Massenproteste erschüttern Albanien

Albinfo, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons

Seit fast fünf Monaten demonstrieren die Albaner*innen auf den Straßen. Die Proteste begannen im Mai, als bekannt wurde, dass Premierminister Edi Rama bereit war, ein Naturschutzgebiet an der wunderschönen Adriaküste an ausländische Investoren zu veräußern. Seitdem finden in der Hauptstadt Tirana täglich friedliche Massenproteste statt. In der vergangenen Woche schlossen sich ihnen Studierende an, die die Universitäten verließen, um bessere und bezahlbare Bildung sowie bessere Berufsaussichten nach dem Abschluss zu fordern.

Von Mira Glavardanov (19.10.2026)

Die Studierenden haben den Protesten eine neue, aggressivere Dynamik verliehen. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei sind härter und gewalttätiger geworden. Die Demonstrant*innen bewarfen die Polizei mit Steinen und setzten das Bildungsministerium, den Obersten Gerichtshof, andere Regierungsgebäude und Banken in Brand, während die Polizei Tränengas und Wasserwerfer einsetzte. Hunderte Menschen wurden festgenommen.

Die Wut ist nicht verwunderlich. Nach fünf Monaten geduldiger Demonstrationen durch die Stadt und den radikalen Studierendenprotesten der letzten Wochen in vielen europäischen Ländern war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die albanischen Studierenden organisieren und selbst aktiv werden würden. Die Studierendenproteste haben sich auf andere Städte ausgeweitet. Sie teilen die gleichen Anliegen wie alle europäischen (und weltweiten) Jugendlichen, und ihre Lage ist umso gravierender, da Albanien – zusammen mit seinen Balkan-Nachbarn – zu den ärmsten Ländern Europas zählt.

Albanien ging in den 1990er Jahren als ärmstes Land Osteuropas aus Enver Hoxhas ultrastalinistischer Herrschaft hervor. Die mit der brutalen Wiedereinführung des Kapitalismus einhergehende „Schocktherapie“ – die Zerschlagung der Staatsindustrie, Massenprivatisierungen und die Enteignung staatlichen Eigentums sowie die gleichzeitige Zerstörung jeglicher Sicherheiten in Bezug auf Wohnraum, Arbeit, Gesundheitsversorgung und Bildung – führte dazu, dass nur wenige reich wurden und die Mehrheit der Bevölkerung in Armut geriet. Eine Million Menschen haben Albanien seitdem verlassen – etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung!

Die Forderungen der Studierenden nach niedrigeren Studiengebühren und besseren Jobaussichten nach dem Abschluss sind nur ein Teil der Proteste gegen die allgemein hohen Lebenshaltungskosten. Wohnraum beispielsweise in Tirana und anderen Städten ist für die meisten Menschen völlig unerschwinglich. Doch in einem Land mit so hoher Auswanderungsrate zeigen die Forderungen der Studierenden auch, dass junge Menschen entschlossen sind, zu bleiben und sich in ihrer Heimat ein Leben aufzubauen. Sie fordern eine Zukunft in Albanien.

Diese Forderung geht einher mit dem Hauptslogan der fünfmonatigen „Flamingo-Revolution“: „Albanien ist nicht zu verkaufen.“ Ein luxuriöses Touristenresort an der albanischen Küste ist ein Projekt von Trumps Tochter Ivanka und ihrem Ehemann Jared Kushner, dessen Unternehmen für einige ähnlich umstrittene Bauprojekte weltweit verantwortlich ist. Ein Naturschutzgebiet, das aufgrund seiner Schönheit ausgewählt wurde und Brutstätte für Flamingos und Meeresschildkröten ist, gilt den Einheimischen seit jeher als ihr Eigentum. Sie sind schockiert darüber, dass ein Premierminister es an ausländische Interessenten verschenken kann. Für Menschen, die zuvor in einem System lebten, das zwar unterdrückend war, in dem aber ausländisches Kapital keinen Zugang hatte und in dem die Idee des Eigentums an Land und Ressourcen real war, ist es schwer zu verstehen, dass das, was sie jetzt erleben, normales Funktionieren des kapitalistischen Systems sein soll. Stattdessen führen sie es allein auf die Korruption in der Regierung zurück, die zweifellos existiert, da der Kapitalismus Regeln aufstellt, die den Interessen der Großkonzerne dienen. Es herrscht immer noch die Vorstellung vor, dass in Albanien (und ähnlichen Ländern) kein „richtiger“ Kapitalismus herrsche, wie er angeblich in der EU und anderen „entwickelten“ Ländern existiere. Die Hauptforderung aller Proteste ist der Rücktritt von Edi Rama, der als weiterer autoritärer Herrscher ironischerweise sogar als Fortsetzung der „kommunistischen“ Herrschaft gesehen wird.

„Guter Kapitalismus“

Diese Illusion vom „guten Kapitalismus“ zeigt sich in den Forderungen nach einem Eingreifen der EU gegen Rama, da Albanien ein EU-Beitrittskandidat ist. Die EU hat bisher nicht reagiert, abgesehen von gelegentlichen Äußerungen zu „Demokratie“ und „Deeskalation“. Doch der kapitalistische Club EU will ganz sicher kein Land in Europa, das wirklich demokratisch ist und in dem die arbeitende Bevölkerung das Sagen hat. Die Untätigkeit der EU, gepaart mit Studierenden- und Arbeiter*innenprotesten, die die EU von innen heraus erschüttern, sollte deutlich machen, dass die Idee des „guten Kapitalismus“ nichts als eine Illusion ist. Albanien steht, wie viele andere abhängige kapitalistische Länder, größeren Mächten gegenüber. Dasselbe gilt für fast alle Balkanländer. In Serbien wird seit Langem gegen den „Ökokolonialismus“ der EU und des Bergbaukonzerns Rio Tinto gekämpft, der im Wettlauf um Lithium für Elektroautos agiert, und fast ebenso lange gibt es eine regierungsfeindliche Studierendenbewegung.

Der albanische Premierminister Edi Rama beharrt weiterhin darauf, an der Macht zu bleiben. Er weiß, dass er von den EU-Staats- und Regierungschefs noch nicht zum Rücktritt gedrängt wird. Wie viele unpopuläre Regimechefs, die jegliche vernünftige Argumentation verlieren, behauptet auch er, „ausländische Interessen“ stünden hinter den Protesten – eine absurde Aussage von jemandem, der die Interessen ausländischen Kapitals auf Kosten seines albanischen Volkes vertritt. Edi Rama griff die Protestierenden in einer Rede vor der jüngsten UN-Vollversammlung an. Dort erhob er sogar den Vorwurf des „Antisemitismus“ gegen sie (Kushner ist Jude). In einem kürzlich veröffentlichten bemerkenswerten Video beleidigt der albanische Premierminister die Protestierenden als „neidischen, gewalttätigen Mob“, der den Beitritt des Landes zur EU gefährde.

Nichts davon wird Rama retten. Wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung gegen ein Regime erhebt, ist dessen Sturz nur eine Frage der Zeit. Die Frage ist, was danach kommt. Der Wunsch nach einem wahrhaft demokratischen, korruptionsfreien Land, in dem die Menschen demokratisch über ihr Land, ihre Ressourcen und ihre Wirtschaft entscheiden, wird wachsende Teile der Bevölkerung zu dem Schluss führen, dass dies nur in einer sozialistischen Gesellschaft möglich ist. Diese sozialistische Gesellschaft wird wenig mit der „kommunistischen“ Herrschaft Enver Hoxhas gemein haben, der ein repressives stalinistisches Bürokratiesystem regierte. In einer wahrhaft sozialistischen Gesellschaft würde die Wirtschaft unter der demokratischen Kontrolle und Verwaltung der Arbeiter*innenklasse geplant. Ein solcher Wandel wäre ein Vorbild für die Arbeiter*innenklasse in der gesamten Region.