Viele Zeitbomben

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Finanzcrashgefahren haben System

Das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ schrieb im November 2025: „Wenn die amerikanische Börse crasht, wird es eine der am meisten vorhergesagten finanziellen Implosionen der Geschichte.“ Das brachte zum Ausdruck, dass die Kapitalist*innen das schneller werdende Ticken der vielen Zeitbomben, die sich in der Weltwirtschaft angesammelt haben, nicht ignorieren können. 

von Tom Hoffmann, Sol-Bundesleitung 

Oberflächlich betrachtet könnte man der Weltwirtschaft nicht das schlechteste Zeugnis ausstellen. Laut IWF soll diese im letzten Jahr um über drei Prozent gewachsen sein. Doch das ist nicht das ganze Bild. Zum Ende des letzten Jahres mehrten sich jene Stimmen in der Kapitalist*innenklasse, die vor den vielen Blasen und Gefahren an den Finanzmärkten, auf privaten Kreditmärkten bzw. bei Staatsanleihen warnten und einen Crash prognostizierten. 

KI-Blase

Die gigantischen Investitionen in die Entwicklung und Infrastruktur von generativer KI stehen mit an erster Stelle der Sorgenliste. Bis 2025 sollten die jährlichen KI-Investitionen bis zu 1,5 Billionen US-Dollar jährlich erreichen. Diese sagenhafte Wette auf Profite in der Zukunft hat eine solche Eigendynamik angenommen, dass alle wissen, dass die Erwartungen niemals erfüllt werden können. 95 Prozent der Unternehmen, die in generative KI investieren, erzielen bisher keine finanziellen Erträge. Laut JPMorgan Chase müssten die Unternehmen für eine zehnprozentige Kapitalrendite auf ihre bis 2030 prognostizierten Investitionen jährliche Einnahmen von 650 Milliarden US-Dollar vorweisen! Die Blasenbildung insgesamt ist so weit gegangen, dass es um enorme Summen geht. Mit Blick auf die US-Börse schrieb die Ökonomin Gita Gopinath von einem Vernichtungspotenzial von zwanzig Billionen US-Dollar allein für US-amerikanische Haushalte sowie 15 Billionen für ausländische Investor*innen. 

Die IWF-Chefin ließ jedoch im letzten Jahr wissen, dass sie andere Entwicklungen im Finanzsystem nachts nicht schlafen lassen, nämlich die „sehr deutliche Verlagerung der Finanzierung“ vom Bankensektor zu Nichtbanken-Finanzinstituten (NBFIs). Diese unterliegen nicht denselben Vorschriften wie Banken. In den USA würde laut dem US-Ökonom David Roche ein Verlust von einem Fünftel des Kreditvolumens in diesem Bereich dem kombinierten BIP von Frankreich und Italien entsprechen. Die Pleiten der beiden US-Unternehmen Tricolor und First Brands im letzten Jahr, welche Kreditpakete mit schlechter Bonität an Investor*innen verkauft hatten, riefen bereits Erinnerungen an ähnliche Praktiken hervor, welche die letzte Finanzkrise auf dem US-Immobilienmarkt auslöste.

Systemische Ursachen

Der Kapitalismus ist krisenhaft. Sozialist*innen weisen aber daraufhin, dass das nicht in der Raffgier einiger Banker und Investor*innen seinen Ursprung hat. Im Kapitalismus wird nur investiert, wenn sich aus Geld (möglichst viel und schnell) mehr Geld machen lässt. 

In den meisten Bereichen der sogenannten Realwirtschaft ist das seit dem Nachkriegsaufschwung jedoch immer schwieriger geworden. Es gibt zu viele Überkapazitäten gegenüber einer geringeren kaufkraftgestützten Nachfrage. Eine tiefere Ursache dafür ist die Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse im Kapitalismus: Die Arbeiter*innenklasse bekommt nicht den Wert in Lohnform, den sie erarbeitet hat. Die Kapitalist*innen streichen einen Mehrwert ein. Es gibt deshalb mit der Zeit eine Tendenz, dass die Arbeiter*innenklasse nicht die Menge an produzierten Waren konsumieren kann – eine Tendenz, die durch Investitionen in anderen Bereichen oder Kredite abgemildert, aber nicht auf Dauer aufgehoben werden kann. Hinzu kommen andere Tendenzen (wie die der tendenziell fallenden Profitrate), welche Krisen in die DNA des Systems eingravieren.

Es gibt seit den 1990ern eine enorme Finanzialisierung, weil sich an den Finanzmärkten mit fiktivem Kapital höhere Renditen als in der Realwirtschaft erzielen lassen. Laut McKinsey sind zwischen 2000 und 2021 Immobilien und Aktienmärkte im Umfang um 160 Billionen US-Dollar mehr gewachsen als die reale Wirtschaftsleistung. Diese Spannung kann nicht ewig aufrechterhalten werden. In den letzten großen Weltwirtschaftskrisen 2008 und 2020 wurde ein Kollaps des Systems durch eine enorme Ausweitung der Verschuldung verhindert. Doch das konservierte nur die strukturellen Probleme und türmte sie auf.

Politische Folgen

Die nächste Krise im Kapitalismus ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Weltwirtschaftskrise von 2008 hatte furchtbare soziale Folgen für Arbeiter*innen und Arme weltweit. Sie bereitete den Weg für die heutige multipolare Weltunordnung, untergrub das Vertrauen in kapitalistische Institutionen und Parteien, ließ linke wie rechtspopulistische Kräfte aufsteigen und löste (mit etwas Verzögerung) Massenrevolten auf der ganzen Welt aus. 

Eine neue Weltwirtschaftskrise wird auf eine Welt treffen, die sozial und politisch noch viel mehr Verwerfungen aufweist und somit die Möglichkeiten zur Kooperation der verschiedenen nationalen Kapitalist*innenklassen stark einschränkt. Sozialist*innen müssen schon jetzt die systemischen Ursachen in den Mittelpunkt stellen, die eine sozialistische Alternative nötig machen: Die die Wirtschaft dominierenden Banken, Konzerne und Finanzinstitutionen müssen weltweit in öffentliches Eigentum unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung überführt werden, um die enormen Ressourcen der Menschheit endlich sinnvoll und demokratisch geplant einzusetzen.