Warum Lenins Werk nach 110 Jahren aktuell bleibt
Die Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte befindet sich auf einem Höchststand. In bürgerlichen Medien ist immer wieder die Rede von „Imperialismus“, um Kriegshandlungen und Aggression gegnerischer Staaten zu beschreiben. Doch was genau ist Imperialismus? Dafür lohnt es sich, Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, die er vor 110 Jahren verfasste, zur Hand zu nehmen. Dieses Werk leistet einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag, um die wirtschaftlichen Wirkweisen des kapitalistischen Systems zu verstehen und dieses als Ganzes bekämpfen zu können.
von Chiara Stenger, Sol-Bundesleitung
Blicken wir auf aktuelle Handels- und Zollkriege, zunehmende Militarisierung und Aufrüstung durch steigende Konkurrenz, den Ukraine-Krieg oder den Krieg im sogenannten Nahen und Mittleren Osten, stellen wir fest: Lenins Voraussicht über einen Kampf um die Neuaufteilung der Welt könnte aktueller nicht sein. Er schrieb, dass „solange das Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht, imperialistische Kriege unvermeidlich sind“. Es geht kapitalistischen Staaten um Zugang zu Ressourcen, wie Öl, Handelsketten und Lieferwege, wie bei der Straße von Hormus, aber auch um Absatzmärkte und Arbeitskräfte. Dabei handeln diese Staaten als „ideeller Gesamtkapitalist“, als Vertretung der einheimischen Kapitalist*innenklasse. Aufgabe des Staates dabei ist es, widersprüchliche Interessen auszugleichen und das System aufrechtzuerhalten. Im imperialistischen Stadium des kapitalistischen Systems, so analysiert Lenin, gibt es Verschmelzungen und direkte personelle Verbindungen zwischen Kapitalist*innen und Staatsvertreter*innen. Blackrock-Kanzler Merz ist nur ein Beispiel dafür.
Logik des Kapitalismus
Lenin beschrieb, wie der Kapitalismus aufgrund der Zuspitzung seiner inneren Widersprüche und der Grundtendenz zur Kapitalzentralisierung und -akkumulation in ein monopolistisches Stadium eingetreten ist. Blicken wir heute auf die Handvoll Konzerne, die massive Macht in ihren Händen konzentrieren, bestätigt sich seine Analyse auch 2026. Zum Beispiel mit Blick auf die Energiekonzerne, die aktuellen Berechnungen zufolge 30 Millionen Dollar zusätzlichen Gewinn pro Stunde auf Kosten der Verbraucher*innen seit dem Beginn des Krieges gegen den Iran machen. Ihre Monopolstellung macht eben diese Konzerne aber auch reif für Enteignung unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung der Lohnabhängigen und die Überführung in Gemeineigentum. Dies wird nicht ohne Weiteres passieren, sondern muss durch die Arbeiter*innenklasse erkämpft werden. Und der Kampf gegen Imperialismus muss immer auch der Kampf gegen das kapitalistische System sein, das den Ursprung imperialistischer Konkurrenz bildet.
Imperialismus als System
„Der Beweis für den […] Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht in der diplomatischen Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in der Analyse der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen kriegführenden Staaten.“ Mit Lenin können wir erklären, dass Imperialismus in erster Linie ein Weltsystem, eine historische Entwicklungsstufe des Kapitalismus und ein Verhältnis zwischen kapitalistischen Staaten darstellt. Sozialist*innen verurteilen imperialistische Ausbeutung und Unterdrückung ohne Illusionen in „kleinere“ kapitalistische Mächte. Alle kapitalistischen Staaten hätten, wenn sie könnten, gerne ein möglichst großes Stück vom Kuchen, auf Kosten der Arbeiter*innen und Armen weltweit, zur Sicherung oder Verbesserung ihrer Stellung im globalen Konkurrenzkampf.
In einem Vorwort von 1920 schreibt Lenin: „Der Imperialismus ist der Vorabend der sozialen Revolution des Proletariats. Das hat sich seit 1917 im Weltmaßstab bestätigt.” Kriege waren immer wieder Geburtshelfer*innen von Revolutionen und es wird auch in der kommenden Zeit immer wieder zu Protesten und Massenaufständen kommen. Eine Lehre, die wir mit Blick auf Lenin und die Bolschewiki ziehen können, ist jedoch, dass diese Bewegungen nur basierend auf der Arbeiter*innenklasse, einem einenden sozialistischen Programm, demokratischen Strukturen und einer revolutionären Organisation, die offensiv die Machtfrage stellt und beantwortet, erfolgreich zur Errichtung einer neuen Gesellschaft führen können.
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