Kritische Vernetzung von unten zeigt Alternativen auf
Am 3. September stimmte der Aufsichtsrat bei Volkswagen (VW) einstimmig für drastische Sparpläne, die den Weg für den Abbau weiterer 50.000 Arbeitsplätze und der Schließung von vier Werken frei machen. Kernpunkt war auch, durch höhere “Geschwindigkeit” und mehr “Effektivität” die Umsatzrendite bis 2030 von derzeit knapp vier auf neun Prozent zu steigern.
von Angelika Teweleit, Berlin
Die Aufsichtsratsmitglieder der IG Metall – allen voran die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner und die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo – stimmten allesamt dafür. Gemeinsam mit den Vertreter*innen des Landes Niedersachsen hätten sie eine Mehrheit im Aufsichtsrat gegenüber den Vertreter*innen gehabt.
Fatales Signal
Nachdem die IG‑Metall-Führung zuvor noch gegen das Sparprogramm gewettert hatte, sah sie plötzlich in den Plänen des Managements einen tragfähigen Zukunftsplan. Gegenüber den teils fassungslosen Kolleg*innen wurde erklärt, man habe damit verhindert, dass der Vorstand künftig solche Beschlüsse am Aufsichtsrat vorbei fällen würde. Noch sei keiner konkreten Schließung zugestimmt worden. Anders als die IG‑Metall-Führung sah die Kapitalzeitung „Wirtschaftswoche“ in dem Beschluss „Oliver Blumes Meisterstück“: „Sämtliche Aufsichtsräte haben akzeptiert, dass es eigentlich keine Verwendung mehr für die Werke gibt.“ (Online-Ausgabe am 4.9.2026)
Genau das ist das fatale Signal, welches die IG‑Metall-Führung mit dieser Zustimmung an die Belegschaft und die Öffentlichkeit sendete. Wenige Wochen später zog der Betriebsrat eine Klausel aus dem Tarifvertrag von 2024, bei dem bereits Verzicht gegen die Zusage des Erhalts von Werken bis 2030 zugestimmt wurde, nach der die Unternehmensseite darstellen muss, ob sie sich an die Vereinbarungen halten würde. Das Gespräch soll am 30. September stattfinden. Es besteht leider die Gefahr, dass wieder über die Köpfe der Kolleg*innen hinweg verhandelt und weitere Zugeständnisse gemacht werden.
“Gewerkschafter von unten”
Die Zustimmung der Arbeitnehmer*innenvertretung im Aufsichtsrat reihte sich ein in die Politik des Co-Managements von Betriebsrat und IG‑Metall-Führung und geschah einmal mehr ohne Mitsprache durch die Kolleg*innen selbst. Dabei sind sie die Leidtragenden. Das zeigt die Dringlichkeit einer klassenkämpferischen Vernetzung in der IG Metall.
Genau damit haben Kolleg*innen bei VW begonnen, die am Aktionstag der IG Metall und danach ein Flugblatt unter dem Namen „Gewerkschafter von unten“ an Kolleg*innen verteilten, mit folgenden Forderungen:
- Keine Werksschließungen und kein weiterer Stellenabbau
- Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich statt Arbeitsplatzvernichtung
- Keine weitere Arbeitsverdichtung und kein weiterer Lohnverzicht
- Transparenz über Standortpläne, Kriterien, Zeitpläne und Entscheidungswege
- Verbindliche Beteiligung der Beschäftigten und der Mitglieder der IG Metall-Führung
- Zivile, nachhaltige und ökologisch sinnvolle Produktion in allen VW-Standorten
Dies ist ein sehr wichtiger Anfang, um Kolleg*innen eine Perspektive jenseits der Co-Management-Politik der IG‑Metall-Führung aufzuzeigen und sie zu organisieren! Immer wichtiger wird dabei auch, sich perspektivisch in die Lage zu versetzen, wenn nötig auch an der IG‑Metall-Führung vorbei Widerstand zu organisieren, so wie beispielsweise Kolleg*innen bei Opel Bochum 2004 den Kampf unabhängig von den offiziellen Strukturen begannen. Damals organisierte die Arbeiter*innenschaft mithilfe von Aktionskomitees und außerordentlichen Betriebsversammlungen selbstständig Streiks.
Öffentliches Eigentum
Die Kolleg*innen, die täglich in der Produktion stehen, verfügen über kollektives Know-how, um Pläne für sinnvolle Produkte zu entwickeln und umzusetzen. Anstatt Rüstungskonversionspläne mitzumachen und auf die Produktion von Drohnen, Panzern und Kampffahrzeugen zu setzen, gäbe es einen riesigen Bedarf für die Verbesserung der Lebensqualität für die Masse der Menschen. Für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs: Züge, Straßenbahnen, Busse. Zum Energiesparen und für die Vermeidung von Hitzetoten: Wärmepumpen und Kühlsysteme und vieles mehr. Das ist aber nur möglich, wenn die Betriebe in öffentliches Eigentum überführt und unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung in gewählten Gremien geführt werden. Die Zielsetzung könnte dann endlich eine andere als die der Profitmaximierung und des Ausstechens von Konkurrenz sein – stattdessen würde es um die Bedürfnisse und Interessen der Beschäftigten, der Mehrheit der Bevölkerung sowie der Umwelt gehen.