Auch nach Hunderttausenden Toten scheint der Krieg nicht enden zu wollen
Junge Männer, die nicht kämpfen wollen; eine Bevölkerung, die erschöpft ist; Friedensverhandlungen, die keinen Fortschritt kennen; Energiekrise… Der Ukrainekrieg ist das kapitalistische Grauen.
von Steve Hollasky, Dresden
Während sich Russland in gute Positionen für die Sommeroffensive bringt, stieß die ukrainische Armee zwischen Saporischschja und Dnipropetrowsk zuletzt langsam Richtung Süden vor. Am insgesamten Kriegsverlauf ändert das aber wenig: Russland stößt im Schneckentempo vor, die Ukraine geht zurück.
Die ganze Ukraine wird zum Schlachtfeld
Eine Gesetzmäßigkeit kapitalistischer Kriege ist, dass die Arbeiter*innenklasse des Gegners zum Ziel wird. Etwa 60 Prozent der „sensiblen“ Infrastruktur der Ukraine wurden durch russische Angriffe getroffen. In Lwiw und Kiew bieten Hilfsorganisationen Wärmezelte an. Gegen Ende Februar griff die russische Luftwaffe mit einer Drei-Tonnen-Bombe einen Staudamm nördlich von Konstantyniwka an, um im Ringen um diese Stadt den entscheidenden Versorgungsweg zu überfluten. Was geschaffen wurde, um die Bevölkerung zu versorgen, wird zerstört, um die Versorgung zu unterbinden.
Das Schlachtfeld ist die gesamte Ukraine. Mehr als 15.000 Zivilist*innen sollen im Krieg ihr Leben verloren haben.
Die ukrainische Antwort verschlingt ebenfalls russische Zivilist*innen: Die Angriffe auf russisches Hinterland sollen für den Tod von mehreren hundert Russ*innen verantwortlich sein.
Reichen die Menschen aus?
Für die Generalstäbler auf beiden Seiten stellt sich die Frage, ob die wichtigste Ressource genug vorhanden ist. Russland schickt jeden Monat 40.000 Menschen an die Front – offiziell alle freiwillig. Bei Verlusten von insgesamt 800 bis 1000 Soldaten am Tag, kommt dies einer quantitativen Stärkung der Truppe gleich. Doch inzwischen ist die Suche nach neuen Vertragssoldaten mühsam geworden. Mehr als 200.000 russische Soldaten haben in der Ukraine den Tod gefunden. Man karrt Angehörige nationaler Minderheiten und Freiwillige aus Afrika in den Krieg.
Junge Ukrainer verlassen vor dem 25. Geburtstag, dem Stichtag ihrer Rekrutierung, das Land. Mehr als 250.000 Verfahren sollen gegen Deserteur*innen laufen. Die Löcher in der ukrainischen Armee sind nicht mehr zu stopfen, die Brigaden chronisch unterbesetzt. Gut 100.000 ukrainische Soldaten sind gefallen.
Was ist das für ein Krieg?
In der Ukraine tobt ein mit modernen Mitteln, wie Drohnen, ausgetragener Stellungskrieg, der selbst ein Aufeinandertreffen des russischen Imperialismus einerseits und westlichen, imperialistischen Staaten der EU und NATO andererseits ist. Es ist ein Stellvertreterkrieg, in dem es keiner der pro-kapitalistischen Kräfte um das Recht auf Selbstbestimmung geht.
Bürgerliche schaffen keinen Frieden
Seit Monaten wird zwischen der Ukraine, Russland und den USA verhandelt. Doch das Sterben geht weiter. Trump kommt unter Druck: Er versprach Frieden. Nun stehen Zwischenwahlen an. Das Weiße Haus fordert Selenskyjs Zustimmung zu Gebietsabtretungen, und auch in der Ukraine scheint der Ruf danach und Protest gegen Repression und Korruption zu wachsen.
Russlands Selbstverständnis ist, es liege auf Siegeskurs. In einer solchen Situation bricht man den Waffengang nicht ab. Doch selbst wenn es zu einem „Einfrieren“ des Konflikts kommen sollte, bleiben die tieferliegenden Kriegsursachen und widerstreitenden Interessen bestehen.
Frieden müssen wir erzwingen
Wollen wir Frieden, müssen wir ihn erzwingen. Martin Luther King sagte, der Krieg sei ein „Feind der Armen“, weil Sozialleistungen gestrichen, das Lebensniveau der Armen sinke und sie im Kriege fallen würden. Es sind vorrangig die Armen und die Arbeiter*innen, die in russischen und ukrainischen Uniformen in diesem Krieg sterben.
Die gilt es im Kampf gegen diesen Krieg zu organisieren: um zu protestieren, zu streiken und die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die Kriege hervorbringt, infrage zu stellen – in der Ukraine, in Russland, in den USA und in der EU.
Sanktionen und Waffenlieferungen treffen die Armen und Arbeiter*innen auf beiden Seiten und verschärfen nationalistische Spaltung. Gewerkschaften und Linke müssen das ablehnen und stattdessen eine von Kapitalinteressen unabhängige und internationalistische Haltung einnehmen. Die Alternative zum großen Sterben ist der Kampf und die Organisierung der Massen für eine sozialistische Zukunft.