Beim ersten Mai geht es um mehr als Bratwurstessen am DGB-Stand
Das Motto des sächsischen DGB für den 1. Mai in diesem Jahr lautet: „Erst unsere Jobs, dann Eure Profite!“ Demnach gehören die Profite den Kapitalist*innen, obgleich die Beschäftigten sie erarbeiten. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Arbeiter*innenbewegung schon einmal weiter war. Denn der 1. Mai entstand aus dem Kampf gegen das Profitsystem.
von Steve Hollasky, Dresden
Traditionell war der 1. Mai in den USA der „Moving Day“, der Tag, an dem Arbeits- und Mietverträge ausliefen. Steigende Kosten und fallende Löhne brachten vor allem Leid.
1886: Das Haymarket-Massaker
Am 1. Mai 1886 streikten eine halbe Million Arbeiter*innen in den USA für den Acht-Stunden-Tag. Nur zwei Tage später feuerten Polizisten in die streikende Menge, sechs Arbeiter*innen starben.
Als am 4. Mai abermals Tausende auf dem Haymarket demonstrierten, explodierte eine Bombe, die 12 Demonstrierende und sechs Polizisten tötete. Uniformierte schossen in die Versammlung. Die Zahl, der durch sie Getöteten wurde nie geklärt, ebenso wie die Identität des Attentäters. Acht anarchistische Streikführer wurden hingerichtet. Eine Verbindung zum Anschlag bestand nicht.
1889: Aktionstag
Auf dem Gründungskongress der II. Sozialistischen Internationale in Paris, der auch die deutsche Sozialistische Arbeiterpartei (die spätere SPD) angehörte, erklärte Friedrich Engels diesen 1. Mai zum weltweiten Kampftag der Arbeiter*innen.
Da 1890 Gewerkschaften, sowie sozialistische, kommunistische, sozialdemokratische und anarchistische Gruppen in Deutschland verboten waren, wurden Demonstrationen zum 1. Mai als Ausflüge getarnt. Als Fahnen dienten rote Taschentücher an Gehstöcken.
1916: Nieder mit dem Krieg!
Schon 1914 brach die II. Internationale Schwur und Programm: Statt den Weltkrieg mit Streiks und Demonstrationen zu verhindern, leistete sie Beihilfe und führte die Arbeiter*innen in Deutschland in den „Burgfrieden“ mit Kapitalisten und Militärs und in Frankreich in die artverwandte „Union sacree“.
Karl Liebknecht, vom äußerst linken Flügel der SPD, organisierte 1916 in Berlin eine antimilitaristische Kundgebung zum 1. Mai. Von der Rednertribüne rief er die Sätze „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“, dann führte man ihn ab.
Nach dieser Kundgebung wuchs der Widerstand gegen Krieg und Kapitalismus und mündete ab 1917 in revolutionäre Kämpfe ein.
1929: „Blutmai“
Als 1929 die KPD bei Betriebsratswahlen und in der Stadt Berlin Mehrheiten eroberte, verbot der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Karl Zörgiebel, Demonstrationen zum 1. Mai. Die KPD lief dennoch durch die Stadt. Die Polizei überfiel die Aufzüge, tötete mehr als 30 Menschen und stellte später unhaltbare Behauptungen auf. Die Wahrheit war: Die Demonstrant*innen hatten die Polizei nicht provoziert und waren unbewaffnet. Bei der Polizei gab es nur einen Schwerverletzten, der sich mit der eigenen Dienstwaffe versehentlich durch die Hand geschossen hatte.
1933: Missbrauch
Ausgerechnet Adolf Hitler, der alle Arbeiter*innenorganisationen zerschlagen und Sozialist*innen, Kommunist*innen und Gewerkschafter*innen in KZ und Gefängnisse sperren oder einfach ermorden ließ, machte den 1. Mai erstmals dauerhaft zum Feiertag.
Die von den Angriffen der SA schwer getroffenen Gewerkschaften wurden von ihren Führungen aufgefordert, an den Feierlichkeiten der NSDAP zum 1. Mai teilzunehmen. Tags darauf besetzte die SA die noch verbliebenen Gewerkschaftshäuser. Die Nazis schufen mit der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) eine Organisation, in der Arbeiter*innen und Unternehmer Mitglied waren und die Unternehmer, ebenso wie im Betrieb, den Ton angaben. Streiks wurden unterdrückt und hart bestraft.
1949: Feiertag
Schon 1945, als die Kampfhandlungen noch liefen, hatten in mehreren Städten Arbeiter*innen Demonstrationen zum 1. Mai organisiert. Die beiden entstehenden deutschen Staaten – BRD und DDR – machten den Tag zum Feiertag. In der DDR waren die Aufmärsche durch die undemokratisch in Staat, Partei und Gewerkschaften herrschende Bürokratie organisiert worden. Kritik gab es nicht.
In der Bundesrepublik stand der 1. Mai im Zeichen der Sozialpartnerschaft von Arbeiter*innen und Unternehmer*innen.
2026: Unsere Profite!
Gründe zu kämpfen gäbe es genug: Aufrüstung, Kriege, die geplanten Kürzungen. Im drittreichsten Land der Erde müsste bei Sozialem nicht gespart werden. Nur wird der Reichtum in der Hand der Unternehmer*innen angehäuft. Daher sollte der DGB zum 1. Mai eher mit Slogans rufen wie: „Kürzungen verhindern! Aufrüstung stoppen! Ran an die Profite der Banken und Konzerne!“