Interview mit Ekke Spiegel, Busfahrer bei der BVG Berlin
Das Interview führte Alexandra Arnsburg, Sol Berlin
Wie lange bist du schon bei der BVG und wie empfindest du die Arbeit?
Ein bisschen über 2 Jahre über den Quereinstieg. Wir haben eine 5- oder 6-Tage-Woche im Wechsel im Dreischichtsystem rund um die Uhr aufgrund der Fahrzeiten nachts uns am Wochenende. Ich fahre alle Linien von meinem Betriebshof. Das sind zwischen 30 und 40 Linien, zwei bis drei Linien am Tag. Das ist extrem durchgetaktet. Jede Minute des Arbeitstags ist durchgeplant. Pausen gibt es in verschiedenen Modellen entweder im Block oder an den Endstellen der Linie bis zu 45 Minuten am Tag. Bei uns sind Rückenerkrankungen und Schlafstörungen sehr häufig und langwierig. Schichtarbeiter leben ja auch kürzer als der Durchschnitt, Berufskraftfahrer haben 5–7 Jahre weniger. Dieser Job frisst also unser Leben. Das müssen wir nicht hinnehmen.
Was sind die wichtigsten Forderungen in eurer aktuellen Auseinandersetzung im TV-N?
Eine der Forderungen ist für die Erhöhung der sogenannten Wendezeiten von 4 auf 6 Minuten. In diesen Zeiten fahren wir nicht, können mal auf die Toilette oder in ein Brötchen beißen. Es sind aber auch Arbeiten zu erledigen. Seitdem die A100 offen ist und durch die vielen Baustellen, gibt es an manchen Endstellen diese Wendezeiten faktisch gar nicht mehr. Wir kommen schon zu spät an und die Fahrgäste warten schon. Bei bestimmten Linien, geht man abends nach Hause und denkt, jemand hat einem mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen. Da bist du einfach vollkommen fertig. Es geht nicht nur um die Wendezeiten, sondern auch darum, dass es keine Ausnahmen mehr geben soll bei den Schichtlängen, dass die Ruhezeiten zwischen den Schichten 12 Stunden sein sollen statt wie bisher 11 und mehr Urlaub.
Hat eure Belastung auch etwas mit der Personalsituation zu tun?
Es ist ja eine Arbeitsverdichtung, dass wir ununterbrochen arbeiten. Wenn man das aufheben wollte, bräuchte man mehr Fahrer*innen und mehr Fahrzeuge. Der VBB, also hier der Senat, müsste ausreichend Mittel zur Verfügung stellen, nicht nur für neue Busse und Straßenbahnen, sondern auch dafür, dass die Fahrer*innen anständige Arbeitsbedingungen haben. Selbstverständlich ist das eine politische Frage: Wie viel Geld steht für den Nahverkehr zur Verfügung und wie wird das Geld aufgeteilt, in neue Technik oder in verbesserte Arbeitsbedingungen. Im Prinzip ist das ein Verteilungskampf.
Was erwartest du von der aktuellen Tarifrunde?
Ich hoffe, dass wir unsere Forderungen durchsetzen können. Sonst bräuchten wir nicht antreten. Wir haben jetzt zwei Warnstreiktage hingelegt. Die Situation ist aber eine ganz andere. Im gesamten Bundesgebiet werden unsere Forderungen abgelehnt und es werden sogar Gegenforderungen aufgemacht, die noch zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führen würden. In Leipzig wurde von Anfang an gesagt: Ihr müsste 2 Stunden länger arbeiten – das ist eine Lohnkürzung! Bei uns ist es ein bisschen zivilisierter, aber sie wollen die verlängerte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und das selbstbestimmte Überstundenkonto streichen. Das ist eigentlich ein Angriff!
Wie ist die Stimmung unter den Kolleg*innen?
Im letzten Jahr hatten wir Organizer*innen, die mit uns das Prinzip der Rückkopplung eingeübt haben. Das war eine Demokratisierung des Streiks. Nach jeder Verhandlungsrunde haben wir sozusagen abgestimmt, wie es weiter geht. Das hat zu einer sehr, sehr starken Mobilisierung geführt und zu 2000 neuen Mitgliedern. Das war aber eine Entgeltrunde. Dieses Mal geht es um den Manteltarif. Es wurde mit der Rückkopplung erst später angefangen; weil man davon ausging, dass es nicht nötig sei. Nun ist die Zustimmung zum Warnstreik noch hoch, aber etwas gesunken. Letztes Jahr hatten wir außer in der ersten Rückkopplung immer über 90 Prozent Zustimmung bei der Busfahrer*innen. Da müssen wir jetzt sozusagen nochmal die Arschbacken zusammenkneifen und dafür arbeiten, dass die Mobilisierung stärker wird.
Wie wird über die Tarifverhandlung in der Öffentlichkeit berichtet?
Die BVG Führung fährt eine Pressekampagne. Sie sagen, es gäbe kein Problem, die Zufriedenheit bei den Fahrer*innen wäre stark angestiegen. Das wird dann vom Tagesspiegel und der Springerpresse einfach übernommen. In der Pressearbeit müssen wir noch besser werden. Aber die öffentliche Stimmung ist gar nicht so schlecht. Was immer ganz gut hilft, ist Fahrgastansprache. Das haben wir letztes Jahr gemacht. Da sind Berlin-steht-zusammen und Linke-Ortsverbände zu S-Bahn-Stationen gegangen und haben Soliflugblätter verteilt. Auch wenn die Leute genervt sind, sehen sie, was das für ein krasser Job ist, den wir machen. Wer uns unterstützten möchte, kann sehr gut mit solchen Fahrgastansprachen helfen. Es geht ja um die politischen Frage hinter den ganzen Arbeitskämpfen: Wie soll der ÖPNV finanziert werden und welche Rolle soll er in dieser Stadt spielen. Aktuell interessiert das den Senat nicht. Er beschäftigt sich eher mit irgendwelchen hirngespinstigen Großprojekten anstatt mit dem notwendigen Ausbau der vorhandenen Strukturen.
Wie hängen bessere Arbeitsbedingungen mit besserer Servicequalität für die Fahrgäste zusammen?
Wir brauchen einen Ausbau des ÖPNV und da gehören die Arbeitsbedingungen dazu, denn wir müssen Leute gewinnen, die diese schwere Arbeit machen wollen. Das Verhältnis zwischen Fahrgast und Busfahrer ist verbesserungswürdig. Unter dem krassen Stress, unter dem die Arbeit stattfindet, kann man am Ende der Schicht einfach nicht mehr super freundlich sein. Die BVG leidet unter starker Fluktuation und langen Krankenzeiten. Wenn man das stabilisieren möchte, muss man an die Arbeitsbedingungen ran. Es gibt vermehrt Gewalterfahrungen, ich selbst wurde vor einigen Wochen, als ich einen Bus übernehmen wollte, zusammengeschlagen. Auch Beleidigungen, Beschimpfungen und Angespuckt-werden nehmen zu. Es wird immer aggressiver. Wir sind auch die ersten, die es merken, wenn im Bereich Obdachlosen- oder Drogenhilfe oder generell gekürzt wird. Wir müssen die Kürzungspolitik des Senats ausbaden – das ist unsere tägliche Realität.
Was waren besondere Aktionen, die dich beeindruckt haben?
Im letzten Jahr waren das die gemeinsamen Aktionen. Wir haben ja mit CFM und der BSR zusammen gestreikt. Man hat das bei der einen großen Demo gesehen, aber wir haben uns auch bei den Streikposten gezeigt. So haben die Kolleg*innen gesehen, hier sind noch andere. In diesem Jahr sind es die Vivantes-Töchter. Ich war auch bei den Streikposten. Mir ist es wichtig, dass wir das nicht nur als zeitgleichen, sondern ähnlichen Kampf wahrnehmen. Hier geht es um die Daseinsfürsorge und da ist es unsinnig, wenn das nach dem Profitprinzip organisiert wird. Das bringt weder bessere Qualität und geht vor allem auf den Rücken der Beschäftigten. Gemeinsame Aktionen machen natürlich auch mehr Spaß. Wir waren am Donnerstag bei der Vivantes-Töchter-Demo, da war die Stimmung sehr gut, das hat uns sehr motiviert, weil man da sieht, dass es gemeinsame Kämpfe sind.
Gibt es Streikversammlungen und wie laufen die?
Es gibt zentrale bundesweite Versammlungen der Hofverantwortlichen, wo diskutiert wird. Ich hätte mir gewünscht, dass wir dieses Jahr genauso stark und gut vorbereitet das Rückkopplungssystem begonnen hätten. Das wurde von den Kolleg*innen sehr geschätzt, auch wenn einzelne über das Ergebnis letztes Jahr enttäuscht waren. Ich selbst bin als Hofverantwortlicher viel besser informiert, da es für uns die Arbeitsstreiks gibt, wo wir zusammen kommen. Ich habe nicht, das Gefühl, dass wenn Menschen dort sprechen, dass das keine Wirkung hätte. Ich würde mir aber wünschen, dass aber jede Kollegin und jeder Kollege besser informiert und eingebunden wird. Da müssen wir noch dran arbeiten.
Was müsste passieren, damit der Streik mehr Druck aufbaut?
Es wird schon nicht ganz spurlos an ihnen vorbeigegangen sein, dass wir jetzt gleich zwei Tage gestreikt haben und in dieser Rückkopplung fragen wir, ob wir, wenn es wieder kein Angebot gibt, sofort in den Warnstreik gehen. Ich gehe davon aus, dass wir mindestens den Angriff des Arbeitgebers abwehren können. Ob wir zur 35-Stunden-Woche kommen ist eine offene Frage und das hängt davon ab, wie stark sich die Mitarbeitenden für so ein Mantelthema, was nicht so sexy ist wie 750 Euro mehr, mobilisieren lassen. Entgelt ist immer einfach – das versteht jede und jeder sofort. Die ganzen kleinteiligen Regelungen im Manteltarif sind da komplizierter, auch wenn Arbeitszeit ein sehr wichtiges Thema ist.
Sind Tarifverhandlungen ausreichend oder braucht es auch grundlegende Veränderungen?
Hier in Deutschland gibt es seit dem Zeitungsstreik 1952 oder so keinen politischen Streik mehr. Manche sind der Auffassung, politische Streiks sind verboten. Ich bin der Ansicht, dass alles, wo es um öffentliche Daseinsfürsorge geht, also ÖPNV, Gesundheit, Müll usw. – da sollte auch über Re-Kommunalisierung geredet werden. Diese Fake-Privatisierungen haben niemanden genutzt außer in der Abfallwirtschaft einigen privaten Firmen, die da einen Reibach machen auf Kosten der Beschäftigten. Das ist ein gescheitertes Projekt. Da würde ich mir wünschen, dass die Gewerkschaften sich stärker an politischen Bewegungen beteiligen, um das wieder in kommunales Eigentum zurückzuführen. Das würde es auch einfacher machen, über Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Arbeitskämpfe sollte wieder stärker in den Blickpunkt politischer Bewegungen rücken. Wenn wir uns nicht glaubhaft den Menschen als Mitkämpfende präsentieren, dann können wir den Kampf gegen die politische Rechte nicht gewinnen. Ich höre das bei meinen Kolleg*innen jeden Tag, wie stark die Ideen der AfD u.a. Raum greifen. Wir können, das nicht anders bekämpfen, als mit kämpferischen Gewerkschaften in den Betrieben und damit, dass die Linken wieder vernünftig Arbeiter*innenpolitik machen.
Vielen Dank für das Gespräch.