Kürzungsprogramm und Standortschleißungen bei Generali

Rufus46, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Rekordergebnis von einer Milliarde – nicht genug

Wie aus heiterem Himmel trifft es die Beschäftigten der Generali Deutschland: Trotz extrem guter wirtschaftlicher Lage plant der Konzern einen Kahlschlag. Bis Ende 2030 sollen drei Standorte schließen und 800 Jobs wegfallen.

Von einer Beschäftigten bei Generali*

Auf ihrer Webseite schreibt Generali: „Engagierte Mitarbeiter – rd. 9.100 Beschäftigte. Unsere Mitarbeitenden sind deutschlandweit an 12 Standorten für Sie da.“ – nicht mehr für lange, denn wenn es nach dem Konzern und seinem „Futuro 30“-Programm geht, soll die Generali „zukunftsfähig“ werden – durch Outsourcing, Standortschließung und Personalabbau. Besonders hart trifft es die Kolleg*innen, die an den betroffenen Standorten in Aachen, Nürnberg und Stuttgart beschäftigt sind. Ihre Arbeitsverträge werden zwar nicht automatisch beendet, doch sie werden an andere Standorte verlagert: Aachen nach Köln, Nürnberg nach München und Stuttgart nach Karlsruhe. Praktisch bedeutet das 60 bis 170km längeren Arbeitsweg für die Kolleg*innen, für viele schwer bis unmachbar, insbesondere für diejenigen, die nicht remote arbeiten können.

Der zusätzlich geplante Abbau von 800 Jobs ist ein weiterer Schlag, immerhin ist das fast jeder elfte Arbeitsplatz. Begründet wird dies mit dem technologischen Fortschritt. Dazu will der Konzern „faire Lösungen“ finden, freiwillige Altersinstrumente, bevorstehende Renteneintritte und natürliche Fluktuation nutzen. Natürlich ist das besser als eine Kündigungswelle, doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Standortschließung dazu führen wird, dass viele Kolleg*innen „freiwillig“ gehen. Und wie „fair“ ist dieser Arbeitsplatzabbau für die Beschäftigten, die übrig bleiben? Seit Jahren spricht der Konzern über Produktivitätssteigerung, doch Arbeitsverdichtung, Personalmangel und anfallende Überstunden waren bereits Thema auf Betriebsversammlungen. Statt die Belegschaft zu entlasten, droht der geplante Stellenabbau, den Arbeitsdruck weiter zu erhöhen.

110 Tausend Euro Betriebsergebnis pro Beschäftigte*n

Das Kürzungspaket ist deshalb besonders dreist, weil die Generali – wie sie selbst in der Pressemitteilung schreibt – in den letzten Jahren „profitabel gewachsen“ ist, „ihre Vertriebskraft ausgebaut“ hat und „heute stärker da als jemals zuvor“ steht. Und was für eine profitable Entwicklung das ist! Der Aktienkurs der Generali hat sich seit Ende 2023 verdoppelt. Alleine in Deutschland gab Generali ein Rekordergebnis von 1,04 Milliarden Euro für 2025 bekannt (Ergebnis ist Gewinn vor Steuern und Abzügen) – das sind 5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Rein rechnerisch macht Generali mehr als 110 Tausend Euro pro jede*n Beschäftigte*n, was deutlich mehr als der durchschnittliche Lohn bei Generali sein dürfte. Doch das ist nicht genug, die Beschäftigten sollen mehr leisten.

In der Pressemitteilung schreibt der Konzern von einer Transformation „aus Position der Stärke“. Und tatsächlich befindet sich das Unternehmen in einer komfortablen Lage. Denn obwohl die Generali wirtschaftlich gut dasteht, befindet sich die deutsche Wirtschaft in einer Krise; wöchentlich werden vor allem gute und tarifgebundene Arbeitsplätze vernichtet. Die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt verschiebt die Kräfteverhältnisse zugunsten des Konzerns. Für die Beschäftigten wächst damit der Druck, weitreichende Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen hinzunehmen.

Angesichts von Rekordgewinnen und gleichzeitigem Stellenabbau und Standortschließungen sollte ver.di die Forderung der Überführung privater Versicherungskonzerne in die öffentliche Hand unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung dringend diskutieren.

Beschäftigte machtlos?

Der Konzernbetriebsrat stellt sich gegen das Stellenabbau-Programm und das ist richtig so. Was nicht richtig ist, ist, dass der Betriebsrat in Verhandlungen ohne eigene Forderungen reingeht, was am Ende zur Akzeptanz von zumindest Teilen der Verschlechterungen führen kann. Wenn die Belegschaft einmal Verzicht signalisiert, wird die Arbeitgeber*innen-Seite sich ermutigt fühlen, weitere Einschnitte voranzutreiben – die Beschäftigten von VW können davon ein Lied singen.

Außerdem gibt es bisher keine Anzeichen, die Kolleg*innen über reine Information hinaus für die Verhandlungen zu mobilisieren. Alleine sitzen die Arbeitgeber*innen am längeren Hebel, denn für die Standortschließung benötigen sie keine Zustimmung des Betriebsrates. Will man diesen längeren Hebel ausgleichen, so ist kollektive Kraft der Belegschaft gefragt, die durch ihre Arbeit die 1,04 Milliarden Euro Ergebnis erarbeitet. Jeden Tag, an dem gearbeitet wird, erhöhen sich die Gewinne der Generali – umgekehrt bedeutet das, dass jeder Tag, an dem nicht gearbeitet wird, ein massiver wirtschaftlicher Schaden für den Konzern entsteht. Streiks sind deshalb die mächtigste Waffe der Belegschaft und sollten vorbereitet werden. Dazu sollten die Betriebsräte Gespräche mit der zuständigen Gewerkschaft ver.di aufnehmen.

Bereits davor kann der Betriebsrat erste Maßnahmen einleiten, um Druck aufzubauen: Alle Überstunden ablehnen, insbesondere die, die richtig wehtun. Eine weitere mächtige Maßnahme ist die Einberufung von Betriebsversammlungen, die zwar als Arbeitszeit gelten, währenddessen allerdings nicht gearbeitet wird. Eskalieren lässt sich es sogar bis zu mehrtägigen Betriebsversammlungen, die den Betriebsablauf zur Halt bringen. Zentral dabei ist, entschieden Verschlechterungen abzulehnen und Verbesserungen in Verhandlungen zu bringen. Beispiele für Forderungen wären:

  • Nein zum Stellenabbau und Standortschließungen – Alle Arbeitsplätze erhalten und offene Stellen neu besetzen!
  • Offenlegung der Geschäftsbücher!
  • Technischen Fortschritt den Beschäftigten zugutekommen lassen anstatt den Aktionär*innen! Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich statt Jobvernichtung
  • Nutzung der kommenden Tarifrunde Versicherungen im Frühling 2027 für offensive Forderungen für echte Lohnsteigerungen!
  • Private Versicherungskonzerne in öffentliches Eigentum unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung

*Name ist der Redaktion bekannt