“Mehr Marxismus würde dem Parteivorstand guttun“

Interview mit Sascha Staničić über seine Kandidatur zum Vorstand der Linken

Du kandidierst beim Bundesparteitag im Juni zum Parteivorstand der Linken. Warum?

Weil wir dringend eine sozialistische Arbeiter*innenpartei brauchen, die die Interessen unserer Klasse gegen die Reichen und Mächtigen vertritt und für eine Überwindung des Kapitalismus kämpft. Die Linke hat sich auf die Fahnen geschrieben, eine solche Partei aufzubauen. Ich will einen Beitrag dazu leisten, diesen Anspruch mit Leben zu füllen. 

Erfüllt Die Linke denn heute diesen selbstgesteckten Anspruch?

Das würde wahrscheinlich niemand in der Partei behaupten. Luigi Pantisano, der auf dem Parteitag zum Co-Vorsitzenden kandidieren wird, betont zu Recht, dass Die Linke viel mehr die Arbeiter*innen im Land erreichen und organisieren muss. Da ist noch ein sehr weiter Weg zu gehen. Die vielen Tausend neuen Mitglieder machen Hoffnung, dass Die Linke aus Fehlern der Vergangenheit lernen könnte. In den Spitzen von Partei und Fraktion sind bisher nicht die nötigen Lehren aus der Krise gezogen worden, in der die Partei bis Ende 2024 geraten war.

Was wären das denn aus Deiner Sicht für nötige Lehren?

Der tiefere Grund für die Existenzkrise der Linken war die Tatsache, dass die Partei immer weniger unterscheidbar wurde von SPD und Grünen und sie in Regierungen mit diesen Parteien eine Politik mitgetragen hat, die sich nicht großartig von anderen Landesregierungen unterschieden hat. Oder hat irgendjemand Thüringen als widerständiges Bundesland wahrgenommen, als Bodo Ramelow dort Ministerpräsident war?

Und das ist jetzt anders?

Im Bundestagswahlkampf war die Wahrnehmung der Partei als einzig verlässliche Kraft gegen die AfD und als Opposition gegen alle anderen Parteien entscheidend. Der Slogan „Alle wollen regieren. Wir wollen verändern.“ hat das gut zum Ausdruck gebracht. Haustüraktionen, Mieter*innenberatung und Ähnliches haben auch den Eindruck verstärkt, dass Die Linke anders ist als die anderen Parteien. Aber in den Landesregierungen in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern verwaltet sie weiter die kapitalistische Misere brav mit und stimmt dann im Bundesrat für Kriegskredite, Senkung der Körperschaftssteuer und Waffenlieferungen an die Ukraine. Das untergräbt die Glaubwürdigkeit der Partei.

Übernehmen denn die neuen Mitglieder jetzt den Laden?

Das wird sich zeigen. Ich bin davon überzeugt, dass ein großer Teil der neuen Mitglieder sich im Koordinatensystem der Partei links verortet und es eine Linksverschiebung an der Basis gibt. Das hat sich auch schon bei manchen Landesparteitagen gezeigt. Hoffentlich wird das auch den Bundesparteitag prägen. Aber in der öffentlich wahrnehmbaren Politik der Partei hat sich zu wenig geändert. Da wird viel zu oft um die Gunst der CDU gebuhlt und auf radikales Auftreten verzichtet. Das hat auch viele der neuen Mitglieder enttäuscht. Wir müssen verhindern, dass sich neue Mitglieder wieder aus der Aktivität zurückziehen.

Wie könnte das denn verhindert werden?

Zum Beispiel, indem die Parteiführung palästinasolidarische Mitglieder unmissverständlich verteidigt, wenn diese von den Silberlocken Gysi und Ramelow angegriffen werden oder sie mit Parteiausschlüssen bedroht werden. Der Aufruf der Linken zu der Großdemonstration in Solidarität mit den Palästinenser*innen im September 2025 war ein großer Fortschritt, aber darauf wurde seitdem nicht aufgebaut und der zum Parteitag nun vorliegende Antrag des Parteivorstands zu dem Thema tut so, als ob es in der Region nicht eindeutig Unterdrückte und Unterdrückende geben würde.

Du bist Mitglied der AKL innerhalb der Partei und hast nun mit anderen die Initiative zu einer neuen Vernetzung von Parteilinken ergriffen. Warum?

Die AKL spielt eine sehr wichtige Rolle antikapitalistische Positionen in der Partei zu vertreten und für demokratische Entscheidungsprozesse einzutreten. Doch die vielen neuen Mitglieder haben kaum den Weg zu ihr gefunden. Das neue Projekt ist keine Konkurrenz zur AKL, soll aber über die bestehenden Zusammenschlüsse vor allem auch neue Mitglieder ansprechen. In jedem Fall ist ein koordiniertes Vorgehen von Parteilinken nötig.

Wofür willst Du Dich im Parteivorstand einsetzen?

Unmittelbar dafür, dass die gesamte Kraft der Partei und ihrer Fraktionen auf den Kampf gegen Sozialkürzungen, Arbeitsplatzvernichtung und Militarisierung konzentriert wird. Für konsequente sozialistische Politik. Dafür, dass der Kapitalismus als die Ursache von Missständen benannt und eine sozialistische Alternative offensiv propagiert wird. Das bedeutet nicht zuletzt die Enteignung von Banken und Konzernen offensiv zu fordern. Für eine unabhängige Position der Partei von den pro-kapitalistischen Parteien und gegen eine Regierungsbeteiligung mit diesen. Dafür, dass Die Linke auch in den Gewerkschaften für einen antikapitalistischen und kämpferischen Kurs eintritt und ihre Mitglieder dort vernetzt und organisiert. Gegen eine Aufweichung der Anti-Kriegs-Positionen des Erfurter Programms und für den Kampf gegen alle Kürzungen und für den Erhalt aller Arbeitsplätze. Es darf keiner Spaltung unserer Klasse Vorschub geleistet werden. Nicht an solchen Fragen und nicht an Fragen von Geschlecht, Nationalität, Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung etc. Und für eine Demokratisierung der Partei: Jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit für Funktionär*innen und Gehaltsdeckel für Mandatsträger*innen.

Ist Deine Sol-Mitgliedschaft kein Widerspruch dazu, im Parteivorstand mitzuarbeiten? Im Gegenteil. Diese stellt sicher, dass ich mich dort nicht verselbständige und Transparenz über meine Arbeit herstellen werde. Auch zeigt sie, dass ich diese Position nicht als Sprungbrett zu einer Polit-Karriere nutzen möchte. Mir geht es um die Inhalte. Als antistalinistischer Marxist vertrete ich Inhalte, die in der Partei ihren Platz haben und stärker zur Geltung kommen sollten. Mehr Marxismus würde dem Parteivorstand guttun.