Marie-José Douet (Dadou): Das Leben einer revolutionären Marxistin

Nachruf auf eine große Revolutionärin

Unsere Genossin Marie-José Douet, genannt „Dadou“, ist am 13. Mai im Alter von 79 Jahren von uns gegangen.

Seit ihrem Tod sind Dutzende und Aberdutzende von Beileidsbekundungen bei uns eingegangen. Am 26. Mai war der Saal des Krematoriums in Petit-Quevilly (bei Rouen in der Normandie, A.d.Ü.) bis auf den letzten Platz gefüllt. Dutzende Aktivist*innen der Gauche Révolutionnaire (GR; Revolutionäre Linke, Schwesterorganisation der Sol, A.d.Ü.), natürlich ihre Familie sowie Führungskräfte und Aktivist*innen der lokalen Arbeiter*innnebewegung waren anwesend, darunter sogar politische Gegner – was die Rolle verdeutlicht, die Dadou über Jahrzehnte hinweg gespielt hat.

Dadou war eine jener viel zu seltenen Menschen, die niemals aufgegeben haben. Niemals hat sie das Vertrauen in die Arbeiter*innenklasse verloren. In sechzig Jahren des Aktivismus hat sie stets um die Eroberung politischer Führung gekämpft. Mit dieser Würdigung wollen wir einige ihrer Beiträge hervorheben, die eine einzigartige Rolle bei der politischen Bildung von drei oder vier neuen Generationen von Marxist*innen gespielt haben.

Dadou engagierte sich seit 1966 für den Sozialismus und die proletarische Revolution. Damals war sie 18 Jahre alt. Zu einer Zeit, in der die „moralische Ordnung“ unter De Gaulle für Jugendliche unter 21 Jahren (die damalige Volljährigkeit), insbesondere für junge Frauen, besonders bedrückend war. Im Lycée war für Mädchen das Tragen einer beigefarbenen Bluse Pflicht. Dadou erzählte Aktivist*innen von dieser unerträglichen Zeit. Damals mussten sich die Arbeiter*innen der Renault-Cléon-Fabrik in Reih und Glied aufstellen und auf den Pfiff des Vorarbeiters warten, um die Arbeit aufzunehmen. Das empörte stets.

Die Anfänge ihres Aktivismus und die Revolution vom Mai 1968

Es erscheint wie ein außergewöhnliches Symbol, dass sie an einem 13. Mai von uns gegangen ist, ein Tag, der in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. 58 Jahre zuvor, am 13. Mai 1968, traten die ersten Teile der Arbeiter*innenklasse in den Streik, um sich der Studierendenbewegung anzuschließen, was später als die Mairevolution von 1968 bekannt werden sollte.

Der Mai 68 prägte sie ein Leben lang. Als Studentin beteiligte sie sich am Aufbau des Kampfes an den Universitäten und am fast vollständigen Streik aller Studierenden Frankreichs. Am 24. Mai skandierten tausend Studierende bei einer Vollversammlung im ehemaligen Hörsaal der Naturwissenschaften der Universität Rouen: „Die Macht den Studierenden, die Macht den Arbeitern!“ Und dann kam das, was sie am meisten geprägt hat: der Zusammenschluss zwischen den Jugendlichen und den Arbeiter*innen.

Dadou erzählte uns, wie in Rouen viele Studierende auf die industriellen Boulevards am linken Ufer der Seine gingen, wo an den Toren aller Unternehmen rote Fahnen wehten. Die streikenden Arbeiter*innen besetzten die Fabriken und Arbeitsstätten, überall standen Streikposten. All diese Arbeiter*innen diskutierten dort über die Bewegung, aber auch über die Neuorganisation der Produktion und der Gesellschaft. Dadou zog aus dieser revolutionären Erfahrung eine grundlegende Lehre: die zentrale Rolle der Arbeiter*innenklasse.

In der Zeitung der GR, „L’Égalité“, Nr. 131 (Mai–Juni 2008), hatte sie einen großartigen Artikel geschrieben, aus dem hier ein Auszug folgt:

„Dieser Streikmonat im Mai 1968 beruhte allein auf der Energie der kämpfenden Arbeiter*innen. Die PCF (Kommunistische Partei Frankreichs, A.d.Ü.) hätte angesichts ihrer Verankerung in der Arbeiter*innenklasse die Macht in die Hände der Arbeiter*innen lenken können. Das hat sie nicht getan. Der Streik im Mai 1968 hat die Beziehungen zwischen den Menschen verändert. Alle sprachen miteinander, halfen sich gegenseitig. Wir waren alle solidarisch. Auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen hatten sich verändert, insbesondere in der Arbeiter*innenklasse: Wer sollte das Essen zubereiten, wenn die Mutter mit ihren Genoss*innen beim Streikposten war? Die erdrückende Macht der kleinen Chefs und der Unternehmensleitungen war in den Betrieben zerschlagen worden. Ein junger Arbeiter des Flugzeugbauunternehmens Snecma fasst gut zusammen, was dieser Monat des Generalstreiks bedeutete: ‘Wir sind ganz wir selbst, gehören nur uns selbst, wir spüren, dass wir den Sozialismus leben!’ Was 1968 fehlte, war eine revolutionäre Partei, die die Perspektiven für den Sturz des Kapitalismus aufzeigt: die Machtübernahme für eine echte sozialistische Alternative.“

Nach dem Mai ’68 gab Dadou nicht auf. Diese revolutionäre Partei, die ihr fehlte, suchte sie lange Zeit in verschiedenen Strömungen, die sich auf den Trotzkismus beriefen. Doch Dadou blieb eine überzeugte Trotzkistin, auch als sie keine eigene Partei hatte.

Lehrerin und revolutionäre Aktivistin

Dadou war Lehrerin geworden. Sie arbeitete als Vertretungslehrerin, oft in den ärmsten Stadtvierteln. Im Großraum Rouen war sie sehr bekannt. Und sehr geschätzt, nicht nur von ihren Kolleg*innen, sondern auch von ihren Schüler*innen, insbesondere von den Viert- und Fünftklässler*innen, zu denen sie ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens pflegte.

In ihrem Berufsleben war Dadou stets bestrebt, Teile ihrer Lebensweise, ihrer Denkweise und ihrer Art des Kämpfens umzusetzen. Sie ermutigte die Kinder, sich auszudrücken, und versuchte, ihnen so viel Bildung wie möglich zu vermitteln. Da sie die geistige Gleichschaltung mehr als alles andere verabscheute, sah sie ihre Aufgabe darin, die jungen Kinder zu unterrichten, vor allem aber ihren Horizont zu erweitern, sie für die Welt zu öffnen und ihnen dabei zu helfen, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln.

Während ihrer gesamten Laufbahn kämpfte sie für eine qualitativ hochwertige Bildung, insbesondere für Kinder aus der Arbeiter*innenklasse, die oft besonders stark unter dem selektiven und repressiven Schulsystem leiden. Sie konnte Lehrer*innen nicht ausstehen, die darauf aus waren, Kinder zu unterdrücken, oder – schlimmer noch – die nicht einmal in der Lage waren, die Reinigungskräfte zu grüßen.

Um den Kampf fortzusetzen, trat sie der Gewerkschaft CGT Éduc’Action 76 (allgemeiner Gewerkschaftsbund “Bildung-Aktion 76” A.d.Ü.) bei, in der sie einen Großteil ihres Lebens aktiv war. Nach ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2003 war sie oft betrübt über den enormen Verfall des Bildungswesens. Auch aus diesem Grund blieb sie in der CGT sehr aktiv. Noch kurz vor ihrem Tod war sie Sekretärin der CGT-Sektion der Rentner*innen aus dem Bildungswesen im Departement 76.

Dadou hatte stets im Hinterkopf behalten, dass die Perspektive des Sozialismus möglich wird, sobald die Arbeiter*innenklasse in Aktion trat. Sie unterstützte alle Kämpfe der Arbeiter*innen und setzte sich für eine kämpferische Ausrichtung in den Gewerkschaften ein.

Ihre Rolle in der „Gauche Révolutionnaire“ und der Arbeiterbewegung

Dadou war eine anspruchsvolle Aktivistin mit einer beeindruckenden Bildung. Nicht nur eine politische Bildung, die auf ihrer Erfahrung und der beeindruckenden Menge an Texten von Marx, Trotzki oder Lenin beruhte, die sie las (und wieder las), sondern auch eine künstlerische Bildung, die sie mit Leidenschaft weitergab.

Dadou litt darunter, nicht mehr politisch organisiert zu sein. Schließlich fand sie während der Streiks von 1995 in der „Gauche Révolutionnaire“ und im CWI (Komitee für eine Arbeiter*innen internationale) das Programm, das dieser entscheidenden Aufgabe entsprach: den Aufbau einer revolutionären, weltweiten Partei, die für die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft unverzichtbar ist, um die bürgerliche Moralordnung und, wie sie es ausdrückte, „all diese kapitalistischen Mistkerle“ sowie deren unterwürfige politischen Handlanger in den Mülleimer der Geschichte zu verbannen.

Seitdem hat Dadou nie aufgehört, die GR mit Hingabe und Selbstaufopferung aufzubauen und als Führungskraft und Kader in ihr zu wirken. Sie erarbeitete unser Programm und bereicherte die Diskussionen in der Partei und der Internationale. Zehn Jahre lang, bis 2014 war sie Mitglied des Nationalkomitees, und sie blieb danach eine Stütze der GR-Sektion in Rouen und der lokalen Arbeiter*innenbewegung.

Sie setzte sich in der Gewerkschaft und in der Arbeiter*innenbewegung für unser Programm ein.

Im Jahr 2003 riefen Dadou und einer ihrer Kollegen, ein Grundschullehrer aus Rouen, in Rouen zum Streik gegen die Rentenreform der Regierung Chirac-Fillon auf. Dabei setzte sie sich für einen unbefristeten Streik und die Einrichtung eines von der Generalversammlung der Streikenden gewählten Streikkomitees ein.

Sie betonte immer wieder die zentrale Rolle der Arbeiter*innenklasse aufgrund ihrer Stellung in der Produktion. So hatte Dadou an einer frankreichweiten Demonstration der Automobilarbeiter*innen während der Fußball-Weltmeisterschaft 2009 teilgenommen; 10.000 streikende Arbeiter*innen waren nach Paris gekommen. Auf der Messe zogen die Streikenden mit Parolen gegen Entlassungen zu den Ständen der Hersteller. Überall waren CGT-Aufkleber angebracht, aber nichts war kaputt, denn diese Autos waren das Ergebnis ihrer Arbeit. Wie ein Arbeiter an diesem Tag sagte: „Ohne uns keine Autos!“ Dadou hatte diesen Slogan hervorgehoben: „Ja, ‚ohne uns keine Autos‘ … Das ist die Stärke der Arbeiter*innenklasse!“

Eine Referenzgröße und ein Beispiel

Dadou wird für Generationen von Aktivisten ein Vorbild und eine Referenzgröße bleiben. Sie war eine Genossin, aber auch eine Freundin für Dutzende von Aktivist*innen. Mit all ihrer Erfahrung, aber stets mit größter Bescheidenheit – einer Bescheidenheit, die manchmal so weit ging, dass sie ihre eigenen politischen Qualitäten unterschätzte –, inspirierte Dadou uns, erzählte uns von der Russischen Revolution und den Bolschewiki, vom Kampf gegen Krieg und Kolonialisierung, von Vietnam über Chile bis nach Algerien und natürlich von den Arbeiter*innenstreiks, insbesondere vom Mai 1968.

Dadou kümmerte sich um den Gemütszustand der Genoss*innen, die sie ermutigte und zu den Streikposten führte, indem sie ihnen zeigte, dass durch das Kämpfen wieder Vertrauen, einschließlich Selbstvertrauen, gewonnen werden kann.

Außerdem schätzte sie unsere Genoss*innen aus der neokolonialen Welt überaus hoch. Dadou war eine echte proletarische Internationalistin; schon als Jugendliche trotzte sie Verboten, um an Solidaritätsdemonstrationen für Algerien teilzunehmen.

Dadou behielt ihr ganzes Leben lang die unglaubliche Fähigkeit, mit Arbeiter*innen ins Gespräch zu kommen und sich mit ihnen auszutauschen. Sie war eine leidenschaftliche Kämpferin für die Rechte und die Lebensbedingungen aller Frauen, die sie unermüdlich als einen notwendigen Kampf der gesamten Arbeiter*innenklasse gegen die Interessen der Bourgeoisie verteidigte. Alle jungen Aktivistinnen der GR (und auch die nicht mehr ganz so jungen) kamen in den Genuss von Dadous ganz besonderer Aufmerksamkeit.

Fördert die Égalité!

All diese Erfahrungen und die Lehren, die sie daraus gezogen hatte, gab sie in ihrer wichtigsten politischen Waffe, der Parteizeitung, weiter – in den zahlreichen Artikeln, die sie dort im Laufe von drei Jahrzehnten verfasste.

Dadou war eine herausragende Verkäuferin der “Égalité“, denn sie war zutiefst davon überzeugt, dass die Zeitung ein zentrales Instrument ist, um das sozialistische Programm den Arbeiter*innen und Jugendlichen, insbesondere denen aus der Arbeiter*innenklasse, zugänglich zu machen. Dadou konnte bei einer Demonstration fünfzig Zeitungen verkaufen, oder in ihrer Nachbarschaft im Modegeschäft “Jennyfer” direkt im Laden mit von Kündigung bedrohten Verkäufer*innen über den Sozialismus diskutieren – und drei von ihnen hatten ihr die „L’Égalité“ abgekauft. In öffentlichen Verkehrsmitteln, im Supermarkt – jede noch so kleine Unterhaltung konnte zu einem politischen Austausch und einem Zeitungsverkauf führen. Im Herbst 2025, nachdem sie gestürzt war und in die Notaufnahme gebracht worden war, hatte sie der Empfangskrankenschwester im Wartezimmer eine Zeitung verkauft.

Kampf für den Sozialismus

Sie hinterlässt uns ein politisches Erbe und eine revolutionäre Partei, die, wie sie selbst sagte, „das Gedächtnis der Arbeiter*innenbewegung ist, das festhält, was funktioniert hat, und Lehren aus dem zieht, was nicht funktioniert hat“. Wir würdigen ihr Vermächtnis, indem wir den Kampf für revolutionäre Führung fortsetzen, die es der Arbeite*innenklasse ermöglichen wird, die Macht zu ergreifen und den Sozialismus zu errichten.

Die folgenden Sätze stammen aus dem Testament von Trotzki (27. Februar 1940): „Das Leben ist schön. Mögen die künftigen Generationen es von allem Bösen, von aller Unterdrückung und aller Gewalt befreien und es in vollen Zügen genießen.“ Dadou liebte dieses Zitat sehr; und es war gewissermaßen das Leitmotiv ihres Engagements, aber auch ihrer Lebensweise.

In ihrem brillanten Vortrag (der diesen Sommer als Broschüre erscheinen wird) „Ist der Mensch zu egoistisch für den Sozialismus?“ zeigt Dadou auf, inwieweit die Schwächen des Menschen das Produkt der Schandtaten dieser Gesellschaft, der Ungleichheiten und des Autoritarismus sind – und wie wir, wenn wir die Gesellschaft verändern, alle Menschen zu besseren Menschen machen werden.

Wir werden den Kampf fortsetzen, den sie sechzig Jahre lang geführt hat. Und alle jungen Menschen von heute werden ein schönes Leben genießen können, in einer solidarischen, geschwisterlichen und demokratischen sozialistischen Gesellschaft.

Dadou wird für immer in unserer Erinnerung bleiben. Wir werden uns an sie mit einem Lächeln auf den Lippen und erhobener Faust erinnern.

Der Vorstand der Gauche Révolutionnaire