Ende 2025 veröffentlichten wir auf der Website der Sozialistischen Partei Schottlands einen Artikel mit dem Titel „Zersplitterte Weltwirtschaft – Steuert sie auf einen Crash zu?“. In ihm wiesen wir auf verschiedene Krisenfaktoren hin, die eine neue globale kapitalistische Rezession auslösen könnten. Die KI-Blase, die zunehmende Bedeutung privater Kreditmärkte, hochverschuldete Nationalstaaten, überbewertete Aktienmärkte und Trumps destabilisierende Zölle wurden allesamt thematisiert.
Von Phil Stott, Socialist Party Scotland (CWI Scotland)
Wie stehen die Dinge heute, acht Monate später? Hat der Kapitalismus das Schiff stabilisiert, oder haben sich die genannten Faktoren verschlimmert? Wenn überhaupt, gibt es für die Weltwirtschaft eher eine noch prekärere Lage. Seit der Artikel geschrieben wurde haben Trump und der israelische Ministerpräsident Netanjahu im Februar 2026 ihren verhängnisvollen Krieg gegen den Iran begonnen. Dieser Konflikt dauert fünf Monate später immer noch an und hat die US- und die Weltwirtschaft weiter geschwächt.
Die Auswirkungen des Krieges sind noch nicht vollständig zu spüren, doch der IWF hat in diesem Jahr seine Wachstumsprognosen für 2026 bereits zweimal nach unten korrigiert. Steigende Kosten für Öl und Gas treiben die Inflation an, die für 2026 auf mindestens 4,7 Prozent geschätzt wird. Die Schließung der Straße von Hormus durch den Iran, die vor dem Krieg etwa ein Fünftel des weltweiten Handels mit Öl und Flüssigerdgas ermöglichte, hat erhebliche Auswirkungen auf die Kraftstoffpreise und die Lebensmittelproduktionskosten.
Wie ein Kommentator, John Plender, am 18. Juli in der Financial Times schrieb: „Die Trump-Regierung ähnelt immer mehr Platons Narrenschiff. Die Geduld der Anleihemärkte wird letztendlich erschöpft sein. Meine Schätzung ist, dass es innerhalb der nächsten zwölf Monate kritisch werden wird.“
Stagflation und Schulden
Höhere Inflation und geringeres Wachstum – eine Form der Stagflation – herrschen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern allgemein. Plenders Kommentar zu den Anleihemärkten ist treffend. Stagflation, begleitet von steigenden Niveaus von Nationalstaats-Schulden, macht selbst die stärksten kapitalistischen Nationen anfällig dafür, dass Anleihemärkten gegen sie vorgehen.
Zum Beispiel musste Trump einen Großteil seiner Kampagne für die Einführung von Zöllen im Rahmen des sogenannten „Befreiungstags“ zurücknehmen, zu einem großen Teil aus Angst vor einem schnellen Anstieg der Kosten für die Finanzierung der US-Staatsschulden. Dennoch befinden sich die Zölle auf Waren, die in die USA eingeführt werden, auf dem höchsten Stand seit 1938 – ein weiterer destabilisierender Faktor.
Als die Märkte begannen, sich gegen US-Staatsanleihen zu entwickeln, gerieten die Verantwortlichen in Panik und, in Trumps Worten, „ihnen wurde etwas mulmig“, was einen Rückzug erzwang.
In einer Wirtschaft mit einer der höchsten Schuldenquoten der Welt hat ein Ausverkauf von US-Staatsanleihen für sich genommen das Potenzial, Unruhen auf den Finanz- und Aktienmärkten auszulösen.
Der Kapitalismus hat zunehmend zu Schulden gegriffen, um sein krisengeschütteltes System aufrechtzuerhalten. Tatsächlich sind die Schuldenstände in den fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaften wieder da, wo sie am Ende des Zweiten Weltkriegs waren, obwohl es keinen Weltkrieg gegeben hat.
Allerdings gab es die Große Rezession von 2007-2009, eine Pandemie und die auf sie folgenden Inflationsschocks, zusammen mit wirtschaftlicher Stagnation und zunehmenden geopolitischen Konflikten, einschließlich internationaler und regionaler Kriege.
Um soziale und politische Revolten abzuwenden, greifen die Kapitalist*innenklassen in den USA, Europa usw. zunehmend auf staatliche Rettungsmaßnahmen zurück, um „das System“ herauszupauken und „zu retten“. Gleichzeitig gibt es brutale Angriffe auf die Arbeiter*innenklasse durch Kürzungspolitik, durch den Kahlschlag öffentlicher Dienstleistungen und durch Löhne, die nicht mit der Inflation Schritt halten. Zum Beispiel betrug die US-Staatsverschuldung vor der Großen Rezession 60 Prozent des BIP und liegt nun bei rekordverdächtigen 120 Prozent.
Anders als nach 1945 – als der US-Kapitalismus als gigantischer Konjunkturmotor wirkte und zwischen 1950 und 1973 den größten wirtschaftlichen Aufschwung der Weltgeschichte hervorbrachte – gibt es keine Aussicht, dass er diese Leistung heute wiederholen kann.
Ohne organisches Wirtschaftswachstum sahen wir die Anhäufung einer massiven Staatsverschuldung. Auch die öffentlichen Schulden der Schwellenländer befinden sich auf einem Allzeithoch. Höhere Zinsen, ein Instrument, das Regierungen nutzten, um die Inflationsspirale nach der Covid-Pandemie in den Griff zu kriegen, bedeutet, dass die Rückzahlung der Staatsschulden teurer ist.
Private Verschuldung steigt ebenfalls dramatisch an. Daten des Institute of International Finance zeigen, dass die private Bruttoverschuldung wieder nahe dem Niveau ist, wo sie vom Vorabend der globalen Finanzkrise im Jahr 2007 war.
Obendrein schätzt die US-Notenbank Federal Reserve, dass sich die Bestände großer privater Hedgefonds an US-Staatsanleihen zwischen 2023 und 2025 – auf 2,5 Billionen Dollar – verdoppelt haben.
„Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Zentralbank der Zentralbanken, warnte, dass Hedgefonds ihre Beteiligungen an den Märkten für Staatsanleihen möglicherweise noch schneller reduzieren müssten, als sie diese aufgebaut hätten – eine Möglichkeit, die sie als eines der besorgniserregendsten Risiken für die Finanzstabilität weltweit bezeichnet.“ (Financial Times, 20. Juli)
Die irrationale Euphorie rund um die KI
1996 bezeichnete der damalige Vorsitzende der US-Notenbank, Alan Greenspan, den Boom der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsaktien als Anzeichen „irrationalen Überschwangs“. Innerhalb von vier Jahren war die Blase geplatzt. Es ist klar, dass die riesigen Investitionen in KI die Wirtschaft massiv verzerren und – noch wichtiger – auf der Grundlage der aus diesen Investitionen zu erwartenden Erträge höchst irrational sind.
Die KI-Blase ist im letzten Jahr weiter gewachsen. Die Ausgaben für Rechenzentren und KI-Infrastruktur sind sprunghaft angestiegen. Es wird geschätzt, dass diese Investitionen rund 1,1 Prozent des aktuellen US-Bruttoinlandsprodukts ausmachen. 40 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 entfallen auf KI-bezogene Aktien. Zunehmend ziehen kapitalistische Kommentator*innen Parallelen zu anderen in der Vergangenheit geplatzten Blasen.
Wie Martin Wolf kürzlich in der Financial Times anmerkte: „Überinvestitionen, zerstörerische Konkurrenz, Konkurswellen und die darauffolgende schmerzhafte Konsolidierung sind typische Merkmale solcher Episoden, von den Eisenbahnbooms des 19. Jahrhunderts bis zum Internetboom der 1990er Jahre. Dies ist die klassische kapitalistische Geschichte von Boom und Krach.“
Er fährt fort: „Die Bewertung von US-Aktien ist heute sogar höher als im September 1929. Nur in einer anderen Periode seit 1881 gab es eine höhere Bewertung des US-Marktes als heute. Das war 1999-2000, unmittelbar vor dem Platzen der Dotcom-Blase.“
Die Ängste dieser Analyst*innen für den Kapitalismus beruhen auf dem Ausmaß der Investitionen der milliardenschweren KI-Hyperscaler und der auf KI-Infrastruktur spezialisierten Konzerne – wie Amazon, SpaceX, Nvidia, Alphabet/Google und Microsoft. Bis vor Kurzem stammten die riesigen Investitionen – allein 400 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025; die vier größten Hyperscaler Google, Meta, Microsoft und Amazon werden voraussichtlich 2026 mehr als 725 Milliarden US-Dollar investieren – hauptsächlich aus den Profiten dieser Unternehmen. Zunehmend greifen sie jedoch auf Schulden und die privaten Kreditmärkte zurück, um Gelder für ihre Investitionen zu beschaffen.
Der Anteil privater Kredite an Unternehmen mit KI-Bezug ist von weniger als 1 Prozent des gesamten ausstehenden Kreditvolumens auf fast 8 Prozent gestiegen. Es wird geschätzt, dass die ausstehenden privaten Kredite an KI-Firmen bis 2030 rund 300 bis 600 Milliarden US-Dollar erreichen könnten.
Die BIZ hat vor dem zirkulären Charakter von KI-Investitionen gewarnt. Dabei finanzieren Technologieunternehmen und Chiphersteller Entwickler von KI-Modellen, die dieses Kapital dann wiederum nutzen, um Computerhardware und Cloud-Dienste von genau diesen Technologieunternehmen zu kaufen.
Sagen wir zum Beispiel, Nvidia investiert in OpenAI, um den Bau von Rechenzentren zu finanzieren, und OpenAI verpflichtet sich im Gegenzug, diese Zentren mit Millionen von Nvidia-Chips auszustatten. Beide ziehen Nutzen, und es sieht in den Büchern und für potenzielle Aktienbewertungen gut aus. Jedoch bläht dies den tatsächlichen Ertrag und Wert der Unternehmen auf, da im Grunde dasselbe Geld zweimal gezählt wird und die fundamentalen Daten einiger dieser Unternehmen verschleiert werden.
Die Mega-Investmentbank Goldman Sachs veranschlagt, dass KI lediglich „ein einziges großes Geschäft mit der US-Wirtschaft“ ist. Sollten die Aktienmärkte fallen, hätte dies auch enorme Auswirkungen auf Unternehmensbewertungen und Profite.
Katastrophale Auswirkungen
Die ehemalige Chefökonomin des IWF, Gita Gopinath, hat berechnet, dass ein Börseneinbruch in dem Ausmaß wie der bei der Dotcom-Blase im Jahr 2000 20 Billionen US-Dollar an Vermögen amerikanischer Haushalte und weitere 15 Billionen US-Dollar an internationalem Vermögen vernichten würde – ein Vielfaches mehr als 2000. Das in US-Börsen angelegte Aktienkapital privater Haushalte hat sich seit 2010 mehr als verdoppelt.
Eine solche Krise hätte globale Auswirkungen. Japan, Südkorea, Thailand und Malaysia sind wichtige Exporteure von technologiebezogener Hardware. Platzt die KI-Blase, wird dies verheerende Folgen in den USA und international haben.
Marxist*innen können weder den genauen Zeitpunkt einer neuen Krise noch die genaue unmittelbare Ursache vorhersagen, aber wir können auf die zunehmende Anhäufung von Krisenfaktoren hinweisen, die schließlich zu einem solchen Krach führen werden.
China ist zwar insgesamt gestärkt aus dem katastrophalen Scherbenhaufen von Trump 2.0, nicht zuletzt aus dem Scheitern des Krieges gegen den Iran, hervorgegangen, aber die KPCh ist keineswegs immun gegen die wachsenden Probleme in der Weltwirtschaft.
Schwache Binnennachfrage wurde durch einen massiven globalen Handelsüberschuss für chinesische Exporte kompensiert. Eine neue Wirtschaftskrise wird jedoch den Markt für chinesische Waren international verkleinern und damit die Probleme des vom Weltmarkt abhängigen Regimes der KPCh verschärfen.
Anders als die Großen Rezession von 2007-09, als kapitalistische Regierungen massive Herauspauk-Aktionen für große Teile des globalen Finanzsystems koordinierten, ist die Möglichkeit einer solchen Zusammenarbeit heute durch die zunehmenden nationalen Konflikte untergraben worden, die beispielsweise zwischen den USA und Europa ausgebrochen sind.
Während Regierungen bei der nächsten Krise versuchen werden, Feuerwehr zu spielen, dürfte ihre Reaktion aufgrund der sich vertiefenden Spaltungen zwischen den kapitalistischen Mächten weniger effektiv sein, was die Komplikationen der Krise noch verschlimmern wird.
Der Kapitalismus ist ein Casino. Milliarden-Dollar-Konzerne setzen blind Milliardenwetten, und wenn sie pleitegehen, werden ihre Vorstände fordern, dass Regierungen sie herauspauken. Inzwischen werden Arbeiter*innen und ihre Familien den Preis zahlen, indem sie ihre Jobs, ihre Wohnungen, ihr Einkommen und alles, was damit einhergeht, verlieren.
Sozialistische Planung bietet eine gangbare Alternative zum profitgetriebenen Chaos. Öffentliches Eigentum und die demokratische Arbeiter*innenkontrolle und -verwaltung der weltweiten Ressourcen werden zunehmend als einziger Ausweg aus dem Albtraum der kapitalistischen Herrschaft gesehen werden.