für Frauenhäuser, Wohnraum und spezialisierte Dienste für gewaltbetroffene Frauen wird vollständig zerstört. Allerdings hat dies auch lokale Proteste und Streiks von Beschäftigten und Betroffenen ausgelöst, die in einigen Fällen erfolgreich gegen Kürzungen kämpfen konnten.
Aussicht auf zukünftige Kämpfe
Offensichtlich ist die globale feministische Welle derzeit abgeebbt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Proteste oder Bewegungen mehr gibt. Nur ein Beispiel: Im November 2024 protestierten in Rom eine halbe Million Menschen gegen häusliche Gewalt, nachdem eine junge Frau von ihrem Freund ermordet worden war.
Aber die Bewegungen finden offensichtlich nicht mehr auf dem gleichen Niveau und mit der gleichen Intensität statt, was unvermeidlich ist. Soziale Bewegungen verlaufen immer in Wellen. Doch angesichts der tiefen ökonomischen, politischen und sozialen Krise des Kapitalismus und der anhaltenden Unterdrückung von Frauen in all ihren Formen sind neue Kämpfe gegen die spezifische Unterdrückung von Frauen unvermeidlich – bis zur sozialistischen Revolution und sogar noch in der Übergangsphase von Kapitalismus zu Sozialismus.
Wir können nicht sicher wissen, was die Auslöser sein werden oder welche Form diese Kämpfe annehmen werden. Sie könnten sich gegen Regierungen richten, die aktiv versuchen, Frauenrechte zurückzudrehen, wie die Angriffe auf Abtreibung in den USA und Polen, oder eine Reaktion auf Austerität darstellen. Sie könnten eine Reaktion auf offenen Sexismus durch das Justizsystem, die Polizei oder andere Institutionen sein – oder auf gewaltsame Angriffe, wie der Fall in Italien oder in Indien im selben Jahr, als eine Ärztin in einem Pausenraum brutal angegriffen und getötet wurde.
Es gibt unzählige Themen, die als Auslöser für Kämpfe und Proteste dienen könnten. Und Aspekte der spezifischen Frauenunterdrückung könnten auch Funken sein, die breitere Bewegungen entzünden, wie wir 2022 im Iran gesehen haben. Nach der Ermordung von Mahsa Amini in Polizeigewahrsam wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Kopftuchpflicht. Daraus entwickelte sich rasch ein Brennpunkt für sämtliche gesellschaftlichen Beschwerden gegen das theokratische Regime und viele dieser Frauen nahmen auch an den jüngsten Massenaufständen teil.
Arbeiterinnen werden wahrscheinlich auch in Zukunft in Zehntausenden in solchen Bewegungen aktiv sein, wie es auch in den jüngsten Kämpfen der Fall war. Aber da Unterdrückung alle Frauen betrifft, werden diese Bewegungen wahrscheinlich weiterhin klassenübergreifend sein, und das bedeutet, dass ähnliche Ideen und Strömungen auftauchen werden wie in der dritten Welle – und nicht nur dort. Debatten über Klasse und Identität, Separatismus und Intersektionalität gab es schon in der ersten und zweiten Welle – nur in einem anderen weltpolitischen Kontext.
Die Bewegungen der dritten Welle waren zweifellos eine positive Entwicklung im Vergleich zur Zeit nach dem Zusammenbruch des Stalinismus, als neoliberale Ideen dominierten, kollektive Kämpfe extrem gering waren und „postfeministische“ Ideologien individuelle Lösungen für strukturelle Unterdrückung propagierten. In diesem Kontext markierte das kollektive Organisieren gegen Unterdrückung einen Fortschritt, den Beginn einer neuen Periode, aber einer, in der das ideologische Erbe der vorherigen Epoche fortbestand.
Ideologische Strömungen
Eines der positiven Merkmale vieler jüngerer Bewegungen war die Suche nach Einheit, die Offenheit für die Einbeziehung von Männern als „Verbündete“ („allies“) und das Zusammenführen verschiedener Kämpfe gegen Unterdrückung – die sogenannte Intersektionalität. Es gab häufig auch eine Offenheit für die Idee grundlegender systemischer Veränderungen zur Überwindung von Unterdrückung. Doch herrschte und herrscht Verwirrung darüber, was das praktisch bedeutet.
Während es in der heutigen Situation nicht besonders schwierig ist, die Verbindung zwischen Austeritätsangriffen auf Frauen und dem kapitalistischen System herzustellen, ist es weit schwieriger, diese Verbindung bei Themen wie Gewalt gegen Frauen oder Sexismus herauszuarbeiten. Systemische Veränderung wird daher häufig als Reform oder kulturelle Veränderung von Institutionen wie der Polizei, dem Justizsystem oder dem Bildungssystem verstanden, oder als Regulierung von Tech-Unternehmen und sozialen Medien, allgemein als kultureller Wandel der Gesellschaft durch rechtliche Reformen und Bildung.
Fast all dem würden wir zustimmen, aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass die entscheidende Frage ist: Welche Klasse führt diese Reformen, Regulierungen und Bildungsmaßnahmen durch und in wessen Interesse? Und wir betonen, dass nur durch die vollständige Beseitigung der kapitalistischen Strukturen und Organisationen, die die Frauenunterdrückung aufrechterhalten, die Grundlage zu ihrer Überwindung geschaffen werden kann.
Zugleich müssen wir einen Ausblick vermitteln, was möglich wäre, wenn die Gesellschaft nach einer anderen wirtschaftlichen und sozialen Grundlage organisiert würde, allerdings mit dem Hinweis, dass es auch unter dem Sozialismus eine bewusste Kampagne der Einstellungsveränderung bräuchte, da Menschen anfangs weiterhin Vorstellungen behalten würden, die im Kapitalismus geformt wurden.
Selbst im sogenannten „antikapitalistischen Flügel“ der Frauenbewegungen, repräsentiert etwa durch die amerikanischen Autorinnen des Manifests „Feminismus für die 99%“ („Feminism for the 99%“), fehlte eine klare Vorstellung davon, wie der Kapitalismus überwunden werden könne (siehe „A Manifesto to Change the World“, Socialism Today Nr. 228). Sie schienen alle richtigen Punkte zu machen: Sie lehnten die bloße Feier von Identität ab, erkannten die Bedeutung von Streikaktionen und sogar des Klassenkampfes an.
Doch in der Praxis führte ihre Anwendung der Sozialen Reproduktionstheorie“ („Social Reproduction Theory“) zu einer falschen Trennung zwischen „radikalen“ und „progressiven“ Arbeiterinnen in Sorgeberufen, etwa Lehrerinnen und Pflegekräften, die sie als Vorreiterinnen der Arbeiter*innenkämpfe identifizierten, und vermeintlich „rückständigen“, „geschwächten“, „demoralisierten“ männlichen Industriearbeitern, die angeblich nicht kämpfen wollten. Das ist eine falsche Dichotomie, sie ist spalterisch und führt zu völliger Verwirrung darüber, welche Kraft in der Gesellschaft die Macht hat, den Kapitalismus zu stürzen und auf welchem Weg.
Weil die dritte Welle in einer Phase relativ niedrigen Klassenkampfniveaus stattfand, war es nicht leicht, darauf hinzuweisen, dass die organisierte Arbeiter*innenklasse aller Geschlechter die zentrale Kraft zur Überwindung des Kapitalismus und zur Beendigung aller Formen von Unterdrückung ist. Doch trotz der Schwierigkeiten war es absolut notwendig. Marxist*innen haben die Verantwortung, das Bewusstsein all jener zu schärfen, die in Kämpfen gegen spezifische Unterdrückung aktiv sind, und ihnen zu zeigen, wie diese Kämpfe Teil des breiteren Kampfes um gesellschaftliche Veränderung sind.
Klassenkampf und soziale Bewegungen
In einigen Ländern gab es in den letzten Jahren einen leichten Aufschwung im Klassenkampf. Die Streikwellen in Großbritannien und Frankreich vor einigen Jahren und jüngst Generalstreiks in Portugal, Belgien und Indien sowie der beeindruckende Generalstreik in Italien, der sich ursprünglich gegen den Krieg im Gazastreifen richtete, sich aber auf alle Missstände ausweitete, die Arbeiter*innen wütend machten. Die Reaktion auf die brutale Vergewaltigung und Ermordung der Ärztin in Indien führte ebenfalls zu einem vereinigten Streik von Gesundheitsarbeiterinnen, der in Westbengalen begann und sich dann landesweit ausbreitete. Diese Entwicklungen, auch wenn sie sich erst in einem frühen Stadium befinden, werfen ein Licht auf die potenzielle kollektive Macht der organisierten Arbeiter*innenklasse.
Wir müssen jedoch klar sagen: Ein Anstieg des Klassenkampfes bedeutet nicht automatisch einen entsprechenden Rückgang der Kämpfe gegen spezifische Unterdrückung oder dass diese Kämpfe weniger bedeutend würden. Im Gegenteil: Kollektive Kämpfe zu ökonomischen oder politischen Themen, die die ganze Arbeiter*innenklasse betreffen, können Frauen und andere unterdrückte Gruppen ermutigen, gegen ihre eigene spezifische Unterdrückung zu kämpfen und diese können dann wiederum in einem dialektischen Verhältnis in die Gewerkschafts- und Arbeiter*innenbewegung zurückwirken.
So war es während der zweiten Welle sowohl in Italien als auch in Großbritannien. Die feministische Bewegung fiel mit großen Klassenkämpfen zusammen, und es gab eine gegenseitige Beeinflussung beider Bewegungen. In Großbritannien führte dies dazu, dass der Gewerkschaftsdachverband TUC erstmals eine massive nationale Demonstration zum Thema Abtreibung organisierte – das erste Mal überhaupt eine Demo zu einem solchen Thema. Auch die erste „feministische Welle“ in Großbritannien um die Jahrhundertwende entstand vor dem Hintergrund einer Zeit intensiver Klassenkämpfe und gesellschaftlicher Unruhe – mit Transportstreiks und wachsender Radikalisierung wegen der britischen imperialistischen Kontrolle über Irland. Trotz der „Schatten der Revolution“, von denen Trotzki damals sprach, fehlte jedoch eine Partei, die die verschiedenen Kämpfe hätte vereinen können, was dazu führte, dass ein Teil des Kampfes für das Frauenwahlrecht sich in eine separatistische Richtung vom Rest der Arbeiter*innenbewegung entfernte.
Die Tatsache, dass Frauen heute in so vielen Ländern einen so großen Teil der Arbeitskraft ausmachen, bedeutet, dass es viel wahrscheinlicher ist als in der Vergangenheit, dass sich Kämpfe gegen Unterdrückung und Kämpfe der Arbeiter*innenbewegung verbinden. Aber nichts ist automatisch. Die Organisationen der Arbeiter*innenklasse – Gewerkschaften wie Arbeiter*innenparteien – müssen sichtbar aktiv Themen der Frauenunterdrückung und anderer besonderer Unterdrückung aufgreifen und bekämpfen. Und sie müssen dies auf eine Weise tun, die Arbeiter*innen vereint statt sie entlang ihrer Identität zu spalten.
Wir dürfen nichts als selbstverständlich ansehen und die Rolle von Marxist*innen ist entscheidend. Es geht darum, sich in Kämpfe gegen spezifische Unterdrückung einzubringen; die Verbindung zwischen Unterdrückung, Klassengesellschaft und der Rolle der organisierten Arbeiter*innenklasse herzustellen; und für die größtmögliche Einheit der Arbeiter*innenklasse zu kämpfen. In der extrem globalen Situation, in die wir nun eintreten, wird dieser Ansatz wichtiger werden denn je.
Englisches Original unter: https://www.socialistworld.net/2026/03/07/iwd-2026-womens-movements-today/