Frankreichs “Sitzstreiks” 1936: Arbeiter*innen auf dem Weg zur Macht

Metallarbeiter besetzen ihre Fabrik in einem Pariser Vorort, Sommer 1936. Foto: Public Domain

In diesem Jahr jährt sich zum neunzigsten Mal eine Welle von Massenstreiks in Frankreich, die auf die Wahl einer Regierung der Volksfront folgte. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir einen Artikel von Peter Taaffe, der erstmals 1978 in zwei Teilen in den Ausgaben 407 und 408 von„ The Militant“ erschien.

Wir befinden uns natürlich in einer anderen historischen Epoche als in den 1930er oder den 1970er Jahren. Doch weil der Artikel speziell auf die Argumente zweier damals prominenter Mitglieder der Kommunistischen Partei Großbritanniens, Monty Johnson und Eric Hobsbawm, eingeht und dabei von den konkreten Erfahrungen der ursprünglichen Volksfrontregierung in Frankreich ausgeht, liefert er eine nach wie vor „moderne“ Erklärung des allgemeinen marxistischen Ansatzes zum „Volksfrontismus“ – jener verhängnisvollen Politik eines Bündnisses zwischen Arbeiterparteien und den Parteien des „liberalen“ und „progressiven“ Kapitalismus.

1936: Als die Arbeiter*innen der Macht entgegenstrebten

Nach einer Pause von mehr als drei Jahrzehnten steht die Volksfront wieder auf der Agenda der Arbeiter*innenbewegung in Westeuropa.

In Frankreich – ungeachtet der Niederlage der Linken bei den Parlamentswahlen im März 1978 –, in Spanien und Italien wird sich in der vor uns liegenden turbulenten Zeit zweifellos die Frage stellen, ob neue Varianten der Volksfrontregierungen der Vor- und Nachkriegszeit an die Macht kommen werden. Als Vorbereitung auf eine solche Möglichkeit haben die „Theoretiker*innen“ und Sprecher*innen der kommunistischen Parteien in den Erfahrungen vergangener Volksfronten nach Unterstützung gesucht – und versuchen, ihre Taktik zu rechtfertigen.

So haben in Großbritannien Eric Hobsbawm und Monty Johnstone, „dissidente“ Mitglieder der Kommunistischen Partei (KP), kürzlich eine Verteidigung der „Strategie“ der Volksfront vorgenommen, insbesondere in Spanien und Frankreich in der Vorkriegszeit.

Das ist keineswegs zufällig. In Zeiten des Aufschwungs und relativer Stabilität ziehen es die Kapitalist*innen vor, durch ihre traditionellen Parteien zu herrschen. Doch angesichts wirtschaftlicher oder sozialer Krisen und der daraus resultierenden Massenunzufriedenheit sowie der Schwächung und Diskreditierung ihrer traditionellen Parteien greifen die Kapitalist*innen ausnahmslos auf die Koalitionstaktik zurück. Sie versuchen, die Bewegung der Massen zu brechen, indem sie die Führer der Arbeiter*innenparteien in ein Bündnis mit den kapitalistischen Parteien drängen.

In Großbritannien übte die herrschende Klasse in den 1930er Jahren Druck auf den abtrünnigen Labour-Führer Ramsay MacDonald aus, eine „Nationalregierung“ mit den Tories und den Liberalen zu bilden. Die gleichen Bedingungen wie in der Vorkriegszeit treten nun in Westeuropa wieder zutage.

Theoretiker*innen der KP berufen sich ausnahmslos auf die Schriften von Wladimir Lenin, dem gemeinsam mit Leo Trotzki führenden Kopf der Oktoberrevolution von 1917, um diese Taktik zu rechtfertigen. Doch wie ein roter Faden zieht sich durch Lenins Schriften eine ausdrückliche Verurteilung der Politik der Bündnisse mit den liberalen Kapitalisten.

Die Rolle der liberalen Kapitalist*innen

Am 6. März 1917 schrieb Lenin aus der Schweiz, kurz nach der Februarrevolution, an die Bolschewiki in Russland: „Unsere Taktik: absolutes Misstrauen: keine Unterstützung für die neue Regierung; insbesondere keine Unterstützung für Kerenski.“ Die Provisorische Regierung entsprach der späteren Volksfront – einem Bündnis der Führer einer Arbeiter*innen- und einer Bauernpartei, der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre, mit den liberalen Kapitalist*innen.

Einige von Lenins ehemaligen Anhängern, wie Josef Stalin und Lew Kamenew, waren bereit, dieser Regierung über die bolschewistische Zeitung „Prawda“ Unterstützung zu gewähren, „soweit sie gegen die Reaktion oder die Konterrevolution kämpfte“. Lenin verglich dies damit, einem Bordellbesitzer die Sünde zu ausreden zu wollen!

In seinen berühmten „Briefen aus der Ferne“ verurteilt er auf eindringliche Weise die Politik Stalins und Kamenevs – und damit implizit auch die der gegenwärtigen Führer der Kommunistischen Parteien in Westeuropa. Er schrieb: „Wer sagt, die Arbeiter müssten die neue Regierung im Kampf gegen die zaristische Reaktion unterstützen, ist ein Verräter an den Arbeitern, ein Verräter an der Sache der Arbeiterklasse, an der Sache des Friedens. Denn tatsächlich ist gerade diese neue Regierung bereits von Kopf bis Fuß an das imperialistische Kapital, an die imperialistische Politik des Krieges und der Plünderung gefesselt.“

Lenin hat nie einen programmatischen Block mit den bürgerlichen Parteien als Mittel gerechtfertigt, um die kleinen Leute in Stadt und Land auf die Seite der Arbeiter*innenklasse zu gewinnen. Im Gegenteil, die Geschichte des Bolschewismus ist eine Geschichte des Kampfes gegen solche Vorstellungen, und zwar nicht nur in Russland.

Als Alexandre Millerand, der Führer der französischen Sozialistischen Partei, um die Wende zum 20. Jahrhundert ein Bündnis mit den Führern der Radikal-Sozialistischen Republikanischen Partei einging, wurde er von Lenin verurteilt. Die Radikal-Sozialistische Partei wurde von Lenin als „die bösartigsten und vollendetsten Vertreter des Finanzkapitals, die politischen Ausbeuter der Bauern und des Mittelstands“ charakterisiert. Der Weg, die Mittelschicht für sich zu gewinnen, so Lenin, liege nicht in einer Koalition mit diesen „politischen Ausbeutern“, sondern darin, sie vor ihren Anhänger*innen zu entlarven und durch Taten zu beweisen, dass nur die Arbeiter*innenklasse in der Lage sei, ihre Probleme zu lösen.

In Russland gelang es 1917 mit dieser Politik – die den menschewistischen und sozialrevolutionären Varianten der Volksfront unversöhnlich entgegensteht –, die Bauernschaft auf die Seite der Arbeiter*innenklasse zu gewinnen. In Spanien und in Frankreich gelang es 1936 der „Streikbrecher-Verschwörung“ der Volksfront lediglich, die Bauernschaft und den Mittelstand in Gleichgültigkeit und Opposition zu treiben.

Lenin war teilweise bereit, mit den Liberalen in praktischen oder technischen Fragen zusammenzuarbeiten, wie zum Beispiel beim Transport revolutionärer Literatur oder bei gemeinsamen Aktionen gegen die faschistischen „Schwarzen Hundert“ usw. Er war unter bestimmten Bedingungen bereit, im zweiten Wahlgang gemeinsame Wahllisten mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären aufzustellen. Zu keinem Zeitpunkt jedoch bildeten die Bolschewiki einen programmatischen Block, hatten gemeinsame Organisationen oder unterwarfen sich den russischen „Republikanern“ oder „Radikalen“.

Lenin revidiert

Etwas beschämt räumt Eric Hobsbawm ein, dass die Idee der Volksfront allen Lehren Lenins zuwiderläuft, und verweist dabei auf „Koalitionen von Kommunisten mit Sozialdemokraten und bestimmten bürgerlichen Parteien, die nicht als unmittelbare Vorstufe zur Revolution und zur Macht der Arbeiterklasse angesehen wurden. Solche Regierungen waren von der revolutionären Linken stets verurteilt worden“ . (Marxism Today, Juli 1977) Doch, so argumentiert unser Experte, sei dies durch die „neue Situation“, die sich in Frankreich und Spanien in der Zwischenkriegszeit entwickelt habe, voll und ganz gerechtfertigt gewesen. An anderer Stelle hat Militant die katastrophale Rolle der Volksfront in Spanien ausführlich dargelegt. Doch angesichts der jüngsten Ereignisse haben Eric Hobsbawm und Monty Johnstone versucht, das Bild der französischen Volksfront von 1936 aufzupolieren.

In Wirklichkeit stellen die gewaltigen Sitzstreiks von Mai bis Juni 1936, die auf den Wahlsieg vom 3. Mai folgten, eine vernichtende Verurteilung der Politik des Volksfrontismus dar. Zwischen 1931 und 1936 hatte die französische Arbeiterklasse eine Kürzung ihrer ohnehin schon mageren Löhne um durchschnittlich 30 Prozent hinnehmen müssen. Ihre zunehmende Radikalisierung spiegelte sich in den Wahlen von 1936 wider. Die Volksfront erhielt über 5,5 Millionen Stimmen, verglichen mit 4,5 Millionen für die rechte Nationale Front. Die revolutionäre Unruhe unter den Massen spiegelte sich darin wider, dass die Radikale Partei eine halbe Million Stimmen verlor und auf den dritten Platz zurückfiel, während die Kommunistische Partei gleichzeitig ihre Stimmenzahl auf 1,5 Millionen verdoppelte.

Dieser dramatische Einbruch der Unterstützung für die Radikalen im Rahmen des Gesamtsiegs der Volksfront wird von Monty Johnstone leichtfertig abgetan. Um das Bündnis der KP-Führung mit den Radikalen zu rechtfertigen, schreibt er: „Zwar sollten die Radikalen eineinhalb Millionen Stimmen verlieren … doch die eineinhalb Millionen Stimmen, die sie erhielten, zeigten, dass sie nach wie vor eine Kraft waren, mit der man rechnen musste … während die Sozialisten und Kommunisten zusammen nur 218 von 618 Sitzen errangen, errang die Volksfront als Ganzes mit 378 Sitzen die absolute Mehrheit in der Abgeordnetenkammer.“

Er erwähnt natürlich nicht die eklatante Bevorzugung der Radikalen bei der Sitzverteilung innerhalb der Volksfront. So erhielten sie im ersten Wahlgang 25 Sitze, im zweiten Wahlgang jedoch – ausschließlich aufgrund der Zugeständnisse der Führer der Kommunistischen Partei und der Sozialistischen Partei – 116 Sitze. Zudem hüllten die Führer der KP die Radikalen während des gesamten Wahlkampfs in eine revolutionäre Aura – ganz im Gegensatz zu Lenin, der Wahlen nutzte, um liberale Kapitalist*innen vor ihren bürgerlichen Anhänger*innen zu entlarven.

Die Radikalen prahlten offen damit, dass sie den „Exzessen“ der sozialistischen Minister Einhalt gebieten würden. So erklärte der Parteivorsitzende der Radikalen, Édouard Daladier: „Was auch immer gegenteilig gesagt werden mag, das Programm der Volksfront ist tatsächlich vom wahren radikalen Geist durchdrungen.“ (Manchester Guardian, 23. Mai 1936) Dieses Programm versprach wichtige Reformen wie die 40-Stunden-Woche, sprach sich jedoch nur für die Verstaatlichung der Kriegsindustrie und der Banken aus.

Doch das Misstrauen der Massen – und die Zweifel an der Bereitschaft ihrer eigenen Führer, das Programm der Volksfront umzusetzen – zeigten sich in den Ereignissen, die auf die Wahl folgten. So marschierten am 25. Mai 1936 eine halbe Million Arbeiter*innen an der Stelle vorbei, an der 1871 die Pariser Kommunarden erschossen worden waren, „mit roten Fahnen und roten Blumen, darunter viele Frauen und Kinder, von denen viele in Kinderwagen saßen“. (Manchester Guardian) Der Zug war fast zwei Meilen lang und dauerte vom frühen Nachmittag bis zum späten Abend.

Dann, in der letzten Maiwoche und den ersten beiden Juniwochen, löste die französische Arbeiter*innenklasse eine mächtige Welle von Sitzstreiks aus. Angefangen bei den Metallarbeitern in Paris schlossen sich alle Teile Frankreichs und alle Schichten der Arbeiter*innenklasse an. Am Vorabend des Streiks lag die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder bei 1.200.000, gerade einmal 20 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Dennoch schlossen sich mehr als drei Millionen dem Streik an. Zum ersten Mal in der französischen Geschichte gingen den Gewerkschaften die Mitgliedsausweise aus! All diese Arbeiter*innen, die am stärksten ausgebeutet und am skeptischsten waren, wurden durch die Sitzstreiks aufgerüttelt.

Das Entsetzen des internationalen Kapitalismus spiegelt sich in den Berichten der britischen Presse jener Zeit wider. Der „Manchester Guardian“ berichtete über den Streik in den Kaufhäusern und Vergnügungsstätten der Reichen und schrieb: „Die Parfümwerkstätten von Paris Coty; die Galeries Lafayette; alle Schokoladenfabriken … Die Fahrer der ‚schwarzen Marias‘ in Paris streikten heute, und die Gefangenentransporter mussten von Polizeikommissaren gefahren werden … Die Trois Quartiers und andere Kaufhäuser wurden heute Morgen von den Beschäftigten für ‚besetzt‘ erklärt … 6.000 Personen, darunter 3.500 Frauen, sind bei den Galeries Lafayette beschäftigt.“ (4. Juni 1936)

Eine einmalige Gelegenheit

Am 11. Juni berichtete dieselbe Zeitung: „Karosseriewerke in Paris, mehrere Kinos und zwei oder drei Schneidereiunternehmen, die von den ‚Midinettes‘ ‚besetzt‘ wurden, traten heute in den Streik … die Stallburschen haben die Rennställe ‚besetzt‘, und mehrere hundert Bestattungsunternehmen sowie Grabsteinhersteller haben sich der Bewegung angeschlossen … Die Gewerkschaft der Hausmeister hat bezahlten Urlaub und automatische Knöpfe zum Öffnen der Eingangstüren in der Nacht gefordert“!

Der Produktionsausfall war schon schlimm genug, doch die Besetzungen und Streiks begannen, den Reichen Kopfschmerzen zu bereiten: „Die ziemlich abrupte Art und Weise, in der der Kellnerstreik in einigen Restaurants begann, während einige der Gäste gerade mitten im Mittagessen saßen, war ziemlich unangenehm“. (Manchester Guardian, 12. Juni 1936)

Die Times berichtete am 11. Juni: „Die Rettungsbootleute an der Seine haben ein Schild angebracht, auf dem steht, dass sie im Streik sind, und Passanten verbieten, sich ins Wasser zu stürzen. Ein anderes warnt, dass, solange der Streik andauert, nur Schwiegermütter gerettet werden“. Auch die Religion blieb nicht verschont: Zur Bestürzung des örtlichen Pfarrers traten die Arbeiter, die mit der Renovierung der Kirche St. Vessaine beschäftigt waren, in den Streik, besetzten die Kirche und schliefen für die Dauer des Streiks in den Beichtstühlen.

Gleichzeitig „sind nun sogar die ländlichen Gebiete vom Streikvirus befallen, und im Département Seine-et-Oise schlossen sich 3.500 Landarbeiter dem Streik an“. (The Times, 11. Juni 1936) In den Häfen marschierten Seeleute Arm in Arm durch die Städte, sangen die „Internationale“, und die Polizei verbrüderte sich mit den Arbeiter*innen.

Hier bot sich der französischen Arbeiter*innenklasse eine einmalige Gelegenheit, friedlich die Macht zu ergreifen! Die Kräfte des französischen Kapitalismus waren völlig gelähmt. „Nicht ganz“, erklären die heutigen Verteidiger der KP-Führer aus der Vorkriegszeit – Monty Johnstone, Hobsbawm und Co. Bei den Sitzstreiks, so behaupten sie, ging es nicht um „Politik“, sondern lediglich um Löhne und Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil: Im Mai/Juni 1936 tastete sich die französische Arbeiter*innenklasse in Richtung der Macht vor. Alle seriösen kapitalistischen Kommentatoren jener Zeit belegen dies.

Der Reporter des „Manchester Guardian“ schrieb am 30. Mai 1936, zu einer Zeit, als sich die Sitzstreiks auszubreiten begannen: „Die konservative Presse ist zutiefst beunruhigt. Der ‚Intransigent‘ erklärte: ‚Kurz gesagt, das Ministerium für die Massen versucht, den Platz der Front Populaire einzunehmen.‘“

Noch eindrucksvoller sind die Äußerungen eines Streikposten vor demselben Reporter: „Unser Chef“, sagte er, „hat uns wie Diktatoren behandelt. Nun, ich habe ihm gesagt, dass wir diese Art von Diktatur im Rahmen eines demokratischen Regimes der Diktatur von Hitler und Mussolini vorziehen.“ Welch Weisheit steckt in den einfachen Worten dieses französischen Arbeiters.

Die Macht entgleitet den Arbeiter*innen

Die Führer der französischen Arbeiter*innenparteien waren jedoch entsetzt über diese Entwicklungen, die sie überrascht hatten und außer Kontrolle zu geraten drohten: „Mehrere kommunistische Abgeordnete, mit denen ich sprach, waren sichtlich verlegen und beunruhigt. Sie bezeichneten den Streik als ‚unangebracht‘, beschrieben ihn als eine unkontrollierbare Massenbewegung und lehnten jede Verantwortung dafür ab“. (Manchester Guardian, 3. Juni 1936)

Doch, so wendete Monty Johnstone ein, jeder Versuch der französischen Arbeiter*innenklasse, die Macht zu ergreifen, hätte zu einem Eingreifen von „Oberst de la Roque von den Faschisten der Croix de Feu mit seinen 300.000 Anhänger*innenn geführt, die von 60.000 Offizieren der Reserve für den Bürgerkrieg ausgebildet worden waren“. (Marxism Today, November 1975) Das ist der übliche Trick der Führer der Labour- und der Kommunistischen Partei, die versuchen, der Arbeiter*innenklasse mit einem „Bürgerkrieg“ Angst einzujagen, sollte sie versuchen, die Macht zu ergreifen. Genau dieselbe Taktik wurde von den Führern der Menschewiki und Sozialrevolutionäre vor der Oktoberrevolution angewandt.

Lenin antwortete ihnen wie folgt: „Den Widerstand der Kapitalisten zu fürchten und sich dennoch als Revolutionär zu bezeichnen, als Revolutionär angesehen werden zu wollen – ist das nicht schändlich?… Sie [die Kapitalistenklasse] wird den Aufstand von Kornilow [das russische Pendant zu de la Roque] wiederholen… Nein, meine Herren, ihr werdet die Arbeiter nicht täuschen. Es wird kein Bürgerkrieg sein, sondern ein hoffnungsloser Aufstand einer Handvoll Kornilowisten… Aber wenn jeder Arbeiter, jeder Arbeitslose, jeder Koch, jeder ruinierte Bauer nicht aus den Zeitungen, sondern mit eigenen Augen sieht, dass der Arbeiterstaat nicht vor dem Reichtum katzbuckelt, sondern den Armen hilft … dass das Land an die arbeitenden Menschen übertragen wird und die Fabriken und Banken unter die Kontrolle der Arbeiter gestellt werden, werden keine kapitalistischen Kräfte, keine Kräfte des Weltfinanzkapitals die Volksrevolution besiegen: im Gegenteil, wird die sozialistische Revolution auf der ganzen Welt triumphieren“. (Können die Bolschewiki die Staatsmacht behalten?, 1. Oktober 1917)

In Wirklichkeit war das Kräfteverhältnis in Frankreich im Jahr 1936 tausendmal günstiger als in Russland im Jahr 1917. Die Faschisten waren völlig machtlos, ebenso wie die Polizei und die Armee. Die Arbeiter verspotteten die „Croix de Feu“ während der Besetzungen offen. Im riesigen Renault-Werk beispielsweise berichtete der „Manchester Guardian“ über die Äußerungen eines jungen Arbeiters: „Eine der besten Vorstellungen, die wir (während der Besetzung) auf die Bühne brachten, war der großartige Prozess gegen Oberst de la Roque. Wenn Sie nur de la Roque (eine Puppe) hätten sehen können, eingesperrt in einem großen Käfig, der auf zwei Trommelstöcken ruhte, mit schweren Ketten um die Handgelenke, der ‚Habt Mitleid mit mir, habt Mitleid mit mir‘ rief, als er zum Tode verurteilt wurde. Eine Puppe von de la Roque mit Hakenkreuz und Armbinden der Croix de Feu wurde anschließend aufgehängt und verbrannt.“

Monty Johnstone mag zwar über den möglichen Einsatz von Faschisten und Polizei gegen die Arbeiter*innen spekulieren, doch den Kapitalist*inneen war die Sinnlosigkeit solcher Methoden durchaus klar. So bemerkte die „Times“ am 28. Mai: „Die Polizei wurde in großer Zahl herbeigerufen, doch als die Geschäftsleitung die Lage und insbesondere das Ausmaß der Unterstützung durch die Männer in der gesamten Umgebung der Fabriken einschätzte, sah sie sich gezwungen, darum zu bitten, dass die Polizei nicht zum Einsatz komme.“

Die Armee ist nutzlos

Auch die Armee konnte nicht gegen die Arbeiter*innen eingesetzt werden. Die französische Armee war eine Wehrpflichtarmee, so wie sie es auch heute noch ist. Gerade zu dieser Zeit fegten Demonstrationen und Unruhen durch die Kasernen, wobei die Wehrpflichtigen unter anderem die Verkürzung der Dienstzeit auf ein Jahr forderten. Auf dem Parteitag der Sozialistischen Partei, der beispielsweise mitten in den Sitzstreiks stattfand, forderte der Führer der Linken, Marcel Pivert, „die sofortige Wiedereinführung der einjährigen Dienstzeit … und verlas Unterstützungstelegramme von der Basis der Garnisonen in der Provinz“. (The Times, 1. Juni 1936)

Jeder Versuch der französischen herrschenden Klasse, die Armee gegen die Arbeiter*innenklasse einzusetzen, hätte dazu geführt, dass diese in ihren Händen zerfallen wäre. Wie ihre spanischen Brüder einen Monat später hätten die französischen Arbeiter*innen und Bäuer*innen in Uniform den Versuch der Offiziere, die Armee gegen ihre Väter, Brüder und Schwestern einzusetzen, zum Scheitern gebracht.

Doch, so argumentiert Monty Johnstone: „Jenseits des Rheins stand Nazideutschland, im Südosten verbündet mit dem faschistischen Italien; beide bereiteten sich darauf vor, Frankreich dabei zu helfen, das republikanische Spanien zu zerschlagen, während die britischen Bankiers jeden nur erdenklichen Druck ausübten, um ihnen dabei freie Hand zu lassen“. In einer weitaus ungünstigeren Lage als Frankreich im Jahr 1936, angesichts der tatsächlichen bewaffneten Intervention des Imperialismus, ließen sich Lenin und die Bolschewiki nicht davon abhalten, die Macht zu ergreifen. Die russische Revolution löste Revolutionen in ganz Europa aus.

Die Berichte in der Zeitung „Daily Worker“ der Kommunistischen Partei Großbritanniens aus jener Zeit widerlegen – vielleicht unbeabsichtigt – Johnstones Argumente. In Bezug auf die Auswirkungen der Ereignisse in Frankreich auf Deutschland hieß es dort am 16. Juni: „ Die Nazi-Presse hat diese Streiks zunächst ‚aufgebauscht‘ und behauptet, sie seien ein Beispiel für das ‚Chaos‘, das durch den ‚bolschewistischen‘ Einfluss in Frankreich entstanden sei. Nach einigen Tagen wurde jedoch deutlich, dass die Arbeiter begannen zu sagen, sie sähen die enormen Errungenschaften der Streikenden als ein Beispiel, dem man vielleicht gut folgen könnte“.

Wenn die deutschen Arbeiter*innen bereits allein durch die Lohnerhöhungen ihrer französischen Kolleginnen und Kollegen inspiriert wurden, stellt man sich einmal vor, welche Wirkung eine sozialistische Revolution auf sie gehabt hätte. Sowohl Hitler als auch der italienische faschistische Diktator Benito Mussolini wären gestürzt worden. Die spanischen Arbeiter*innen, die nur einen Monat später in vier Fünfteln Spaniens aufstanden und zunächst siegreich waren, hätten sich angeschlossen, ebenso wie die Arbeiter*innenklasse in ganz Europa. Am 8. Juni trug der „Daily Worker“ selbst die Schlagzeile: „Riesige Streiks fegen über Westeuropa hinweg“. Die belgischen Arbeiter, die unter dem direkten Einfluss der französischen Bewegung standen, traten in einer riesigen Streikwelle in Aktion, wobei es in allen größeren Städten Belgiens zu Straßenkämpfen zwischen Arbeiter*innen und Polizei kam.

Es besteht kein Zweifel daran, dass, wenn es der französischen Arbeiter*innenklasse gelungen wäre, die sozialistische Revolution durchzusetzen – was 1936 durchaus möglich gewesen wäre –, die Arbeiter*innen und Bauern in ganz Europa diesem Beispiel gefolgt wären. Die Sitzstreiks im Mai/Juni 1936 hätten zum Auftakt für die Sozialistischen Vereinigten Staaten des Kontinents werden können.

Kein Lenin

Die herrschenden Klassen Frankreichs und Europas sowie ihre Handlanger innerhalb der Arbeiter*innenbewegung waren vor Angst gelähmt; einige von ihnen glaubten, die Stunde ihres Untergangs sei gekommen. So bemerkte beispielsweise der sozialistische Ministerpräsident der Volksfrontregierung, Léon Blum: „Man spricht von mir als einem Kerenski, der den Weg für einen Lenin bereitet.“ Doch in den Reihen der Führung der Kommunistischen Partei Frankreichs war kein Lenin zu finden.

Lenins Methode, Programm und Taktik waren für die Führung der KPF ein Buch, das mit sieben Siegeln verschlossen war. Sie setzten alles daran, die Bewegung der Massen zu entgleisen. Dabei entwickelten sich, zumindest unter den fortgeschrittenen Arbeiter*innen, enormes Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber diesen Führern.

So berichtete der „Manchester Guardian“ unter der Überschrift „Revolutionäre Stimmung unter den Arbeitern in den Maschinenbauwerken“: „Die revolutionäre Stimmung … ist unbestreitbar, wie der außergewöhnliche Vorfall zeigt, der sich gestern bei Renault ereignete. Der lokale kommunistische Abgeordnete, der die Streikenden dazu drängte, die Arbeit auf der Grundlage der Vereinbarung vom Montag wieder aufzunehmen … wurde ausgebuht und aus dem Werk vertrieben. Es besteht kein Zweifel daran, dass nicht nur die CGT [die von den Kommunisten geführte Gewerkschaft], sondern auch die kommunistischen Führer keinerlei Kontrolle und Autorität über die Streikenden mehrerer Maschinenbauunternehmen haben.“ (12. Juni 1936)

Ein Arbeiter, der sah, wie die Macht seiner Klasse entglitt, und zweifellos mit den Zähnen knirschte, bemerkte: „Es ist seltsam, daran zu denken, dass in wenigen Tagen vielleicht wieder alles ‚normal‘ sein wird und Renault wieder zu seiner alten Stärke zurückfindet; und die Plakate und Zeichnungen und Fahnen und das Radio und alles andere verschwunden sein werden. Die Vorarbeiter werden wieder Befehle erteilen und einen finster anstarren können.“ (Manchester Guardian, 3. Juni 1936)

Die französischen Kapitalist*innen waren gezwungen, Lohnerhöhungen zu gewähren und die 40-Stunden-Woche einzuräumen – zumindest dem Wort nach –, als Preis für die Beendigung des Streiks. Der KP-Führer Maurice Thorez erklärte: „Man muss wissen, wie man einen Streik beendet – nämlich sobald die wesentlichen Forderungen erfüllt sind.“ (Manchester Guardian, 13. Juni)

Doch was die Kapitalist*innen mit der linken Hand gaben, nahmen sie später mit der rechten wieder zurück. Die Lohnerhöhungen wurden durch die Inflation nach und nach zunichte gemacht. Kaum war die Tinte auf der Vereinbarung getrocknet, begannen einzelne Arbeitgeber*innen, sich der Umsetzung der Reformen zu widersetzen. Doch die Times drängte die französischen Kapitalist*innen, abzuwarten: „Den allgemeinen Bedingungen der Einigung vom Montag wird im Detail Widerstand geleistet, mit dem Risiko, dass die Enttäuschung nach einem scheinbaren Sieg in der Arbeiter*innenklasse eine heftigere Stimmung hervorrufen könnte, als es eine Wartezeit getan hätte“. (Juni 1936)

Die Macht für die Arbeiter*innenklasse lag 1936 zum Greifen nah, wäre da nicht die verräterische Rolle der Arbeiterführer*innen, insbesondere der der Kommunistischen Partei, gewesen. Hinter der Volksfront versteckt, bereiteten die französischen Kapitalisten ihre Rache vor. Später wurden Tausende von Aktivist*innen schikaniert. Im Oktober 1936 kam es zu weiteren Sitzstreiks, und diesmal wurde die Polizei eingesetzt, um die Streikenden zu vertreiben.

Darüber hinaus schoben die französischen Kapitalist*innen die Schuld für die Inflation auf die Arbeiter*innenklasse und entfremdeten so die Mittelschicht von den Arbeitern. Trotzki hatte bereits im Juni 1936 vor solchen Entwicklungen gewarnt. Dies zeigt die Sinnlosigkeit des Versuchs, die Mittelschicht mit einem Programm für sich zu gewinnen, das nicht über den Rahmen des Kapitalismus hinausgeht. Durch die Machtübernahme, die Beschlagnahmung des Vermögens der 200 Familien, die die Wirtschaft beherrschten, und die Errichtung einer Planwirtschaft hätte die französische Arbeiter*innenklasse in der Praxis gezeigt, dass sie die einzige Kraft war, die in der Lage war, die Probleme der mittleren Schichten zu lösen.

Eine Planwirtschaft hätte den Schuldenerlass für Kleinunternehmer in Stadt und Land sowie die Gewährung günstiger Kredite und Hilfen ermöglicht. Die sozialen Reserven der Reaktion wären vollständig untergraben worden. Stattdessen wurde Léon Blum 1937 aus dem Amt des Ministerpräsidenten der Volksfront-Regierung verdrängt, und die Sozialistische Partei wurde 1938 vollständig ausgeschlossen. Die französische Arbeiter*innenklasse wurde somit, ebenso wie ihre spanischen Brüder und Schwestern, in die Arme des Faschismus getrieben. Die französische Volksfront ebnete den Weg für die Versklavung der Arbeiter*innenklasse durch die Nazis und ihre französischen Kollaborateure im Vichy-Regime.

Die Erfahrungen der Nachkriegszeit

In der unmittelbaren Nachkriegszeit bedienten sich die europäischen Kapitalisten erneut der Führer der kommunistischen und sozialistischen Parteien im Rahmen von Koalitionsregierungen, um sich vor dem Zorn der Massen zu retten. Als die Gefahr jedoch vorüber war, wurden die Führer der KP und der Sozialist*innen kurzerhand hinausgeworfen.

Selbst Eric Hobsbawm räumt ein: „Die Regierungen der antifaschistischen Einheit in Westeuropa konnten die Kommunisten loswerden, wann immer sie wollten, und hielten sie ohnehin in untergeordneten Positionen, wo sie die Schuld für unpopuläre Regierungsmaßnahmen auf sich nahmen, zum Beispiel als Arbeitsminister.“ Doch Hobsbawm ist unfähig, daraus die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das Erbe der Volksfront besteht aus Niederlagen – manchmal blutig und schrecklich, wie 1973 in Chile. Monty Johnstone versucht, dies zu widerlegen, indem er auf die Beseitigung des Großgrundbesitzertums und des Kapitalismus in Osteuropa nach dem Krieg verweist. Hier habe es einen „beeindruckenden Erfolg“ für die Volksfront gegeben, behauptet er! In Wirklichkeit war es nichts dergleichen. Die Stalinisten bildeten eine Koalition, nicht mit den liberalen Kapitalisten, sondern mit dem „Schatten der Kapitalisten“. Die kollaborierenden Kapitalisten Osteuropas waren vor dem Vormarsch der Roten Armee geflohen. Die tatsächliche Macht – die Armee und die Polizei – lag in den Händen der Stalinisten. Diese „Volksfronten“ oder „Nationalfronten“ dienten lediglich als Fassade, um dies zu verschleiern. Als der „Schatten“ allmählich Substanz annahm, stützten sich die Stalinisten auf die Arbeiter*innenklasse und beseitigten die letzten Überreste des Kapitalismus vollständig. (Siehe Ted Grants Broschüre „Die marxistische Staatstheorie“)

In der Phase, in die wir nun eintreten, nehmen in Europa neue und noch abscheulichere Formen des Volksfrontismus Gestalt an. In Italien beispielsweise hat die Kommunistische Partei (PCI) die Volksfront sogar zugunsten einer „Nationalen Front“ aufgegeben. Sie hat einen „historischen Kompromiss“ mit einer Partei vorgeschlagen, die rechts von der britischen Tory-Partei steht – der rechtsgerichteten Christdemokratischen Partei –, die in den letzten zehn Jahren mit einer Reihe von Militärputschen und faschistischen Verschwörungen in Verbindung gebracht wurde. Dennoch haben die PCI-Führer kürzlich ihre Bereitschaft bekundet, sogar mit dem Christdemokraten Amintore Fanfani in einer Regierung zusammenzuarbeiten. Sie rechtfertigen dies, indem sie auf die Niederlage in Chile im September 1973 verweisen! Der chilenische Präsident Salvador Allende sei gestürzt worden, so scheint es, weil er es versäumt habe, sich mit der Christdemokratischen Partei zu verbünden, und sich dadurch die Mittelschicht zu Feinden gemacht habe! Niemand ist so blind wie der, der sich weigert zu sehen.

Nicht durch ein Bündnis mit den „politischen Ausbeutern“ der Mittelschicht, sondern nur durch die Verknüpfung der Kämpfe der städtischen und ländlichen Mittelschicht in der Praxis hätten die mittleren Schichten in Chile auf die Seite der Arbeiter*innenklasse gewonnen werden können. Dies hätte wiederum die Durchführung der sozialistischen Revolution bedeutet. Halbherzige Maßnahmen und Ausflüchte gaben der Reaktion die Gelegenheit, sich die Unterstützung zumindest eines Teils der Mittelschicht zu sichern und den Weg für eine blutige Vergeltung gegen die chilenischen Arbeiter*innen und Bäuer*innen zu ebnen.

Doch die 1970er Jahre sind nicht die 1930er oder gar die 1940er Jahre. Die italienische, französische und spanische Arbeiter*innenklasse ist unermesslich stärker als in der Vergangenheit.

Der Stalinismus übt auf die Basis der kommunistischen Parteien keine hypnotische Wirkung mehr aus. Sobald eine Volksfront an die Macht kommt, wird es enorme Auswirkungen innerhalb der Reihen dieser Organisationen geben. Die KP-Führer werden unweigerlich versuchen, die Bewegung der Massen zu bremsen, wie die Anfangsphase der portugiesischen Revolution gezeigt hat. Sie bekundeten ihren Glauben an die „sozialistische Revolution“ erst, nachdem die Massen die Regierung selbst dazu gezwungen hatten, den größten Teil der Industrie zu verstaatlichen.

Angesichts der großen Ereignisse, die in Europa bevorstehen, werden die einfachen Mitglieder der kommunistischen und sozialistischen Parteien erkennen, dass am Ende des Weges der „Volks-“ oder „Nationalen“ Fronten nur eine Katastrophe liegt. Die Arbeiter*innen in diesen Organisationen werden eine Rückkehr zu einem Programm anstreben, das ihnen den Sieg im Kampf zur Beseitigung des Kapitalismus sichern kann. Als einen Schritt in diese Richtung müssen die fortgeschrittenen Arbeiter*innen die Lehren aus vergangenen Volksfronten verinnerlichen, um eine Katastrophe in den Kämpfen zu verhindern, die sich nun abzeichnen.

Englisches Original: https://www.socialistworld.net/2026/06/22/france-1936-sit-in-strikes-when-workers-moved-towards-power/