„Inside the Manosphere“

Einige marxistische Gedanken zur Netflix-Doku von Louis Theroux

Mit der Welt stimme etwas nicht, denn nur eine kleine Minderheit kontrolliere die Gesellschaft; Lohnarbeit sei Ausbeutung, die andere reich mache; das System sei gegen die Mehrheit gerichtet. Schuld daran sei der Feminismus und die Juden, also nimm dein Schicksal in deine eigenen Hände – willkommen in der Mannosphäre, einem weiteren Auswuchs der kapitalistischen Weltuntergangsstimmung.

von Aleksandra Setsumei, Aachen

In der neuen Netflix-Doku taucht der Journalist Louis Theroux in die Welt der Mannosphäre ein. Über Tage begleitet er einige bekannte Influencer dieses Netzwerks, stellt ihnen Fragen, spricht mit ihren Partnerinnen und ihren Fans. Das Ergebnis ist eine unterhaltsame und schockierende Dokumentation.  Was sagt uns die Existenz der Mannosphäre lernen?

Die Mannosphäre

Die Mannosphäre ist ein heterogenes Online-Milieu von rechten Antifeministen, Frauenhassern und Sexisten. Es wird dominiert von reichen Influencern, die Selbstoptimierung, Hypermaskulinität, Dominanz und natürlich eigene Finanzprodukte propagieren. Sie sprechen von dem Erwachen aus der Matrix durch einen „Red Pill“ – die „Wahrheit“ sieht demnach in etwa so aus: Männer seien diskriminiert; das Establishment zerstöre die natürliche Ordnung, in der Männer und Frauen ihren traditionellen Rollenbildern entsprechen; Männer dürften nicht mehr Männer sein und Frauen würden Rollen aufgedrückt, die sie gar nicht wollen – weil sie in Wirklichkeit heimlich von ihrem Mann unterdrückt werden wollen.

Das hervorstechende Merkmal der Mannosphäre ist ihr latenter Frauenhass. Die Doku zeigt vielfältige Facetten dieser Frauenverachtung: angefangen bei dem Mann, der seine Partnerin als Spülmaschine bezeichnet, über die Behauptung, keine Frau habe zur Errichtung einer Stadt beigetragen, über die offene Befürwortung einseitiger Monogamie (Monogamie für die Frau, während der Mann so viele Partnerinnen haben darf, wie er will), bis hin zu den Aussagen eines Influencers, er sei der Diktator, der darüber entscheidet, wann er Sex mit seiner Partnerin hat – während sie nur darüber bestimme, wann seine bestellten Sandwiches geliefert werden.

Da diese Positionen selbstverständlich keine Grundlage in der Realität haben, beziehen sich diese Frauenhasser auf eine Reihe von Pseudo-Fakten und es gibt einen fließenden Übergang zu Verschwörungstheorien, die sehr schnell antisemitischen Charakter annehmen. Denn hinter der Zerstörung der Gesellschaft stehen natürlich Juden und Satanisten.

Warum Mannosphäre?

Es wäre wirklich leicht, diese Doku mit einem belustigten Halblächeln zu schauen und über die Männer zu schmunzeln, denn dafür geben sie mehr als genug Anlass. Wenn sie zum Beispiel TikTok-Videos als Quellen für absurde “Fakten” zitieren; wenn diese so auf Dominanz und Männlichkeit fokussierten Männer so fragil und unsicher auftreten, sobald eine Frau interviewt wird; wenn ein Geschäftsmann in maßgeschneidertem Anzug eine absurde Behauptung mit voller Ernsthaftigkeit als “Fakt” bezeichnet; wenn ein Verschwörungstheoretiker die Satanisten-Verschwörung „aufdeckt“. Wirklich, die Mannosphäre braucht keinen kritischen Journalisten, um analytisch zerlegt zu werden – das schaffen ihre Vertreter ungefragt selbst.

Doch um die von Lenin zitierte Maxime Spinozas zu beherzigen – nicht lachen, nicht weinen, verstehen! – sollten Marxist*innen sich die Frage stellen, was die Existenz der Mannosphäre bedeutet. Einige Spinner mit dummen und reaktionären Ideen – die mit ihnen zusätzlich noch Geld machen – wird es immer geben. Doch der Fakt, dass die Mannosphäre Millionenanhang bekommt und ihre bekannten Vertreter zu Celebrities werden, bedeutet, dass es eine materielle Grundlage für dieses Phänomen geben muss.

Leider zeigt die Doku nur wenige Anhänger der Mannosphäre. Doch es scheint weitgehend unumstritten, dass die Grundlage für den Erfolg ein weit verbreiteter Frust unter jungen Männern ist. Und dieser Frust, die Entfremdung und Enttäuschung gegenüber dieser Gesellschaft ist eine berechtigte Reaktion auf die Folgen der kapitalistischen Krise, die wir alle spüren: steigende Lebenskosten, zunehmende Armut und Arbeitsplatzabbau, Vereinsamung und Anstieg psychischer Erkrankungen, eine sich verschlechternde gesundheitliche Versorgung sowie schwindende Aufstiegschancen, die politischen Krisen – ganz zu schweigen von all den Abscheulichkeiten, die weltweit passieren und die wir täglich in den Nachrichten oder auf Social Media sehen.

Ähnlich wie Rechtspopulisten, mit denen sie viel gemeinsam hat, greift die Mannosphäre das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen gerät, auf und beantwortet es mit einem reaktionären Programm. Auf die Frage, was sie von ihrem Idol gelernt haben, antworten die einzigen zwei in der Doku interviewten Fans, dass er ihnen die Kraft gebe, niemals aufzugeben.

Wenn dem so ist, warum gibt es denn keine vergleichbar einflussreiche „Frauoshäre“? Dass sich diese Fruststimmung nicht  in vergleichbarer Weise in die andere Richtung ausschlägt, hängt damit zusammen, dass es keinen historisch verankerten Männerhass oder ein verloren geglaubtes Matriarchat gibt, auf das ein solches Frauennetzwerk zurückgreifen könnte, während der Sexismus ein jahrtausendealtes Werkzeug der Klassengesellschaft ist.

Verzweiflung ist das Programm

Es ist ein Paradoxon, dass die Mannosphäre für ihre Anhänger hoffnungsstiftend ist, denn eigentlich basiert sie auf einem absolut defätistischen Weltbild. Zwar wird häufig von „dem System“, „der Matrix“ gesprochen, aus der man ausbrechen sollte – in dem Zusammenhang wird auch auf eine diffuse Weise die Lohnarbeit als Ausbeutung durch die Reichen erwähnt – doch es gibt nicht mal einen Versuch, dieses System zu ändern oder zu überwinden. Das Narrativ der Mannosphäre ist am Ende die Akzeptanz dieses System, in dem die übergroße Mehrheit der Menschen von einer kleinen Minderheit ausgebeutet werden, und die einzige Lösung ist: Werde selbst zu dem einen Prozent der Gewinner! Und damit kommen wir zum zweiten Kernaspekt der Mannosphäre, nämlich der Selbstoptimierung.

Im Grunde gibt die Mannosphäre ihren Anhängern zwei „Lösungen“ für ihren Leid: den Sexismus und den Hyperindividualismus. Was haben sie beide gemeinsam? Sie sind systemstabilisierend. Der Sexismus ist deshalb systemstabilisierend, weil er den Frust der männlichen Arbeiter zu einem gewissen Grad abmildert durch das Gefühl, zu Hause der Herrscher zu sein, und weil er zur Spaltung der Arbeiter*innenklasse führt. Der Individualismus ist systemstabilisierend, weil er keine kollektive Organisierung der Arbeiter*innenklasse zulässt, die für die Überwindung des kapitalistischen Systems nötig ist. Wahrlich, das „System“ hat gar nichts vor der Manophäre zu befürchten.

„Du hast alles, was du brauchst“

Wie wirken sich diese Narrative aus? In einem Interview erklärt der bereits erwähnte Anhänger: „Wenn ich obdachlos werden würde, warum sollte mir dann jemand helfen? Ich habe doch alles, um mir selbst zu helfen.“ – es ist schon fast herzzerreißend, dass wir nur wenige Minuten später erfahren, dass genau dieser Mensch bis vor kurzem obdachlos war und ihm offensichtlich nicht geholfen wurde. Auch erwähnt er den Selbstmord seines Bruders wenige Augenblicke nachdem er erklärte, dass er nicht an Depressionen glaube. Was ihm die Mannosphäre beibrachte: Nicht aufgeben, immer weiter machen, jede Niederlage mache ihn stärker.

Ohrenbetäubend ist der Unglaube daran, dass eine Gesellschaft Probleme wie Obdachlosigkeit oder die Krise der mentalen Gesundheit kollektiv lösen könnte, dass die Welt vielleicht anders sein sollte, dass viele Probleme eben nicht selbstverschuldet sind, sondern Folgen eines brutalen Systems, das darauf ausgerichtet ist, dass es wenige Gewinner*innen und sehr viele Verlierer*innen gibt.

Am Ende ist die Message der Mannosphäre eine Neuauflage von „jeder ist seines Glückes Schmied.“ Doch diese Individualisierung verschlimmert die Probleme und vertieft die Isolation. Und der politische Ausdruck dessen ist die Unterstützung der rechtspopulistischen Kräfte wie Trump oder der AfD, die die Krise des Kapitalismus nicht nur nicht bessern, sondern sie noch verschärfen.

Das Antidot: Linke Massenkraft!

Die Doku von Louis Theroux liefert einen unterhaltsamen Einblick in die skurrile und makabre Welt der Mannosphäre. Doch am Ende bleibt sie bei der (recht oberflächlichen) Auseinandersetzung mit ihrer Ideologie stehen.

Wir Sozialist*innen gehen deutlich weiter und untersuchen die Ursprünge dieser Ideologie: Am Ende profitiert die Mannosphäre von den Schichten, die die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung verloren haben. Dass diese Schichten so groß sind, ist die Folge der Abwesenheit kollektiver Kämpfe der Arbeiter*innenklasse und der fehlenden Erfahrungen, dass durch linke Organisierung und Kämpfe konkrete Verbesserungen erreicht werden können. Die Mannosphäre ist ideologisch und organisatorisch Feindin der Arbeiter*innenbewegung, deren Ideen bekämpft werden müssen. Das bedeutet auch, daran zu arbeiten, ihr die Grundlage zu entziehen: Eine linke Massenkraft mit einer politischen Alternative zum Kapitalismus kann die Vereinzelung, Isolation und Hoffnungslosigkeit überwinden. Die Welt schreit nach einer Kraft, die zeigt, dass es besser geht.