Schluss mit Standortpolitik!
Am 3.9.2026 stimmte der Aufsichtsrat bei VW einstimmig für drastische Sparpläne. Dabei war in den letzten Tagen in der Presse noch von einer bevorstehenden Konfrontation bis hin zu voller Eskalation die Rede.
Von Angelika Teweleit, Berlin
Es hieß, die verschiedenen Parteien im VW-Aufsichtsrat stünden sich kompromisslos gegenüber: Auf der einen Seite das Management, welches vor allem die Interessen der Großaktionärsfamilien Porsche/Piech vertritt, auf der anderen Seite das Land Niedersachsen (unter Führung des SPD-Ministerpräsidenten Olaf Lies) und die Vertreter*innen der Arbeitnehmer*innen (IG Metall), die bei der letzten Aufsichtsratssitzung Anfang Juli noch gegen den Plan des Vorstands gestimmt hatten. Noch vor wenigen Tagen hatte der Vorstand beschlossen, sein Sparprogramm inklusive des Abbaus von weiteren 50.000 Arbeitsplätzen und der perspektivischen Schließung der Standorte in Emden, Hannover, Zwickau und dem Audi-Werk Neckarsulm zur Not am Aufsichtsrat vorbei durchzusetzen.
Einstimmiger Beschluss
Doch dies war gar nicht nötig. Überrascht rieb man sich gestern die Augen, als sogar einen Tag früher als geplant der Aufsichtsrat einen einstimmigen Beschluss fasste, der den Weg für weitere massive Kürzungen und Job-Kahlschlag frei macht. Das heißt, die Aufsichtsratsmitglieder der IG Metall – allen voran die IG Metall-Vorsitzende Christiane Benner und die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo – haben allesamt dafür gestimmt. Hieß es noch vor Tagen „nicht mit uns“, begrüßen sie jetzt das „Ende der Konfrontation“. Sie behaupten: „Kein Werk wurde aufgegeben und entgegen mehreren Medienberichten ist keine Werksschließung besiegelt. Vielmehr müssen jetzt für alle Standorte konkrete Lösungen erarbeitet werden – dabei sehen wir weiterhin ausdrücklich den Vorstand in der Pflicht.“ (siehe:https://www.igm-bei-vw.de/meldung/vw-aufsichtsratssitzung-eskalation-verhindert-vorstand-muss-jetzt-seine-hausaufgaben-machen)
Auch sehen sie plötzlich in den Plänen des Managements einen tragfähigen Zukunftsplan. So solle die Kernmarke VW und der Komponentenwerke nicht ausgegliedert werden und somit sei der Angriff auf die Mitbestimmungsstrukturen abgewehrt. Inwiefern das gesichert ist, bleibt unklar. Vor allem aber nützt das nicht viel, wenn die Mitbestimmungsstrukturen nicht dafür genutzt werden, um gegen die Abbaupläne zu stimmen. Gegen diese Politik der Gewerkschaftsführung muss dringend eine Alternative aufgebaut werden.
Was der Beschluss bedeutet
Aus der Stellungnahme des VW Vorstands und allen Pressemitteilungen eindeutig hervor, dass sich das Management mit seinen Plänen weitgehend durchgesetzt hat. Zusammengefasst lauten diese:
Die Umsatzrendite soll auf 9 Prozent bis 2030 (von knapp 4 Prozent) gesteigert werden, durch „höhere Effizienz“, „mehr Geschwindigkeit“, „spürbare Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“. Das bedeutet nichts anderes als weitere Arbeitsverdichtung und Senkung der Lohnkosten.
Weiter heißt es auf der Unternehmensseite:
„Es soll für die europäischen Werke bis Ende Juni 2027 ein mit dem Zielbild zu vereinbarendes Konzept für eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Produktionsstruktur entwickelt werden. Der Aufsichtsrat hat mit seinem Beschluss zur Kenntnis genommen, dass eine Produktionsüberkapazität von 500.000 Fahrzeugen in Europa im Volkswagen Konzern besteht und für die Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm aktuell keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gestaffelt ab den Jahren 2031 bis 2034 gewährleistet werden kann. Für diese Werke werden parallel und ergänzend alternative Verwendungsmöglichkeiten geprüft.“ (siehe https://www.volkswagen-group.com/de/pressemitteilungen/aufsichtsrat-stimmt-zukunftsplan-2030-zu-starkes-signal-fuer-die-volkswagen-group-20662)
Das heißt nichts anderes, als dass die Produktion in diesen Werken auslaufen soll. So kommentiert auch die „Wirtschaftswoche“, eine Zeitung der Kapitalseite, den Beschluss als „Oliver Blumes Meisterstück“: „Sämtliche Aufsichtsräte haben akzeptiert, dass es eigentlich keine Verwendung mehr für die Werke gibt.“ (siehe:https://www.wiwo.de/unternehmen/auto/volkswagen-die-einigung-auf-den-vw-rettungsplan-ist-oliver-blumes-meisterstueck/100251923.html)
Die „Prüfung von alternativen Verwendungsmöglichkeiten“ bedeutet übersetzt die Möglichkeit des Ausverkaufs beispielsweise an Rüstungskonzerne. Abgesehen davon, dass Aufrüstung und Rüstungsproduktion unbedingt abgelehnt werden sollten, wie es auch eine Reihe von aktiven Betriebsräten und Vertrauensleuten bei VW tun (siehe https://solidaritaet.info/2026/05/nein-zur-ruestungsproduktion-bei-vw/), würde es auch nur bedeuten, dass allenfalls ein kleiner Teil der Arbeitsplätze unter schlechteren Bedingungen bleiben würde. Die angekündigten Werksschließungen sind also keinesfalls verhindert, wie Daniela Cavallo noch als Ziel verkündet hatte.
Axt an weitere 50.000 Arbeitsplätze gelegt
Auch der vom Vorstand geplante Arbeitsplatzabbau – also 50.000 weitere Arbeitsplätze zusätzlich zu den bereits 2024 beschlossenen – soll nun vollumfänglich stattfinden:
„Angesichts des zunehmenden globalen Wettbewerbsdrucks, veränderter Nachfragestrukturen und des technologischen Wandels in der Automobilindustrie ist eine konsequente Anpassung der Personalkapazitäten an die wirtschaftliche Realität unabdingbar. Die dem Zukunftsplan
2030 zugrundeliegende Erhebung sieht eine konzernweite Anpassung der Beschäftigtenzahl in Höhe von rund 50.000 abzubauenden Stellen – inkl. Management-Positionen – vor.“
Das Auslaufen von bestimmten Produkten in den genannten Werken wird auch bedeuten, dass in anderen Komponentenwerken Arbeitsplätze wegfallen. Dieser Kahlschlags-Plan soll nun umgehend umgesetzt werden: „Wo Vereinbarungen mit den Arbeitnehmervertretern erforderlich sind, werden die zuständigen Gremien der Marken und Gesellschaften eingebunden und die Gespräche zügig
aufgenommen.“ Diese Arbeitnehmervertreter*innen lassen sich gerade alles diktieren. Die Frage bleibt allerdings offen, wie genau dieser weitere Abbau vonstatten gehen soll, nachdem es bereits Schwierigkeiten gibt, die Stellen aus der letzten Ankündigung ohne Kündigungen umzusetzen.
Festzuhalten ist: Der Beschluss bedient die Interessen von Porsche/Piech. Er steht gegen die Interessen der Beschäftigten bei VW. Es ist ein Skandal, dass die Vertreter*innen der IG Metall im Aufsichtsrat dem zugestimmt haben.