„Staatsräsonfunk“ von Fabian Goldmann

Manifest Verlag veröffentlicht Buch über deutsche Gaza-Berichterstattung

Das in wenigen Wochen erscheinende Buch nimmt die deutsche Medienberichterstattung über das israelische Vorgehen im Gazastreifen (vor allem im Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis zum 19. Januar 2025, dem Beginn einer vorübergehenden „Waffenruhe“) auseinander. Den Schwerpunkt bilden die besonders einflussreichen Medien Bild, Tagesschau, Spiegel, DIE ZEIT und taz.

von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart

Goldmann nähert sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln: Zum einen untersucht er einzelne Behauptungen, die von den deutschen Medien ständig wiederholt wurden, obwohl oft ein Minimum an Recherche ergeben hätte, dass sie nicht stimmen (etwa die Falschbehauptung von 40 am 7. Oktober 2023 enthaupteten Babys). Oder man hätte im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung die Untersuchungen von internationalen NGOs und Institutionen zitieren müssen (zum Beispiel gibt es laut Amnesty International zumindest seit dem 7. Oktober keine Belege, dass die Hamas bewusst Zivilist*innen als „menschliche Schutzschilde“ in dem dicht besiedelten Streifen einsetzt). Weiter werden einzelne Ereignisse, wie Massaker der israelischen Armee, untersucht, die in arabischen und auch westlichen Medien ausführlich behandelt wurden, in deutschen Medien aber (fast) gar nicht.

Quantitative Analysen

Neben der Untersuchung einzelner Behauptungen oder Ereignisse gibt es auch quantitative Analysen, die Untersuchung Tausender Schlagzeilen sowie Tausender Artikel nach verschiedenen Kriterien. Die Ergebnisse – oft in Tabellen zusammengefasst – zeigen unter anderem, dass die deutschen Medien sich weitgehend auf Verlautbarungen der israelischen Armee und Regierung stützen, obwohl die sich massenhaft als sachlich falsch erwiesen haben, dagegen palästinensische Quellen ignoriert oder mit Labeln wie „Hamas“ oder „Hamas-nah“ diskreditiert werden. Oder sie zeigen, dass israelische und palästinensische Opfer ganz verschieden dargestellt werden.

Auch die weitgehend fehlende historische Einordnung der Ereignisse wird behandelt. Goldmann geht in seinem Buch ebenso auf die konkreten Verbrechen der Hamas ein, wenngleich die wesentlich zahlreicheren Verbrechen des israelischen Staates einen entsprechend größeren Stellenwert einnehmen. So ist das Buch nicht nur eine Abrechnung mit den deutschen Medien, sondern auch eine Zusammenfassung dessen, was die deutschen Medien verschweigen, und eine Widerlegung zentraler Falschdarstellungen. 

Nicht für besinnliche Stunden, aber wichtig

Ist das Buch leicht zu lesen? Sprachlich ja. Inhaltlich werden viele Leser*innen zwischen Zorn, Hass, Abscheu gegenüber dem Netanjahu-Regime und seiner Armee und Zorn, Hass, Abscheu gegenüber den deutschen „Leitmedien“ pendeln. Das Buch ruft nur selten positive Gefühle hervor, so im Zusammenhang mit der heroischen Arbeit palästinensischer Journalist*innen und des medizinischen Personals in Gaza unter lebensgefährlichen Bedingungen und mit Zitaten von Aussagen israelischer Menschenrechtsorganisationen und anderer, die die Verbrechen ihrer eigenen Regierung schonungslos kritisierten. Auch wenn das Buch in diesem Sinne kein Lesegenuss ist, ist es extrem wichtig.

Goldmann misst journalistische Arbeit an den Maßstäben, die Journalist*innen in Deutschland in ihrer Ausbildung lernen und auf die sich auch bürgerliche Redaktionen verpflichtet haben. Er misst das Vorgehen der israelischen Armee an Völkerrechtsnormen, auf die sich kapitalistische Staaten und deren internationale Institutionen geeinigt haben. Das sind für Sozialist*innen nicht die entscheidenden Maßstäbe für ihre Kritik und Empörung, aber es gelingt Goldmann, den Widerspruch zwischen Anspruch und Realität bürgerlicher Institutionen und Medien offenzulegen. Damit liefert das Buch genügend Gründe, weder Illusionen in die UN oder kapitalistischen Regierungen noch in die großen deutschen Medienhäuser zu haben, deren Berichterstattung nicht neutral und eben auch von den (geopolitischen) Interessen des deutschen Kapitalismus geleitet ist. Es gibt damit einen gelungenen Auftakt für die neue „interventionen”-Reihe im Manifest Verlag, welche in Zukunft weitere Bücher von Autor*innen außerhalb der Sol-Tradition bzw. auch ohne einen explizit marxistischen Anspruch enthalten soll. Sie ergänzen damit die anderen Verlagspublikationen, nicht zuletzt jene mit marxistischen Analysen und sozialistischen Vorschlägen für ein Ende des Horrors im Nahen Osten, die wir allen ans Herz legen.

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