Frontalangriff bei VW

Konsequenter Arbeitskampf muss jetzt vorbereitet werden!

Zum 30.9.2026 kündigte der VW-Vorstand fast alle Tarifverträge gegenüber der Gewerkschaft IG Metall. Zusammen mit der Ankündigung, bis 2030 weitere 50.000 Arbeitsplätze abzubauen, sehen sich die Kolleg*innen einem neuen, noch umfassenderen Frontalangriff gegenüber.

Von Angelika Teweleit, Berlin

Der Vorstand kündigte zehn von 13 Tarifverträgen: Entgelttarifvertrag, Manteltarifvertrag, Rahmentarifvertrag zur Eingruppierung, Tarifvertrag Tarifliche Zulage, Tarifvertrag über die Gewährung einer tariflichen Zusatzvergütung, Tarifvertrag über Leistungs- und Personalbemessung, Tarifvertrag für Beschäftigte mit besonderen Arbeitszeiten sowie die § 6 und 18 Ausbildungstarifvertrag, der Rahmentarifvertrag für Beschäftigte mit Spezialisten- oder Führungsfunktionen – TarifPlus und der Entgelttarifvertrag für Beschäftigte mit Spezialisten- oder Führungsfunktionen – TarifPlus.

Im Manteltarifvertrag sind die Arbeitszeiten und Urlaubstage vereinbart. VW-Chef Oliver Blume möchte laut eigener Aussage im Podcast „The Pioneer“ eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich durchsetzen – sowohl über die Streichung von Urlaubstagen, als auch über eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit. Mit anderen Worten: Kolleg*innen sollen länger arbeiten, damit 50.000 Stellen abgebaut werden können, ohne dafür einen Cent mehr zu bekommen (dieselbe Forderung wie vom Mercedes-Management gegenüber seinen Beschäftigten). Im Manteltarifvertrag sind außerdem Dinge geregelt wie die Entgeltzahlung im Krankheitsfall, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, dass ein Arbeitsverhältnis grundsätzlich unbefristet ist und mehr. Auch die Übernahmeregelungen von Auszubildenden sind gekündigt.

Der Vorstand greift also frontal an. Die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo spricht von einer harten Tarifauseinandersetzung um den Jahreswechsel und Thorsten Gröger bezeichnet die Pläne als „verantwortungslos“. Auf die Kampfansage des Vorstands muss jetzt konsequente Gegenwehr folgen! Das heißt, es darf nicht nur von einem „möglichen Arbeitskampf im Januar“ gesprochen werden. Es ist jetzt nötig, dass die IG Metall diesen Arbeitskampf vorbereitet – unter Einbeziehung aller Mitglieder und betroffenen Kolleg*innen. Leider wurde bisher meist vom Kämpfen geredet, dem aber keine konsequente Mobilisierungen folgten. Eine weitere kampflose Niederlage wie im Dezember 2024 muss unbedingt verhindert werden.

Kämpfen statt verzichten

Damals war gegen die Zusage, bis 2030 solle es keine betriebsbedingten Kündigungen geben, einem Arbeitsplatzabbau-Plan von 50.000 zugestimmt worden, zudem Verzicht vereinbart worden. (siehe auch https://solidaritaet.info/2025/01/weihnachtswunder-bei-vw/) Stephan Krull, ehemaliger Betriebsrat bei VW, erklärt zu dem damals als „Weihnachtswunder von Hannover“ gefeierten Abschluss, dass „durch Personalabbau, Arbeitszeitverlängerung und Lohnsenkungen im Schnitt von jedem Arbeiter und jeder Arbeiterin bereits 10.000 Euro beigetragen und die Kosten um 1,5 Milliarden Euro reduziert wurden.“ (https://stephankrull.info/2026/10/01/tabula-rasa-bei-vw-kriegserklaerung-an-die-belegschaften/)

Am 3. September 2026 stimmten dann die Vertreter*innen der Arbeitnehmer*innen (IG Metall und Betriebsrat), die zusammen mit denen des Landes Niedersachsen über eine Mehrheit im Aufsichtsrat verfügen, ohne Not dem so genannten Zukunftsplan 2030 zu. Dieser beinhaltet die Rendite-Erhöhung von 3,8 auf 9 Prozent bis 2030, Abbau weiterer 50.000 Stellen (zusätzlich zu den bereits angekündigten 50.000 im Jahr 2024), mögliche Schließung der vier Standorte Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau. https://solidaritaet.info/2026/09/vw-ig-metallvertreterinnen-stimmen-jobkahlschlag-zu/ 

An Belegschaften und Öffentlichkeit wurde damit das Signal gesendet: die IG Metall stimmt damit überein, dass drastische Sparmaßnahmen unausweichlich sind. Die Zustimmung zu Verzicht hat nicht verhindert, dass neue Angriffe folgen, sondern die Kapitalseite sogar ermutigt. Das zeigt: Es muss endlich eine Kehrtwende in der Politik der IG Metall geben: Schluss mit der falschen Politik des Co-Managements. Kämpfen statt verzichten!

Druck von unten

Dafür muss aber Druck von unten organisiert werden. Der Unmut in den Werken wächst und ein wichtiger Schritt ist der Beginn einer Vernetzung von kämpferischen Kolleg*innen, unter dem Namen „Gewerkschafter von unten“:  https://www.untenlaut.de/

Sie forderten in einem Flugblatt zum Aktionstag am 21.9.: 

– Keine Werksschließungen und kein weiterer Stellenabbau

– Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich statt Arbeitsplatzvernichtung

– Keine weitere Arbeitsverdichtung und kein weiterer Lohnverzicht

– Transparenz über Standortpläne, Kriterien, Zeitpläne und Entscheidungswege

– Verbindliche Beteiligung der Beschäftigten und der Mitglieder der IG Metall-Führung

– Zivile, nachhaltige und ökologisch sinnvolle Produktion in allen VW-Standorten

Dies ist ein wichtiger Anfang, um Kolleg*innen eine Perspektive jenseits der Co-Management-Politik der IG‑Metall-Führung aufzuzeigen und sie zu organisieren!

Arbeitszeitverkürzung – bei vollem Lohnausgleich!

Der Vorstand erklärt, dass der Umsatz sinkt und Fabriken nicht ausgelastet sind. „Volkswagen plant deshalb, die technischen Kapazitäten von 11 Millionen Einheiten auf neun Millionen zu senken“, so Stephan Krull. Deshalb  gibt es überhaupt keinen Grund für eine Arbeitszeitverlängerung! Genau das Gegenteil ist der Fall! Die Forderung der IG Metall muss deshalb, wie die Gruppe „Gewerkschafter von unten“ richtig sagt, unbedingt die nach Arbeitszeitverkürzung sein. Es muss dabei abgelehnt werden, dass die Kolleg*innen finanzielle Einbußen haben. Das heißt die Arbeitszeitverkürzung muss bei vollem Lohnausgleich stattfinden und zusätzlich braucht es eine Lohnerhöhung, um die gestiegenen Preise und Reallohnverluste wettzumachen! Auch muss abgelehnt werden, dass die Arbeit weiter verdichtet wird.

Kampf vorbereiten – keine faulen Kompromisse

Wichtig ist jetzt, bei Vertrauensleuteversammlungen einzufordern, Diskussionen über einen konsequenten Arbeitskampfplan zu führen. Es darf keine intransparenten Verhandlungen geben oder auch irgendwelche Verhandlungsergebnisse, ohne dass die Belegschaften demokratisch darüber diskutieren und abstimmen können. Es sollten unmittelbar außerordentliche Betriebsversammlungen mit unbegrenztem Rederecht eingefordert werden. Betriebsversammlungen sollten nicht, wie Ende August, als Plattform für den Vorstand genutzt werden können, ihre Propaganda an die Belegschaften zu vermitteln, dass man nun eben den Gürtel enger schnallen muss. In Zwickau haben Kolleg*innen zurecht aus Protest eine Betriebsversammlung verlassen, als das Management seine neuen Sparpläne darstellen wollte. Stattdessen sollten die Versammlungen dazu dienen, die neuen Angriffe und die Maßnahmen zur Abwehr in der Belegschaft zu diskutieren. Dabei ist es auch möglich, Betriebsversammlungen über mehrere Tage gehen zu lassen!

Öffentliches Eigentum und Produktionsumstellung

Die Krise in der Autoindustrie hat nichts mit Managementfehlern zu tun. Es handelt sich um eine Überproduktionskrise innerhalb des auf Privateigentum, Profitorientierung und Konkurrenz basierenden Systems Kapitalismus. Die Autobosse wollen nun, dass die Beschäftigten die Folgen dieser Krise ausbaden. Das muss klar abgelehnt werden. Innerhalb der Logik von „Wettbewerb“ und Profiten lässt sich keine „sozialverträgliche“ Lösung finden. Stattdessen muss über den Tellerrand des Privateigentums und des Kapitalismus geschaut werden. In der Satzung der IG Metall ist nicht umsonst das Ziel der „Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien“ als Lehre aus kapitalistischen Krisen festgehalten worden. Darauf muss sich besonnen werden: wer entlässt, wer Werke schließt, dem müssen die Produktionsmittel weggenommen werden. Stattdessen gehören sie in öffentliches Eigentum.

Produktionsumstellung bei Arbeitsplatzerhalt

Die geplante Umrüstung auf Rüstungsproduktion muss ebenfalls abgelehnt werden. Sie ist nicht im Interesse der Masse der arbeitenden Bevölkerung. Anstatt Rüstungskonversionspläne mitzumachen und auf die Produktion von Drohnen, Panzern und Kampffahrzeugen zu setzen, gäbe es einen riesigen Bedarf für die Verbesserung der Lebensqualität für die Masse der Menschen. Für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs: Züge, Straßenbahnen, Busse. Zum Energiesparen und für die Vermeidung von Hitzetoten: Wärmepumpen und Kühlsysteme und vieles mehr. Die Kolleg*innen, die täglich in der Produktion stehen, verfügen über kollektives Know-how, um Pläne für sinnvolle Produkte zu entwickeln und umzusetzen. Das ist aber nur möglich, wenn die Betriebe in öffentliches Eigentum überführt und unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung in gewählten Gremien geführt werden. Die Zielsetzung könnte dann endlich eine andere als die der Profitmaximierung und des Ausstechens von Konkurrenz sein – stattdessen würde es um die Bedürfnisse und Interessen der Beschäftigten, der Mehrheit der Bevölkerung sowie der Umwelt gehen.