„Wir befinden uns jetzt in einem anderen Land als noch am 13. Oktober.“ Diese Aussage eines führenden Gewerkschafters und Mitglieds der Militant Left (Irische Sektion des CWI) fasst die tiefgreifenden Auswirkungen des Generalstreiks im öffentlichen Dienst vom Mittwoch in der Republik Irland zusammen.
Und tatsächlich hat sich alles verändert. Für die weit über 300.000 Gewerkschafer*innen, die sich an der Aktion beteiligten, war es ein Tag, den sie nie vergessen werden. Zum ersten Mal seit 17 Jahren beteiligten sich Arbeiter*innen in Irland an einem Massenstreik, der Schulen, Hochschulen, Universitäten, Krankenhäuser (abgesehen von vereinbarten Notfalldiensten) sowie alle kommunalen und staatlichen Dienststellen vollständig lahmlegte. Es war die größte Mobilisierung der Macht der Arbeiter*innenklasse, die es in diesem Staat seit 1979–80 gegeben hat.
Sobald die Uhr am Mittwoch, dem 14. Oktober, eine Minute nach Mitternacht schlug, begannen sich Streikposten am Dubliner Hafen und bei einigen kommunalen Behörden zu bilden. Um 8 Uhr morgens hatten sich landesweit Zehntausende Gewerkschafter*innen vor ihren Arbeitsstätten versammelt. Überall waren Plakate, Fahnen und Transparente zu sehen.
In den meisten Fällen blieben die Streikposten bis 16 Uhr bestehen. Die mehr als 20 Gewerkschaften, die gemeinsam streikten, hatten hervorragende Arbeit geleistet, um sicherzustellen, dass die Dienstpläne abgedeckt waren. Ein Mitglied der „Militant Left“ aus Cork erklärte:
„Der Streik war geschlossen und beeindruckend gut organisiert. Bereits um 8 Uhr morgens standen vor dem Hauptkrankenhaus Hunderte von Streikposten aus allen verschiedenen Gewerkschaften. Das gleiche Bild bot sich an Dutzenden von Streikpostenketten in der ganzen Stadt. Offenbar hatte sich jeder freiwillig für eine Schicht im Dienstplan eingetragen, sodass die Streikposten den ganzen Tag über aufrechterhalten blieben und mit Plakaten auf dem Bürgersteig vor ihren Toren hin und her marschierten, während Autos den ganzen Tag lang zur Unterstützung hupten.“
Nach anderthalb Jahrzehnten der Sparpolitik und steigenden Lebenshaltungskosten angesichts explodierender Kosten für Wohnen, Lebensmittel und Kinderbetreuung war dies eine Chance, sich gegen all das zu wehren.
Auch wenn es bei diesem Streik in erster Linie um die Löhne und die Forderung nach inflationssicheren Erhöhungen nach Jahren des Reallohnverlusts ging, war er auch ein Ventil für die massive Wut auf die realitätsferne politische Elite und eine Gesellschaft, in der multinationale Konzerne und die Superreichen auf Kosten der einfachen Arbeiter*innen enorme Gewinne einstreichen.
Immer wieder erzählten streikende Arbeiter*innen den Mitgliedern von „Militant Left“, dass sie schon lange, viel zu lange auf diese Gelegenheit gewartet hätten. Die Mehrheit von ihnen streikte zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Streikposten vor den Krankenhäusern boten einen beeindruckenden Anblick. Hunderte und Aberhunderte von Arbeiter*innen strömten zu den Streikposten – sie marschierten auf den Gehwegen auf und ab, während Autofahrer*innen und Passant*innen ihnen zur Unterstützung zujubelten und hupten.
Ciarán McKenna, Mitglied des SIPTU-Bundesvorstands und der „Militant Left“, sagte am Tag nach dem 14. Oktober:
„Gestern war ein bedeutsamer Tag, um Gewerkschafter zu sein. Es war ein Privileg, an den Streikmaßnahmen zur Verteidigung des Lebensstandards der Beschäftigten im öffentlichen Dienst teilzunehmen… In unserer SIPTU-Sektion gab es keinen – und ich meine wirklich ‚keinen‘ – Widerstand gegen den Streik. Stattdessen herrscht eine enorme und spürbare Entschlossenheit, so lange dafür zu kämpfen, wie es nötig ist.“
An dem Massenstreik nahmen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes teil, aber es war ein Streik für alle Arbeiter*innen und wurde auch als solcher wahrgenommen, was sich in der enormen Begeisterung ausdrückte, die er bei der breiten Arbeiter*innenklasse hervorrief.
Die Arroganz der Regierung, die den vorherigen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst im Juni auslaufen ließ, ohne etwas an dessen Stelle zu setzen, wurde für alle sichtbar entlarvt.
Regierungsminister hatten die Forderung der Gewerkschaften, das Thema Löhne ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen, arrogant zurückgewiesen. Sie verlangten von den Beschäftigten, abzuwarten, bis die neuen Verhandlungen über den nächsten Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst zu einem anderen Zeitpunkt im Herbst begännen. Dies löste nicht nur enorme Wut aus, sondern schuf auch den Raum, um eine Urabstimmung über Streikmaßnahmen wegen der Löhne einzuleiten.
Ende August und Anfang September verkündeten die Gewerkschaften eine beispiellose Unterstützung für Streikmaßnahmen. Die Mitglieder von SIPTU und Fórsa – den beiden größten Gewerkschaften Irlands – stimmten mit überwältigenden 97 Prozent für einen Streik. INMO, die größte Gewerkschaft des Gesundheitswesens, stimmte mit unglaublichen 99 Prozent für einen Streik. Die größte Lehrer*innengewerkschaft sprach sich mit 95 Prozent für Streikmaßnahmen aus. Und so weiter.
Die jahrzehntelange sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und der Regierung wurde abrupt unterbrochen.
Die Aktion begann am 30. September mit einer Dienst-nach-Vorschrift-Aktion. Die Regierung sah tatenlos zu und ging vielleicht naiv davon aus, dass die Gewerkschaftsführung einen Weg finden würde, die landesweite Aktion abzubrechen und Verhandlungen aufzunehmen. Sie hätten sich nicht mehr irren können. Es wurde eine Kraft entfesselt, die sich nicht nur gegen die Regierung richtete, sondern auch enormen Druck auf die Spitzen der Gewerkschaften ausübte.
Zu wenig, zu spät – die aus Fianna Fáil und Fine Gael bestehende Regierung der Bosse erkannte, dass die Aktion stattfinden würde. Am Vorabend des Streiks flehte der Minister die Gewerkschaften an, den Streik abzublasen. „Die Löhne werden bei allen Verhandlungen ganz oben auf der Tagesordnung stehen“, versprach er.
Im vollen Bewusstsein, dass am 21. Oktober ein weiterer Streik droht, erklärte die Regierung am Tag danach: „Unsere Botschaft an die Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist klar: Es stehen Mittel für eine neue Vereinbarung zur Verfügung, und die Regierung ist bereit, sich unverzüglich und konstruktiv damit auseinanderzusetzen.“
Die Verhandlungen werden wahrscheinlich stattfinden. Die Gewerkschaften befinden sich in einer Position echter Stärke und sollten auf nichts Geringeres als eine Lohnvereinbarung in Höhe der Inflationsrate plus einen Aufschlag bestehen sowie darauf, dass die Löhne automatisch mit der Inflation steigen. Andernfalls sollten die Streikmaßnahmen fortgesetzt und eskaliert werden, bis diesen berechtigten Forderungen nachgegeben wird.
Diese und andere Ideen gehörten zu den zentralen Botschaften, die „Militant Left“ an Dutzende Streikposten im ganzen Land mitnahm. Die Überschrift unseres Streikbulletins lautete: „Genug ist genug!“ Und sie fasste die Stimmung der überwiegenden Mehrheit der Menschen zusammen, mit denen wir sprachen. Unsere Mitglieder befanden sich natürlich selbst im Streik. Und diejenigen, die nicht im öffentlichen Dienst beschäftigt waren, verbrachten trotzdem den Tag an den Streikposten.
Mitglieder von „Militant Left“ besuchten über 150 Streikposten, unter anderem in Letterkenny, Cork City, Drogheda, Dundalk, Dublin City, Tallaght, Balbriggan, Swords, Ballymun, Sligo, Manorhamilton, Monaghan und darüber hinaus.
Wir brachten nicht nur unsere Solidarität zum Ausdruck, sondern wiesen auch darauf hin, dass die Gewerkschaften ihre eigene politische Stimme in Form einer Massenpartei der Arbeiter*innenklasse aufbauen müssen und eine sozialistische Gesellschaft den verrottenden Kapitalismus ablösen muss.
Wir verteilten über 4.000 Exemplare unseres Streikbulletins. Mitglieder der „Militant Left“ spielten zudem eine zentrale Rolle bei der Organisierung einer NIPSA-Gewerkschaftsdelegation aus dem Norden, die den Streikenden an den Streikposten im Süden Solidarität und Unterstützung überbrachte.
Die Gewerkschaftsbewegung und die Arbeiter*innenklasse sind eine mächtige Kraft. Mittwoch, der 14. Oktober, hat das zweifelsfrei bewiesen. Jetzt ist ein Wendepunkt erreicht. Gemeinsam mit den Arbeiter*innen und jungen Menschen in Frankreich, Spanien, Belgien, Italien und ganz Europa erhebt sich eine neue Kraft.
Text im englischen Original unter: https://www.socialistworld.net/2026/10/16/ireland-october-14-public-sector-general-strike-a-new-force-rising/
