Kollegin, Genossin, Mutter, Kämpferin
Mit Anneliese Staničić hat die Sol eine Genossin verloren, die im März kommenden Jahres ihr 40-jähriges Mitgliedschaftsjubiläum hätte feiern können. Ich habe meine Mutter verloren, die einen sehr großen Anteil daran hat, dass ich Sozialist und Aktivist geworden bin.
Von Sascha Staničić
Als ich im Alter von vielleicht 18 Jahren als marxistischer Jungsozialist einen politischen Streit mit einem damaligen SPD-Landtagsabgeordneten hatte, sagte dieser im Anschluss zu mir: „Deiner Mutter nehme ich sogar den Sozialismus ab.“ Ich weiß nicht, warum er ihn mir nicht abgenommen hat, aber dieser Satz sagt viel über die Wirkung meiner Mutter auf andere Menschen aus. Sie war authentisch, überzeugend, im wahrsten Sinne des Wortes „Respekt einflößend“.
Ich habe mich oft gefragt, woher sie ihre Kraft, ihren Willen, ihren Kampfgeist genommen hat. Tatsächlich weiß ich es nicht. Aber viele andere Menschen wären an den schlimmen Erlebnissen, die sie seit frühester Kindheit hatte machen müssen – Gewalt, körperlicher und seelischer Missbrauch, Verstoßen werden, schwere Krankheit, – zerbrochen. Sie schien aus jedem Schlag die Schlussfolgerung zu ziehen, dafür sorgen zu wollen, dass anderen nichts Ähnliches widerfahren soll.
Aus ihrem Leben könnte man wahrscheinlich eine spannende Netflix-Serie machen. Es war ein Leben reich an Höhen und Tiefen, an Trauer und Freude und ein Leben, das in vielen Phasen und in vielerlei Hinsicht ein Kampf war – der Kampf an Gewalt nicht zu zerbrechen, der Kampf gegen Ungerechtigkeit, der Kampf gegen Krankheiten, der Kampf trotz schwerer Verluste weiterzuleben. Ihr Leben war geprägt von typischen Erfahrungen, die Kinder, Frauen, Arbeiterinnen in dieser Gesellschaft machen mussten und müssen – aber in einer Häufigkeit und Intensität, das damit auch zwei, drei, viele Leben einen ereignisreichen Verlauf hätten nehmen können.

Meine Mutter war das Kind eines SA-Mannes, der 1932 getötet wurde, wahrscheinlich in einer Auseinandersetzung mit Antifaschisten. Dieses Kind, das als Tochter eines „Märtyrers“ während der Nazi-Diktatur Adolf Hitler Blumen überreichen musste, wenn dieser Aachen besuchte, wurde zur „glühenden Antifaschistin“, wie sie es selbst formulierte, und zur Gewerkschafterin, Sozialistin, zum Mitglied einer revolutionär-marxistischen Organisation. Sie wurde auch, und auch das war Anfang der 1960er Jahre außergewöhnlich, zur Ehefrau eines jugoslawischen Gastarbeiters und Sohns eines von Faschisten getöteten Partisanen, der auch noch neun Jahre jünger war als sie. Das kostete sie damals die Hälfte ihrer Freundschaften.
Meine Mutter war Übersetzerin für die britischen Besatzungskräfte, Schmugglerin von Kaffee und Zigaretten in der Nachkriegszeit, alleinerziehende Mutter in den 1950ern, Frauenbeauftragte der Deutschen Postgewerkschaft in Aachen, SPD-Aktive als diese Partei noch eine Arbeiter*innenpartei war, Aktivistin für die Rechte von Behinderten, seit 1987 Mitglied der Sol bzw. ihrer Vorgängerorganisationen und Arbeiterin – als Kellnerin, Verkäuferin, Postangestellte, Telefonistin, Kinderbetreuerin, Bibliotheksangestellte und später dann als gesetzliche Betreuerin. Als linke Jugendliche ein Haus besetzten, gehörte sie zu den wenigen SPD-Mitgliedern, die sofort einen Solidaritätsbesuch abstatteten, als meine Genoss*innen und ich 1987 einen ersten Schulstreik in Aachen organisierten, war sie selbstverständlich auf der Demonstration dabei, wie auch bei so vielen Demonstrationen gegen Nazis oder gegen die Regierung von Helmut Kohl.
Schon als kleiner Junge nahm sie mich mit, wenn sie Info-Stände betreute oder Sozialberatung im SPD-Bürgerbüro gab. Ich erlebte dauernd politische Gespräche, an der Wand hingen Tito und Lenin und im Bücherregal stand die Marx-Biographie. Aber was mich besonders prägte war die täglich gelebte Solidarität auch im Kleinen, die Fürsorge und Hilfe für Nachbarn und Freund*innen (und natürlich für uns Kinder), die bei uns immer bestehende offene Tür für die Freund*innen meiner Geschwister Ingrid und Marko und mir. Und ihr Rauswurf bei der Post, wo sie den Bossen eine zu unbequeme Gewerkschafterin war. Sie legten ihr Wertbriefe ins Spind und behaupteten, sie habe diese gestohlen. Ein Jahr Arbeitsgerichtsprozess und am Ende Auflösung des Arbeitsvertrags, weil das Vertrauensverhältnis zerrüttet gewesen sei. Erst viel später habe ich verstanden, was in dieser Auseinandersetzung alles drin steckte – von der Spaltung der Belegschaft, dem Einknicken der Schwachen und Ängstlichen vor den Mächtigen bis zur abwiegelnden Rolle der Bürokratie in der Gewerkschaft.
Meine Mutter war linke Sozialdemokratin, als die SPD noch eine linke, reformistische Partei war – und in einer erzkonservativ-katholischen Stadt wie Aachen eine geradezu renitente Kraft. Als die SPD-geführte Bundesregierung mit dem NATO Doppelbeschluss 1979 Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik stationieren ließ, verließ sie, wie viele andere auch, die SPD. Sie kehrte aber wenige Jahre später wieder zurück, weil sie außerhalb keine wirkungsmächtige linke Kraft sah. Ihr Partei-Engagement war sehr stark auch soziales Engagement und sie wurde in den 1980er Jahren zur behindertenpolitischen Sprecherin der Aachener SPD und erreichte erste Schritte in Richtung Barrierefreiheit zu einer Zeit, als es den Begriff noch gar nicht gab. Wie sie zu diesem Engagement kam, sagt auch viel über sie aus. Sie hatte nach dem Rauswurf bei der Post eine neue Stelle als Pförtnerin und Telefonistin in einem Heim für körperbehinderte Jugendliche angenommen. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie dort zur Ansprechpartnerin und Vertrauensperson für die jugendlichen Heimbewohner*innen – und ich hatte das Privileg schon als Kind die Erfahrung zu machen, dass man auch im Rollstuhl Basketball spielen kann.
Als ich mich dann mit 15, 16 Jahren immer mehr politisierte, wollte ich eigentlich nicht in der Partei meiner Mutter landen. Aber weder die Grünen interessierten sich für mich, als ich in ihrem Büro nach Informationsmaterial fragte und das VSP-Mitglied an meiner Schule hat lieber gekifft, als Mitschüler*innen für den Marxismus zu begeistern. Und dann traf ich auf die Voran-Gruppe, die Vorgängerorganisation der Sol, die als marxistische Gruppe innerhalb der Jungsozialisten in der SPD agierte. Zwei Monate nach mir schloss auch meine Mutter sich der Voran-Gruppe an und fand eine neue politische Heimat, die ihrem Unwohlsein mit der Angepasstheit der SPD Ausdruck gab und ihrer Prinzipienfestigkeit entsprach. Dass aufgrund dieses Schrittes das Verhältnis zu ihrer besten Freundin, einer politisch eher an der DDR orientierten SPD-Linken, deutlich abkühlte, war für sie eine Konsequenz, die sie ohne Hadern akzeptierte. In den Jahren seitdem hat sie sich entsprechend ihre Möglichkeiten am Leben der Organisation beteiligt und war insbesondere vielen jungen Mitgliedern eine wichtige Inspiration.

Die Jahre brachten aber auch den viel zu frühen Verlust ihres Mannes Pero (der vor seinem Tod auch Mitglied, der dann mittlerweile in SAV umbenannten Organisation geworden war) und dann ihrer Tochter Ingrid mit sich. Meinen Vater und meine Schwester im Kampf gegen den Krebs zu begleiten und diesen zu verlieren, waren wahrscheinlich die schwersten Kämpfe meiner Mutter. Und die Niederlagen zeichneten sie mehr, als die vielen schlimmen Erfahrungen in ihrer Kindheit und den frühen Erwachsenenjahren. In den letzten Jahren konnte sie kaum noch am Leben der Sol teilnehmen. Zuletzt hatte sie 2024 an einem Seminar der Aachener Sol teilnehmen können und war sehr glücklich darüber, dass sie so viele neue, junge Mitglieder kennen lernen konnte. Sie fragte mich in den letzten Wochen und Monaten regelmäßig, wie sich die Organisation entwickelt und brachte immer wieder zum Ausdruck, wie wichtig ihr der Kampf für eine sozialistische Veränderung der Gesellschaft war und ist.
Sie hat viele überlebt und in den letzten Jahren konnte sie den Kontakt zu vielen Menschen nicht mehr aufrecht erhalten. Aber ich weiß, dass sie in ihrem Leben sehr viele Menschen bewegt hat, oftmals im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung gebracht hat. Und ich weiß, wie viele mit uns traurig sein werden, wenn sie von ihrem Tod erfahren. Ein Genosse, der leider auch schon viel zu früh gegangen ist, sagte einmal, das Besondere an meiner Mutter sei, dass sie jeden Menschen ernst nimmt. Das war so und das habe ich hoffentlich von ihr gelernt. Ein anderer hat mir diese Worte geschickt, die so zutreffend sind, dass ich sie hier teilen möchte: „Sie war eine starke Frau! Sie hat alle Höhen und Tiefen eines Lebens erfahren und durchlebt und ist doch immer aufrecht geblieben. Sie war ein lieber Mensch, an dem man sich aufrichten konnte und an dem sich viele aufgerichtet haben, weil ihr Umgang mit dem eigenen Schicksal so vieles relativiert hat, was man selber erfahren hat.“
Wir haben in den letzten Jahren oft darüber gesprochen, dass sie hundert Jahre alt wird und dass es dann sicher einen Artikel in der Lokalzeitung über sie geben wird. Wir haben gescherzt und sie hat sich vorgenommen, auf die dann zu erwartende Journalistenfrage, was das Geheimnis ihres Alters sei, zu antworten: der Marxismus. Leider wird es dazu nun nicht kommen und sie kann auch keinen Beitrag mehr zum Kampf für eine sozialistische Veränderung der Gesellschaft leisten. Das werden andere tun, nicht zuletzt solche Genoss*innen, die einen Teil des Weges mit ihr gegangen sind und denen sie eine wichtige Genossin und Freundin war – und Mutter.