Kampf zwischen Gut und Böse?

Tasnim News Agency, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons

Über die Hintergründe des Machtkampfs in der FIFA

Im Weltfußball knallt es gewaltig, mittendrin FIFA-Boss Gianni Infantino, der mächtig unter Druck steht.

Von Torsten Sting, Rostock

Kaum war die größte WM der Geschichte beendet, da kursierten Berichte britischer Medien und leiteten den aktuellen Machtkampf ein. Um was geht es?

Pläne von Infantino

Bislang besitzt die FIFA als Dachorganisation der Fußballverbände die Rechte auf Vermarktung der Großveranstaltungen, die WM der Frauen und Männer, Wettbewerbe der Junior*innen, sowie die Club-WM. Insbesondere die TV-Rechte sind ein Milliardengeschäft. Mit dem Plan von Infantino sollte eine Tochterfirma gegründet werden, an die 20 Prozent der Anteile verkauft werden sollte, d.h. externe „Investoren“ wie sie in den bürgerlichen Medien genannt werden, sollten diese erwerben. Die „Times“ berichtete darüber, dass Infantino sich selbst als Geschäftsführer auserkoren hatte. Dieser Job sollte mit einem jährlichen Grundgehalt in Höhe von schlappen 30 Millionen US-Dollar vergütet werden.

Gegenwind 

Daraufhin regte sich Widerstand, insbesondere der europäische Verband UEFA legte sich mit dem FIFA-Boss an. “Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden darf – insbesondere dann nicht, wenn völlig intransparent ist, wer finanziell davon profitiert. Keiner von uns besitzt den Fußball. Es ist nicht an der FIFA, ihn zu verkaufen.” Infantino wurde aufgefordert seine Pläne zurückzunehmen, andernfalls würden die europäischen Nationen die Veranstaltungen der FIFA boykottieren. Damit war der Kampf eröffnet und es drohte eine Spaltung der FIFA und das Ende von weltweiten Turnieren, wie wir sie bislang kennen. 

Kräfteverhältnisse

Europa ist das Schwergewicht im Weltfußball. Zum einen auf sportlicher Ebene. Bei der diesjährigen WM kamen sechs der acht Mannschaften, die es ins Viertelfinale schafften, aus Europa. Zudem zieht es die weltweit besten Kicker in die Spitzenligen des „alten Kontinents“, weil hierzulande das meiste Kapital konzentriert ist. Mit dem Vorpreschen der UEFA wurde der Ton gesetzt und den kleineren Verbänden signalisiert, dass das Vorhaben der FIFA und die Position ihres Präsidenten wackelt. Im Zuge dessen folgte dem europäischen Verband auch der asiatische AFC, der bislang als sehr Infantino-nah galt. Zu guter Letzt schlossen sich auch noch der Verband der Länder Nord – und Mittelamerikas und der Karibik CONCACAF dem Ansinnen an. Damit war eine Mehrheit gegen Infantinos Vorhaben, der FIFA-Boss erkannte die Zeichen der Zeit und zog seinen Plan zurück. 

Rückzug

Damit ist der Konflikt jedoch nicht vorbei. In einer Stellungnahme nach dem Rückzieher von Trumps Intimus betonte die UEFA:“Die aktuelle FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie verloren“. Das Ganze gipfelt mit der klaren Ansage:“Wir müssen die Verantwortlichen ermitteln und zur Rechenschaft ziehen.“ Fazit: Die UEFA und ihre Verbündeten legen es auf einen Machtwechsel an, Infantino soll gestürzt werden. 

Heuchler am Werk

Schaut man sich an, was in den letzten Jahren bei der UEFA und den jeweiligen nationalen Verbänden so gelaufen ist, reiben sich die Fußball-Fans verwundert die Augen. Haben diese Leute über Nacht den Sinn des Spiels wiederentdeckt und sich dem Kommerz entsagt? Diesen Eindruck erwecken UEFA-Boss Aleksander Cefin, DFB-Chef Bernd Neuendorf oder dessen Stellvertreter und Tausendsassa im deutsche Fußball, Hans-Joachim „Aki“ Watzke. Gerade Letzterer, der über ein geschätztes Vermögen von 20 Millionen Euro verfügt, hatte in seiner Funktion als Geschäftsführer von Borussia Dortmund und führender Funktionär der Deutsche Fußball Liga (DFL) vor einigen Jahren den Plan vorangetrieben, Teile der Vermarktungsrechte der Bundesliga an externe „Investoren“ zu verkaufen und so etwa zwei Milliarden Euro einzunehmen. Nur infolge von massiven Protesten der organisierten Fan-Szene über mehrere Monate, wurden die Pläne wieder zurückgezogen. Solche Typen sind als „Retter des Fußballs“ wenig glaubhaft. (siehe auch: https://solidaritaet.info/2023/12/ihr-fussball-und-unserer/)

Zwei Kapitalfraktionen

Infantinos Kurs stieß schon in den letzten Jahren und zugespitzt bei der WM auf viel Kritik. Etwa seine Unterwürfigkeit gegenüber Trump (u.a. die Verleihung eines „Friedenspreises“), die erneute Steigerung des Kommerzes (extrem teure Ticketpreise, als Trinkpausen getarnte Werbeunterbrechungen usw.), politische Einflussnahme während der WM (Anruf von Trump bei Infantino zwecks Rücknahme einer Roten Karte für den US-Spieler Folarin Balogun). Dieses unverfrorene Gebaren setzte aus Sicht von vielen Funktionär*innen die Glaubwürdigkeit der FIFA, die ohnehin arg lädiert ist, weitergehend aufs Spiel. Mit dem Verkauf von Teilen der Vermarktungsrechte an Kapitalist*innen die den Fußball nur als Anlageform sehen, droht eine noch krassere Kommerzialisierung und damit einen wichtigen Teil der Fans weiter vom Profi-Fußball abzustoßen. 

Carlos Cordeiro, ein enger Berater von Infantino und ehemaliger Top-Banker von Goldman Sachs, trat von seinem Posten zurück. Seine Abschiedsworte sind sehr aufschlussreich und benennen die Knackpunkte des Konflikts.

„Es ist ein schlechtes Geschäft für die Fifa-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft dieses Sports (…) Die Fifa verfügt bereits über außerordentliche finanzielle Mittel. Die Organisation sitzt auf Reserven in Milliardenhöhe und ist schuldenfrei (…) Vor diesem Hintergrund macht der Verkauf einer dauerhaften Beteiligung am wertvollsten Vermögenswert des Fußballs zur Beschaffung von 4,2 Milliarden Dollar wenig Sinn. Damit wird die Zukunft des Fußballs ohne triftigen Grund verpfändet.“

Vieles deutet darauf hin, dass Infantino mit einer sehr kleinen Schar von Getreuen den Plan ausgebrütet hat. Selbst enge Vertraute wie Cordeiro wurden überrumpelt. Dass selbst der bis ins Mark korrupte Vorgänger von Infantino, Sepp Blatter, seinen Schweizer Landsmann hart kritisiert, spricht Bände. 

Aussichten

Infantino hat sich in einer hektisch einberufenen Sitzung der FIFA-Spitze am 5. August erstmal Rückendeckung geholt, sich ein bisschen entschuldigt und keine Anstalten gemacht, dass er seinen Posten räumen will. Im Raum steht nun ein Sonderkongress der FIFA, der im Herbst einberufen werden könnte. Ansonsten finden im März nächsten Jahres die regulären Wahlen der FIFA und des Präsidenten statt. Solange möchten die UEFA-Spitze und ihre Verbündeten jedoch nicht warten. Sie wollen die Gunst der Stunde nutzen. So sehr es den Großteil der Fans freuen würde, wenn Infantino gehen müsste, eines ist jedoch sicher. Egal, wer ihm folgen würde, wird vom Grundsatz her nichts anders machen. 

Fußball und das System

Infantinos Herrschaft ist zweifellos besonders abstoßend. Aber die UEFA hat keinerlei grundlegend anderes Konzept anzubieten. Allenfalls soll es etwas netter sein: ein bisschen demokratischer, weniger Kumpanei mit zwielichtigen Gestalten á la Trump und nicht ganz so unverfrorene Profitscheffelei. Aber die generelle Richtung wird sich nicht ändern. Egal was jetzt für schöne Erklärungen geschrieben werden, alle sehen im Fußball eine Ware, an der sie verdienen wollen. Der Streit geht um den Weg, um dieses Ziel zu erreichen und um die Verteilung der Kuchenstücke. 

Es ist illusorisch anzunehmen, dass wir im Rahmen des Kapitalismus das Rad komplett zurückdrehen können. Um den Sport im Allgemeinen und den Fußball im Besonderen zu seinen Ursprüngen zu führen, müssen wir die Macht der großen Konzerne und der Reichen, die hinter der Kommerz-Entwicklung stecken, entmachten.

Reclaim the game

Fußball ist ein „einfacher“ Sport mit überschaubaren Regeln, der mit geringem Aufwand praktiziert werden kann. Rund um den Globus jagen Kinder und Erwachsene dem Ball hinterher, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob sie damit Geld verdienen können. So genial ein Spieler wie Lionel Messi Fußball zelebriert, sollten wir weniger diesen Superstars zujubeln, sondern uns mehr dafür einsetzen, dass insbesondere der Breitensport gefördert wird. Also: selber ran an den Ball, politisch organisieren und für eine sozialistische Welt kämpfen, die es uns allen ermöglicht, frei von Profitzwängen einfach nur zu spielen, weil es Spaß macht.