Interview mit einer französischen Sozialistin der “Gauche Révolutionnaire”
Leïla Messaoudi von Gauche Révolutionnaire (Revolutionäre Linke, CWI in Frankreich) beschreibt die Massenbewegung und ihre Aussichten
Wie ist die Stimmung unter den streikenden Schüler*innen?
Die Stimmung ist geprägt von Wut, Entschlossenheit und einem starken Mobilisierungswillen.
Die Schüler*innen fordern mehr Mittel für das Bildungswesen, kleinere Klassen, bessere Lernbedingungen und ein Ende der Kürzungspolitik. Sie prangern die prekären Verhältnisse der Jugend sowie die Auslese beim Zugang zur Hochschulbildung an.
Wie hat die Bewegung begonnen und wie hat sie sich auf die Studierenden ausgeweitet?
Die Schüler*innenbewegung nahm ihren Anfang bereits im September in Mayotte, dann in Guadeloupe – den französischen Überseedepartements. Später erreichte sie die Viertel der einfachen Leute in den Pariser Banlieues (Vororten). Am 1. Oktober breitete sie sich rasch auf einen Großteil der Gymnasien aus – einerseits aus Solidarität angesichts der polizeilichen Repression gegen die Schüler*innenproteste in den Banlieues, andererseits aufgrund einer zunehmenden Politisierung eines Teils der Jugendlichen gegen Macron und seine Politik. Auch Studierende schlossen sich der Bewegung an, da sie mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind: Geldmangel der Hochschulen, sich verschlechternde Studienbedingungen, Wohnungsprobleme und prekäre Lebensverhältnisse.
Welche Rolle spielen Arbeiter*innen und Gewerkschaften?
Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter*innen engagierten sich in der Bewegung, da die Gewerkschaften dazu aufriefen, die Jugendlichen vor Repression zu schützen. Abgesehen vom Bildungsbereich gab es im September und Oktober jedoch keine offiziellen Streikaufrufe durch die Gewerkschaftsführungen. Dabei könnte eine Beteiligung der Arbeiter*innen der Mobilisierung deutlich mehr Gewicht verleihen. Die Gewerkschaftsführungen sollten ein Zusammengehen der Kämpfe von Studierenden und Lohnabhängigen fördern. Ihr Ziel sollte es sein, eine Bewegung aufzubauen, die in der Lage ist, echten Druck auf die Regierung auszuüben.
Welche Rolle spielen die linken Organisationen?
„La France Insoumise“ ist die einzige linke Massenkraft, die sich mit ihren Aktivist*innen und gewählten Vertreter*innen aktiv für die Schüler*innen einsetzt – vor den Schulen, bei Blockaden und auf Demonstrationen. Sie findet großen Anklang. Ein Teil der Schüler*innen und Studierenden hat das Bedürfnis, über Politik zu diskutieren und sich zu engagieren.
Welche Rolle spielen die Vollversammlungen der Schüler*innen und Studierenden?
Derzeit gibt es zwar Vollversammlungen unter den Studierenden, doch werden sie noch nicht als demokratisches Instrument der Bewegung genutzt oder weiterentwickelt. Sie erlauben, zusammenzukommen – teilweise in sehr großer Zahl, was ein neues Phänomen ist. Oftmals haben die Universitätsverwaltungen jedoch als Reaktion auf Blockaden eine Art „Aussperrung“ verhängt, was dazu führt, dass die Studierenden sich nicht in den Universitätsgebäuden versammeln können.
Die Vollversammlungen sollten gemeinsam Forderungen erörtern, Aktionen diskutieren und beschließen sowie die Ausrichtung der Mobilisierung festlegen; zudem sollten Vertreter*innen oder Komitees gewählt werden, um die verschiedenen Initiativen zu koordinieren. An den meisten Schulen gibt es keine solchen Vollversammlungen. Gerade die Schulen in den Vierteln der einfachen Leute wurden schnell geschlossen, wodurch den Schüler*innen ein Ort fehlt, an dem sie zusammenkommen könnten.
Was tut „Gauche Révolutionnaire“?
„Gauche Révolutionnaire“ beteiligt sich an Mobilisierungen, Blockaden und Versammlungen. Unsere Mitglieder in Schulen und Universitäten spielen dabei eine aktive Rolle. Wir fördern die Diskussion über Forderungen und die Organisation der Mobilisierungen. Wir betonen, warum die Einheit zwischen der Jugend und den streikenden Beschäftigten von zentraler Bedeutung ist. Unser Ziel ist es, zum Aufbau einer Bewegung beizutragen und die Stärke eines revolutionär-marxistischen Programms aufzuzeigen, um den Kampf voranzubringen.
Im gewerkschaftlichen Bereich befürworten wir, gemeinsam mit der Jugend in den Streik zu treten. Unsere Genoss*innen haben in mehreren Gewerkschaften Aufrufe zum Streik durchgesetzt.
Welche Bedeutung haben internationale Mobilisierungen?
Internationale Mobilisierungen zeigen, dass viele Probleme, mit denen die Jugend konfrontiert ist, über den nationalen Rahmen hinausgehen. Sie stärken das Bewusstsein, dass lokale Kämpfe Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung gegen soziale Ungerechtigkeit und Krieg sind. Der 20. November, taucht bereits in den Terminkalendern einiger Jugendorganisationen auf.
Welche Rolle hat der 17. Oktober gespielt?
Die Erfolge an den Samstagen, 17., 24. und 31. Oktober, unterstreichen, wie entscheidend es ist, die Beschäftigten trotz aller Hindernisse und Repressionen in breitem Umfang zu mobilisieren. Für Schüler*innen und Studierende stärkt dies das Vertrauen in ihre Fähigkeit, kollektiv zu handeln und durch Mobilisierung Ergebnisse zu erzielen. Bei den Beschäftigten wächst dadurch die Bereitschaft, sich an der Bewegung zu beteiligen.
Welche Perspektiven ergeben sich für die Bewegung?
Nach dem erfolgreichen Streik im öffentlichen Dienst am 29. September hatten die Gewerkschaftsführungen für den 5. November, einen Streik angesetzt – ein Termin, der nun zentral wird. Das muss sich weiter ausweiten. All dies legt den Grundstein für den Aufbau einer Massenstreikbewegung, die fähig ist, Macron und seiner Politik ein Ende zu setzen.
